LOMBEGO SURFERS

Foto© by Matthias Milli

Kleine Alltagsrevolutionen

Wenn man an Garage-Punk-Bands aus Europa denkt, landet man sicherlich nicht direkt in der Schweiz. Allerdings stammen aus Basel die LOMBEGO SURFERS, welche seit über dreißig Jahren als Geheimtipp auf Europas Straßen unterwegs sind und überall das Publikum mit ihrer Mischung aus Garage, Punkrock, Surf und einer ganz eigenen Note in ihren Bann ziehen. Anlässlich einer kurzen Tour im Februar spielten sie in Nürnberg zum ersten Mal in der neuen Kantine. Über Songwriting, Live-Shows, Studioarbeit und einiges mehr spreche ich mit allen drei Bandmitgliedern: Tony (gt/voc), Oli (dr) und Pascal (bs).

Das letzte Interview im Ox war 2018, das muss kurz vor der „Heading Out“-Platte gewesen sein. Was ist seitdem passiert bei euch?

Tony: Wir waren wieder in Slowenien unterwegs, im Mai 2019 waren wir in zehn Tagen in fünf Ländern, und wir waren auch eigentlich zum ersten Mal in Frankreich.

Ihr habt nach dreißig Jahren erstmals ein Video veröffentlicht. Wie kam es dazu?
Tony: Das kam über Matthias Willi, der einen Film über mich gedreht hat, „Tony, you rock“, und uns auf Tour begleitet hat. Er wollte ein richtiges Video mit uns machen.

Wie war das für euch?
Oli: Playback zu spielen war nicht einfach, wir sind ja eine Live-Band. Jedoch sieht man selbst in dieser klinischen Atmosphäre, was man von uns erwarten kann. Vielleicht machen wir zum nächsten Album wieder eines.

Euer Sound hat sich ja im Lauf der Zeit gewandelt, zu etwas, wie ich finde, ganz Eigenem. Wie nehmt ihr das wahr?
Tony: Das ist ja nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung, das passiert einfach. Es liegt auch viel daran, in welcher Situation man selbst steckt. Es ist nicht so, dass wir sagen, wir machen einen Surf-Song. Es wechselt ja ständig und dann klingt ein neuer Song wie etwas Altes oder etwas ganz Neues.
Oli: „Bei Ticket Out Of Town“ ist uns am Ende im Studio aufgefallen, dass wir gar keine Surfnummer auf dem Album hatten. Das war jetzt aber kein Statement. Dafür hatten wir auf „Heading Out“ zwei Midtempo-Nummern. Das hatten wir vorher auch noch nicht.
Tony: Es liegt sicherlich daran, was ich zur Zeit höre. Sobald wir sagen, wir nehmen ein neues Album auf, dann kommen auch die Ideen. Ich glaube, kein Künstler ist immer inspiriert, ein bisschen Druck ist manchmal auch echt gut.
Pascal: Ich bin da vollkommen planlos. Oli spielt was auf dem Schlagzeug, Tony spielt dazu Gitarre und dann komme ich mit dem Bass dazu. Für mich kommt das alles einfach aus dem Bauch.

Ich folge einem Podcast, in dem Musiker darüber sprechen und auch zeigen, wie sie Stücke im Studio aufbauen und mit welchen Feinheiten sie dort arbeiten.
Oli: Das muss nicht für jede Musik das richtige Rezept sein. Ich meine, dass es gerade für unsere Musik das Richtige ist, nicht zu viel zu probieren, sondern eher mal eine Idee beiseite zu legen, weil es einfach gerade nicht klappt. Dann hast du in der Session eine Idee und dann fühlt es sich richtig an und es passt.

Songwriting ist bei euch also so ein Session-Prozess?
Tony: Im Grunde ja. Ich habe schon meistens irgendein Riff oder Bruchteile eines Texts, das ist dann mein Impuls.
Oli: Wenn Tony mit seinem Riff ankommt, kommt eventuell ein anderer Beat dazu, als ursprünglich gedacht.
Tony: Oli hat bei manchen Songs ein anderes Gefühl als ich, deswegen klingt es am Ende oft ganz anders als am Anfang.
Oli: Selbst beim Spielen kommen dir doch oft Ideen, oder danach. Zum Beispiel an der Bushaltestelle.
Tony: Stimmt, ich bin kürzlich in Basel in den Bus gestiegen und habe mir gedacht, „Nobody in here that even looks remotely like me“. Daraus habe ich dann einen Song gemacht.

Worüber singst du sonst so?
Tony: Ein paar Dinge sind schon persönlicher Natur, aber oft sind es klassische Rock’n’Roll-Themen wie Trinken, verarscht werden, Teenage Angst. „Wrong side of the tracks“ zum Beispiel, das ist ein Spruch, den einer der DJs vom Ping Pong in Miami gesagt hat. Da ist es wirklich so, im Osten der Gleise zu wohnen ist das eine, aber westlich davon ist es wirklich eine gefährliche Gegend. In dem Song habe ich den Spruch allerdings auch dahingehend geändert, dass ein Geisteszustand damit gemeint ist und dass es gut ist, so zu sein.
Oli: Vielleicht sind es ja auch die kleinen Alltagsrevolutionen, nicht die großen politischen Parolen und eine gewisse widerborstige Haltung.

Ich habe noch nie ein Konzert von euch gesehen, auf dem ihr das gleiche Set hattet. Wie entsteht das?
Pascal: Das ist die Dramaturgie. Jeden Tag sitzen wir zusammen und streiten, wie wir das besser machen können.
Oli: Es ist natürlich kein Streit, aber wir besprechen das schon, welche Songs wir in welcher Reihenfolge spielen. Manchmal passiert das auch auf der Bühne, wenn wir merken, dass ein Song nicht passt. Aber nach einer Tour schreiben wir das Set schon um.
Tony: Wir haben einige Songs, die immer mit dabei sind, „Mai Tai“ oder „Highball“ zum Beispiel.
Oli: Oft fällt uns dann auf, dass wir einen Song schon länger nicht mehr gespielt haben, dann landet er im neuen Set.
Tony: Ein paar alte Songs haben wir mit Danny, unserem alten Drummer, nicht spielen können. Mit Oli fühlen sich diese Stücke jetzt wieder ganz anders an.

Das erste Mal habe ich euch 1998 hier gesehen, noch im ganz alten Kunstverein. Irgendwie seid ihr dann doch alle 18 Monate hier. Wie kam das zustande?
Tony: Edgar, unser erster Booker, hatte in Isny im Allgäu eine Kneipe. Wolfgang war dort öfters und hat uns dort gehört und dann Martin, seinem Bruder, der das Booking macht, davon erzählt. So sind wir hier gelandet, das muss 1995 gewesen sein. Das liegt an Eat The Beat Booking, die machen einfach immer gute Konzerte und die Leute wissen das und kommen dementsprechend auch.

Gibt es einen Song, den ihr gerne spielen möchtet, der aber live nicht funktioniert?
Tony: Es gibt sicherlich welche, die live besser funktionieren als andere. „Sick“ ist so ein Song, der funktioniert gut zu zweit, aber live eben nicht. Vielleicht ist der Track zu lang, oder etwas anderes passt nicht, ich weiß es nicht. „Burning up“ ist auch so ein Song, der hat vorher nicht gepasst, aber auf dieser Tour passt er einfach rein.
Oli: Teilweise liegt es sicherlich an solchen Dingen, dass in der Studioversion noch eine Gitarre darüber liegt. Eventuell liegt es am Groove, oder auch wieder am Gefühl. Das funktioniert dann auf dem Album, mit den Stücken außen herum, aber live dann eben nicht.

Was ist euch wichtiger: Studio oder live spielen?
Tony: Ich spiele schon lieber live, aber ich gehe auch gerne ins Studio. Es ist immer toll, ein neues Album zu machen. Ich mag diesen Druck, zu wissen, dass das Studio gebucht ist. Bei uns als Live-Band geht es aber immer auch darum, ob man das Lied live spielen kann. Beim Aufnehmen der Vocals muss ich dann aber auch eine Gitarre umhängen haben, sonst singe ich anders.
Oli: Ich mag den kreativen Prozess. Meistens haben wir acht Songs so mehr oder weniger halb fertig, der Rest entsteht dann wirklich im Studio an zwei Wochenenden.

Was war euer merkwürdigstes Erlebnis auf Tour?
Oli: Ein Konzert wurde einmal wegen einer Schlägerei verlegt in einen Jugendclub mit echt aggressiver Stimmung. Die haben dann gesagt: Das hier ist der gemischte Club. Früher war das nicht so cool, aber heute stehen wir zusammen, wenn die Nazis kommen. Wir haben dann lieber bei unserem Equipment geschlafen.

Und was war das Lustigste auf Tour in der letzten Zeit?
Oli: Das letze Mal in Wilkau, in Sachsen, sind die Leute bei „Monkey juice“ mit Affenmasken herumgehüpft.
Tony: In Orleans haben wir beim Veranstalter übernachtet. Seinen Namen habe ich in einem alten Notizbuch gefunden, das muss 1991 gewesen sein. Der Club war der Keller einer Fahrradwerkstatt. Das Konzert an sich war echt cool. Er hatte eine kleine Zweizimmerwohnung mit einer Orgel drin. Er hat nur gesagt, passt auf, was ihr anfasst, die Kabel sind alle nicht geerdet.
Oli: Er hat dann einen Teppich ausgerollt, auf dem wir geschlafen haben, damit er danach nicht aufräumen muss. Dann setzte er sich auf das Sofa und hat uns wohl die ganze Nacht angesehen.
Tony: Morgens hat er sich erst einmal ein Bier aufgemacht mit den Worten, er lasse es heute langsam angehen, da er noch einen Arzttermin habe.

Was bringt die Zukunft?
Oli: Wir wollen im Herbst ein neues Album aufnehmen. Aber dann dürfen wir nicht allzu viele Konzerte spielen. Wir wollen auch mal nach Spanien auf Tour, aber mal sehen, ob das klappt.