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Interviews & Artikel

PIETASTERS

Washington DCs Ska-Rock’n’Soul-Familie

1997 bin ich durch das erste Hellcat-Album „Willis“ auf THE PIETASTERS aufmerksam geworden. Live, 2000 in Köln, wurde ein weiteres Mal bestätigt, dass skaorientierte Mucke einfach der lebensbejahendere Sound ist. Umso mehr freute ich mich, dass die PIETASTERS mit einem neuen Album „Turbo“ erneut Deutschlands Clubs rocken werden. Dieses Interview habe ich Ende September vor der Europatournee mit Sänger Stephen Jackson via Email geführt, der viel zu berichten wusste...


Eure Bandgeschichte beginnt 1990 irgendwo in den Bergen...


Fakt ist, dass Kids aus den Vororten von Washington DC in die Berge Virginias geschickt wurden, um dort an der Universität zu studieren. Als wir allerdings mitbekamen, welche Vorzüge man genießt, wenn man Songs von den SPECIALS und BUSINESS spielt – wie Freibier und Mädels kennen lernen –, war klar, dass wir das Musikerleben vorziehen. Dass unsere Eltern davon wenig begeistert waren, muss ich dir nicht erläutern.

Erzähl mir mal etwas über den PIETASTERS-Stammbaum.


Wir begannen mit Tom Goodin, Chris Watt, Tal Bayer, Caroline Boutwell, Todd Eckhardt, Ben Gauslin und mir unter dem Bandnamen THE SLUGS, später dann THE DANCECRASHERS, bis wir mitbekamen, dass es eine Band namens DANCEHALL CRASHERS gibt. Bens Freunde Carlos Linares und Erick Raecke wurden als Bläser engagiert. Nachdem wir unsere erste Platte und 1993 eine Tour absolviert hatten, stiegen Ben und Caroline aus. Rob Steward saß von nun am Schlagzeug. Erick und Carlos hatten auch bald die Nase voll vom Touren und dem chronischen Geldmangel, so dass wir Jeremy Roberts, Posaune, Alan Makranczy, Saxophon, und Toby Hansen, Trompete, für die Band gewannen. Nachdem „Ooolooloo“ und „Strapped“ veröffentlicht waren, stieg Chris bei EASTERN STANDARD TIME ein. Todd Eckhardt übernahm den Bass und in dieser Besetzung veröffentlichten wir die Alben „Willis“, „Comply“ und „Awesome Mix Tape #6“. Erick Morgan von den SKUNKS kam kurze Zeit später am Keyboard hinzu. 2001 zog Tom nach British Columbia. Todd verstarb. Daraufhin zogen wir Toby von der Trompete ab, der seitdem Gitarre spielt und Kumpel Jorge Pezzimenti, der für Tom mit uns auf der Tour mit Joe Strummer aushalf, übernimmt seitdem den Bass. Ziemlich verwirrend, aber wie du siehst, versuchen wir immer die Leute aus der Familie neu einzubinden und lehnen Gastmusiker ab.

Nachdem „Willis“ und „Awesome Mix Tape #6“ auf Hellcat erschienen sind, habt ihr euer neues Album „Turbo“ auf Fueled By Ramen und in Deutschland auf dem neugegründeten Label Make My Day der Promotionagentur Starkult veröffentlicht. Wieso der Labelwechsel?

Unsere erste Platte haben wir auf unserem eigenen Label Slugtone Records veröffentlicht. Nachdem wir lange Zeit auf Tour waren, boten uns Moon Ska einen Vertrag über zwei Alben an. Nachdem dieser erfüllt war, boten uns Hellcat einen weiteren Vertrag über zwei Alben an. Das war zu dem Zeitpunkt, als Ska recht angesagt war. „Turbo“ haben wir dann selbst finanziert. Wir entschieden, wie sich was anzuhören hat und wann wir auf Tour gehen. Wir wollten die Band, so wie sie ist, den Leuten präsentieren. Vinny von LESS THAN JAKE ist Teilinhaber des Indielabels Fueled By Ramen und als wir uns um einen Plattendeal kümmerten, sahen wir in seinem Label den optimalen Partner für uns. Starkult hat bereits die Promo für die letzten beiden CDs auf Epitaph Europe gemacht, so dass wir sehr erfreut waren, auf diese Weise ein weiteres Mal mit ihnen und Make My Day zusammen zu arbeiten.

„Turbo“ ist soulorientierter, ruhiger und melancholischer als eure letzten Alben. Es sind kaum Rockmomente vorhanden. Warum diese musikalische Entwicklung und der Titel „Turbo“?

Wir haben nie versucht und werden nie versuchen, irgendwie nach irgendwas zu klingen. Epitaph hatten uns nie in irgendeine Richtung gedrängt, Moon Ska hätten vielleicht die straightere Skavariante gewünscht. Aufgewachsen sind wir mit DC-Hardcore, Two Tone und Original-Ska, Oi!, Mod, THE WHO, THE JAM und wie sie alle heißen. Hier siehst du das Ergebnis. „Turbo“ ist soulorientierter, aber besitzt in PIETASTERS-Tradition den vielseitigen Mix musikalischer Einflüsse. Dass das Album etwas ruhiger geworden ist, liegt am fehlenden Songwriting unseres verstorbenen Bassisten Todd Eckhardt, der Hymnen wie „Out All Night“ oder „Somebody“ aus dem Ärmel schüttelte. Der Titel „Turbo“ basiert auf folgender Geschichte: Todd besaß eine Art zweites Ich, das er „Turbo“ nannte. Er trug eine Pelzjacke, eine Perücke, einen falschen Schnauzer und eine Truck-Stop-Brille. So unterhielt er uns. Nicht dass wir in Erinnerungen schwelgen, und Todd wäre wohl der Erste gewesen, der uns so was wie „Diese CD ist ... gewidmet.“ total übel genommen hätte, aber wir haben entschieden, diese Platte „Turbo“ zu betiteln, um auf diese Weise an Todd und seinen Stellenwert für die PIETASTERS zu erinnern.

Wusstet ihr von seiner Herzvirusinfektion? Er selbst hat mal gesagt: „Ich bin drogenabhängig und Alkoholiker!“

Todd hat viel erzählt. Ich erzähle viel in Interviews. Heute mache ich mal eine Ausnahme. Irgendwann langweilen Interviews und die einzige Rettung scheint darin zu liegen, alles ins Lächerliche zu ziehen, so dass es oftmals später nicht mehr nachvollziehbar ist, ob wir frühere Aussagen wirklich ernst gemeint haben oder nicht. Er verstarb nicht an einer Überdosis oder erstickte an seinem Erbrochenem. Wir hatten keine Ahnung von seiner Erkrankung, umso härter traf uns die Nachricht von seinem Tod. Stell dir vor, dein bester Freund verstirbt unerwartet.

Als am 11. September 2001 in New York die Terroranschläge am World Trade Center verübt wurden, habt ihr daraufhin eure Europatournee abgesagt. Unter den Opfern sollen auch Freunde von euch gewesen sein?


Wir waren alle mehr oder weniger davon betroffen. Ich wohne wenige Meilen vom Pentagon entfernt und sah dort den Brandherd von meinem Fenster aus. Freunde von mir sind bei der Feuerwehr, die noch Wochen später Leichenteile ausgegraben haben. Wir hörten, dass es Krieg geben sollte. Die öffentlichen Stellen warnten vor Reisen. So etwas verunsichert und wir sagten die Tour ab. Zurückblickend war es für uns alle die beste Entscheidung. Die Tour wäre kaum angelaufen, dann hätten wir sie wegen Todds Tod beenden müssen.

Eine etwas erheiterndere Story – wohl mehr ein Gerücht – über Todd besagt, er hätte für Britney Spears Bass gespielt?

In jedem Gerücht steckt ein wahrer Kern. Als wir mit den MIGHTY MIGHTY BOSSTONES auf Tour waren, haben wir Manager und Tontechniker Barry Hite kennen gelernt. Barry arbeitete für Britney. Als Todd etwas Auszeit wollte, mussten wir uns was einfallen lassen, um diese zu überbrücken. So ließen wir in den Interviews derartige Geschichten einfließen, was irgendwelche DJs mitbekamen, die diese Story sofort veröffentlichten. Todd spielte nie für Britney. Aber wenn sie in Washington ist, kauft sie immer Crack bei uns.

Von „Yesterday’s Over“ habt ihr ein Video gedreht, das auf MTV in den Staaten lief. Die Meinungen dazu sollen sehr geteilt sein?

Epitaph hatte bereits für den „Out All Night“-Clip Unsummen bezahlt: Regisseur aus L.A., professionelle Crew usw. Und als „Awesome Mix Tape #6“ veröffentlicht wurde, war das Thema Ska für die Marketingleute bereits durch, weshalb Epitaph meinte: „Hier, habt ihr 2.000 Dollar! Dreht einen Clip!“ Alles was wir zur Verfügung hatten, war unser Tourbus und ein Boot. Wir filmten alles selbst in Washington DC. Zur Story von „Yesterday’s Over“: Polizeikontrolle, wir töten den Cop, steigen um auf das Boot, um die Leiche zu versenken. Eine Tinktur reanimiert den Polizisten...

Wird es ein Video zu einem Song aus „Turbo“ geben?

Wenn du einen guten Regisseur kennst, der umsonst arbeitet, dann gib ihm meine Email-Adresse. MTV gibt in den Staaten den Ton an. Sinnlos in einen weiteren Clip zu investieren. Wären wir mit jemanden von MTV befreundet, sähe dies etwas anders aus. Wir haben mit Nachwuchsregisseuren gearbeitet, die von ihrem College das Equipment kostenlos gestellt bekamen, aber trotz unterschiedlicher Ergebnisse kann man damit nicht an die Öffentlichkeit gehen.

Steve, du hasst es, wenn man die PIETASTERS als Skaband bezeichnet. In den Staaten schien Ska in den letzten Jahren nur ein gemachter Hype gewesen zu sein?

Die Marketingleute hielten lange Zeit an Ska fest und holten alles raus, was möglich war. Ähnliches passiert derzeit mit der Garagenszene. Echt zum Kotzen. Was ich mir für die PIETASTERS wünsche, ist dass wir als eine der besten Livebands in die Musikgeschichte eingehen. THE SLACKERS, HEPCAT, beide Bands spielen besseren und authentischeren Ska. Lass uns die PIETASTERS nicht musikalisch festlegen. Wir bedienen uns sämtlicher Einflüsse, die uns geprägt haben und so erreichen wir einen packenden Ska-Rock’n’Soul-Sound.

Würdest du auch mit anderen Musikrichtungen, Elektronik oder Soundsamples arbeiten?


Derartiges ist nicht geplant, schließlich wollen wir alles im Studio eingespielte Material auch live darbieten können.

Was eure packenden Livekonzerte betrifft, immer noch getreu dem Motto: It’s not good unless somebody bleeds!“?

Sicher. Aufgeplatzte Lippen, blutige Hemden, Gehörsturz, gebrochene Finger. Ist es nicht besser eine Show mit derartigen Erinnerungen zu verbinden? Wir versuchen jeden zur Ekstase, in Trance zu treiben. Zum Ausgleich etwas Alkohol und irgendjemand beginnt immer zu bluten.

Wenn du zurückblickst, was hat sich über die Jahre verändert, was vermisst du, was hasst du daran und auf was möchtest du nicht mehr verzichten?

Ich bin keine 19 mehr, sondern 32 Jahre alt. Ich vermisse Todd. Ich hasse Plattenbosse, Marketingpläne, Buchhalter und ähnliche Leute. Ich schätze es, überall in den Städten dieser Welt in Bars gehen zu können und dort Freunde zu treffen. Freundschaft ist sehr wichtig! Wahrscheinlich unser größter charakterlicher Schwachpunkt: Wir freunden uns mit Leuten an und stehen dazu, selbst wenn das derzeit überhaupt nicht angesagt zu sein scheint.

Wann kann man mit der geplanten PIETASTERS-Biographie rechnen?

Das Buch wird erscheinen, wenn ich richtig Schreiben gelernt habe. Aber wenn du bis dahin was Cooles lesen möchtest, dann empfehle ich dir „Bloodclots In The Mainstream“ von Rob Santell. Rob berichtet darin über seine Zeit mit den BOUNCING SOULS und mit uns auf Tour.

Simon Brunner

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #49 (Dezember 2002/Januar/Februar 2003)

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