STAGE BOTTLES und STOMPER 98 ... und die Frage: Haben denn alle Skins Fascho-Freunde? :: ox-fanzine.de

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Story

STAGE BOTTLES und STOMPER 98
... und die Frage: Haben denn alle Skins Fascho-Freunde?

STAGE BOTTLES
STAGE BOTTLES

Dieser Text sollte ursprünglich in der Druck-Ausgabe des Ox erscheinen, aus Platzgründen war und ist das nicht möglich, und wir wollten den Text auch nicht kürzen. Deshalb also die Online-Variante.

Im Herbst 2008 leiteten STOMPER 98 ein Statement auf ihrer Website – ganz unten nachzulesen – mit diesen Worten ein: „In letzter Zeit, genau genommen seit April 2008, hat ein Foto im Internet und später auch in anderen Formen für eine Menge Wirbel um STOMPER 98 gesorgt. Auf dem Foto ist unser Sänger Sebi mit Jens B., dem Sänger der Band ENDSTUFE zu sehen, und zwar nicht zufällig im Vorbeigehen, sondern „in Pose“. Entstanden ist das Foto am 12. April 2008 bei einem Konzert in der Nähe von Hildesheim, bei dem unter anderem INDECENT EXPOSURE und die 4SKINS aus England aufgetreten sind und zwei Mitglieder von STOMPER 98 zugegen waren.“

In der Folge wurde an verschiedenen Stellen gegen STOMPER 98 Stimmung gemacht, auch mit einem dicken PDF-Kassiber, in dem Sebi und seiner Band Rechtslastigkeit und Rechtsoffenheit vorgewurfen wurde. Der „Fall“ STOMPER 98 wirft für mich einmal mehr die Frage auf, warum ich, Joachim Hiller, mich als Ox-Herausgeber dafür verteidigen muss und soll, Skin-Bands im Heft zu haben. Für mich machen Interviews mit solchen Bands wegen des allumfassenden Berichterstattungsanspruchs Sinn, zudem sind die Überschneidungen mit der Punk- und Rock’n’Roll-Szene gegeben, da halte ich nichts von Ausgrenzung, wie das so mancher meiner Ox-Mitstreiter und auch der eine oder andere Leser fordert. Dennoch muss ich kotzen, wenn ich Fotos wie das von Sebi sehe, wenn da die ganzen latenten Rechtsverbindungen auftauchen, wie missverständlich oder erklärbar die auch sein mögen. Aus diesem Grund stellten wir Olaf von der explizit linken Skinhead-Band STAGE BOTTLES durchaus provokante Fragen zu diesem Thema, und auch Sebi, Flacke und Lars von STOMPER 98 – und jetzt macht euch selbst ein Bild.


www.stagebottles.de
www.stomper98.de

 

Olaf von den STAGE BOTTLES


Wieso, verdammt noch mal, gibt es immer wieder diesen Ärger mit Skin-Bands? Warum, und das ist eine polemische, aber nicht unzutreffende Darstellung, hat scheinbar jeder (auch linke) Skinhead einen rechten Freund oder zumindest einen einen nicht-rechten Freund, der rechte Freunde hat? Warum scheint es in dieser Szene so zu sein, dass nach dem fünften Bier jeder Mann mit Glatze erstmal Skin und Kumpel ist, nach dessen politischer Meinung man erst im nüchternen Zustand wieder fragt, wenn die peinlichen Fotos auftauchen? Und warum soll jemand aus der Punk-Szene sowas tolerieren, der kein rechtes Pack im Freundes- und Bekanntenkreis hat?

Olaf: Viele Skinheads sind irgendwann bei den Rechten ausgestiegen, weil sie gemerkt haben, dass das nicht das ist, was sie eigentlich als Subkultur bezeichnen würden. Bei vielen war es bis zu einem gewissen Punkt dumme Provokation, ohne sich selbst zu reflektieren, was sich mit zunehmendem Alter oder anderen Kontakten (!) dann geändert hat. Solche Leute bringen immer wieder, wenn sie nicht so gefestigt sind – das Risiko besteht – falsche Freunde mit auf Konzerte. Das kann auch im Umfeld einer Band passieren. Viele sind aber auch vollkommen überzeugt gegen ihre „alte Seite“. Für sie lohnt sich der Einsatz, sie von der einen zur anderen Seite rüberzuholen. Oft werden sie aber von anderen noch als Nazis gesehen, was sie zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr sind. Einige davon wollen wiederum einfach noch weiter mit Skinheads zu tun haben aber nichts mehr mit Politik. Vielleicht sind sie auch noch etwas rechts, also konservativ, dann wettern sie gegen die Linken. Die Frage ist immer, inwieweit man solche Leute dann wieder in ihre alte Szene zurückdrängen sollte, oder ob man Geduld haben kann oder darf. Nachdem die Fronten lange klar geklärt waren gibt es jetzt auch aufgrund der – ehemals – entspannten Lage eine Abkehr von der Politik. So wie es angeblich schon immer bei den Skinheads war. Solch eine ambivalente Haltung führt zur Instabilität so wie wir sie jetzt erleben. Es werden auch falsche Leute nicht genug gebrieft, wo sie sich eigentlich befinden. Irgendwann ist etwas unklarer, wo man sich befindet, und schon ist die Szene unpolitisch und auch feindlich gegenüber Linken eingestellt. Das erleben wir teilweise momentan.
Es gibt aber immer noch viele Skinheads, die politisch absolut gefestigt sind und denen auch zugetraut werden kann, dass sie mit ihren Kontakten verantwortungsbewusst umgehen. Viele Skinheads sind politisch oder in der Hausbesetzer-Szene sehr engagiert. Da gibt es auch keine so klaren Abgrenzungen zu anderen Subkulturen. Obwohl ja, wie gesagt, offenbar heutzutage sehr verschiedene Leute miteinander feiern können und keinen stört’s. Das Problem ist meiner Meinung nicht nur die Skinhead-Szene, sondern diese Gesamtszene. Dazu gehört auch die Punk-Szene, die immer mehr nur auf sinnfreien Spaß aus ist. Aber aufgrund dessen, dass nicht viele Punks mal Nazis waren, ist das angesprochene Problem in der Skinhead-Szene ausgeprägter. Aber alle in Sippenhaft zu nehmen, mag der bequemere, aber sicher nicht der richtige Weg sein.

Warum schaffen es die „guten“ Skins nicht, sich vom Klotz des rassistischen Images zu befreien? Vielleicht weil die überwiegende Mehrheit der so genannten Skinheads doch rassistische, stockkonservative Gedanken in sich dreht, die Angst vor der eigenen Courage ein klar antifaschistisches Auftreten verhindert ...?

Olaf: Die „guten Skins“ – deine dufte Wortwahl lässt auf politisch gefestigte Skinheads schließen – schaffen das. Sie sind nur oft Zeuge von Fehltritten anderer, da sie sich nicht vollkommen isolieren und so auf den gleichen Konzerten landen oder über dieselben Medien kommunizieren. Aber das betrifft auch Punks. Bei den anderen ist es sicherlich so, dass „Skinhead“ aufgrund der politischen Undefiniertheit zu falschen Ausrichtungen führen kann. Alle nehmen für sich in Anspruch, das Recht dazu zu haben. Dem historischen Zusammenhang, nämlich der Tatsache, dass Politik in das Leben eines jeden Skinheads unwiderruflich Einzug erhalten hat, wird da nicht Rechnung getragen. Die ursprünglich teils (!) konservativere Ausrichtung ist sicherlich auch Grund für mehr Toleranz nach Rechts. Andere Gründe habe ich in der Frage zuvor schon ausgeführt. Aber letztendlich gilt: jeder hat seine eigene Geschichte und man sollte die jeweiligen Personen auch – also unter anderem – daran messen. Das ist oft kompliziert, aber lohnt sich. Vor 20 Jahren sollten Skinheads auch ausgegrenzt werden. Jetzt machen Skinheads und ihr Umfeld einen großen Teil der antifaschistischen Schlagkraft aus. Zurück zur Frage: ich sehe übrigens noch keine rassistischen Exzesse. Auch nicht im Umfeld der Leute, die diese Diskussion erst nötig gemacht haben. Aber der Übergang ist oft fließend, drückt sich aber auf der Bühne oder auf Konzerten nicht wirklich aus. Nur die Toleranz gegenüber gewissen Leute lässt vermuten, dass entweder Ignoranz der rechten Einstellung oder sogar stille Sympathie vorhanden sind. Als Skinhead wird man da noch einmal ganz anders beäugt. Dem trägt leider manch Skinhead nicht Rechnung, oder es wird bewusst abgelehnt. Aber – die alte Leier – bei weitem nicht bei allen Skinheads ist das so. Ich will übrigens nicht leugnen, dass teilweise die ganz falschen Leute auftauchen. Oft werden diese dann sofort abgeschossen, oder es erklären sich plötzlich Leute mit ihnen solidarisch, von denen man es vielleicht nicht erwartet hätte. So entstehen Fronten und Bündnisse, die falsch sind, und nicht zu entschuldigen.

Wenn wir ehrlich sind, ist doch die so genannte Skinhead-Szene nichts anderes als ein Alt-Herren-Club mit subkulturellem Anspruch. Längst Vergangenes wird hochstilisiert und stets lauwarm aufgekocht. Auch die musikalischen Referenzen haben sich über die Jahre nicht verändert, kurzum man dreht sich immer schön um die eigene Achse. Bitte korrigiere mich, wenn ich mit dieser Vermutung falsch liegen sollte ...

Olaf: Ich empfinde das nicht so. Viele Skinheads tragen das Skinhead-Herz am richtigen Fleck. Man muss sich weder als Punk noch als Skinhead persönlich an anderen messen lassen. Es ist falsch, das Aussehen als feststehenden Maßstab und Ausdruck einer bestimmten Geisteshaltung anzusehen. Klar, ein wenig ist die Romantik durch das Einhalten eines gewissen Niveaus etwas gewichen. Das Niveau sinkt. Aber unter tatkräftiger Unterstützung von Nicht-Skinheads. Diese unpolitische Bewegung – man kann sicherlich mittlerweile davon reden – ist oft äußerst unsympathisch und ich empfinde keine Gemeinsamkeit mit diesen Holzköpfen. Aber es gibt auch für einen korrekten Skinhead noch genug schöne Erlebnisse, die sich in sein Skinhead-Dasein einbetten.

Wie der Skin von vor 30 Jahren aussah beziehungsweise heute auszusehen hat, steht außer Frage. Wie seht ihr denn den „Kult“ heute, im Jahre 2009, was macht für euch den Unterschied zwischen Skinhead und Normal-Bevölkerung, ja und auch innerhalb der alternativen Szene aus?

Olaf: Skinhead zu sein ist ein Gefühl, dass man schlecht beschreiben kann. Klingt wie ein Klischee, ist aber so. Sicherlich ist das Skinhead-Sein etwas mehr vom Prollen, oft Fußball, Saufen und Rumkloppen geprägt. Der Kleidungsstil lässt auf eine etwas andere Einstellung schließen als beim Punk. Letztendlich sind wir aber alle nur Träger eines zuvor entwickelten Outfits. Ich sehe mich als Teil einer Subkultur, zu der aber auch Punk, Fußball und linke, antifaschistische Politik gehören. In meinem Umfeld erwarte ich das nicht von jedem, halte es aber für wünschenswert. Und ein bestimmter Standard muss für mich bei meinen Kontakten immer eingehalten werden. Ich grenze mich bewusst in gewissem Maße von der Gesellschaft ab. Mit meinen Tattoos z.B. signalisiere ich der Gesellschaft, dass ich etwas mache und etwas bin, was ich nicht mehr ändern werde und von dem ich überzeugt bin. Ich tue das als Person, aber immer auch als Skinhead. Mein Verständnis von Skinhead geht mit der Zeit. Bei einigen ist das überhaupt nicht so. Das ist relativ dumm. Nichts bleibt über 40 Jahre so wie es zu Beginn war. Klar, dass man sich dann, wenn man das toll findet, mit Händen und Füßen gegen der Realität entsprechende Einflüsse wehrt. Oft dann auf falschem Weg, mit beschissenen Konsequenzen. Das war zeitweise nicht so ausgeprägt. Aber ich kann auch Skinhead sein, oder meine Skinheadwurzeln dann spüren, wenn keiner mehr Skinhead ist. Mit meinem Fußballverein ist das auch so. Einmal Fortuna, immer Fortuna! Oi!

Die Theorie verheißt Unity, Spaß und Toleranz. Wo aber hört diese bzw. dieser bei euch auf, welche Grenzen zieht ihr, wie habt ihr euch da in den Jahren geändert?

Olaf: Ich musste mich nicht groß ändern. Meine Einstellung ist die gleiche geblieben. Ich habe nur gelernt, dass es sich oft mehr lohnt sich mit Leuten auseinander zu setzen, statt gleich draufzuhauen. Das ist sicherlich eine Frage der größeren Toleranz – unter bestimmten Vorgaben allerdings. Es gibt nur immer wieder neue Situationen, wo man sich bezüglich mancher Leute für oder gegen eine Grenze, die vorher betreffend dieser Leute kein Thema war, entscheiden muss. Aber das ist nichts Neues. Ich habe meinen Freundeskreis schon seit vielen Jahren nicht mehr nach „Skinhead oder nicht“, sondern nach der Persönlichkeit ausgesucht. Der große Fehler ist oft, dass das Kriterium „Skinhead“ dem der aufrichtigen Beurteilung einer Persönlichkeit vorgezogen wird. Ich schau trotz aller Unabhängigkeit von anderen Skinheads übrigens nicht zu, wie alles vor die Hunde geht, sondern auch die Skinhead-Szene soll weiter bestehen. Das betrifft mich natürlich mehr als einen Psychobilly oder Punk. Darum beziehe ich diesbezüglich auch Position und ziehe je nach Lage der Dinge öffentlich Konsequenzen.

Was für eine Lehre, welche Konsequenzen zieht ihr aus der aktuellen Diskussion, worin hat euch das bestätigt?

Olaf: Tja, leider in einigem: Wer als Skinhead trotz ständiger Konfrontation mit Politik – und zwar vor allem aufgrund dessen, dass er/sie Skinheads sind – diese ignorieren will, wird irgendwann entweder die falschen Leute ins Boot holen oder aber nur noch Schwachsinn sabbeln oder tun und auf plumpe Art schlechten Einfluss auf eine sensible Szene haben. Man sollte aber da auch die Zusammenhänge und die Geschichte sowie vorheriges Verhalten der betreffenden Personen im Auge behalten und danach urteilen. Das ist nur nicht immer ganz einfach und bedarf einiger Erfahrung, fürchte ich.

Euer Ruf eilt euch meilenweit voraus: die STAGE BOTTLES sind „gute“ Skins! Dass ihr mit eurer strikten Haltung nicht nur unter den Nazis Feinde habt, ist sicherlich keine neue Erkenntnis. Olaf, wie siehst du die aktuelle Skinhead-Szene, oder fühlst du dich selber dieser gar nicht mehr so zugehörig? Wie werden die Bottles heutzutage gesehen?

Olaf: Auf den Teil wie oder inwieweit ich mich als Skinhead fühle bin ich oben schon eingegangen. Die STAGE BOTTLES werden als Subkultur-Band angesehen, die ihre Roots in der Skinhead-Bewegung hat. Das sehen ich und die anderen Bandmitglieder auch so, auch wenn nur noch zwei von drei Bandmitgliedern Skinheads sind oder jemals waren. Wir haben mittlerweile viele verschiedene Leute von verschiedenen Subkulturen auf unseren Konzerten, und dazu ein politisch bewusstes Publikum. Und das macht uns stolz. Wenn wir Songs schreiben, haben wir nicht nur Skinheads vor Augen. Das hatten die STAGE BOTTLES bei dieser Gelegenheit nur bei wenigen Liedern, da wollen wir einfach gute Musik mit guten Texten machen. Und das Ergebnis ist für alle, die es mögen, bestimmt. Natürlich spiegeln sich im Stil unserer Musik und Texte unsere musikalischen und politischen Vorlieben wider. Damit kann nicht die ganze Welt umgehen und deshalb sind wir nur eine kleine Band. Viele Skinheads sehen uns als zu politisch und zu sehr der Realität angepasst an, als dass wir noch eine Oi!-Band wären. Wir würden uns auch so nicht bezeichnen.

Nicht nur seit eurem letzten Album habt ihr stetig die engen Grenzen der Skinhead-Szene überschritten, seid mehr und mehr in Punk-Kreise übergesiedelt. Eine bewusste Entscheidung gegen die Skinhead-Szene, der Lauf des Lebens oder einfach purer Zufall?

Olaf: Wenn man die Lieder der STAGE BOTTLES anhört – von Anfang an –, dann kann man eigentlich merken, dass wir nie nur den Oi!-Stil gepflegt haben. Aber wir sind natürlich durch Umbesetzungen und persönliche Entwicklung noch offener und vielleicht mit der Zeit auch besser im Umsetzen unserer Kreativität geworden, so dass Oi! im herkömmlichen Sinne zu machen auf Dauer etwas langweilig wäre. Ich habe quasi bei den BLAGGERS Anfang der 90er „gelernt“: Das Gesamtpaket, aktive politische Haltung, verbunden mit Spaß und mit einem offenen, aber mit Oi!-Elementen versehen Musikstil, was im Gesamtverhalten der Band ein „Sometimes anti-social, but always anti-fascist“ ergab. Wir wollen natürlich auch nicht allen p.c.-Leuten gefallen. Danach richten wir uns nicht. Nur danach, was wir für richtig halten und wobei wir manchmal auch etwas über die Stränge schlagen können. Vielleicht ist das skinheadtypisch und stößt manchem übel auf. Aber Punks sind da teilweise auch so. Aber das Alter und die Zusammensetzung der Band ergeben sicherlich, dass wir uns in der Punk-Szene gemeinsam mit vielen korrekten Skinheads sehr wohl fühlen, nebenbei aber unser eigenes Süppchen kochen.

STOMPER 98
STOMPER 98

Sebi, Flacke, Lars von STOMPER 98

Wieso, verdammt noch mal, gibt es immer wieder diesen Ärger mit Skin-Bands? Warum, und das ist eine polemische, aber nicht unzutreffende Darstellung, hat scheinbar jeder (auch linke) Skinhead einen rechten Freund oder zumindest einen einen nicht-rechten Freund, der rechte Freunde hat? Warum scheint es in dieser Szene so zu sein, dass nach dem fünften Bier jeder Mann mit Glatze erstmal Skin und Kumpel ist, nach dessen politischer Meinung man erst im nüchternen Zustand wieder fragt, wenn die peinlichen Fotos auftauchen? Und warum soll jemand aus der Punk-Szene sowas tolerieren, der kein rechtes Pack im Freundes- und Bekanntenkreis hat?

Sebi: Diesen von dir angesprochenen Ärger gibt es nicht nur bei Skinhead-Bands. Das stimmt so einfach nicht. Es gibt überall Leute, die sich umorientiert haben oder einen anderen Lebensweg eingeschlagen haben Sie waren Punx, sie waren Skins, sie werden älter und hören auf oder ähnliches. Dazu der grundsätzliche Schnitt durch die Gesellschaft, der sich in allen Szenen wieder findet. Die Szene ist in Deutschland einfach auch mittlerweile fast 30 Jahre alt und dadurch entstehen Überschneidungen, weil im Prinzip jeder doch jeden kennt. Sei es zumindest vom Hörensagen oder auch heutzutage durch das Internet. Die meisten Skinheads in Deutschland, die schon sehr lange dabei sind, blicken auf ziemlich viele verschiedene Zeiten zurück. Dafür kann ja nicht eine ganze Szene herhalten. In den Bereichen HC, Punk oder Metal sieht das doch leider auch nicht besser aus. Rock’n’Roll und Psychobilly gar nicht erst erwähnt. Sonst würde es doch nicht immer wieder die Diskussionen um Bands geben. Wenn anonym und in einem Stil, der für mich von vornherein jeglichen Bedarf an ernsthafter Auseinandersetzung ablehnt, Vorwürfe auftauchen, die sich auf angebliche Fakten berufen, so muss sich niemand wundern, wenn sich Gräben auftun, wo eigentliche keine sein sollten. Ich bin Antirassist, ich lehne Extremismus ab. Das weiß mein Umfeld, das wissen die Leute die unsere Band kennen, das ist der Grundkonsens. Ob da jetzt acht Seiten oder 80 verfasst werden, daran gibt es nichts zu rütteln. Ich stehe bei allem, was ich mache, mit meinem Namen ein, aber wie soll ich jemanden respektieren, der auf so eine Art und Weise anonym arbeitet? Die Ausgangsposition ist ziemlich strange: Für rechte Boneheads sind wir die „Multikulti SHARPS“ und für einige wackere Stalinisten halten wir die Grenze nach rechts offen? Da ist der Skinhead-Slogan „Neither red nor racist“ passend! Was wir über das deutsche Denunziantentum denken, kann sich jeder ausmalen. Typisch deutsche Gründlichkeit, wie dort vorgegangen wird. Das Foto an solches ist nicht das Problem. Das, was es darstellt, die Situation ist zum Kotzen! Man sieht keine Rechtsverbindungen und kann auch keine herstellen. Ich bin Anti-Nazi! Nur wer weiß, dass die Person auf dem Foto ein Teil meines Erwachsenwerdens war, versteht den Bruchteil dieser Sekunde, dieses Momentes. Es gab und gibt keine gemeinsame Party, keine Freundschaftsbande! Wenn ich darüber nachdenke, wie viele Freunde, Bekannte und Leute, die unsere Band mögen, ich damit vor den Kopf gestoßen habe, so kann ich nur sagen, dass mir das auf jeden Fall leid tut. Manche Dinge verfolgen einen lange und ich schätze, die nächsten Jahre werde ich noch sehr häufig mit dem Thema konfrontiert werden. Es ist schon sehr, sehr viel zu dem Foto gesagt, geschrieben und beredet worden, ich kann es nicht schönreden oder verschwinden lassen. Damit ist auch niemandem geholfen. Das Foto gibt es, es war ein Fehler und ich habe meine Konsequenzen daraus gezogen. So etwas wird mir nicht wieder passieren.

Flacke: Da sind wohl mehrere Gründe maßgeblich. Zum einen die historische Entwicklung der Skinhead-Kultur hierzulande mit allen Schatten, aber auch vielen, vielen guten Seiten. Der Zeitpunkt, zu dem Skinhead in Deutschland wirklich Fuß fasste, war denkbar ungünstig. Ich weiß es nicht genau, da ich erst später dazu gekommen bin, aber ein großer Teil der Szene Mitte der 80er war vielleicht durch das alles andere als erbauliche Image angezogen, das zu dieser Zeit von der Insel rüberkam. Da sind leider Verflechtungen entstanden, die immer noch nicht vollständig entwirrt sind. Das und das rebellische, teilweise auch leicht elitäre Selbstverständnis („Wir gegen euch“) führte dann dazu, dass die Skinhead-Szene genauer beobachtet wurde als andere Subkulturen, was ja auch nachzuvollziehen ist. Schließlich spielt wohl das Internet eine große Rolle dabei, dass es „immer wieder diesen Ärger mit Skin-Bands“ gibt. Mein Eindruck ist, dass sich das in den letzten Jahren verstärkt hat. Auf der einen Seite ist das unter szene-hygienischen Gesichtspunkten gut, andererseits wird aber auch zu viel Schindluder mit den Recherchemöglichkeiten getrieben. Dieses „Der hat jemanden in seiner MySpace-Freundesliste, der einen in der Freundesliste hat, der die Naziband XY verlinkt hat“ ist nicht immer hilfreich, da viel Energie verschwendet wird, die anderswo sinnvoller eingesetzt werden kann bzw. sollte.

Warum, und das ist eine polemische, aber nicht unzutreffende Darstellung, hat scheinbar jeder – auch linke – Skinhead einen rechten Freund oder zumindest einen nicht-rechten Freund, der rechte Freunde hat?

Flacke: Explizit politisch ausgerichtete Subkulturen mal ausgeklammert: Wo ist das denn anders? Mit dieser Internet-Freundeslisten-Wühlerei lässt sich doch um 2 bis 3 Ecken JEDEM irgendeine Nazi-Verstrickung anhängen. Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass es in der Skinhead-Szene mehr Ungereimtheiten gibt als anderswo, aber dafür eine ganze Szene in Sippenhaft zu nehmen, ist nicht richtig. Uns bereitet es Sorgen wenn wir beobachten, wie viele gerade Jüngere auf diese Art Druck reagieren und eine beschissene „Scheiß auf die Antifa“ -Schiene fahren. Ich kenne niemanden, der den Satz „Der Feind steht rechts!“ nicht unterschreiben würde. Wenn man dann aber immer wieder vorgeworfen bekommt, für das zu stehen, was man am meisten hasst, dann kotzt einen das einfach an. Und noch schlimmer finde ich, dass dann am anderen Ende der politischen Skala die rechten Rattenfänger stehen und die Arme ausbreiten ...

Sebi: Die Frage ist genau so gestellt, wie die breite Öffentlichkeit Skinheads sieht. Egal, was Skins sagen, egal, wo sie stehen, grundsätzlich sind sie – oder aber mindestens ihr Umfeld – rechts. Das ist Springer-Presse und nichts anderes. Zu deiner Frage, das hat nichts mit Skinheads zu tun, auch das ist doch etwas, was es in jeder Musik und Jugendkultur gibt. Das beinhaltet doch auch die schwierige „Aussteigerfrage“, denn dann tauchen wieder die Probleme auf. Wer entscheidet wer, wann, wo und nach welchen Maßstäben jetzt ohne Problem akzeptiert wird? Um es ganz einfach auszudrücken: Rechtes Gedankengut ist ein gesellschaftliches Problem und nicht eines der Skinhead-Szene.

Aber warum scheint es in dieser Szene so zu sein, dass nach dem fünften Bier jeder Mann mit Glatze erstmal Skin und Kumpel ist, nach dessen politischer Meinung man erst im nüchternen Zustand wieder fragt, wenn die peinlichen Fotos auftauchen?

Flacke: Das ist jetzt, vorsichtig formuliert, eine ziemlich vereinfachte Sicht der Szene von außen. Und das scheint mir auch ein Grundproblem zu sein: Diese Szene, diese Kultur ist viel komplexer als es von außen scheint. Die Kombination der Begriffe „Skinhead“ und „komplex“ wird wahrscheinlich bei nicht wenigen zu Lachkrämpfen führen, aber wenn die Auseinandersetzung mit dieser Kultur ernsthaft sein soll, dann sollte sie auch unvoreingenommen erfolgen und nicht polemisch. Diese blöde Vokabel „unpolitisch“ hat eine verheerende Eigendynamik in der Szene entwickelt. Ursprünglich war sie mal nützlich, um sich gegen die Vereinnahmung der Szene durch rechte Ideologien zu schützen, aber darüber sind wir eigentlich mittlerweile hinweg. Die Diskussionen darüber verlaufen eigentlich immer gleich: Die meisten sagen: „Kein Mensch ist unpolitisch, aber meine politischen Überzeugungen haben nichts mit meinem Dasein als Skinhead zu tun“, und genau das ist der springende Punkt. Einhundert Prozent derer, die STOMPER 98 mögen, sind Antirassisten. Das ist der Minimalkonsens. Sollte es ein paar Leute geben, bei denen das nicht so ist, dann haben die einfach einen enormen Dachschaden und können sich verpissen. Jede weitere Diskussion kann nur noch um die persönlichen Grenzen gehen, was für einen selbst noch tragbar ist und was nicht. Und hier wird’s dann kompliziert, weil Skinhead an sich, jedenfalls der Teil der Szene, der gerne als „unpolitisch“ bezeichnet wird, absolut unideologisch ist. Man kann sogar sagen antiideologisch, da das Trauma der politischen Vereinnahmung durch rechte Organisationen tief verwurzelt ist. Die einen begegnen dem mit einer Hinwendung zu linken Ideologien, die anderen, die „unpolitischen“, lehnen diese in der Szene ab. Wohlgemerkt: in der Szene! Ich glaube, dass es innerhalb dieser Auseinandersetzung einen tiefen Graben gibt. Nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen den unterschiedlichen Auffassungen darüber, inwieweit Politik und Kultur von einander getrennt werden können. Genau das, und nicht die Frage „links oder rechts“ ist der Kernpunkt der momentanen Auseinandersetzungen.

Sebi: Nur in dieser Szene? Werfe ich einen Blick auf die gesamte Szene, was Skins und Punx in den Innenstädten betrifft, so ist das auch keine Sache, die nur die Skinheads etwas angeht. Vor allem ist es einfach mal eine Unterstellung zu behaupten, dass es so abläuft. Wenn ich auf einem Ska-Nighter oder einer Hardcore-Show bin, dann bin ich dort in erster Linie, um mich zu amüsieren. Mit meinen Freunden, mit Leuten, die ich kenne oder die ich dort kennen lerne. Schon in den ersten Momenten versuche ich zu erkennen, wie mein vermeintlich nettes Gegenüber so tickt. Ich bin selber schon auf die Fresse gefallen, aber hat nicht jeder schon mal Leute kennen gelernt die sich am Ende als Arschlöcher rausgestellt haben? Das jetzt ohne Wertung auf politische Entgleisungen, die du wahrscheinlich meinst. Schaue ich mich bei unseren Konzerten um, die eine große Bandbreite an Publikum ziehen, Punx, Skins, Psychos, HC-Kids und so weiter, so geht es dort nicht um das große politische Bewusstsein, was alle ja angeblich haben, sondern es geht um die Dinge, die für die meisten jungen Leute eine Rolle spielen: am Wochenende aus dem Alltag ausbrechen, einen trinken, jemanden kennen zu lernen und bei der Musik, die einem etwas bedeutet, die Sau rauszulassen. Einfach anti und dagegen zu sein. Nur weil jemand kurze Haare und Boots trägt, läuft das doch nicht anders ab als bei anderen Jugendlichen auch. Und eine Vorverurteilung die immer wieder basierend auf dieser Grundlage kommt, sehe ich da grundsätzlich sehr kritisch.

Warum soll jemand aus der Punk-Szene so was tolerieren, der kein rechtes Pack im Freundes- und Bekanntenkreis hat?

Sebi: So was toleriere ich auch nicht. In meinem Freundes & Bekanntenkreis gibt es keine Rechten. Mein Leben beschränkt sich doch nicht nur auf die Skinhead-Szene. Das wäre ja genauso einschränkend, wie der Gedanke jeden Tag nur Wasser und Brot zu essen. Wo kommen die Annahmen her, dass Leute wie wir in einem kleinen Dunstkreis sitzen und vergessen, dass um uns herum die Welt sich weiterdreht? Schwer zu begreifen ist für mich die von dir ständig erwähnte Trennung der verschiedenen Szenen. Die gibt es doch so nicht mehr. Das ist vielleicht noch in den Köpfen der älteren Leute verwachsen, aber wenn du unter die jungen Leute schaust, siehst Du das es DIE Punkszene, DIE Skinhead-Szene oder DIE HC-Szene so nicht (mehr) gibt. Das beste Beispiel sind da Festivals wie das Endless Summer, Force Attack oder With Full Force. Dort sehen die Leute so viele verschiedene Bands aus verschiedenen Genres, die trennen sich ja nach so einem Wochenende nicht wieder. Ob das dann jedem schmeckt ist eine andere Geschichte, ich persönlich mag solche Konzerte, da mein Musikgeschmack breit gefächert ist und es Spaß macht nach einer Band wie z.B. TERROR oder CONFLICT direkt mal Ska, 77er Punk, Oi! oder alles was sonst noch meinem Lebensgefühl entspricht zu hören.

Flacke: Komische Frage. Niemand soll so was tolerieren. Außerdem hat niemand von uns rechtes Pack im Freundes- und Bekanntenkreis! Wir selbst tolerieren sie ja auch nicht. Ich muss aber zugeben, dass ich von der politischen Auseinandersetzung teilweise schon überfordert bin. Da kommt etwa der Vorwurf auf, dass wir uns „nur“ als antirassistisch, nicht aber als antifaschistisch bezeichnen. Mir ist das aber einfach zu heikel, klar sehe ich mich als Antifaschist, aber gegen welche Definition von Faschismus bin ich denn? Wenn ich sage: „Ich bin Antifaschist und Anarchist“, kommt einer daher und sagt: „Anarchismus ist nicht mit Sozialismus vereinbar, und Antisozialismus ist Faschismus“, bin ich in den Arsch gekniffen. Wenn ich sage: „Ich bin Antifaschist und Sozialist“, meint der Anarchist: „Sozialismus ist eine Herrschaftsform und deswegen per se faschistisch“. Das ist einfach nicht meine Welt ...

Warum schaffen es die „guten“ Skins nicht, sich vom Klotz des rassistischen Images zu befreien? Vielleicht weil die überwiegende Mehrheit der so genannten Skinheads doch rassistische, stockkonservative Gedanken in sich trägt, die Angst vor der eigenen Courage ein klar antifaschistisches Auftreten verhindert ...?

Lars: Skins sind weder gut noch böse. Skins sind Menschen. Skins gibt es in der ganzen Welt, auf jedem Kontinent, in jeder Religion. Skins sind weiß, schwarz, gelb, was du willst. Die Hautfarbe spielt für einen Skinhead keine Rolle, wichtiger ist die Frage: Bist du Skinhead oder nicht? Das Skinhead-Sein allein ist konsequentes Auftreten genug als Statement gegen Faschismus und Rassismus.

Flacke: „Die überwiegende Mehrheit der so genannten Skinheads“ hat Platten von VOLXSTURM, den MAYTALS, LOIKAEMIE, Prince Buster, den ANGELIC UPSTARTS, SPECIALS, SHAM 69, OPPRESSED, STOMPER 98, STAGE BOTTLES usw. usf. im Schrank stehen. Wenn die also alle „doch rassistische, stockkonservative Gedanken in sich“ drehen, dann haben all diese Bands definitiv irgendwas falsch gemacht und sich nicht ausreichend abgegrenzt. Zu deiner Frage: Ich glaube, dass das wieder mit dem Selbstverständnis vieler Skins zusammenhängt. Zunächst mal sagst du ja treffend „rassistisches IMAGE“. Der Anteil der Skinheads mit rassistischem Weltbild wird überschätzt, in der „unpolitischen“ Szene gibt es eigentlich keine Rassisten, oder sagen wir: so viele wie in der Punk-Szene. Die Rassisten und Faschisten haben ihre eigene Infrastruktur, eigenen Stil und Habitus, die mit der Skinhead-Kultur nichts gemein haben. Die schwarzen Wurzeln der Skinheads haben sich eben mittlerweile auch ins letzte Dorf herumgesprochen. Dementsprechend ist die überwältigende Mehrheit der Skinheads einfach nicht der richtige Adressat für Aufforderungen zu antirassistischen Bekenntnissen. Die Leute, mit denen ich zu tun habe sehen das so, dass man einfach Antirassist ist, das ist normal und nicht weiter erwähnenswert. Man lebt das, und oft genug kracht’s auch. Der bei weitem überwiegende Teil der körperlichen Auseinandersetzungen, die ich in meinem bisherigen Leben hatte, war mit irgendwelchen Nazischweinen. Dementsprechend reagiert man gereizt, wenn man ständig mehr oder weniger hysterisch aufgefordert wird sich zu „bekennen“. Da sind wir dann wieder beim Selbstverständnis: Hier stehe ich, ich bin der der ich bin, also was willst du von mir? Wenn ich dazu neige, auf Zuruf von irgendwem ein bestimmtes Verhaltensmuster abzurufen, dann werde ich nicht Skinhead und auch nicht Punk.

Sebi: Bei der Entscheidung, wer die guten Skinheads sind, wäre ich gerne dabei. Bei der Entscheidung wer ein guter Mensch ist wäre ich noch viel lieber dabei. Vor allem würde mich interessieren wer das entscheidet. Was ist da ausschlaggebend? Es ist doch eine Frage wer recherchiert, nachfragt und anklagt, bzw. das Urteil schon längst gefällt hat. Auch in Bezug auf dieses Interview gibt es sicher Leute, die beide Bands kennen und die eine vielleicht dem „guten“, die andere eher dem „bösen“ Spektrum zuordnen würde. Und das wenn biografische Aspekte von beiden Bands und einzelnen Mitgliedern identisch sind. Wie ich auftrete, ist ganz allein meine Entscheidung. Die Meinung, die im Allgemeinen über Skinheads vorherrscht, wird niemals aus den Köpfen der Leute verschwinden. Da ist es egal wie laut wir dagegen anstinken. Im Übrigen ist niemand ein besserer Antifaschist, nur weil er Probleme hat die eigene Vergangenheit zu bewältigen und das wie wild und ohne Pause raushaut. Das hat doch nichts mit Courage zu tun. Viele Skinheads wollen einfach niemandem ständig Rechenschaft ablegen. Das entbehrt dem Sinn gegen das Establishment zu rebellieren. Als wir mit STAGE BOTTLES letztes Jahr auf einem Konzert zusammenspielten, hieß es im Vorfeld, das wohl ein paar Nazis Olaf aufs Maul hauen wollen. Da werden dann keine großen Worte von unserer Seite verloren. Er kam zu uns, TOXPACK u.a. und da stand es doch außer Frage ihm zur Seite zu stehen. Es ist natürlich nix passiert. Sollen wir das jetzt in die Welt hinausposaunen? Wir kennen uns alle seit vielen Jahren und stehen für das Gleiche ein, jeder auf seine Art. Als Band haben wir im Winter 2007 beschlossen die neue Platte „Tage deiner Jugend“ aufzunehmen. Uns war wichtig den Kids zu zeigen, wo unser musikalischer und subkultureller Hintergrund liegt. Wo wir herkommen, wie wir uns als Band sehen. Da war es kein Zufall das dort Bands auftauchen wie KOMINTERN SECT, ANGELIC UPSTARTS, VANDALEN, THE SPECIALS, THE OPPRESSED, ATTILA THE STOCKBROKER, 4 SKINS usw. Das, was diese Bands uns vermittelt haben, dazu neue Songs von uns wie „Viel zu viele“, so sehen wir uns. Wir scheinen damit auch nicht falsch zu liegen, denn es scheint ja eine große Anzahl an Leuten genauso zu sehen wie wir, betrachte ich mal was so in den letzten 2-3 Jahren bei uns passierte!

Wenn wir ehrlich sind, ist doch die so genannte Skinhead-Szene nichts anderes als ein Altherrenclub mit subkulturellem Anspruch. Längst Vergangenes wird hochstilisiert und stets lauwarm aufgekocht. Auch die musikalischen Referenzen haben sich über die Jahre nicht verändert, kurzum man dreht sich immer schön um die eigene Achse. Bitte korrigiert mich, wenn ich mit dieser Vermutung falsch liegen sollte ...

Sebi: Ist diese Frage tatsächlich ernst gemeint?

Flacke: Das ist also im Klartext die Frage, ob die Skinhead-Kultur anno 2008 noch eine Existenzberechtigung hat...die Tatsache, dass ich Skinhead bin drückt wohl meine Meinung dazu aus. Wenn ich mir unsere Platten anhöre und im Vergleich dazu meinetwegen die COCKNEY REJECTS oder ANGELIC UPSTARTS, dann sehe ich sehr wohl eine Weiterentwicklung. Auch wenn die ersten Sachen, die man hört immer prägend sind. Aber im Punkrock ist es ja nicht anders. Gibt es irgendeine Punkband, die keine Referenzen an die 77er-Bands, die RAMONES, CLASH, MC 5 oder sonst eine der alten Bands hat? Eine Deutschpunk-Band, die sich nicht auf SLIME, RAZZIA oder TOXOPLASMA beruft? Von der RocknRoll-Szene mal ganz zu schweigen ... Das alles gilt auch für die Texte. Ich frage mich immer wieder, wie man, persönlicher Geschmack hin oder her, immer wieder Oi!-Bands vorwerfen kann, textlich ausgelutschte Klischees zu verbreiten, gleich danach aber den 1000sten „Bullenschweine“-Abklatsch abfeiert oder irgendeine Eightball-Broken-Heart-Cadillac-Schmonzette für innovativ hält. Wenn man ehrlich zu sich selbst ist, dann ist doch jede Subkultur in gewisser weise konservativ, das ist integraler Bestandteil von Subkulturen.

Lars: Du liegst falsch, lieber Joachim, total falsch! Die Skinhead-Kultur ist alles andere als ein „Alt-Herren-Club“. Die jüngsten Skinheads, die ich kenne, sind 13, 14 Jahre alt. Was uns eint, ist die Abgrenzung gegenüber dem Mainstream (also der allgemein anerkannten Pop-Kultur) durch einen bestimmten Kleidungsstil, Musik, Wertvorstellungen, Erfahrungen, etc. Skins sind sicherlich Nostalgiker, aber deswegen nicht unbedingt romantisierend. Die Subkultur der Skinheads ist über 40 Jahre alt, sie war und ist in einem ständigen Fluss, sowohl stilistisch als auch musikalisch. Ständig kamen und kommen neue Einflüsse, die Eingang finden in den „Skinhead Way Of Life“, einen Stillstand gibt es nicht. Und das betrifft alle Bereiche (leider auch die Politik). In über 20 Jahren Zugehörigkeit hab ich selber einige Entwicklungen miterlebt.

Wie der Skin von vor 30 Jahren aussah bzw. heute auszusehen hat, steht außer Frage. Wie seht ihr denn den „Kult“ heute, im Jahre 2009, was macht für euch den Unterschied zwischen Skinhead und Normal-Bevölkerung, ja und auch innerhalb der alternativen Szene aus?

Sebi: Da kann ich nur für mich sprechen, denn wie der Skin von vor 30 Jahren oder heute auszusehen hat, steht in der Gesellschaft und der Punk-Community ja meist völlig vorurteilsfrei völlig außer Frage. Wahrscheinlich mit grüner Bomberjacke, Domestoshose & Nassrasur. Dazu der Verstand eines Erdhörnchens und fertig ist der Skinhead, der in Deutschland seit Anfang der 80er durch die Szene geistert. Vielleicht ein wenig überspitzt formuliert, aber nicht ganz von der Hand zuweisen. Ich bin Ende der 80er vom Punk/HC-Kid zum Skinhead geworden. Bands wie CRO-MAGS, D.R.I., YOUTH OF TODAY, MISFITS, SHAM 69, 4SKINS, AGNOSTIC FRONT, BÖHSE ONKELZ usw. standen da Pate. Meine Wut auf Gesellschaft, System, Familie, Schule, auf mich selber konnte ich damit am besten zum Ausdruck bringen. Boots, kurze Haare, Tattoos, die Musik, all das hat mich bis heute nicht losgelassen. Ich lebe mittlerweile seit Jahren Straight Edge und ernähre mich vegan, weil ich bei diesem ganzen Konsum, diesem ganzen aufgesetzten Scheiß in dieser Gesellschaft nicht mitmache. Die Leute fressen alles, was ihnen vorgekaut wird und zeigen mit dem Finger auf die, die vermeintlich am Rande der Gesellschaft stehen. Da prügeln Arbeiter auf „Hartz IV“-Empfänger ein, anstatt gemeinsam nach oben zu schlagen. Der Kampf zwischen oben und unten findet seit Jahren statt und niemand von den vermeintlich Schwächeren bemerkt das. Oben lachen sich die Bosse und deren Handlanger in der Politik ins Fäustchen. Meine Wut ist genauso vorhanden wie vor 20 Jahren, da wird sich nie was ändern und das will ich auch nicht. Klassenbewusstsein und Stolz ohne Vorurteile sind ein großer Bestandteil meines Lebens als Skinhead. Mit meiner Frau und unseren Kindern versuchen wir so, wie es in unseren Möglichkeiten steht, ein alternatives Leben zu führen. Protest heutzutage findet bei mir nicht statt, indem ich Scheinwerfer von Bullenautos eintrete, so wie früher, dafür trage ich zu viel Verantwortung. Mit offenen Augen durchs Leben, den Kindern Toleranz zu vermitteln und bei Ungerechtigkeit niemals zu schweigen. Sei es auf der Arbeit oder sonst wo, es fängt im eigenen Umfeld an. Innerlich werde ich nie zur Ruhe kommen, daran merke ich wie tief das in mir steckt. Deshalb schreibe ich Texte, mache diese Musik und lasse damit meiner Wut, meinem Zorn kontrollierten Lauf.

Flacke: Dass es außer Frage steht, wie „der Skin von heute“ auszusehen hat, sehe ich nicht so. Um es mal „skinheadmäßig“ pathetisch zu sagen: Skinhead bist du nicht auf dem Kopf, sondern im Herzen. Klar gibt es allein kleidungsmäßig Sachen, die ich persönlich nicht tragen/kombinieren würde, aber wer gibt mir das Recht jemanden für seinen Kleidungsstil zu kritisieren? Mode hat in der Skinhead-Kultur immer eine mehr oder weniger große Rolle gespielt. Das ist eine der Sachen, die ich so daran liebe. Die erste Generation, in Brogues, 3-Button-Suit und Crombie hätte sich wohl totgelacht über ihre nassrasierten Nachfahren in Bomberjacke und Domestoshose. Aber das ist wieder ein Gegenargument für die These, dass Skinhead ultrakonservativ in der Vergangenheit verhaftet ist. Jede Zeit hat ihre Spuren hinterlassen in Mode, Musik und Habitus. Heute haben wir die Möglichkeit auszuwählen: will ich der 69er-Smartie sein, der 70er Suedehead, der 80er Bomberjacken-Skin, der eher amerikanisch beeinflusste Hardcore-Skin? Skinhead 2008 ist eine Kombination aus alldem mit den Zutaten von heute. Das gilt nicht nur für die Mode, sondern auch für die Musik, Plattencover, Literatur, Fanzines und Konzerte/Nighter. Skinhead ist einfach eine äußerst lebendige Szene, und genau das scheint vielen nicht zu gefallen.

Lars: Ich sehe, ganz subjektiv, die Anzahl der Skinheads ansteigen. Nicht nur, dass es noch immer viele ältere Skins gibt, welche 20 Jahre und mehr A Way Of Life auf dem Buckel haben, sondern auch viele junge Leute schließen sich der „Szene“ an (irgendwie kann ich dieses Wort nicht leiden *brrrr*). Die Jungen haben es sicherlich leichter, an Informationen über die Geschichte der Subkultur heranzukommen, als wir es in den 80ern hatten. Allein das Angebot an Klamotten heutzutage: So gut angezogen wie 20jährige heute waren wir damals sicher nicht! Das heißt aber nicht, dass es heutzutage leichter wäre, Skinhead zu sein als früher. Die Skins 2009 sind mit einem anderen Background groß geworden, sie halten zwar die Roots in Ehren, bringen aber ihre eigene Sichtweise ein. Die Vorurteile des Otto Normalverbrauchers dagegen sind nach wie vor dieselben. Und auch die Vorurteile innerhalb der übrigen Nicht-Mainstream-Szene haben sich kaum geändert. Skinhead ist eine Subkultur, die für Außenstehende schwer zu verstehen sein mag, aber sich bezüglich der Motivation von anderen Subkulturen nicht wirklich unterscheidet. Vor allem im Stil: Hart aber smart. Im Grunde genommen soll jeder machen, was er für richtig hält. Mir persönlich ist es allemal lieber, wenn jemand sein eigenes Ding macht, als auf Bild, RTL oder Hitradio N1 (wo genau ist eigentlich der Unterschied?) zu hören.

Die Theorie verheißt Unity, Spaß und Toleranz. Wo aber hört diese beziehungsweise dieser bei euch auf, welche Grenzen zieht ihr, wie habt ihr euch da in den Jahren geändert?

Sebi: Die Praxis bedeutet Unity, Spaß und Toleranz. Ich ehe das sehr idealistisch und politisch. Da sind eine Menge Kids mit denselben Interessen, Ängsten, Wut, Ablehnung etc., all diese Dinge, die Dich dazu bringen nicht mehr mit der Masse mitzuschwimmen. Jeder will ausbrechen und versucht das auf die für ihn bestmögliche Art und Weise. Das ist erst einmal sehr positiv. Es ist schon sehr viel friedvoller, als es noch vor 15-20 Jahren war. Die Grenze als Band ziehen wir bei Intoleranz, Rassismus, Extremismus, Faschismus, Sexismus in billigster Form usw. Als Privatperson gehe ich noch einen Schritt weiter, toleriere weder die Ausbeutung der Umwelt, setze mich für Tierrechte ein & versuche dem Konsumterror und der Maßlosigkeit der heutigen Zeit entgegenzutreten. Vegane Ernährung und Straight Edge sind da meine Eckpfeiler. Im Vergleich zu meiner Jugend ist das schon ein Unterschied von Tag und Nacht. Erfahrungen haben ihre Spuren hinterlassen und ich versuche das Beste mitzunehmen und niemals auf der Stelle treten. Dieses „Ficken-Saufen-Oi!“-Klischee lehne ich ab, denn damit hat mein Leben einfach gar nichts gemein!

Flacke: Veränderungen hat es definitiv gegeben. Ich habe Sachen früher zugegebenermaßen lockerer gesehen. Das hat sich geändert, teils aufgrund des zunehmenden Alters, teils weil man sich bewusst wird, dass man mit der Zeit eine gewisse Verantwortung bekommen hat. Du fängst an Musik zu machen und denkst dir „Scheiß auf alles, Oi! Oi! Oi!“, aber irgendwann merkst du, dass das, was du auf und vor allem auch neben der Bühne treibst wahrgenommen und als Einfluss übernommen wird. Ich frage mich, wie GG Allin damit klargekommen ist ... Bei mir jedenfalls hat das definitiv Spuren hinterlassen, und ich nehme viele Sachen heute ernster als früher. Daher finde ich auch den ersten Satz in Deiner Frage gut. Unity und Toleranz sind eben nur bis zu dem Punkt Theorie, wo dir bewusst wird, dass das, was du tust, wahrgenommen wird. Bis dahin ist alles ganz leicht, und dir ist nicht mal bewusst, dass das eben nur Theorie ist. „Parole Spaß“ gilt für mich nach wie vor, aber eben nicht vorbehaltlos. „Unity“ mit rassistischen Hohlköpfen gibt es nach wie vor nicht, aber eben auch nicht mehr mit Leuten, die ihre „unpolitische Haltung“ um jeden Preis demonstrieren müssen. Haltung ist smart! Und was die Toleranz angeht bin ich mittlerweile ziemlich weit von dem berühmten Rosa-Luxemburg-Zitat abgerückt.

Lars: „If the kids are united“ ist natürlich eine schöne Utopie, die sich wohl niemals realisieren lässt. Ich will mich auch gar nicht mit jedem Skin oder jedem Punk „vereinigen“, dafür gehen die individuellen Meinungen viel zu sehr auseinander. Trotzdem lohnt es sich, für diese Einigkeit einzustehen. Ein breitgefächertes Spektrum an Subkulturen halte ich für erstrebenswert, sonst könnten wir uns ja auch ohne Gegenwehr „gleichschalten“ lassen. Artenvielfalt ist Lebensqualität. Sobald aber jemand meint, er müsse seine politische Gesinnung durch eine Subkultur ausleben und andere missionieren, ist bei mir ganz klar eine Grenze überschritten. Da hört der Spass auf, und mit Toleranz ist es auch nicht mehr weit her. Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, dass in einem totalitären System (gleich welcher Coleur) Individualität keinen Platz hat und ein selbstbestimmtes Leben nicht möglich ist. Und das gilt für jede Subkultur.

Was für eine Lehre, welche Konsequenzen zieht ihr aus der aktuellen Diskussion, worin hat euch das bestätigt?

Flacke: Wie bereits erwähnt hat die ganze Sache bei uns zu einigem Nachdenken geführt. Ganz klar: Wir haben Sachen gemacht, die wir heute nicht mehr so machen würden. Wir waren früher unbedarfter. Daran gibt es nichts zu rütteln, und uns bleibt nur, das Beste draus zu machen. Bis zu unserer Platte „Für die Ewigkeit“ aus 2007 haben wir ja auch nicht damit gerechnet, dass wir mit unserer Musik solche Kreise ziehen. War ja auch nicht geplant. Jetzt haben wir den Salat und müssen versuchen damit klar zu kommen bzw. die Möglichkeit nutzen, den ja nach den Reaktionen zu gehen gewachsenen Einfluss positiv zu nutzen. Die von Sebi schon erwähnten Coversongs geben die Richtung vor. Die Wahl des Conne Island als Veranstaltungsort war absolut bewusst. Die Tatsache, dass durch die „Antifa-Mark“ bei ausverkauftem Haus ein schöner Beitrag für eine gute Sache herauskommt, hat uns in der Entscheidung bestärkt. Es ist einfach Bullshit, dass das ein Akt der Provokation war dort zu spielen oder gar der Versuch, die „Schleusen nach rechts“ zu öffnen. Bestärkt hat uns die ganze Sache darin, unseren Weg weiter zu gehen, uns zwar den einen oder anderen Gedanken zu machen, aber nicht einzuknicken. Es gibt eine Menge Skins da draußen, die keinen Bock darauf haben, sich herumkommandieren zu lassen, denen das verrufene Wort „Stolz“ tatsächlich etwas bedeutet, was nichts mit Patriotismus und Nationalismus zu tun hat. Und die Rassismus zum Kotzen finden, sich aber auch nicht in Ecken Drängen lassen wollen, in die sie nicht gehören.

Sebi: Als Konsequenz für uns als Band ist es erstmal offensiv mit allem umzugehen. Wenn jemand uns angreift, so stellen wir uns dagegen und schaffen das aus der Welt. Offensiv und ehrlich. Wir versuchen keine Angriffsfläche mehr zu bieten. Konzerte machen wir nur mit Leuten, Clubs, Bands etc., die wir kennen bzw. denen wir vertrauen. Wir sind seit ein paar Monaten bei M.A.D Tourbooking, und dadurch haben wir die Möglichkeit, uns noch mehr auf die Musik zu konzentrieren. Die Basis ist sehr vertrauensvoll und freundschaftlich und vor allem tief in der Szene verwurzelt, was uns sehr wichtig ist! Unsere Identität als Band, die Attitüde werden wir nicht aufgeben, nicht für Erfolg oder sonst was. Unsere Platten sind von der ersten Scheibe bis zur Doppelplatte „Tage deiner Jugend“ immer von unseren Erfahrungen und Ansichten geprägt. Dementsprechend sehen wir uns bestätigt, etwas erreicht zu haben. Skins, Punx, HC Kids, Hools, sogar Metalheads kommen zu unseren Gigs und unterstützen uns. Das hätte ich nie für möglich gehalten, dass wir mal solche Kreise ziehen. Schwierig ist es für mich mit dem Rummel umzugehen, der da seit Monaten herrscht. Es reden Leute davon, dass ich eine „Vorbildfunktion“ einnehme, weil uns viele wahrnehmen. Da komme ich nicht so gut mit, denn ich sehe uns noch wie vor 10 Jahren , als ein paar Jungs die über das singen was ihnen etwas bedeutet, was sie bewegt. Jetzt hören das mehr Leute, und mehr als mein Lebensgefühl zu vermitteln kann ich da nicht. Mir fiel es immer schwer, mein eigenes Leben in einigermaßen geraden Bahnen laufen zu lassen, jetzt habe ich auch noch die Verantwortung der Außenwirkung zu tragen? So etwas wie mit „dem Foto“ hilft da nicht weiter, das ist mir selber klar, doch sage ich niemandem, wie er sein Leben zu gestalten hat. Mein Grundgedanke war bisher immer, dass die auf der Bühne, dieselben sind wie im Publikum. „No more heroes“ oder „Kill your idols“ sind nicht dahergeredet, sondern ein wichtiger Bestandteil unserer Musik.

Lars: Ich habe gelernt, dass es Linke gibt (zumindest einige wenige), die so engstirnig und verbohrt sind, dass sie sich von den Rechten nur noch unwesentlich unterscheiden. In dem Ausmaß war mir das neu. Aber nach wie vor sind wir eine Band, die in erster Linie Musik machen will und nebenbei noch sagt, was sie denkt. Und das wird auch so bleiben. Natürlich machen wir unsere Musik vor allem für Skinheads, und unsere Texte strotzen ja nur so von einer gehörigen Portion Pathos. Das wird ganz sicher auch ein Markenzeichen von STOMPER 98 bleiben, das ist schließlich ein Teil unseres Lebens. Wenn ich mir nun die STOMPER 98-Fangemeinde angucke, sehe ich bei weitem nicht nur Skins, sondern auch massig Punks, Psychos, Rockabillys, Metaller, Hardcore-Kids, etc. Für mich Beweis genug, dass wir auf dem richtigen Weg sind, wenn wir uns nicht von irgendwelchen Polit-Heinis unterkriegen lassen.

Sandalen scheint ihr gemäß eurem Logo nicht gerade aufgeschlossen gegenüber zu stehen. Schmückt es sich als traditioneller Skinhead einfach nicht mit diesem (verhassten) Hippieschuh durch die Welt zu gehen? Oder anders gefragt: Was verbietet euch das Skinheadsein, was ermöglicht es euch?

Flacke: Haha, das Sandalenlogo ... Meiner Meinung nach schmücken Sandalen niemanden, egal ob Hippie, Punkrocker oder Skinhead. Wahrscheinlich würde selbst meine Freundin in Sandalen ein wenig von ihrem Sexappeal einbüßen. Ich werde allerdings auch niemandem die Freundschaft aufkündigen, wenn ich ihn oder sie mal in Sandalen erwische ... glaube ich jedenfalls. Im Ernst: „Verbieten“ ist das falsche Wort. Ich lasse mir nichts verbieten, worauf ich Bock habe, und wenn ich mal Bock auf Sandalen habe, dann trag ich auch Sandalen. Aber ich bin ja Skinhead geworden, weil ich den Look mag, die Musik, die Haltung. Das ist nichts, was mich einengt, sondern das, was ich machen will. Dasselbe gilt eigentlich auch für das „ermöglichen“. Ich bin nicht Skinhead geworden, weil ich mir gedacht habe „Hui, dann kann ich dieses oder jenes machen“. Ich glaube nicht, dass die Wahl einer Subkultur ein rationeller Akt ist. Das kommt halt einfach so ...

Sebi: Unser Logo, hahahaha, 10 Jahre alt und noch nie Aufhänger für irgendwas gewesen. Der Fuß, in dem diese Sandale steckt gehört übrigens einem Bandmitglied. Deswegen entstand das Bild. Wir haben uns drüber lustig gemacht. Es schickt sich nicht, als Skinhead mit diesem Schuhwerk durch die Welt zu gehen. Diese Schuhe schmücken niemanden. Von mir aus kann jeder anziehen, was er will, aber für mich ist das nichts. Dass ich bei 30 °C im Sommer mit meinen Kids nicht in Boots & Braces auf dem Spielplatz oder im Garten bin, steht dabei außer Frage. Ich habe zwar Stil, aber keinen Dachschaden. Dresscodes unterwerfe ich mich nicht und ich ziehe an und mache, was ich will. Deswegen verbietet mir auch das „Skinheadsein“ einfach nichts, was mir gefällt. Ich bin ja gerne so, mir gefällt was ich als „Skinhead Way“ interpretiere, so gut, dass es da keine Veränderung geben wird. Als ich mich zum Skinhead entwickelte, habe ich mir die Frage nie gestellt, was mir das ermöglicht. Die Ernüchterung erfolgte eher schnell, denn niemand fand Skinheads cool oder wollte etwas mit uns zu tun haben. Das war die Ausgangsposition die mir irgendwie gefiel, obwohl es ab da in meinem Leben nur noch chaotisch vorging. Verbote und Einschränkungen wurden mir grundsätzlich nur von anderen aufgelegt und das ist ja heute leider auch noch so. Wie jemand damit umgeht ist seine eigene Sache, ich lasse mir nichts verbieten, was ich nicht auch vertreten oder verstehen kann.

Gibt es auch Trends, denen ihr euch nicht verschließen könnt? Wie kritisch seid ihr gegen euch selbst, gegen die aktuelle Szene?

Sebi: „Tradition schlägt jeden Trend!“ – ein Motto von STOMPER 98. Trends sind Dinge die kommen, kurz angesagt sind und wieder verschwinden. Wäre zumindest meine Definition. Dem verwehre ich mich nicht, das läuft nur alles an mir vorbei. Als Band und als Einzelperson versuche ich schon Vergangenes zu reflektieren, um mit der Erfahrung nach vorne zu schauen. Es gibt Bands mit denen ich nicht mehr spielen würde, es gibt Songs von uns die zu dem Zeitpunkt der Entstehung für mich von Bedeutung waren und heute bei mir für Kopfschütteln oder schmunzeln sorgen. Was mich an der Szene momentan ziemlich nervt und stört sind definitiv die Grabenkämpfe. Aus persönlichen Problemen werden durch das Internet ganz schnell Selbstläufer, und die Wichtigkeit von diesen Vorgängen ist in der echten Welt nicht mal Gespräche wert. Geschweige denn, dass Handlungsbedarf besteht. Alle sind sich wohl einig, dass Extremismus der Szene nur geschadet hat. Jetzt kokettieren einige wieder mit den Schatten der Vergangenheit und rücken damit teilweise so viele Leute in diese Ecke, in der kein Skinhead sich wohl fühlen sollte. Das ist der falsche Weg zu provozieren, und genau dort müssen sich alle an die eigene Nase fassen. Wie irgendwo im Interview schon erwähnt, spielen wir jetzt seit 10 Jahren zusammen, und das nicht mal in dieser Besetzung. Das ist eine lange Zeit, und was mit Anfang 20 wichtig erschien, ist heute nicht mal der Erwähnung wert. Andersherum verhält es sich genauso mit Sachen, die mir heute was bedeuten. Es geht immer weiter und weiter.

Flacke: Letzten Endes kann sich wohl niemand sämtlichen Trends verwehren. Nimm das Internet: Ich habe mich lange gesträubt, mittlerweile ist es (leider) nicht mehr wegzudenken. Jeder wird beeinflusst von der Zeit, in der er lebt, es sei denn man verkriecht sich unter einem Stein oder lebt in Nordkorea. Was allerdings subkulturelle Trends angeht: Ich denke, da wird sich keiner von uns mehr großartig neu orientieren. Es gibt neue Bands aus anderen Bereichen, die definitiv tolle Musik machen, aber ich werde deswegen nicht anfangen, mir die Fingernägel schwarz zu lackieren oder Doc Martens in Regenbogenfarben zu tragen. Aber cool ist doch: Es gibt immer mehr Möglichkeiten. Kulturen werden nicht ersetzt, sondern ergänzt, und jeder kann für sich herauspicken, was für ihn oder sie das Richtige ist. Kritisch gegenüber mir selbst bin ich eigentlich erst, seit ich bemerkt habe, dass mein Treiben eine Außenwirkung hat. Ich glaube, dass ich mir vorher nie irgendwas habe vorwerfen müssen. Ich habe immer versucht, alle Menschen so zu behandeln, wie ich selbst behandelt werden möchte. Was die aktuelle Szene angeht, darf man heute definitiv kritischer sein als früher. Heute hat jeder die Wahl, wo er auftreten oder hingehen will, welche Platten er/sie kauft und welche Klamotten. Wer das nicht checkt, darf sich nicht wundern, wenn er nicht als „unpolitisch“ durchgeht. Der ist dann entweder rechts oder einfach nur so doof.
 

Das Statement von STOMPER 98, wie auch auf der Website nachzulesen:

„In den vergangenen Jahren, eigentlich schon seit der Bandgründung 1998, ist es in Bezug auf STOMPER 98 und die Haltung der Band zu bestimmten Fragen immer wieder zu Missverständnissen gekommen. Im zehnten Jahr unseres Bestehens halten wir es für angebracht, einige Sachen auf diesem Wege klarzustellen, die seit zehn Jahren unsere Band, unsere Musik und unseren Way of Life bestimmen. Wen also in Zukunft Fragen und Zweifel zur Haltung von STOMPER 98 befallen, der lese sich diesen Text durch. Dies ist alles, was wir außerhalb unserer Texte als Band dazu zu sagen haben. Mehr wird es von uns in diesem Zusammenhang nicht geben, ABER ERST RECHT VERDAMMT NOCH MAL NICHT WENIGER...

ÜBER UNS
Zu aller erst und grundsätzlich ist STOMPER 98 ganz einfach eine Skinhead-Rock’n’Roll-Band. Mit dieser Selbsteinschätzung verbinden wir, jeder einzelne von uns, dass wir uns als Teil einer Szene betrachten, die über die Grenzen von Ländern, Kontinenten, Staatszugehörigkeiten und Hautfarben ein Lebensgefühl, ein oft beschworener Way of Life verbindet.
Diese Tatsache beinhaltet die Grundeinstellung, dass Rassismus, Nationalismus und überhaupt jede Art von Diskriminierung das genaue Gegenteil von diesem, von unserem Way of Life darstellen.
UM ES KLAR ZU SAGEN: STOMPER 98 WAREN IMMER UND SIND EINE ANTIRASSISTISCHE BAND. Wir wollen keine Nazis und Rassisten auf unseren Konzerten, und wir wehren uns gegen den Vorwurf, eine „Grauzonenband“ zu sein. Wir sind schwarz, wir sind weiß, wir sind alles Mögliche, aber wir haben einen Standpunkt, und er ist definitiv nicht „grau“!

Dementsprechend verstehen wir uns selbst auch nicht als „unpolitische“ Band. Die Bezeichnung „unpolitisch“ mag eine Zeit lang nützlich gewesen sein, um sich bzw. die Szene vor Vereinnahmung durch extreme Ideologien zu schützen. Wir denken, dass die Skinhead-Szene das heute nicht mehr nötig hat. Wir haben von Anfang an versucht, politische und damit auch antirassistische Inhalte in unseren Texten und auf Konzerten rüber zu bringen. Das für uns untrennbar mit unserem Verständnis von Skinhead verbundene Bekenntnis zur Arbeiterklasse ist an sich schon politisch und widerspricht rechten Tendenzen.
Die Tatsache, dass wir fünf außerhalb unseres Skinhead-Daseins vollkommen unterschiedlich kulturelle Wurzeln haben, wirkt sich natürlich auf die Haltung der Band gegenüber anderen Kulturen aus. Unsere Musik hat uns die Möglichkeit gegeben, in viele unterschiedliche Länder zu reisen und dort die jeweilige Szene, aber eben auch die Kultur außerhalb kennen zu lernen. Wir haben bisher jeden Auslandsaufenthalt als Bereicherung erlebt. Eine Haltung, die aufgrund rassistischer Vorurteile und nationalistischer Blindheit nicht erkennen lässt, was für eine Bereicherung der Kontakt mit anderen Kulturen darstellt widerspricht allem, was den Skinhead-Kult für uns zur Richtschnur unseres Lebens macht.

In letzter Zeit, genau genommen seit April 2008, hat ein Foto im Internet und später auch in anderen Formen für eine Menge Wirbel um STOMPER 98 gesorgt. Auf dem Foto ist unser Sänger Sebi mit Jens B., dem Sänger der Band Endstufe zu sehen, und zwar nicht zufällig im Vorbeigehen, sondern „in Pose“. Entstanden ist das Foto am 12. April 2008 bei einem Konzert in der Nähe von Hildesheim, bei dem unter anderem Indecent Exposure und die 4Skins aus England aufgetreten sind und zwei Mitglieder von Stomper 98 zugegen waren.

Nun, es ist ziemlich schwierig jemandem außerhalb der Skinhead-Szene oder auch Skinheads, die jünger sind als wir zu erklären, wie dieses Foto entstehen konnte. Natürlich war uns in dem Moment, als das Bild mehr oder weniger öffentlich im Internet auftauchte klar, dass es uns als Band Vorwürfe einbringen wird. Wir sind nicht so blauäugig oder ignorant als dass wir nicht nachvollziehen könnten, wie dieses Foto auf jemanden wirken muss, der die Hintergründe seiner Entstehung nicht kennt.
Sebi stammt aus Delmenhorst in der Nähe von Bremen, wo Endstufe herkommen. Er ist Ende der achtziger Jahre Skinhead geworden, einem Zeitpunkt, zu dem die Szene vollkommen anders aussah als heute. Das auch heute noch gängige Klischee „Skins = rechts“ hatte zu diesem Zeitpunkt in Deutschland sicherlich noch eine größere Berechtigung. Darüber hinaus war die Szene um ein Vielfaches kleiner, sodass eine Fraktionierung, wie sie heute üblich ist, damals nicht gegeben war. Auf den wenigen Konzerten war eigentlich alles anzutreffen, was kurze Haare und schwere Schuhe trug.

Die regionale Nähe von Delmenhorst und Bremen sowie die Beschaffenheit und Überschaubarkeit der Szene damals sorgten dafür, dass Sebi und Jens B. sich kennenlernten und auch zusammen unterwegs waren.
Etwa drei Jahre später zog es Sebi dann nach Göttingen, was mit einer Loslösung von der rechten Skinhead-Szene einherging. Es war ein Zeitpunkt, zu dem viele diesen Schritt taten. Zum einen saß der Schock der Ereignisse von Mölln und Solingen bei vielen tief, zum anderen öffnete ein Revival der Ska-Musik vielen Skins die Augen über die Wurzeln des Kultes.

In Sebis Fall ging die Loslösung von der rechten Skinhead-Szene nicht reibungslos vonstatten. Er hatte mit massiven Anfeindungen und Drohungen zu kämpfen, zum Teil bis heute. Dementsprechend war sein Schritt ziemlich radikal, er brach die Kontakte zur Bremer/Delmenhorster Szene ab. Das bedeutet, dass er Jens B. seit 15 Jahren nicht mehr getroffen hat. Bis zu dem Konzert in Hildesheim.
Die Stimmung an dem Abend lässt sich schwer vermitteln. Für alle über 30-jährigen fühlte sich das Konzert im Grunde an wie eine Zeitreise in die eigene Jugend. Als dann sogar noch überraschend die 4Skins einige Songs zum Besten gaben, gab es kein Halten mehr. Jeder Skinhead wird nachvollziehen können was es bedeutet, Songs wie „Chaos“ oder „A.C.A.B.“ oder „Evil“ oder, oder, oder live und von Original-Bandmitgliedern zu hören.

Das war das Umfeld, in dem das Foto von Sebi und Jens B. im Pogo-Pit entstanden ist. Ein Schnappschuss in einer alles anderen als alltäglichen, sehr emotionalen Atmosphäre von zwei ehemals Bekannten, die sich seit 15 Jahren nicht gesehen hatten und die sich in den nächsten 15 Jahren höchstwahrscheinlich nicht wiedersehen werden. Fünf Sekunden aus 15 Jahren...
Wir wollen das nicht relativieren oder unter den Teppich kehren. Was wir wollen ist, dass dieses Foto als genau das angesehen wird, was es ist: ein Schnappschuss eben. Und nicht als das, was es ganz sicher eben NICHT ist: ein politisches oder subkulturelles Statement, das die Haltung der Band Endstufe in irgendeiner Weise mit der von STOMPER 98 verbindet.
Möglicherweise sind wir, im Nachhinein betrachtet, nicht offensiv genug mit dem besagten Bild umgegangen. Nichtsdestotrotz halten wir es mit der Band, die bei der Entstehung des Fotos im Hintergrund spielte: „We won’t say sorry to anyone!“

Wir haben hier unseren Standpunkt zu Rassisten und rückgratlosen „Unpolitischen“, die rechte Tendenzen tolerieren klargestellt. Wie eingangs erwähnt sehen wir uns jeder für sich und auch als Band in der Tradition der Ursprünge unseres Kultes: Voller Stolz aber ohne Vorurteile!
Wer damit nicht klarkommt hat nicht verstanden, was STOMPER 98 bedeuten.
In diesem Sinne, für die nächsten zehn Jahre. Oder vielmehr: Für die Ewigkeit!“

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