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Interviews & Artikel

BARRY ADAMSON

Normalerweise erwähne ich so was nicht extra, aber es ist sicherlich schwierig einen angenehmeren Gesprächspartner als Barry Adamson, Jahrgang 1958, zu finden. Vielleicht liegt das auch daran, dass wir gerade erst halb zehn (morgens!) haben und Herr Adamson in seinem Kölner Hotelzimmer gestärkt von einem ausgiebigen Frühstück das erste Interview des Tages absolviert. Aber auch, wenn er sich als wortkarger Misanthrop entpuppt hätte, würde seine bisherige facettenreiche musikalische Karriere dadurch nicht uninteressanter werden. Denn von 1978-1982 spielte Adamson Bass bei MAGAZINE, die Band Howard Devotos nach seinem Ausstieg bei den BUZZCOCKS. Danach war er Gründungmitglied von Nick Caves Begleitband, den BAD SEEDS – davor war er schon auf der BIRTHDAY PARTY-Platte „Junkyard“ zu hören –, wo er von 1984-1986 aktiv war. 1988 bzw. 1989 startete Adamson seine Solo-Karriere mit dem Album „Moss Side Story“ – und dieses Jahr erschien seine sechstes Werk „The King Of Nothing Hill“. Parallel dazu war er als Soundtrack-Komponist tätig, etwa beim David Lynch-Film „Lost Highway“ und Carl Colpaerts unterschätztem Roadmovie „Delusion“ von 1991. Ein Einfluss, der sich auch deutlich auf seinen Solo-Platten wiederfinden lässt, die vor allem wie Soundtracks für imaginäre Filme wirken, durchzogen von Soul, Funk und generell Versatzstücken Schwarzer Musik. Mal mehr, mal weniger songorientiert, aber durchweg faszinierend, selbst wenn sich Adamson auf „The Negro Inside Me“ des etwas überstrapazierten Gainsbourg-Hits „Je T’Aime“ annimmt.

Wundert es dich eigentlich, dass du immer noch von klassischen Indierock-Fans gehört wirst, vielleicht sogar mehr, als von Leuten, die auf, sagen wir mal, „Tanzmusik“ stehen?


Es überrascht mich schon irgendwie, dass so ein Publikum immer noch etwas an meiner Musik findet und tatsächlich mag. Keine Ahnung, ob die Leser in eurem speziellen Fall unbedingt an Soul, Funk oder Orchester-Arrangements interessiert sind... Im Punk stecken natürlich meine Wurzeln, ich habe mich nie davon entfernt und es besitzt nach wie vor Relevanz für mich. Das hat aber mehr mit einer grundsätzlichen Haltung zu tun. Selbst, wenn ich einen ganz soften Song spiele, gibt es da noch immer eine wütende Grundhaltung. Das ist wie ein Feuer, das nie ausgeht.

Du hast ja als Bassist bei MAGAZINE begonnen, hat sich das damals bei dir aus einem speziellen Szene-Kontext heraus entwickelt?

Mit der Punkszene ging es da gerade richtig los – und ich war 17. Dieses Alter allein war schon eine große Motivation, etwas tun zu wollen bzw. Teil von etwas sein zu wollen. Vorher herrschte da noch eine gewisse Ratlosigkeit vor, was man mit dem eigenen Leben anstellen könnte. Und plötzlich gab es diese Punk-Sache, an der man teilhaben wollte. Das war Inspiration genug, und durch ein paar glückliche Zufälle stolperte ich da wortwörtlich rein, nachdem ich erst zwei Tage zuvor angefangen hatte, Bass zu spielen. Ich legte damals einfach los. Wenn du den Willen hast, etwas zu machen, entwickelt sich so was dann fast automatisch. Das war meine Schule, und ich brachte halt alles ein, was ich konnte.

Wobei MAGAZINE ja nie eine klassische Punkband waren…

Sicherlich, aber ich schloss mich ihnen an, weil einer in der Band vorher bei den BUZZCOCKS war. Ich hatte auch wirklich gedacht, sie wären wie die BUZZCOCKS, aber es war letztendlich viel überraschender und interessanter, so einen Sound zu machen, was zur damaligen Zeit natürlich seltsam wirkte. Das machte mir aber nichts aus.

Vor deiner Solo-Karriere warst ja überwiegend Bassist in diversen Bands, konntest du dich da auch kreativ einbringen oder warst du nur „a hired gun“?

Bei MAGAZINE war meine Rolle als Bassist genau definiert. Bei den BAD SEEDS war es aber anders, weil wir ständig die Instrumente getauscht haben. Manchmal spielte ich Schlagzeug, manchmal Gitarre oder Orgel. Und Mick Harvey spielte Bass. Bei den BAD SEEDS habe ich auch gelernt, mit anderen Instrumenten umzugehen. Als ich dann meine Solo-Karriere startete, wusste ich dadurch bereits, wie ich unterschiedliche Instrumente integrieren und so Ideen für Songs entwickeln konnte. Das erklärt auch die ganzen seltsamen Elemente, die auf meiner ersten Platte ‘Moss Side Story’ eingeflossen sind. Aber es gab auch einige Jobs in dieser Zeit, die ich zwischendurch angenommen habe, weil ich Geld brauchte. Da war ich wirklich nur ‘a gun for hire’.

Du meinst wahrscheinlich VISAGE…

Genau, das ist das beste Beispiel dafür. Daran waren zwar einige MAGAZINE-Leute beteiligt, aber die Musik gefiel mir nicht besonders, wie ich gestehen muss. Das war echt nicht mein Ding…

Gerade die VISAGE-Single „Fade To Grey“ ist ja fester Bestandteil dieses ganzen 80er-Phänomens. Hast du die Platte mal wieder gehört? Ehrlich gesagt, finde ich die Band fast schon wieder etwas unterbewertet…

Um Himmels willen, nein. Du machst wohl Witze. Ich bin da etwas distanziert, weil ich nicht wirklich daran beteiligt war. Das mit ‘Fade To Grey’ habe ich auch erst durchs Radio richtig mitbekommen. Und ‘Fade To Grey’ hatte nicht viel mit dem Rest der Platte zu tun, aber es war ein großer Hit. Mir liegt da eher ein Song wie ‘Night Train’ vom zweiten Album ‘The Anvil’, der hatte eine jazzige Bassline und hat mir richtig Spaß gemacht.

Und wie sieht es mit MAGAZINE-Platten aus?

Ich sehe ihre Relevanz, aber ich habe inzwischen ein großes Problem mit der Produktion der Platten. Sie entstanden zu einer Zeit, wo eine bestimmte Art von Produktion verbreitet war und das hört man heute deutlich. Es gibt aber durchaus Platten aus den 70ern und 80ern, die immer noch ziemlich gut klingen, so als ob sie erst heute aufgenommen worden wären.

Zu dieser Zeit besaß ja komischerweise Deutschland bzw. Berlin produktionstechnisch eine starke Anziehungskraft für ausländische Musiker und Bands. War das bei dir ähnlich?

Ich weiß nicht so recht. Ich persönlich war ja erst mit Nick Cave da. Offensichtlich gibt es da ein irgendein besonders Geheimnis, was den Sound der Alben aus dieser Zeit aus Berlin betrifft. Die besseren Beispiele sind natürlich die Alben von Bowie und Iggy Pop, die wirklich unglaublich klingen. Es war ein grundsätzlich anderer Sound, der da produziert wurde, die Art, wie man ein Instrument klingen lassen konnte. In den Hansa Studios scheint das an den Räumen und deren Geschichte selber zu liegen. Irgendwie ist es schon toll, Bowie stand da und sang ‘Heroes’ mit seinen drei Mikrophonen. Eigentlich ist es mit den BEATLES und Abbey Road in London dasselbe, wenn du da aufnimmst, klingt jedes Album wie ‘Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band’, haha. Es ist eine Mischung aus Einbildung und bestimmter Technik, die den Sound beeinflusst. Zum Beispiel gibt es in London ein Studio, wo viele Leute aufnehmen, weil da ein Mischpult von Bob Marley steht. Für mich klingt zwar kein dort aufgenommenes Album nach ‘One Love/People Get Ready’, aber ich kann verstehen, warum das attraktiv ist. Es scheint irgendwie inspirierend zu sein.

Wie bist du letztendlich musikalisch von deinem passiven Bassistendasein zu deinen sehr Soundtrack-artigen eigenen Songs gekommen?

Natürlich war ich grundsätzlich immer ein Fan von Filmen und Filmmusik – die ganzen Jungs der goldenen Ära wie Ennio Morricone, Henry Mancini, John Barry oder Bernhard Herrmann. Ich meine, das ist kein ungewöhnliches Konzept, wir alle schauen Filme und haben dabei emotionale Erfahrungen, das passiert selbst, wenn wir die Straße entlanggehen. Ich setze das mit der Sprache der Musik um und es war ein Weg für mich, ein paar neue Sachen auszuprobieren und von dieser ganzen Rockmusik-Szene wegzukommen – etwas für mich selbst finden. Mir gefällt die Idee, dass durch die Musik in einem Film diese seltsame Verbindung entsteht, bei der die Emotionen der Leute freigesetzt werden, durch das, was sie sehen und hören. Für mich ist es, als ob ich selbst in einem Film wäre. Es ist eine Form von Musik, mit der ich meinen emotionalen Zustand besser beschreiben kann.

Wäre es für dich überhaupt noch interessant, einfach eine normale „Rock-Platte“ zu machen?

Nein, ich glaube nicht, denn das wäre dann auch wieder so ein Band-Ding. Obwohl es schon seltsam ist, denn als ich 14 war, habe ich überwiegend BLACK SABBATH und Alice Cooper gehört. Das war auch eine Art Rebellion gegen meine Schwester, die total auf Soul stand, haha.

Bei deinen Platten hat ja der Aspekt „Black identity“ immer eine große Rolle gespielt. Ich denke mal, gerade in deiner Anfangszeit bei MAGAZINE war es eher die Ausnahme, dass in dieser Szene viele Schwarze involviert waren…

Stimmt, das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit, ich war immer der Schwarze in einer Welt von Weißen, sozusagen eine Art Spion, der seltsame Untersuchungen anstellte, und dann Musik darüber machte, haha. Aber ich hatte ja damals die Wahl, andere Schwarze hätten es vielleicht gelassen, aber für mich war das nicht ungewöhnlich, da ich auch ganz normal mit Weißen zur Schule gegangen bin – ich war daran gewöhnt. Dadurch war ich später auch viel besser in der Lage, über Themen wie ‘Ausgrenzung’ und ‘Entfremdung’ zu schreiben. Sicher, es gab damals nicht viele Schwarze in diesem Bereich von Musik, aber bei den BAD SEEDS war es teilweise viel seltsamer, da dort recht dilettantisch mit Schwarzer Musik experimentiert wurde, was ich in dieser Form alleine nicht gewagt hätte. Nach sechs Solo-Alben kann ich jetzt aber bestimmte Klischees im Zusammenhang mit Schwarzer Musik so verarbeiten, wie das bereits Isaac Hayes, Curtis Mayfield oder SLY & THE FAMILY STONE gemacht haben, die sich immer gegen eine bestimmte Form von Unterdrückung aufgelehnt haben. Es gibt bezüglich Schwarzer Musik bei vielen Leuten eine bestimmte Erwartungshaltung, und mir gefällt es nach wie vor, diese zu verletzen.

Dieses Spiel mit Klischees fällt besonders bei „Cinematic Soul“ auf, dem irritierenden Opener deines neuen Albums, was mir persönlich fast schon wieder etwas zu viel des Guten ist.

Darin findest du typische Elemente fast aller meiner Platten und ich benutze sie ganz bewusst, sozusagen als Türöffner, eine sehr direkte Einladung einzutreten. Nimm dir einen Drink und fühl dich wie Zuhause... Dahinter steckt System, es sind unterschiedliche Schichten musikalischer Klischees. Vielleicht stört dich das, weil du ein breiteres Wissen über Musik besitzt, andererseits magst du ja VISAGE, haha. Es gibt scheinbar zwei Gruppen von Leuten auf dieser Welt, die einen halten diesen Song für einen Geniestreich und die anderen mögen VISAGE und meinen, das könnte man nicht machen…

Thomas Kerpen

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #48 (September/Oktober/November 2002)

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