Interviews & Artikel : VICTIMS FAMILY :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

VICTIMS FAMILY

1984 im kalifornischen Santa Rosa gegründet, machten sich VICTIMS FAMILY von Anfang an einen Namen, indem sie sich von gängigen Punk- und Hardcore-Trends absetzten und einerseits ihre Musik auf diese Roots aufbauten, andererseits aber auch stilistische Elemente aus Noise, Funk und Jazz verarbeiteten – mit dem Ergebnis eines sowohl komplexen, aber auch kickenden, aggressiven Sounds. Es dauerte hierzulande bis Anfang der Neunziger, dass die Band so richtig wahrgenommen wurde, dann aber wurde sie in einer Zeit, da "Frickelcore" hier ein kurzes Hoch erlebte, reichlich abgefeiert. "White Bread Blues", ihr von NOMEANSNOs John Wright produziertes drittes Album von 1990, war dabei für viele das Schlüsselalbum, und sowieso waren – und sind! – VICTIMS FAMILY neben den Kanadiern die einzige Band, die es auf so überzeugende Weise schafft, komplexeste Songstrukturen mit handwerklicher Meisterleistung zu kombinieren und dabei nicht den nötigen Drive zu verlieren. Mit "Apocalicious" meldete sich VICTIMS FAMILY im Herbst 2001 wieder zurück, und ich sprach mit Ralph Spight, Gründungsmitglied, Sänger und Gitarrist von VICTIMS FAMILY, sowie Basser und ebenfalls Gründungsmitglied Larry Boothroyd.

Wie kommt´s, dass ihr die Band 2001, sieben Jahre nach der Auflösung, reformiert habt?

Larry: Ich könnte jetzt damit anfangen, warum wir uns 1994 aufgelöst haben, aber besser nicht. Naja, also wir wollten nach zehn Jahren VICTIMS FAMILY auch mal was anderes machen, und so gründete ich SATURN´S FLEA COLLAR, holte aber schon bald Ralph in die Band. Irgendwann hatten wir dann aber das Bedürfnis, an VICTIMS FAMILY und die alten Sachen anzuknüpfen, wollten aber nicht die alten Sachen spielen und nicht mit dem alten Namen hausieren gehen, und so gründeten wir HELLWORMS und gingen auf Tour. Nach sieben Monaten stieg aber der Drummer aus und wir standen vor der Entscheidung, einen neuen Drummer und einen neuen Namen zu suchen, aber allmählich wurde uns das zu blöd. Da uns der alte Name sowieso auf Schritt und Tritt verfolgte und wir wieder live spielen wollten, landeten wir wieder bei VICTIMS FAMILY.
Ralph: Wir mussten 1994 einfach aufhören. Wir hatten nicht wirklich eine Perspektive, es war klar, dass wir nicht weiterkommen und wir kamen auch untereinander nicht so gut klar. Wir brauchten einfach einen Schlussstrich.

Und was ist das jetzt für ein Gefühl, mit der Band wieder zurück zu sein? Für mich ist VICTIMS FAMILY ja eine Band, die für die kalifornische Hardcoreszene der Achtziger steht und auch für die Frühphase der deutschen und europäischen Hardcore-Szene.

Larry: Es ist ein seltsames Gefühl, dass wir jetzt hier sind. Ich denke bei dieser Tour mehr an die Vergangenheit als an die Gegenwart, und bei den Europatouren von SATURN´S FLEA COLLAR und HELLWORMS war das anders. An den Touren von VICTIMS FAMILY hängen einfach viele Erinnerungen.

Nostalgie?

Ralph: Nein! Als wir mit David Gleza einen neuen Drummer gefunden hatten, begannen wir sofort an neuen Songs zu arbeiten. Sowieso waren wir schon immer eine Band, die nach vorne schaut: permanent neue Songs schreiben und immer neue Platten machen. Klar, bei fast jeder Band ist es so, dass sie am Anfang die Platten macht, nach denen sie definiert wird und nach denen sie in einer bestimmten Schublade landet. Aus der kommst du nur wieder raus, wenn du einen ganz radikalen Stilwechsel einleitest. Es hängt so viel davon ab, wie dich die Leute wahrnehmen.
Larry: Oh ja! Sogar die größten VICTIMS FAMILY-Fans kommen an und sagen mir, wir seien heute nicht mehr so VICTIMS FAMILY wie früher – sorry, ich verstehe das nicht! Mir scheint, wir machen einfach nie das Album, das die Leute von uns erwarten. Anfangs wurde das auch geschätzt, doch später dann wollten die Leute das erwarten können, was sie an uns schätzen, und als wir Sachen machten, die sie nicht erwartet hatten, waren sie beinahe beleidigt.
Ralph: Ich sage mir immer, wir zwingen ja keinen uns zuzuhören.
Larry: Ja, und wir wollen auch nicht auf der Stelle treten und immer wieder "White Bread Blues" aufnehmen.

Worum geht´s euch bei VICTIMS FAMILY?

Ralph: Darum, Musik zu schreiben, auf die wir Lust haben, und das auf einem Level, das uns zufriedenstellt. Manche Leute machen bei uns immer großen Wind um die hohe musikalische Qualität, und ja, der Standard, den wir erwarten, ist schon recht hoch. In Sachen Songwriting ging es uns dabei nie darum, ganz besonders verrückte zappaeske Frickeleien zu veranstalten, sondern wir haben einfach schon immer nur das geschrieben, worauf wir Lust hatten, mal kompliziert, mal nicht. Und uns war es auch schon immer egal, ob das, was wir machen, trendy ist oder nicht – cool waren wir sowieso nur Anfang der Neunziger für ungefähr eine Minute... Und mir ist auch eine Show wie heute mit 200 Leuten lieber als irgendwas Großes, wir müssen nicht BAD RELIGION sein.

Was hat´s mit der Kombination von Larry und dir auf sich, die sich seit 17 Jahren durch verschiedene Bands und Bandbesetzungen zieht?

Ralph: Wenn wir zusammen Musik machen, passiert irgendwas, das nur zwischen uns beiden passiert, aber nicht, wenn wir mit anderen spielen. Das ist wirklich was einzigartiges, das uns beiden gehört. Es funktioniert einfach gut zwischen uns, und deshalb hat auch die neue Platte absolut ihre Berechtigung, jenseits aller Nostalgie.

Die einzige Band, die ich mit euch in einer Liga sehe, ist NOMEANSNO, die wie ihr musikalisch unglaubliches leistet, ohne dabei auf den rein technischen Aspekt reduziert zu werden.

Ralph: Das Ding ist, dass der Song im Vordergrund stehen muss. Ist ja schön, wenn sauber gespielt wird, aber kompositorisch muss die Musik auch überzeugen. In unserem Fall würde ich mir dabei manchmal wünschen, dass wir live mehr neue Sachen spielen könnten. Ist ja okay, wenn die Leute die alten Sachen hören wollen, und ich spiele die Sachen gerne, aber wenn du Songs für ein Album schreibst, sie einübst, aufnimmst, abmischst und damit auf Tour gehst, dann hast du danach auch etwas damit abgeschlossen, und Neues im Blick. Auf dieser Tour wollen wir die neuen Sachen spielen, ein paar Leute meckern deshalb, aber egal.

Ich finde ja auch, dass die neuen Sachen anders klingen als die alten, aber in erster Linie klingen sie nach VICTIMS FAMILY.

Ralph: Das ist genau meine Meinung! Nimm "Son of a bastard", den eher ruhigen, swingenden letzten Song des Albums, oder "Screw in a lightbulb", dieses verrückte, verbreakte Stück, das sind zwei völlige Gegensätze, aber weil Larry und ich da zusammen spielen, ist´s in erster Linie VICTIMS FAMILY. Auf dieser Platte, mehr als bei denen davor, schaffen wir es stilistisch viel weiter zu gehen, bleiben aber dabei wir selbst. Es funktioniert sowohl als Gesamtheit wie in den Teilen. Heute macht uns meiner Meinung eher so ein gewisser "Vibe" aus, während bei den früheren Sachen die Attitüde dahinter stand, es wirklich ins Extrem zu treiben. Wichtig ist auch, dass wir heute so viel Erfahrung haben, dass wir auf der Bühne und im Studio immer genau wissen, was zu tun ist, um unsere Ideen umzusetzen. Es hat also auch einen Vorteil, ein alter Sack zu sein, hehe.

Wenn man den frühen Ansatz von Punkrock nimmt, wo maximal drei Akkorde alles waren, seid ihr einen weiten Weg gegangen mit euren hochgradig komplexen Songs. Ein Widerspruch?

Ralph: Diese Frage bzw. Variationen davon verfolgt uns seit Jahren. Nun, es gibt eine ganze Menge Bands, die sich auf diese drei Akkorde sehr gut verstehen – und wir sind keine davon. Die RAMONES, die waren einfach sie selbst, oder AC/DC, die haben ihren Stil, die machten nie was anderes und sind dabei doch so gut. Was nun Punkrock ganz allgemein anbelangt – wer weiss schon, was heutzutage Punkrock ist? Es gibt so viele Regeln und Codes, jede Band hat ihr eigenes Publikum mit dieser und jener Art von Haarschnitt und Kleidung und so weiter – bitte schön, sollen sie, aber mit uns hat das nichts zu tun. Wir machen, was wir machen und sind absolut glücklich dabei.

Alte Säcke eben... Wie sieht denn eure "Szene-Verwurzelung" heutzutage aus? Es ist doch was anderes, wenn man jenseits der 30 ist und nicht mehr in Punkrockkneipen und Plattenläden abhängt und nicht mehr zu jedem Konzert rennt.

Ralph: Haha! Na, also ich erinnere mich noch genau, wie ich vor Jahren völlig aus dem Häuschen war, weil die SUBHUMANS auf Tour kamen – und naja, jetzt sind CITIZEN FISH alle paar Monate unterwegs und es ist nichts Besonderes mehr. Ich schätze, mit uns ist es ähnlich. Was nun unsere "Szene-Verwurzelung" anbelangt, naja, irgendwann hat man eben auch andere Verpflichtungen, ist mehr zu Hause und so. Aber es gibt ein paar Bands, deren Konzerte ich mir nicht entgehen lasse, etwa die BARFEEDERS aus San Francisco oder MELT BANANA und dann halt die Bands, mit denen wir viel spielen und gespielt haben und mit denen uns eine Freundschaft verbindet.

In Europa seid ihr wie gehabt auf Konkurrent Records aus den Niederlanden, in den USA seit 1992 auf Alternative Tentacles, erst mit VICTIMS FAMILY, dann mit SATURN´S FLEA COLLAR und HELLWORMS.

Ralph: Und du willst jetzt von mir wissen, ob Jello seine Bands bescheisst? Ich habe keine Lust, mich in diese Jello vs. DK-Sache einzumischen, ich will da nicht drüber reden. Ich denke, es ist eine tragische Angelegenheit und beide Seiten haben sich wie Babys verhalten, anstatt die Sache vernünftig zu klären. Biafra ist ein gewiefter Geschäftsmann, das ist auch klar, aber nicht der Typ, der Leute abzockt. Wir hatten natürlich auch schon mal Differenzen mit Alternative Tentacles, aber insgesamt gesehen haben sie uns immer gut behandelt und so sind wir immer noch bei AT. Sie erfüllen einfach die Bedingungen, die wir an ein Label stellen: sie mögen das, was wir machen, sie pushen uns.

Wie und wo habt ihr das neue aktuelle Album aufgenommen?

Ralph: Im Found Sound-Studio bei San Francisco, wo wir auch schon mit SATURN´S FLEA COLLAR und HELLWORMS aufgenommen hatten. Thom Canova, der Besitzer, kennt uns schon lange, und wir können da machen, was wir wollen. Wir haben uns selbst produziert, da wir genau wissen, wie es klingen soll, und Thom hat uns "aggressiv" gemischt.

Diskographie:
"Voltage & Violets" (LP, Konkurrel, 1986) • "Things I Hate To Admit" (LP, Mordam, 1988) • "White Bread Blues" (LP, Mordam, 1990) • "The Germ" (LP, Konkurrel, 1992) • "Headache Remedy" (LP, Konkurrel, 1994) • "Four Great Thrash Songs" (LP, Alternative Tentacles, 1994) • "Apocalicious" (LP/CD, Konkurrel, 2001)

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #46 (März/April/Mai 2002)

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