Interviews & Artikel : SURROGAT :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

SURROGAT

Energie fühlen durch Haare

In meiner Besprechung zum vorletzten SURROGAT-Album „Rock“ von 2001, ihr bis dahin drittes, hatte ich kein wirkliches Problem damit, das Wahlberliner-Trio, bestehend aus Patrick G.A.G. Wagner, Maj-Linh Truong und Thilo Schierz, als wahrscheinlich beste Band der Welt zu kategorisieren (wobei das ja angeblich die ÄRZTE sind). So was kann einem ja schnell mal peinlich sein, aber SURROGAT haben mit ihrem seit Anfang Februar im Handel befindlichen Album „Hell In Hell“ das plakative Motto des Vorgängers noch weiter auf die Spitze getrieben und ein unheimlich aggressives, wuchtiges Rockbrett – man könnte auch Schweinerock sagen – auf die Menschheit losgelassen, das zwar reichlich Stereotype durch den Fleischwolf dreht, aber dafür vieles anderes bewundernswert auf den berühmten, manchmal wunden Punkt bringt. Im Booklet von „Rock“ hatte Wagner noch artig AC/DC gedankt, bei „Hell In Hell“ muss er das nicht extra tun, damit man kapiert, wo hier die „Hells Bells“ hängen. Also hübsch die Anlage auf maximale Lautstärke gedreht und Vorhang auf für Patrick Wagner Superstar. Let There Be Rock!


Als ich dich irgendwann 1997 mal interviewt habe, warst du noch Mitbetreiber des Berliner Labels Kitty Yo, wo auch eure ersten drei Platten veröffentlicht wurden. Was ist mit Kitty Yo?


Kitty Yo ist ein Label aus Berlin, wird momentan von Raik Hölzel geführt und bringt Jimi Tenor raus.

Du möchtest also nicht darüber reden.

Ich habe eigentlich schon alles gesagt, haha. Gerade eben.

Mal ernsthaft, war das der klassische Fall von sich auseinanderleben, oder...

Nein, das war schon richtig böse. Ich darf da auch gar nicht drüber reden, weil der Anwalt mir sonst die Beine lang zieht.

„Rock“ erschien ja zuerst noch bei Kitty Yo und wurde dann über Motor vertrieben. War das bereits ein Ausläufer dieses Konflikts?

Nee, gar nicht, ich wollte nur nicht mehr für die eigene Platte arbeiten, weil das echt schwer ist. Das hört sich immer so romantisch an, ist es aber nicht. Ich habe ja damals für ‚Rock’ alles gemacht. Von Vertriebsbetreuung bis Promo, und ich wollte das einfach nicht mehr machen. Das macht so lange Spaß, so lange man nur mit Leuten wie dir spricht. Aber wenn du die eigene WOM-Lieferung eintüten musst und deine Band am Markt so komisch durchsetzen willst, dann sollte das echt jemand anders machen.

War das nicht das Charmante am Indielabel-Dasein?

Das war schon das Charmante, aber wenn man selbst dabei verrückt wird, bringt das nichts. Mich hat das total aufgerieben. Man darf dabei auch nicht vergessen, dass die Interessen eines Labels nicht die gleichen sind wie von einer Band. Sprich, SURROGAT hatten nie einen sonderlich hohen Stellenwert für Kitty Yo. Ich habe da auch nie was dran ändern können, denn man versucht ja immer objektiv zu sein. Aber wenn man in einer Band spielt, sollte man überhaupt nicht objektiv sein, sondern sollte gucken, dass man mit seiner Band so weit wie möglich kommt. Das hat dazu geführt, dass ich immer in so einer Zwitterposition zwischen Band und Label hin und her gehüpft bin. Ich habe versucht, beiden Seiten zu erklären, was super ist, war mir aber selbst gar nicht sicher, was super ist – für alle Beteiligten. Und das ist jetzt viel besser, weil ich ganz klar auf der Bandseite stehe und meine Ideen für die Band durchkämpfe.

Warum waren SURROGAT plötzlich ausgerechnet für ein Majorlabel interessant?

Wir haben die letzte Platte ja ganz gut verkauft, und dann geht es natürlich um meine Person, ein cooles Image usw. – man darf sich da nichts vormachen. Dann finden die bei Motor die Musik auch sehr gut, die sind schon noch Fans. Das ist eine Mischform aus allem, aber das ist ja bei einem Indie auch nicht anders. Als ich noch bei Kitty Yo war, war das auch so – man findet eine Band total gut, aber man sieht auch gleichzeitig ein bestimmtes Verkaufspotential.

Aber irgendwie wirkte das unter Marketinggesichtspunkten schon recht unglücklich, dieselbe Platte ein paar Monate später nochmal herauszubringen.

Der Wechsel mit der Plattenfirma war einfach schlau von mir, es war einfach nur gepokert. Es war eigentlich allen klar, dass man damit nicht die Wurst vom Teller reißt, weil in allen Heften der Welt schon was über die Platte gewesen war, und wenn die Platte vier Monate später noch mal kommt, was willst du da noch machen? Wie willst du im August noch den Leuten klar machen, dass sie sich jetzt die SURROGAT-Platte kaufen sollen, wo im Mai alle Gazetten voll waren? Ich habe auch extra gesagt, dass keine Bonus-Tracks drauf sollen, da ich nicht wollte, dass die Leute, die sich die Platte vorher gekauft hatten, verarscht vorkommen.

Wie kommt es eigentlich, dass jede lausige Rockband die Weihen der Elektronik für sich entdeckt und nur SURROGAT so verdammt konservativ klingen?

Lieber hacke ich mir beide Hände ab. Laufend rufen mich Leute an und fragen: Können wir nicht einen Remix machen? Ich finde Remixe inzwischen total furchtbar, es gibt soviel Musik, muss da jetzt auch noch überall was mit Beat sein. Wie viele gute Remixe kennst du? Entweder ein Song ist gut oder nicht. Ich würde anders darüber denken, wenn mir jemand einen Remix geben würde, den er gemacht hat. Das ist geil, wenn man das dann mag. Aber immer dieses in Auftrag geben. Wir versuchen den Markt zu erweitern, jetzt auch noch im Club, blabla. Gerade Motor sind da sehr untalentiert drin. Das sind alles Irrungen und Wirrungen, sag ich dazu. Es gibt natürlich auch positive Beispiele: der Moby-Remix von Jon Spencer ist das Beste, was Jon Spencer je gemacht hat. Wenn schon ein Remix, dann von SCOOTER, das würde richtig Spaß machen.

Apropos Spaß, der Titel des neuen Albums klingt eigentlich gar nicht so richtig nach Spaß.

Ich finde, der Titel impliziert schon einiges an Spaß. Das Titelstück hat eigentlich auch nur den Refrain, weil ‚Hell in hell’ dermaßen super klingt – und so absurd. Inzwischen gibt es unzählige Erklärungen dafür, da kann man fast ein Buch drüber schreiben. Ich habe mal mit einem Typen geredet, der einen drei Stunden langen Vortrag darüber gehalten hat, was das alles bedeuten kann. Das geht ins Mittelalter zurück, bis hin zum Buddhismus, alles mögliche. Ich habe mir das drei Stunden angehört, kein Wort verstanden und gedacht: Ist doch wunderbar.

Ich dachte vor allem mal an AC/DC. Wie ironisch ist denn der Umgang mit den großen Vorbildern?

Die Platte ist absolut unironisch, wirklich. Es gibt ein ironisches Stück, das ist ‚Zerfall’, das quasi nur aus Rockismen besteht, die umgedreht sind: Ich bin ein Adler, fly like an eagle, born to be wild – nur Zitate. Das Einzige, wo ich gesagt habe, das ist total behämmert, war die Textstelle ‚Sex, and drugs, and Eigenheim’. Inzwischen, wo wir das auch live spielen, berührt mich das richtig. Da steckt sehr viel Wahrheit drin, die mit mir zu tun hat. Ich bin gerade Vater geworden, musst du wissen, und das ist auch ein Thema von mir.

Wenn man sich den Song „Gott AG“ anschaut, scheint ein Thema von dir auch „Größenwahn“ zu sein.

Ich meine, das heißt abgekürzt auch noch ‚Gag’ und trotzdem nehmen es die Leute ernst. Da lache ich mich ja schon tot drüber. Inzwischen wird in Berlin richtig dagegen geschossen, vor allem von Feuilletons und Stadtmagazinen. Das ist total lustig, weil ich mit diesen Leuten ja schon zu tun hatte und die trotzdem drauf reinfallen. Ich verarsche da niemanden, aber die nehmen das zu wörtlich. Bei ‚Gott AG’ geht es überhaupt nicht um mich, sondern um ein Prinzip. Deshalb stehe ich auch am Ende auf der Bühne, zeige auf die Leute und sage: ‚Du bist ein Superstar.’ In Deutschland hat man scheinbar ein Problem mit Größenwahn, aber eine Band wie OASIS darf ‚Tonight, I’m a rock’n’roll star’ singen. Das hat auch mit der exponierten Position eines Musikers zu tun. Du kennst wahrscheinlich diesen Witz ‚Wie dreht ein Musiker eine Glühbirne ein?’. Er hält die Glühbirne an die Fassung und wartet, dass sich die Welt um ihn dreht. Natürlich bin ein eitler Sack, aber ich bin auch nicht eitler als Johnny Cash oder Neil Young, haha. Gleichzeitig gefällt mir auch das Bild des geschlagenen Hundes, der Underdog, der aufbegehrt – das ist ein schönes Bild.

Trifft das denn auf dich zu? Um mal auf „Sex, and drugs, and Eigenheim“ zurückzukommen.

Es stimmt auf jeden Fall. Ich bin zwar nicht crackabhängig, aber durch die letzte Platte bin ich obdachlos geworden. Es ging halt darum, hat man jetzt Geld für die Miete, da hatte ich schon sechs Monate nicht mehr gezahlt, oder nimmt man die Platte fertig auf. Dann nimmt man natürlich die Platte fertig auf. Da hab ich erst mal drei Monate bei Freunden gewohnt. Wir meinen es alle total ernst mit dem Musikmachen, aber man muss es ja nicht so ernst nehmen. Ich finde das auch gut, wenn man das so annimmt und Kraft daraus schöpft.

„Meine Generation“ erinnert ja an einen anderen Klassiker der Rockgeschichte. Was für ein spezielles Problem hast du mit deiner Generation?

Das Leben ist doch total langweilig, gib mir doch mal Recht. Total öde, weil die Leute immer vor irgendwas Angst haben, das macht mich echt wahnsinnig. So ist diese Generation im Prinzip gestrickt, großgeworden in so einem ‚Alles wird immer besser’-Bewusstsein und plötzlich wird nicht mehr alles besser, und dann kam die große Panik. Ich belege das zum Beispiel auch mit so einer Entscheidung, Kitty Yo den Rücken zuzukehren. Ich habe das acht Jahre gemacht, aber wenn du merkst, das ist nicht mehr das, warum ich das gerne mache, dann muss man halt gehen. Ich habe auch Angst gehabt, denn jetzt bin ich ein Musiker, der mittelmäßig gut Platten verkauft, das ist ja auch nicht gerade eine Basis, um eine Familie großzuziehen. Ich bin mir einfach sicher, dass mir irgendwas einfallen wird und dass es weitergeht.

Und „Chance 2002“? Klingt, als ob SURROGAT da plötzlich eine politische Band geworden sind.

Es kommt schon von Schlingensief, aber da geht es nur um mich, das ist im Prinzip mein Kitty Yo-Abschiedslied. Es hat auch gut gepasst, weil sich im Jahr 2002 für mich alles komplett geändert hat, mein Leben ist einfach total anders. Aber ‚Hell in hell’ ist schon ein politisches Album, genauso politisch, wie MOTÖRHEAD politisch sind. No class! Die Texte sind total verknappt und bis auf ‚SOS’ ist auch total klar, worum es geht. Das ist auch wichtig, weil du da nicht so BLUMFELD-mäßig drüber flöten kannst, dann versteht man es nicht. Du schreist als Sänger in so einer Band ja gegen Gitarrenwände an, deshalb bleibt einem gar nichts anderes übrig, als kurze Slogans hinzuknallen.

Passt dazu auch der Aspekt „Verprollung auf allerhöchstem Niveau“, den man auf eurer Website findet?

Das hat im Prinzip schon bei der letzten Platte angefangen. Es kam eigentlich von Tobias Levin, unserem Produzenten, der meinte, dass bei uns ja alles immer prolliger wird. Das haben wir dann auf unsere Art so durchgezogen und haben dieses ganze geschmäcklerische abgelegt. Es macht halt total Spaß, sich darin richtig zu suhlen. Ich habe mir auch meine Haare wieder wachsen lassen, und Thilos Haare sind inzwischen auch total lang.

Thomas Kerpen

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #50 (März/April/Mai 2003)

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