COHEED AND CAMBRIA

Good Apollo I'm Burning Star IV / Volume One: From Fear Through The Eyes Of Madness CD

Hölle, was für ein Album. Und wo anfangen? Vielleicht da: Metaller waren und sind uncool. In den Achtzigern, als ich mich dem Punk zuwandte, trugen die uncoole Turnschuhe, zu enge Stretchjeans, hatten lange Haare (der Parade-Metaller aus der Parallelklasse ließ sich sogar Dauerwellen legen!) und die Jacken voller alberner Aufnäher mit Monstern aus Märchenbüchern.

Und sie kamen alle aus den umliegenden Dörfern und fuhren Mofa oder Moped, sprachen Bauerndialekt. Punk ging anders, Punk war cool, Punks hatten Geschmack. Zehn Jahre später hatte in mancherlei Hinsicht eine gewisse Vermischung und Überschneidung stattgefunden, wobei sich die Grenze zwischen cool und lächerlich immer noch leicht ziehen ließ.

Wiederum zehn Jahre später sind alle Hemmungen gefallen, und auch auf die Gefahr hin, jetzt hier wie ein alter Depp dazustehen: Nein, dieses Album geht eigentlich überhaupt nicht - zumindest nicht, wenn man versucht, es irgendwie in einen wie auch immer gearteten Hardcore-Kontext zu stellen.

Nicht wenige Leute waren ja schon vom vermeintlichen Progrock von MARS VOLTA genervt, doch die Kalifornier sind nichts gegen das, was C&C hier an Fantasy-Metal abziehen - es fehlt eigentlich nur noch, dass das Cover von airgebrushten Drachen, Jungfrauen und Rittern geziert wird, obwohl die Szene mit den nackten Frauen vor der Guillotine auch schon ziemlich in diese Richtung geht.

Ganz zu Schweigen von der Musik: Ja, auch ich habe vor Jahren billig auf dem Flohmarkt alte IRON MAIDEN-LPs gekauft, das ist Popkultur, so was gehört dazu, man hört sich das an, schaut die albernen Cover an, erfreut sich an "Run to the hills" und lacht.

Doch C&C erwecken mit ihrem neuen Album, das nur noch pro forma das Equal Vision-Logo trägt, aber eigentlich auf Sony erschienen ist, nicht gerade den Eindruck, große Fans von ironischen Zitaten zu sein.

Im Gegenteil, sie haben alle Hemmungen fallen gelassen, und wo "The Second Stage Turbine Blade" noch gewisse Hardcore- und Emo-Einflüsse aufwies, haben sie solche stilistischen Grenzen hier völlig hinter sich gelassen und ziehen das durch, was eigentlich schon immer in ihnen steckte.

Sänger und Gitarrist Claudio Sanchez erzählte schließlich vor drei Jahren im Ox-Interview, dass er mit Bassist Michael Todd in der Vorgängerband "Progressive Funk Metal" gespielt habe. Mir scheint, wo das erste Album ein zufälliger Schwenk in Richtung Emocore war, ist das Pendel jetzt wieder zurück geschwungen, und das Ergebnis ist ein perfekt durchproduziertes Album, das zwischen schwülstigem Soul-Pop ("Wake up", ich musste eben kontrollieren, ob wirklich die CD läuft und nicht das Radio), Bombast-Metal (man nehme nur "The willing well", das aus vier je siebenminütigen Teilsongs besteht!), Indiepop und Funk-Rock pendelt.

Dieser Spagat, die perfekte technische Umsetzung, das anspruchsvolle Songwriting, das nötigt einem Respekt ab, doch alles weitere ist ein extremer Fall von "Geschmackssache". Mit Sicherheit sind C&C eine Band, die absolut das macht, was sie will, die sich keinerlei Beschränkungen auferlegen lässt, doch wie weit man diesen Weg mitgehen will, das muss jeder selbst entscheiden.

Ich jedenfalls bin raus. (71:21)