ABSENT IN BODY

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Der Klang der Endzeit

2016/17 gründete sich dieses Bandprojekt, zunächst als Idee von AMENRA-Gitarrist Mathieu J. Vandekerckhove und Scott Kelly (gt) von NEUROSIS. Später stieß AMENRA-Sänger und -Bassist Colin H. Van Eeckhout dazu, und mit Igor Cavalera (Ex-SEPULTURA) als Drummer war das Line-up komplett. Colin beantwortete meine Frage zu „Plague God“.

Was brachte euch einst zusammen?

2016 sollten Mathieu und Scott jeweils eine Seite zu einer Split-EP auf Hypertension Records beisteuern. Scott schlug vor, dass es eine gute Idee wäre, stattdessen etwas gemeinsam zu machen. Also fing er an, an neuem Material zu arbeiten und benutzte einen alten Song namens „Absence“ als Grundlage, woraufhin Scott den Vorschlag machte, das Projekt ABSENT IN BODY zu nennen. Als der Song geschrieben wurde, hatte Scott keine Lust zu singen, also wendeten sie sich an mich wegen Gesang und Bass. Nach der Veröffentlichung waren wir uns schnell einig, dass es einen Nachfolger geben soll, und sobald Scott für eine Tournee wieder in Europa war, buchten wir das Studio. Und Mathieu begann, wie ein Verrückter zu schreiben. Nachdem wir die Gitarren zu den elektronischen Beats und Synthesizern, die ich programmiert hatte, aufgenommen hatten, fragten Mathieu und ich uns, wie ein analoges Schlagzeug dabei klingen würde. Da dachten wir an Igor Cavalera, denn wir waren von Dwid von INTEGRITY miteinander bekannt gemacht worden, und dieses Projekt schien die perfekte Gelegenheit zu sein, endlich mal etwas zusammen zu machen. Und wir dürfen Tims Leistung als Produzent des Albums nicht ignorieren. Alle Songs wurden in Belgien in Tims Studio aufgenommen.

Ich schätze, um mit jemandem auf künstlerischer Ebene intensiv zusammenarbeiten zu können, muss es so eine Art „Verliebtheit“ geben, oder?
Es ist und sollte immer eine intensive zwischenmenschliche Beziehung sein, wobei jeder einen gleichberechtigten Anteil an der kollektiven Schöpfung des Ganzen bekommt. Verliebtheit ist vielleicht nicht der beste Vergleich, aber man braucht definitiv ein gewisses Vertrauen, um eine so tiefgründige Geschichte umzusetzen. Es war extrem wichtig, dass wir uns gegenseitig als Menschen „fühlen“, dass wir eine Verbindung haben, die nicht zu leugnen ist. Eine ähnliche Sichtweise auf die Dinge, auf die Welt um uns herum. Wir mussten erst einmal herausfinden, ob unsere Vorstellungen übereinstimmten. Da wir alle schon seit langem befreundet waren, war es einfacher. Bei AIB war es insgesamt ein interessanter Prozess, denn wir hatten unvergleichlich viele Freiheiten. Jeder Einzelne konnte seine jahrzehntelange Erfahrung in die Waagschale werfen, die Ideen konnten ungehindert fließen, und damit kam auch die Inspiration. Die Kommunikation war einfach, und wir mussten uns kaum gegenseitig etwas erklären. Die Dinge wurden instinktiv kommuniziert. Wir teilten den Moment in völliger Freiheit. Wir hatten keine Erwartungen, denen wir gerecht werden mussten. Es gab keine vorgefertigten Formate, keinen vorgegebenen Musikstil, keine Erwartungen von Fans oder Außenstehenden. Ich glaube, das war ein sehr dankbares Umfeld für uns alle, denn wir haben ja noch unsere anderen Hauptprojekte, bei denen all diese Erwartungen und dieser Druck da sind.

Was ist anders, wenn ihr in dieser Kombination zusammen spielt, und was war beziehungsweise ist eure gemeinsame künstlerische Vision?
Offensichtlich haben wir alle einen unterschiedlichen Referenzrahmen. Wir haben alle unseren Hintergrund und unsere musikalische Sozialisation. Was meiner Meinung nach auch der Schlüssel war, die große Freiheit, von der ich bereits gesprochen habe. Wir wollten einfach ein großartiges Album machen, das unsere verschiedenen Welten nahtlos miteinander verbindet und mischt. Es sollte aber vor allem die Geschichte unserer heutigen Zeit erzählen. Der ständige Zustrom weltweiter Informationen, den kaum ein empathisches Lebewesen in diesem Universum bewältigen kann. Wir sind eine Rasse, die auf tausend Arten dabei ist, sich selbst auszurotten. Der Klang der Endzeit sozusagen. Das Ziel des Albums war es zu zerstören, was noch übrig war. Es ist eine Geschichte, die von der Nachkommenschaft erzählt wird. Diejenigen, die überlebten und zusehen mussten, wie alles vor ihren Augen verschwand. Die Worte des „Plague God“.

Wie ist das Album entstanden? Während der Pandemie via Internet-Zusammenarbeit?
Wir haben 2017 mit der Arbeit an dem Album begonnen und jedes Mal, wenn einer von uns von einer Tour zurückkam, blieb er ein paar Tage da, damit wir uns zusammenzusetzen und ein bisschen weitermachen können. Igor kam aus London, Scott aus Oregon, aber jede Note und jeder Ton wurde hier in Belgien im Much Luv Studio aufgenommen. Es war wichtig für uns, zusammen in einem Raum zu sein, das war entscheidend für den Sound dieses Albums. Die direkte Kommunikation während der Aufnahmen, der Blick in die Augen des anderen, das Besprechen von Ideen. Die Energie des Raums, das Gefühl für das Potenzial. Das macht ein Album zu einem „Ganzen“, weißt du. Alle sind konzentriert, die Energie wird kanalisiert. Ich war der Letzte, der seine Spuren aufnahm. Ich hatte mir das Album zig Mal angehört, und vor allem der Gesang hat sehr lange gebraucht, um sich in meinem Kopf zu formen. Die Stimme, die ich hörte, hatte einen sehr „tiefen“ Klang, und ich weiß, dass ich normalerweise in einer höheren Tonlage singe. Ich mochte die Musik und wollte unbedingt mitmachen, aber ich bekam Zweifel, ob ich wirklich der richtige Sänger dafür bin. Als ich mich mit AMENRA-Bassist Tim De Gieter über mein „Problem“ unterhielt, fragte er mich, ob ich diese Stimme in meinem Kopf höre, und ich sagte ihm, ich höre sie. „Dann ist diese Stimme in dir, du musst sie nur finden“, sagte er. Und wir fingen an, daran zu arbeiten, schrieben Texte und plötzlich war sie da, wir hatten die Stimme für „Plague God“ gefunden. Es war mir wichtig, die Energie des Albums in dieser Stimme wiederzufinden. Ich wollte, dass das Artwork und der Sound zusammenpassen und einen Sinn ergeben.

Gibt es irgendwelche Pläne bezüglich Festivals oder auch Touren?
Als wir das Album fertig stellten, kam die Idee auf, dass es cool wäre, zumindest ein paar Shows mit dieser Band zu spielen. Eigentlich hatten wir nur vor, ein Album aufzunehmen, das so heavy ist, wie es nur geht. Für eine Show muss man wirklich proben, um dem Album gerecht zu werden. Das wäre viel Aufwand, was es angesichts der Zeitpläne von allen Beteiligten sehr viel schwieriger macht. Sobald das Album draußen ist, sind auch Erwartungen da, und damit ist unsere bislang so geschätzte Freiheit augenblicklich verpufft. Wir sagen nicht nein, aber wir sagen auch nicht wann.