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Interviews & Artikel

LEOPOLD KRAUS WELLENKAPELLE

Surf, Sex und Schwarzwaldbommel – ein Gespräch über Dr. Böhm, James Last und wie es ist, einen Tom in der Hose zu haben

Wir hier in Oberhausen laden uns ja schon mal gerne ‘nen musikalischen Gast zu unserer Unterhaltung ein, das dürfte bekannt sein. Vor einiger Zeit hieß dieser LEOPOLD KRAUS WELLENKAPELLE, eine Band aus dem malerischen Freiburg, die es versteht exzellente Surf-Musik mit Easy-Listening-Elementen zu paaren und eine prima Stimmung zu verbreiten. Leider war der Besuch beim Gastspiel dieser Band unangemessen zahlarm, was – wie ich später herausfand – mit dem genreuntypischen Namen der Band zusammenhing. Nicht nur über dieses Thema sprach ich mit Organist Torpedo Tom und Willi del Mare, sondern auch noch über Fön-Sex, Weihnachten und Brauchtum. Begonnen habe ich mein Interview allerdings mit einer durchaus konventionellen Frage.

Wie würdet ihr eure Musik bezeichnen?


Willi: Als zeitgemäße Interpretation von Teenagermusik der 60er Jahre. Wir behaupten gerne, dass es sich vor allem um Surf- und Beatmusik handelt, mit gewissen Anleihen aus Easy Listening, Rock’n’Roll und Rockabilly. Das wiederum finden Freunde der einzelnen Stilrichtungen aber des öfteren auch unhaltbar. Nun ja, schön finden wir ‚Black Forest Surf’ oder auch ‚Waldsurf und Wiesenbeat’, weil man sich darunter alles und nix vorstellen kann.

Ihr werdet ja in Rezensionen häufig ob eures Humors kritisiert. Er sei nicht zeitgemäß, sagt man. Wie begegnet ihr solcher Kritik?

Tom: Gar nicht, sie haben Recht!

Nach eurem Namen frage ich nicht, da kommen bestimmt nur bemüht lustige Antworten!

Tom: Unser erster Schlagzeuger bestand auf ‚Gerhard Kraus, Brillenträger’, und ich würde sagen, wir sind noch ganz glimpflich davongekommen.

Ist es nicht so, dass ihr mit einem genretypischeren Namen bessere Marktchancen hättet. Zumindest englisch muss der Name doch heute sein, sonst stößt man bei Jugendlichen auf taube Ohren!

Willi: Nun, da sprecht ihr in der Tat einen wunden Punkt der Wellenkapelle an. Gerade jetzt zum Anfang des 3. Jahrtausends, den Tagen des fetten Surfbeat-Hypes, wo ausnahmslos jede Band, die sich nur das Label ‚Sixties’ auf ihre Retro-Hemden stickt, von einer riesigen Kommerzwelle an die traumhaften Sandstrände der Steueroasen in Übersee gespült werden. Wo sich die Gitarristen von den satten Dividenden des Surf- und Beatbooms goldene Hallspiralen einbauen lassen. Wo sich hysterische Jugendliche von heute massenhaft nackt an die Tourbusse und Proberaumtüren der Sixties-Bands ketten, ist es natürlich schon sehr frustrierend für uns zu sehen, dass wir allein aufgrund unseres Namens im absoluten Abseits stehen. Zugegeben, es gibt schon manchmal Momente, in denen wir uns wehmütig ausmalen, wie es jetzt wohl wäre wenn wir uns damals nur ‚The Zack Sunray Pipeline Weirdos’ oder so was in der Art genannt hätten und wir damit nicht im Schatten all der anderen, von Erfolg gekrönten Sixties-Bands stehen würden. Spätestens seitdem wir LEOPOLD KRAUS WELLENKAPELLE heißen, gibt es ja auch die Surf- & Rockschule Freiburg. Und deren Mäzen und Leiter, dem sich die Kapelle ja bekanntlich verpflichtet fühlt, trägt nun mal den Namen Leopold Kraus. Versucht doch mal selbst daraus was cooles zu machen, ich sag euch, das ist eine echte Herausforderung. Aber wir wollen ja hier nicht rumjammern, schließlich haben wir uns ja aus freien Stücken unter diesem Namen versammelt. Und dieser Name ist in gewissem Sinne auch Programm, denn gerade mit dieser provokant-schlichten, Genre-untypischen Namensgebung wollen wir auch ein Zeichen setzen, dass es sich bei diesem Quartett eben nicht um gefügige, handzahme Showbiz-Marionetten handelt, die für ein bisschen Geld und kurzlebige Publicity zu allem bereit sind.

Euer Bassist spielt als Rechtshänder einen andersherum bespannten Paul McCartney-Linkshänder-Bass. Ein ausgesprochen subtiler Scherz bzw. eine Anspielung auf den BEATLES-Bassisten, der als Linkshänder sein Rechtshänder-Instrument umgekehrt bespannte?

Willi: Kein subtiler Scherz, keine Anspielung – eine Analogie! Wenn ich die Geschichte richtig kenne, dann hat Herr McCartney das nur getan, weil es seiner Zeit in Hamburg kein anderes erschwingliches Instrument zu kaufen gab. Diese Story hat sich jedenfalls im Jahre 2001 ganz ähnlich, aber diesmal in Freiburg, wiederholt. Wie gesagt, ganz ähnlich, nur mit dem kleinen Unterschied: ein Rechtshänder und eine Linkshänder-Bassgitarre. Eine irre Geschichte, was?! Und das Verrückte daran ist, dass man diese Parallelen unserer Musik anhören kann, Wahnsinn nicht?! Nichtsdestotrotz, falls Herr McCartney Interesse hat, ich würde sofort Instrumente tauschen, da hätten wir ja auch beide was von. Man verstellt nämlich bei solch sinnwidrig verwendeten Instrumenten leider nur allzu leicht den Volume-Regler mit dem Ärmel. Abgesehen davon wäre das sicher auch ein vorteilhafter Tausch für mich. Und nur, um noch ähnlichen Fragen vorzugreifen: das äußere Erscheinungsbild ist ansonsten unbedingt auch als Hommage an Buddy Holly, Elvis Costello und Woody Allen zugleich zu verstehen, was dem kenntnisreichen Hörer aber ohnehin beim ersten Ton schon klar gewesen sein dürfte.

Im Zusammenhang mit eurer Musik fällt oft der Name der bekannten britischen Instrumental-Truppe THE SHADOWS. Hat diese Band für euch eine Vorbildfunktion?


Tom: Jens sammelt gebrauchte Höschen von ihnen.

Der smoothe Klang eurer Musik macht euch meines Erachtens auch für Veranstaltungen bürgerlicherer Art kompatibel, also als Live-Band, meine ich. Tretet ihr gelegentlich auch als Tanzband auf?

Willi: Hochzeiten, Brauchtumsabende, wissenschaftliche Gesellschaften, parapsychologische Zusammenkünfte, Vereinsfeiern, Familienfeste, Parteitage, Beerdigungen, bunte Abende, etc. ... Was halt so reinkommt. Nun, von religiösen Feierlichkeiten lassen wir in letzter Zeit eher die Finger, denn da geht’s oft eher verkrampft, andächtig und humorlos zu.

Thema Easy Listening – wer sind da eure Einflüsse?

Tom: In meinem Fall: Acht Jahre Heimorgelunterricht und die Kassetten von meinem Vater, als da wären, Hardy Wolffs ‚Hammond Evergreens’, Ady Zehnpfennig spielt die Dr. BÖHM CnTL 30, Franz Lambert auf der WERSI Saturn 3000, Klaus ‚Zwei Hände zaubern ein Orchester’ Wunderlich und die James Last ‚Non Stop Dancing’ 10er LP-Box.
Willi: COMBUSTIBLE EDISON, Gert Wilden, Peter Thomas.

Wie steht’s mit James Last? Mögt ihr seine Musik?


Tom: Also ehrlich gesagt hat der keine anhaltende Wirkung bei mir hinterlassen, dann schon eher Klausi Wunderlich, vor allem die Phase, als er sich in sein selbstgebautes Studio zurückgezogen hat. Der Mann ist ja unglaublich, ein kompletter Autodidakt, hat sich alles selber beigebracht und dann natürlich auch das Studio selber gebaut und sich Aufnehmen beigebracht.

Und Bert Kaempfert?

Willi: Kommen denn eigentlich auch noch Fragen zu Musik-Vorlieben oder -Einflüssen, die nicht so harmlos sind wie THE SHADOWS, James Last oder dem Weihnachtsalbum von Bert Kaempfert? Die sind ja alle schön und gut, aber ... Nun, wir spielen im Juli auf einem Festival unter vielen anderen mit SLAYER und TRICKY und darauf freue ich mich ehrlich gesagt sehr. Und zwar vor allem deshalb, weil sie allesamt wie wir so drollige, einfältige Witzbolde sind, die am allerliebsten mit ihrem Weichspüler-Sound auf bürgerlichen Tanzveranstaltungen aufspielen.

Wie wär’s wenn ihr mal eine komplette Weihnachts-LP einspielt? Wäre das nicht irre? Ich fänd’s toll!


Willi: Ja, das fänden wir auch toll, aber solche LPs fallen nicht einfach so vom Himmel, dazu braucht man schon auch entsprechende Ideen und ein bisschen Zeit. Eine Weihnachts-Single war schon mal im Gespräch, aber unglücklicherweise war es da nur noch ca. drei Wochen bis Weihnachten hin und deshalb wurde die Idee wieder verworfen, denn eine Weihnachtssingle im Frühjahr zu veröffentlichen, erschien uns auch irre. Obwohl jetzt, wo ich noch mal drüber nachdenke ... Weihnachten schön und gut, aber ein ungemein größeres Interesse im Südbadischen gilt ja der Fasnet. Ein kleiner Traum ist eine Single mit Versionen der ‚Schwarzwaldfieber’-Songs von Guggemusik-Kapellen.

Das Cover eurer aktuellen LP hat ein sehr farbintensives Cover. Das hat mir gefallen!


Tom: Technicolor macht’s möglich!

Woher stammt das Foto, das ihr für das Coverartwork eurer aktuellen LP verwandt habt? Wo mag es entstanden sein?


Tom: Es handelt sich dabei um die Markgräfler Tracht, eine Landschaft, die südwestlich an Freiburg angrenzt, also eigentlich kein bergiger Hochschwarzwald, dafür aber eine formidable Weingegend, in der bevorzugt Gutedel, Grauer und Weißer Burgunder sowie Silvaner angebaut werden.

Was symbolisieren die dicken Bommel auf den Trachten der Frauen in eurer Heimat, dem Schwarzwald?

Tom: Rote Bommeln – unverheiratet, schwarze Bommeln – verheiratet, das erspart viel Ärger!
Willi: Die elf Wollkugeln und der Hut, der aus einem Strohgeflecht gefertigt wird, können übrigens bis zu zwei Kilo wiegen – ohne Inhalt wohlgemerkt. Womit wir bei einem zweiten – weitestgehend unbekannten – Punkt wären: Ursprünglich dienten die Bollen auch als Aufbewahrungsort für die Aussteuer, bzw. bei verheirateten Frauen für das mobile Familienvermögen. Der Vergleich hinkt vielleicht etwas, aber wir kennen ja aus anderen matriarchalischen Gesellschaften z.B. in Asien, das die Frauen oft einen beträchtlichen Teil des Wohlstands einer Familie gewollt offensichtlich in Form von Goldschmuck als Ohr-, Nasenring, etc. tragen. Merke: Je größer die Bollen, desto mehr Vieh im Stall, desto mehr Hektar. Aber wie gesagt usprünglich, danach kann man heutzutage nicht mehr gehen.

Ich war noch nie im Schwarzwald, habe aber gehört, dass es dort sehr schön sein soll.


Willi: Und wie! Der Schwarzwald ist ja absolut dufte. Also, das kann man sich ja gar nicht vorstellen, wie das da ist, und das dann auch noch in Worte zu fassen, ist dann dementsprechend knifflig.

Kann man sagen, „Im Schwarzwald ist die Welt noch in Ordnung“?


Willi: Unbedingt! Das unterscheidet ihn definitiv vom Sauerland, dem Steigerwald oder dem Harlinger Land, wo die Welt zweifellos nicht mehr in Ordnung ist. Diese Liste könnten wir hier beliebig fortsetzen. Dazu muss aber gesagt werden, dass wir mit dieser Meinung natürlich auf Kriegsfuß mit der orthodoxen Soziologie und Kulturgeographie stehen, die ja jedem gutgläubigen Pressemann nur allzu gerne so was wie, ‚dass die Landstriche und ihre Menschen ja alle gleich seien in ihrer Unterschiedlichkeit, oder unterschiedlich in ihrer Gleichheit, auf den Notizblock oder in den MP3-Recorder diktieren. Nun, das kennt man ja zu genüge aus jeder Illustrierten beim Frisör. Unserer Überzeugung nach kann man also ganz allgemein und ohne Übertreibung den Schwarzwald uneingeschränkt jedem empfehlen, auch denen, die meinen an irgendeinem anderen Ort glücklich zu sein – mit dem Schwarzwald kann man sich immer verbessern! Der Schwarzwald ist einfach die Nr. 1, der Mercedes unter den Landstrichen! Ein paar Beispiele: Im Glottertal z.B. werden nie die Türen an den Häusern geschlossen – als Zeichen der Offenherzigkeit, jeder kann einfach eintreten und ein paar Tage da bleiben, zum Frühstück gibt’s dann Kirschtorte, Schinkenspeck und Kirschwasser, die Sonne scheint dauernd und Szenen wie die vom Cover unserer LP sind absolut alltäglich. Nun, viele werden jetzt im ersten Moment gleich abwinken und sagen ‚das ist nicht mein Ding, das ist nicht erstrebenswert’ oder so was. Leider muss man dazu sagen, dass solche Kommentare nur allzu oft Ausdruck der systematischen Deprivation sind, der die Menschen aus dem Sauerland, dem Steigerwald oder auch dem Harlinger Land über Generationen ausgesetzt waren.

Du nennst dich Torpedo Tom. Wieso? Hast du etwa einen Torpedo in der Hose?


Tom: Ich würde es so ausdrücken: Jeder bessere Torpedo, der was auf sich hält, sollte einen Tom in der Hose haben!

Wie heißen die anderen Mitglieder der Band? Was bedeuten ihre Namen? Ebenfalls sexuelle Anspielungen?

Tom: Aber ja doch: Tim Düse – eine klare Anspielung auf Fönsex, der Höhepunkt wird durch gegenseitiges zärtliches Anfönen erreicht. Der Name Willi del Mare ist asexuell, wir fanden ihn als Perle in einer Muschel und frag mich jetzt nicht, wie Muscheln sich fortpflanzen. Und bei Jens Dampf würde uns dann doch sehr interessieren, was du da für sexuelle Assoziationen entwickelst?

Äh ... Ich danke dann einfach mal für das Interview.

Stefan Moutty

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #51 (Juni/Juli/August 2003)

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