EVERY TIME I DIE

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Fuck the church!

Dass Wut eine Rolle im Kontext von EVERY TIME I DIE spielt, sollte niemanden wirklich überraschen. Die Band um die beiden Brüder Keith und Jordan Buckley aus Buffalo hat sich seit ihrer Gründung im Jahr 1998 einen Namen als Riff-Sensation im Hardcore gemacht und jetzt mit „Radical“ ihr wohl bestes, weil kompromisslosestes und wütendstes Album veröffentlicht. Was der Auslöser für die 16 Wutattacken war und warum Sänger Keith kein Freund von perfekten Alben ist, erklärt er im Interview. Und dann war da auch noch das Ding mit der Religion, äh, Spiritualität.

Radical“ ist das beste Album, das ihr mit EVERY TIME I DIE in eurer über zwanzigjährigen Bandgeschichte veröffentlicht habt. Und das sage ich, obwohl ich bis jetzt bei jeder eurer Platten das Gefühl hatte, dass ihr Southern Hardcore grundlegend verändert habt. Jetzt scheint es jedoch so, als hättet ihr als Band eine neue Stufe erreicht.

Dieses Mal war ich mit meinem Kopf auch in ganz anderen Sphären unterwegs. Ich war nicht nur wütend über unzählige Dinge, die während der Produktion von „Radical“ in den USA und auch sonst auf der Welt abgingen. Ich hatte es auch irgendwie satt, meine Gefühle in kryptische Metaphern zu zwängen. Dieses Mal wollte und musste ich meine Wut anders ausdrücken. Also habe ich mir vorgenommen, einfach alles an Frust und Abscheu rauszulassen und mich genau damit zu beschäftigen. Ich war nicht eifersüchtig oder missgünstig auf irgendjemand. Mich hat der Zustand, in dem sich unsere Welt und vor allem ich mich befand, ungemein angekotzt. Also wie sich die Dinge irgendwie konsequent zu dem entwickelt haben, womit wir uns jetzt herumschlagen müssen. Es läuft gerade vieles ziemlich beschissen und das wollte ich in meinen Texten auch verstärkt ansprechen. Deshalb klingt „Radical“ auch so verdammt wütend. Das Land, nein, die Welt geht den Bach herunter, meine Ehe ist in die Brüche gegangen. Es gab also genug, über das ich meinen Frust herausschreien konnte. Klar, das habe ich vorher schon gemacht. Dieses Mal ist es aber direkter, viel radikaler.

Diese Energie, die dich angetrieben hat, kann man in jedem Song hören. War Musik dein „Go-to“-Ding in dieser Situation? Wie groß ist dein Verständnis für Menschen, die ähnlich verzweifelt und wütend sind, ihr Heil dann aber in der Religion suchen?
Warum kann man diese zwei Dinge nicht miteinander kombinieren? Versteh mich nicht falsch: Ich hasse die Kirche und alles, wofür sie steht. Aber wenn du auf der Suche nach einem Ventil für deine Frustrationen bist und nach Lösungen suchst, kann es manchmal sicher helfen, an etwas zu glauben und Vertrauen zu schöpfen. Andere Menschen finden diese Erleichterung in Drogen oder dadurch, dass sie sich politisch engagieren. Es geht ja irgendwie darum, dass du erkennst, dass da etwas falsch läuft und du daran arbeiten und es nicht einfach so akzeptieren musst. Du hast sicher auch deine musikalischen Interessen, deine politischen Ansichten und schätzt die Schönheit von bestimmter Kunst. Es geht bei allem darum, zu erkunden, worum es dir selber geht. Sobald du das herausgefunden hast, kannst du mit anderen daran arbeiten, dass sich die Dinge zum Besseren wandeln. Manchmal muss man jedoch etwas tiefer und länger graben.

Du hattest also die Wahl, entweder eine neue Platte zu schreiben oder deine Wände anzuschreien.
Ich habe irgendwann eine totale Leere gefühlt, in die ich all meinen Frust schrie. Es hat sich so angefühlt, als wäre ich am Ende meiner eigenen Leine angekommen, am Ende meines eigenen Weges. Dahinter gab es auf einmal nur noch diese Leere, dieses Nichts, und ich musste etwas in meinem Leben ändern. Ich wollte für mich eine Brücke in bessere Zeiten bauen. Und da habe ich mich für den Weg der Wut entschieden.

Habt ihr während der Aufnahmen gemerkt, dass ihr dabei seid, euer wahrscheinlich bestes, ja vielleicht sogar das perfekte Album zu schreiben?
Perfekt ist meiner Meinung nach das Gegenteil von gut. Ich will also nie eine perfekte Platte schreiben. Jedoch sehe ich es so, dass wir unser wahrscheinlich bestes Album geschrieben haben, mit jeder Menge Details, die wir beim nächsten Mal dennoch besser machen können.

Bei „Thing with feathers“ habt ihr nicht nur Andy Hull von MANCHESTER ORCHESTRA mit an Bord, sondern damit auch einen recht untypischen, aber spannenden Song auf „Radical“. Woher kam die Idee?
Mein Bruder Jordan hat zuerst die Gitarren für den Song geschrieben und ich fand es ganz interessant, in den Lyrics über unsere Schwester Jacqueline zu sprechen, die vor ein paar Jahren gestorben ist. So konnten wir die Erinnerung an sie aufrechterhalten und sie auf eine Art auch ehren.

In dem Song beschreibt ihr sie als Engel. Überhaupt finden sich auf „Radical“ viele Metaphern und Bilder, die auch einen religiösen Hintergrund haben könnten. Nur passt das irgendwie nicht zu einer Band wie EVERY TIME I DIE. Hardcore und Religion – das widerspricht sich doch eigentlich.
Es geht auf „Radical“ nicht um Religion, eher um Spiritualität. Vor allem geht es aber unter dem Strich um Menschlichkeit und Liebe, was ja immer der Ursprung für Musik ist. Wir finden Liebe in den verschiedensten Dingen und lernen, diese dann zu schätzen. Religion hängt für mich hingegen immer mit so widerlichen Sachen wie der Bibel, Priestern und Pädophilen zusammen. Fuck the church! Fuck the priests! Ich hasse all das. Die Songs beschäftigen sich mit der Suche nach einer Verbindung zu etwas Größerem. „Radical“ ist wirklich eine sehr spirituelle Platte geworden.

Ist das Album also ... eine Waffe gegen Dummheit?
Ich würde nicht sagen, dass sich „Radical“ gegen Dummheit richtet. Eher gegen Falschheit. Gegen etwas sehr Teuflisches. Im Grunde will ich mich nur noch mit echten, ehrlichen Menschen umgeben, die mir nichts vormachen. Ich will ehrliche Kunst, die nicht irgendwelche falschen Hintergedanken hat. Genauso will ich mich anderen gegenüber verhalten. Diese ganze Fake-Scheiße habe ich so satt. Die ganzen Gesetze oder Kriege, die beschlossen oder begonnen werden, haben ihren Ursprung darin, dass die Menschen, die sie sich ausdenken oder verantworten, einfach nicht ehrlich sich selbst gegenüber sind. Es ist so wie im Film „Citizen Kane“. Bevor wir zu denen wurden, die wir heute sind, waren wir alle ja Kinder, die nicht solche perversen Allmachtsfantasien hatten und andere unterdrücken mussten. Manchen Menschen steigt ihre Gier nach Reichtum zu Kopf. Das hatte noch nie positive Folgen für andere.

Kann das verhindert werden, wenn mehr junge Menschen EVERY TIME I DIE hören würden?
Meine Eltern waren alte Hippies, die mir gesagt haben, dass ich hören kann, was ich will. Auf einer Platte ist ein „Parential Advisory“-Sticker? Her damit, das kann nur gutes Zeug sein. Wenn dir jemand sagen will, dass etwas schlecht sei, ist es wahrscheinlich gut. Das hat damals den kleinen Punkrocker in mir geweckt. Aus dem Punkrocker wurde ein Hardcore-Kid, das jetzt offen gegenüber allem ist, was sich ehrlich anfühlt.

In welcher Situation sollte man sich „Radical“ deiner Meinung nach unbedingt anhören?
Ich möchte, dass die Leute sich mit der Platte beschäftigen, dass sie auf unseren Shows dazu moshen und mitschreien. Aber selbst, wenn du das Album beim Staubsaugen hörst, sollte sich die positive Message in deinem Unterbewusstsein abspeichern. Ich möchte, dass du immer wieder den Refrain von „Post-boredom“ singst, weil du dann dieses optimistische Gefühl bekommst, das dich durch den Tag bringt. Ich will nur, dass du ein guter Mensch bist. Was auch immer dich dazu macht. Wenn du selbst glücklich bist, verletzt du auch niemanden. Also mach, was auch immer dich glücklich macht, und geh anderen nicht mit irgendeinem Scheiß auf die Nerven. Wenn ich bei mir zu Hause Gras rauchen will, dann lass mich das doch tun. Ich verletze niemanden damit. Warum sollte ich dafür in den Knast gehen? Es ist okay, wütend zu sein, keine Frage. Aber es sollte eine ehrliche und aufrichtige Wut sein.

Gegen wen richtet sich deine Wut genau?
In erster Linie gegen die Menschen, die versuchen, uns zu verarschen und uns das Leben zur Hölle machen. Ich habe oft das Gefühl, dass die Regierung hier in den Vereinigten Staates genau das beabsichtigt. Sie schicken Kinder in den Tod, nur um selber Profit daraus zu schlagen. Ich rede jetzt von Krieg und nicht davon, dass irgendjemand irgendwas ins Wasser schüttet, das uns vergiftet. Schließlich bin ich kein Verschwörungsanhänger. Mir geht es darum, etwas zu finden, das man wirklich lieben kann, und es die ganze Zeit in sich zu tragen, ohne andere Menschen in ihrem Handeln oder Sein einzuschränken.