STAGE BOTTLES

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Sometimes Anti-Social But Always Anti-Fascist

Viele, viele Jahre hat das Ox die Berichterstattung über eine der dienstältesten Oi!-Bands Deutschlands den Herren vom Plastic Bomb überlassen. Mittlerweile macht das Gespann aus Frankfurt aber durchaus Nichtglatzenträger-taugliche Musik und dürfte auch dem gemeinen Punk zu gefallen wissen. Zahllose Besetzungswechsel und die andauernden Anfeindungen aus der rechten, bzw. „unpolitischen„ Ecke in den letzten Jahren waren dabei nicht gerade förderlich für die Karriere der Band, dafür hat sich allerdings nach neun Jahren Bandgeschichte eine Menge Gesprächsstoff ergeben. Sänger/Saxophonist Olaf stand meinen Fragen fleißig Rede und Antwort, während es sich sein 25 kg-Pitbull auf meinem Schoß bequem machte.

Nach der letzten Platte „I’ll live my life„, die Ende letzten Jahres erschien, wurde es verdächtig still um euch. Was war los?


Wir haben die Platte zu einem Zeitpunkt herausgebracht, als schon feststand, dass wir erst mal ein halbes Jahr Pause machen müssen. Unser Bassist Erik ist Krankenpfleger und war gerade in einer Prüfungsphase, so dass er keine Zeit hatte Konzerte zu spielen. Unserem Schlagzeuger Stephan war diese Pause allerdings zu lang. Er hat mit uns keine Perspektive mehr gesehen und ist zu den V8 WANKERS gewechselt. Für ihn kam dann Frank in die Band, so dass wir seit April wieder Konzerte spielen konnten. Eigentlich promoten wir ‚I’ll live my life’ erst jetzt so richtig und dafür sind Konzerte wichtig, weil viele Leute kommen und das Album erst dort kennen lernen.

Im Vergleich zu den Vorgängeralben gibt es auf „I’ll live my life„ weniger Saxophon zu hören. Die Songs rocken mehr und dein Gesang kommt wesentlich besser zur Geltung...

Was den Einsatz des Saxophons angeht: Wir haben einfach die Lieder aufgenommen, die uns in den Kopf kamen. Dann haben wir entschieden: hier passt es und hier passt es nicht. Es musste nicht bei jedem Lied dabei sein, aber im Prinzip war es reiner Zufall, ob es zum Einsatz kam oder nicht. Beim Gesang besteht der Unterschied zu den Vorgängeralben im wesentlichen darin, dass ich jetzt alleine singe und die Songs fast alleine schreibe. Unsere ehemalige Sängerin Manu hatte keine Möglichkeit, eigene Ideen zu entwickeln, so dass ich ihr immer zeigen musste, was sie zu singen hatte.

Soll in absehbarer Zeit eigentlich wieder eine Sängerin dazukommen?

Wenn die nächsten Aufnahmen in Deutschland stattfinden sollten, wird wohl Melly von 4 PROMILLE eine ähnliche Rolle einnehmen wie Manu. Man kann halt nicht irgendein Mädel, das singen kann, nehmen und mit uns auf die Bühne stellen. Eine Frau, die bei uns mitsingen will, muss ja auch ein bisschen auf dem selben Level sein wie wir, immerhin bist du ja mit den Leuten ständig unterwegs. Und sie müsste auch mit dem Umfeld klar kommen.

Kommt es eigentlich immer noch zu Auseinandersetzungen mit Nazigesindel auf euren Konzerten? Und was ist eigentlich dran, an den Gerüchten, von wegen Todesliste und so weiter, die schon seit Urzeiten kursieren?

Ja, Gerüchte gab es immer. Da ist immer wieder mal was aufgetaucht, auch in Fanzines, schon zu meiner Zeit, als ich bei den BLAGGERS war. 1992 ist dann wirklich so eine Art Steckbrief herumgegangen. Dieser ganze Ärger hat sich dann später auf die STAGE BOTTLES übertragen. Wir hatten ja gleich zu Anfang dieses Ian Stuart-Lied ‚Dead but not forgiven’ und zogen damit den Zorn auf uns. Auslöser war sicher das Konzert in Stuttgart mit COCK SPARRER, wo wir einen Teil der Security gestellt hatten und die Faschos übelst auf die Fresse bekommen haben. Die Klopperei wurde uns angerechnet, obwohl das gar nicht so war. Das war ’ne spontane Sache gewesen. Danach gab es immer wieder Drohungen und Geschichtchen. Einmal spielten wir auf einem Festival im Osten, und da haben die Nationalen in Rheinland-Pfalz über eine Telefonkette verbreitet, dass wir dort spielen. Die sind dann hingefahren und haben einen zusammengeschlagen und es gab immer wieder Drohungen, aber richtig blicken lassen haben sie sich nicht. Früher wurden wir wegen solcher Vorkommnisse und Gerüchte oft nicht für Festivals gebucht, weil wir für den Veranstalter einen Risikofaktor darstellten. Das hat sich geändert: Mittlerweile gelten wir als Garant dafür, dass es ruhig bleibt.

Aber auf der Straße kannst du dich schon noch sehen lassen?


Ja, hier in Frankfurt ist die Lage entspannt. Hier werden sich die Faschos sowieso hüten. Vor einiger Zeit hatten wir allerdings ein ‚nettes’ Erlebnis. Da hat hier vor der Haustür ein kleines NPD-Ständchen sein Lager aufgeschlagen. Vier alte Säcke und vier Glatzen wollten wohl ein bisschen provozieren. Diese Situation war aber eher lustig als angsteinflößend, wenn sich jetzt schon die alten Kacker um uns kümmern. Ein Mitbewohner von mir ist dann runter und hat mal schief geguckt. Später sind noch ein paar Jungs von uns mit dem Auto vorbeigefahren, bis dann einer mal ausgestiegen ist und den Kerlen gesteckt hat, man hätte jetzt wirklich genug gesehen. Daraufhin haben die alten Säcke ihren Krempel in ihr Auto gepackt und haben die vier Glatzen zu Fuß nach Offenbach heimlaufen lassen. Das war dann also unser privater NPD-Stand, Samstag morgens um zehn.

Bei den sogenannten Unpolitischen seid ihr ja auch vor allem aufgrund eurer eindeutigen Texte angeeckt, von wegen, ihr würdet die Szene spalten.

Diese Leute halten wir in erster Linie von uns fern, wobei das nicht mehr ganz so extrem ist wie früher. Sagen wir es mal so: mittlerweile verstehen wir es, die Politik in unseren Texten so zu verpacken, dass sich vielleicht auch ein Unpolitischer angesprochen fühlt. Es wäre falsch, in den Texten einfach irgendwelche Parolen zu verwenden – das würde uns selbst total einengen. Wir nennen die Dinge einfach beim Namen und beschreiben sie. In unserem Umfeld befinden sich auch Leute, die sich als ‚unpolitisch’ bezeichnen, aber wenn man sie mal darauf anspricht, stellt sich dann heraus, dass sie einen ähnlichen moralischen Ansatz haben wie ich. Wir haben bei diesen Leuten mittlerweile eine größere Akzeptanz erreicht, ohne dass wir uns da jetzt einschleimen mussten. Natürlich gibt es aber immer noch genug von denen, die absolut keinen Bock auf uns haben.

Fußball ist ein zentrales Thema der STAGE BOTTLES. Ihr spielt auf Fan-Parties von Eintracht Frankfurt und Kickers Offenbach, kürzlich habt ihr einen Gig auf einem Schiff für Fortuna Düsseldorf gespielt. Wie passt das zusammen? Die Anhänger dieser Vereine verstehen sich normalerweise nicht so gut miteinander.

Na ja, wir sind ja auch nicht mehr die jüngsten. Früher hat man das sicherlich ernster genommen, aber mittlerweile freut man sich eigentlich, dass Leute gemeinsam mit einem älter werden, die die gleichen Interessen haben. Und nur weil einen der Verein unterscheidet... Und wenn wir auf einer Fan-Party spielen, wie kürzlich auf dieser Fortuna-Schifffahrt, wo auch noch Leute von St. Pauli kommen, dann machen wir das ja nicht für alle Anhänger dieses Vereins, sondern für Leute, zu denen man auch sonst einen Bezugspunkt hat. Auf jeden Fall gibt es da keinen Ärger. Da sind Leute dabei, mit denen kann man seinen Spaß haben, dann wird vielleicht ein bisschen rumgefrotzelt, aber so ernst sollte man das nicht nehmen. Diese Zeiten sind definitiv vorbei. Von den Leuten in der Band sind eigentlich auch nur Marcel und ich so richtig an Fußball interessiert. Erik tut höchstens mal so als ob, und Alex interessiert das überhaupt nicht. Wir haben aber viele Leute in unserem Umfeld, die dann auf unseren Konzerten Fußballlieder singen und so was wird dann eben auf die Band projiziert. Andererseits ist Fußball auch ein Lebensgefühl und eine Subkultur, und da macht es auch einfach Spaß, für Leute zu spielen, von denen man weiß, dass sie voll dahinter stehen.

Du bist jetzt 32 Jahre alt. Wie lange bist du schon in der Punkrockszene - und treten nicht langsam die ersten Ermüdungserscheinungen auf?


Ich bin seit 1987 dabei. Es gab durchaus Phasen, wo mir das alles auch schon auf den Geist ging. Aber ich bin ja nicht der einzige, der innerhalb der Szene so alt geworden ist. In meinem Freundeskreis gibt es Leute, mit denen ich schon sehr lang und eng befreundet bin. Und man entwickelt das auch irgendwie weiter, bringt seine eigenen Qualitäten mit ein, sieht Sachen differenzierter. Dadurch lernt man dann wieder neue Leute kennen und das kickt dann halt immer wieder. Ich denke, dass ich dadurch, dass ich selbst Musik mache und nicht nur konsumiere, auch einen gewissen Einfluss auf die Szene habe. Somit ist immer noch eine Weiterentwicklung da. Natürlich macht man sich Gedanken. Du kannst ja nicht ewig so weitermachen. Aber es gibt schließlich genügend Leute, die sind schon über 40 und immer noch aktiv dabei. Ich gehe aber nicht mehr so oft auf Konzerte, weil ich erst einmal selbst genug davon habe. Zum anderen fällt es mir nicht mehr ganz so leicht, die Leute, die oben auf der Bühne stehen, zu akzeptieren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass zwar viele da unheimlich gut versuchen was rüberzubringen aber in Wirklichkeit die absoluten Vollidioten sind und gar nicht danach leben, was sie da so singen.

Nervt es nicht auch, finanziell immer ziemlich klamm zu sein, wenn mach sich so in der Musikszene engagiert wie du?

Das ist natürlich ein Problem. Vor allem in einer Subkulturszene wie dieser, wo man oft in Jugendzentren spielt und Solikonzerte gibt. Das ist auch der Grund, warum ich überhaupt studiere, weil ich dann Jobs machen kann, durch die ich flexibel bin und mit relativ leichter Arbeit einigermaßen Geld verdienen kann. Und außerdem denke ich, dass ich an den Wochenenden, an denen ich auftrete und frei saufen kann, wenig Kohle ausgebe. Na ja, eigentlich gebe ich immer noch zuviel Geld aus, haha. So langsam bleibt finanziell aber auch was hängen, weil wir mit den STAGE BOTTLES mittlerweile recht viele Leute ziehen und auch wissen, was wir verlangen können. So werden wenigstens die Unkosten gedeckt.

Einer dieser Jobs, die du angesprochen hast, ist am Frankfurter Flughafen, wo du eine Uniform tragen musst. Der Song „Working in a suit„ scheint davon zu handeln.

Ja klar. Ich hab mal jemanden in der S-Bahn getroffen, der mich in dieser Uniform gesehen hat und total schockiert war. Der hat sich dann furchtbar aufgeregt: ‚Das gibt’s doch nicht. Wie sieht denn der aus. Zutätowiert und läuft jetzt in ’nem Anzug rum...’. Und so Sprüche halt. Ich hab mir daraufhin so ein paar Gedanken gemacht – Bin ich inkonsequent oder nicht? –, denn es ist ja durchaus so eine Art Verkleidung und irgendwo prostituiert man sich schon. Aber ich hab dann so an ein paar Leute aus der Szene gedacht, die tagsüber auch eine Uniform tragen müssen und von denen ich weiß, dass die auch meinen, was sie sagen und absolut integer sind. Ich hab das dann ein bisschen für mich formuliert und mittlerweile hab ich auch kein Problem mehr damit.