Reviews : DIE TOTEN HOSEN / Ballast der Republik / Die Geister die wir riefen :: ox-fanzine.de

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CDs/LPs/Singles - Reviews

DIE TOTEN HOSEN

Ballast der Republik / Die Geister die wir riefen

Format: 2CD

Label: JKP

Webseite

Wertung:


Seit Wochen tönt aus Radios und offenen Fenstern „Tage wie diese“, und ich hasse dieses Lied schon jetzt. In einem genialen Schachzug haben die Düsseldorfer die Fußballhymne zu EM geschrieben, und damit alles richtig gemacht, was sie selbst und ihre ebenso stadionaffinen Fans betrifft.

Mir verursacht dieser Mitgrölstampfer in seiner anbiedernden Einfachheit Brechreiz, wie auch der Rest des Albums, das nach „objektiven“ Maßstäben allerdings DTH in Perfektion bietet. „Altes Fieber“ ist noch so ein Public-Viewing-Stampfer, und Himmel, wer bei „Zwei Drittel Liebe“ und dem Refrain „Lass es raus“ in seinem Kopf-Videoclip nicht besoffene junge Männer mit von der Sonne rotgebranntem, bloßem Oberkörper kotzend hinter Parkbänken knien sieht, muss wirklich Fan sein – und ich sehe die Ironie hinter diesem Song nicht.

Immerhin, die Hosen können auch anders, sie unterstützen erfreulicherweise seit langer Zeit schon Pro Asyl und wechseln von jetzt auf gleich zu ernster Thematik: „Europa“ ist ein wichtiges Statement gegen tausendfachen Flüchtlingstod im Mittelmeer, Respekt dafür.

Dieser Kontrast macht es mir so schwer, die Band im Jubiläumsjahr – 2012 feiern sie 30. Geburtstag – völlig zu verteufeln: Sie sind ja eigentlich die Guten, aber wo DIE ÄRZTE es immer wieder schaffen, verschmitzt grinsend über sich und die Welt zu lachen, gehen die Hosen bierernst zur Sache, so wie Fußballfans tatsächlich glauben, ihr alberner Sport sei das Wichtigste im Leben, dafür lohne es zu brüllen, zu kämpfen.

Schlagertexte wie „Das ist der Moment“ (der Text ist so genial kalkuliert, das verdient schon wieder Respekt, allerdings nicht frei von unfreiwilliger Ironie, heißt es da doch: „Radio an, wie immer nur Schrott [...] Und sie spielen unseren Song“), unfassbar unlustige Textzeilen wie „Linkin spielen im Park und wir am Ring“ (Bitte ein Euro pro verkaufter CD ins Phrasenschwein!), und noch mal Fußball, „Schade, wie kann das passieren?“.

Bierzelt, humpahumpatäterä! Mehr Karneval und Stadion waren die Hosen nie, und nie unerträglicher. Was allerdings noch weniger geht als das normale Album: das Bonus-Coveralbum: KRAFTWERKS „Das Model“ geschändet (BIG BLACK haben gezeigt, wie’s geht!), „Die Moorsoldaten“ ins Stadion geholt, Falcos „Amadeus“ im Grab herumgedreht und sich nur bei ABWÄRTS’ „Computerstaat“ und „Innenstadt Front“ (MITTAGSPAUSE) achtbar aus der Affäre gezogen, da blitzen mal wieder die alten Hosen auf.

Danke, Hosen, für dieses Album, es ist ein Zeichen: Es ist aus mit uns.

Joachim Hiller

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #102 (Juni/Juli 2012)

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