„Screaming at a wall“

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Antisemitismus, Antizionismus und „Israelboykott“ im Punk und Hardcore

Wie mörderisch und präsent Antisemitismus in Deutschland ist, hat zuletzt der Terroranschlag in Halle auf drastische Weise gezeigt. Am 9. Oktober 2019 versuchte der Neonazi Stephan Balliet, mit Sprengsätzen und einer selbstgebauten Waffe in die Hallenser Synagoge einzudringen. Glücklicherweise hielt die Sicherheitstür stand, wodurch ein Blutbad verhindert wurde. Dennoch erschoss Balliet zwei Menschen außerhalb der Synagoge, bevor er verhaftet werden konnte.

All dies hätte womöglich verhindert werden können, wenn die jüdische Gemeinde in Halle entsprechende und oftmals eingeforderte Schutzmaßnahmen des Landes Sachsen-Anhalt erhalten hätte – zum Beispiel in Form von verstärkter Polizeipräsenz vor jüdischen Einrichtungen. Letztere gehört in anderen Städten Deutschlands bis heute zur traurigen Realität – in jenem Land, von dem einst der Versuch ausging, die europäischen Jüdinnen und Juden zu vernichten. Warum das so ist, verdeutlicht bereits ein Blick auf nüchterne Zahlen: Für das Jahr 2018 dokumentierte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) 1.083 antisemitische Vorfälle – allein in Berlin. Und die Dunkelziffer dürfte noch weit höher liegen. Ein nicht unerheblicher Teil dieser Vorfälle ist auf Verschwörungsideologien und israelbezogenen Antisemitismus im abstrakten Kontext des Nahostkonflikts zurückzuführen – eine Form des Antisemitismus, der in allen Teilen der Gesellschaft zu finden ist – nicht zuletzt durch dämonisierende Boykottkampagnen gegen den jüdischen Staat. Warum also nicht auch in musikalischen (Sub-)Kulturen wie Punk und Hardcore?

Warum Antizionismus unterm Strich auch nur Antisemitismus ist

In Bezug auf den israelisch-palästinensischen Konflikt sind, so scheint es mir zumindest, auf einmal alle Nahostexpert*innen. Mit etwas Glück beschränkt es sich auf Plattitüden ohne großen Erkenntnisgewinn („Es gibt auf beiden Seiten Idioten!“), in der Regel steht für viele der Hauptschuldige bereits fest: Israel. Entsprechend solidarisieren sich viele mit den Palästinenser*innen, den vermeintlichen Underdogs. Dieses „David gegen Goliath“-Narrativ ist es wohl auch, das den hochkomplexen Konflikt auch für Punks attraktiv macht. Allerdings verbirgt sich hinter der vermeintlichen „Israelkritik“ ein im Kern antisemitisches Weltbild, unterfüttert mit den entsprechenden Schlagworten. Doch wo genau verläuft eigentlich die Grenze zwischen sachlicher Kritik an Israel und Antisemitismus? Das lässt sich nicht immer mit absoluter Sicherheit sagen, allerdings gibt es Ansätze zur niedrigschwelligen Einordnung. So schuf der Autor Nathan Scharanski den so genannten 3-D-Test, demzufolge Aussagen dann antisemitisch seien, wenn sie (1) eine Dämonisierung Israels betreiben (z.B. durch eine Gleichsetzung mit dem Dritten Reich oder dem südafrikanischen Apartheidsregime), (2) mit Doppelstandards argumentieren (Israel wird für ein Verhalten kritisiert, das bei anderen Staaten weit weniger oder gar keine Beachtung finden würde) und (3) Israel als jüdischen Staat gezielt delegitimieren (indem man ihm das Existenzrecht abspricht). Scharanski zufolge sei eine Aussage bereits dann antisemitisch, wenn eines der Ds zutreffe. Ein Blick auf die BDS-Kampagne wird zeigen, dass diese beispielsweise alle drei Kriterien erfüllt.

Die BDS-Kampagne

Die im Jahr 2005 initiierte Kampagne setzt sich gemäß ihrer Abkürzung für einen wirtschaftlichen und politischen, aber auch kulturellen Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen (abgekürzt BDS) gegen Israel ein, um den jüdischen Staat aufgrund seiner Politik international zu isolieren. Unter dem Vorwand, sich für die Belange der Palästinenser*innen einzusetzen, dämonisiert die Kampagne – zu deren Gründungsumfeld übrigens die Terrororganisationen Hamas und die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) gehören – den jüdischen Staat als rassistisches Apartheidsregime. Und das, obwohl in Israel alle Bürger*innen unveränderliche demokratische Grundrechte genießen – selbstverständlich auch die arabischen Israelis, die als Muslime gut ein Fünftel der israelischen Bevölkerung ausmachen. Ebenso bezichtigen BDS-Aktivist*innen Israel, in einer unvergleichlichen Quantität und Qualität für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich zu sein. Der Umstand, dass die Kritiker*innen, die sich als Verfechtende für Menschenrechte verstehen, beispielsweise die Menschenrechtssituation in autoritären Staaten wie Nordkorea, Russland oder China vergleichsweise wenig zu interessieren scheint, offenbart die Doppelmoral der Kampagne. Auch die Delegitimierung Israels und die implizite Ablehnung einer Zweistaatenlösung ist zentraler Bestandteil der BDS-Kampagne: So fordert diese in ihrem Initialaufruf aus dem Jahr 2005 das Rückkehrrecht sämtlicher palästinensischer Flüchtlinge und folglich die „Besetzung und Kolonisation allen arabischen Landes [zu] beenden“. Als einzige Gruppe weltweit vererben Palästinenser*innen den rechtlichen Flüchtlingsstatus an ihre Nachkommen, so dass sich deren Zahl seit der Staatsgründung Israels (1948) laut UN auf mittlerweile etwa fünf Millionen beläuft. Eine Rückkehr all dieser Menschen auf israelisches Staatsgebiet würde die jüdische Bevölkerung im Nu zur Minderheit machen und damit eine De-facto-Auflösung des einzigen jüdischen Staates bedeuten. Sprich: der einzige souveräne Schutzraum für Jüdinnen und Juden, dessen Notwendigkeit angesichts des weltweiten Antisemitismus auch nach der Shoa keiner Diskussion bedarf. Nicht zuletzt aufgrund der Forderung, man müsse jene Menschen und Unternehmen boykottieren, denen eine „Komplizenschaft“ („complicity“) zum Staat Israel nachgesagt wird, erinnert die BDS-Kampagne frappierend an die NS-Propagandaparole „Kauft nicht bei Juden“.

„Punks Against Apartheid“ – Antisemitismus und Antizionismus in Punk und Hardcore

Dass diese Erkenntnis auch nicht in alle Bereiche von Punk und Hardcore durchgedrungen ist, zeigen einige Beispiele. Besonders perfide diesbezüglich geht die italienische Band BANDA BASSOTTI in einem Song mit dem bezeichnenden Titel „Nazi sion polizei“ (1992) vor. So heißt es in einer Zeile: „In Dachau haben sie gelernt, wie man es macht“ – die Israelis wenden nach dieser Logik also genau jene genozidalen Methoden auf die Palästinenser*innen an, mit denen die Nazis die europäischen Jüdinnen und Juden vernichten wollten. Neben dieser klassischen Täter-Opfer-Umkehr („Nazi-Zionisten-Polizei“) machen BANDA BASSOTTI ein paar Zeilen später endgültig klar, welches Verhältnis sie zum jüdischen Staat haben: „Nein, es ist nicht vorbei und wird niemals aufhören, solange bis auch der letzte Zionist verschwunden ist“. Ein prominenteres Beispiel, das in eine ähnliche Kerbe schlägt, ist der SKA-P-Hit „Intifada“ aus dem Jahr 2002. Bereits in der ersten Strophe gibt die spanische Band vor, aus der Geschichte gelernt und vor allem die richtigen Schlüsse gezogen zu haben: „Sechs Millionen Juden wurden grausam vernichtet [...] / Lasst uns aus der Geschichte lernen“. Nur um eine Zeile später zu behaupten: „Die Opfer sind zu Henkern geworden, alles hat sich verkehrt.“ Auch auf die Frage, auf wessen Konto die vielen Toten des israelisch-palästinensischen Konfliktes gehen, haben SKA-P eine klare Antwort: Israel und Jahwe, der Name Gottes im Alten Testament. Auch die Erklärung der Band im späteren Verlauf des Songs, man sei atheistisch und eigentlich nur gegen Ungerechtigkeit, kann über die dämonisierenden und einseitigen Anschuldigungen gegenüber Israel nicht hinwegtäuschen, zumal ein Verweis auf Religion als vermeintliche Hauptursache des Konflikts die eigentliche Komplexität des Sachverhalts in Nahost verkennt.

Das Narrativ des primär religiösen Konflikts lässt sich aus der Punk-Perspektive einfach und leicht bedienen, schließlich gilt die Szene (abgesehen von ein paar Hare-Krishna- und Christian-Hardcore-Spinner*innen) als überaus kritisch und ablehnend gegenüber jeder Religion. Entsprechend lässt sich auch der PROPAGANDHI-Song „Haillie Selasse, up your ass“ (1993) verstehen, das sowohl textlich als auch musikalisch ein Seitenhieb auf die religiöse Rastafari-Bewegung und ihre Bezüge zu einem „gelobten Land“ sein soll. So heißt es im Song: „Mt. Zion’s a minefield. The Westbank. The Gaza Strip / Soon to be a parking lot for American tourists and fascist cops / Fuck Zionism, fuck militarism, fuck Americanism, fuck nationalism, fuck religion“. Die letzten beiden Worte werden besonders oft wiederholt und damit die Meinung der Band (die in der Vergangenheit offensiv BDS unterstützt hat) untermauert, dass es sich bei Israel um einen religiös-kolonialen Siedlerstaat handle. Dass hier Zionismus als politische Bewegung mit allen Formen des Nationalismus gleichgesetzt wird, verkennt den historischen Kontext, dass der Zionismus im 19. Jahrhundert gerade als Gegenreaktion auf die europäischen Nationalismen und den damit wachsenden Antisemitismus in Europa entstanden ist. Spätestens mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Shoa rückte die Idee eines jüdischen Staates aus offensichtlichen Gründen wieder ins weltpolitische Bewusstsein.

Eine weitere Band, die zum israelisch-palästinensischen Konflikt laufend Stellung bezieht, ist die schottische Anarcho-Punk-Band OI POLLOI. Vor allem Sänger Deek Allen positioniert sich in zahlreichen Interviews auf der Seite der Palästinenser*innen und unterstützt vorbehaltlos die BDS-Kampagne. Besonders deutlich wird seine Position in einem ausführlichen Interview mit Kink Records im Jahr 2006, in dem er Israel Rassismus, Folter, ethnische Säuberungen, Militarismus und „Herumtrampeln auf den Rechten einheimischer Völker“ vorwirft – und dass dies auch nicht durch „die furchtbaren Leiden der Juden unter Hitler“ gerechtfertigt werden könne. Daher, so Allen, befürworte die Band Boykotte gegen Israel, unterstütze aber „keinesfalls die Bombenattentate auf Restaurants oder dergleichen“. Weiterhin bezeichnete Allen den Spruch „die Israelis seien die Nazis von heute“ als „Verallgemeinerung“ und „verdammt lächerlich“. Ein Facebook-Post von OI POLLOI vom 21. Dezember 2017 entlarvt diese Distanzierung allerdings als reine Makulatur: Zu sehen ist ein Bild, auf dem die antizionistische Aktivistin Ahed Tamimi von einer israelischen Vollzugsbeamtin abgeführt wird. Die 18-Jährige wurde in Israel wegen eines tätlichen Übergriffs gegen einen israelischen Soldaten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und dafür weltweit als Widerstandsikone glorifiziert. Dass Aheds Familie für blutige Terroranschläge gegen Israelis mit vielen Toten verantwortlich ist, halten OI POLLOI an dieser Stelle nicht für erwähnenswert. Vielmehr vergleicht die Band im besagten Bild Tamimi mit Sophie Scholl, Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus („She looks like Sophie Scholl“), und treibt die zynische Täter-Opfer-Umkehr auf die Spitze, indem sie die israelische Vollzugsbeamte mit der Gestapo und der SS gleichsetzt („The truncheon-packing guard’s stylish black uniform reminds us of something too ...“). Schon einige Jahr zuvor (2013) sagten die Schotten ihren Auftritt beim norwegischen Kapittel Festival ab, weil dort auch der israelische Botschafter zugegen war. Oder wie es die Band auf Facebook ausdrückte: „We don’t play with professional apologists for war crimes, torture, illegal occupation, ethnic cleansing & racism.“

Warum ein Boykott des jüdischen Staates nicht nur antisemitisch, sondern auch kontraproduktiv ist

Die Frage, ob man als Punk-Künstler*in Konzerte in Israel boykottieren sollte, um in der Logik von BDS damit Palästinenser*innen zu unterstützen, stellt sich in meinen Augen nicht. Ein Blick auf „Erfolge“ der BDS-Kampagne zeigt eher das Gegenteil: So wurden beispielsweise nach dem Abzug israelischer Unternehmen (nach massivem Druck durch BDS) aus dem Westjordanland nicht nur Israelis, sondern auch Palästinenser*innen arbeitslos. Welchen Gewinn das für „die palästinensische Sache“ darstellen soll, erschließt sich mir nicht. Auch die Agitationen von Gruppen wie „Punks Against Apartheid“ (PAA), einem subkulturellen Ableger der BDS-Kampagne, ändern nichts an der teils prekären Situation der Palästinenser*innen, sondern tragen vielmehr zu Verhärtung der Fronten bei. Nachdem SEX PISTOLS-Sänger Johnny Rotten 2010 einen BDS-Boykottaufruf zurückgewiesen hatte, gelang es PAA im folgenden Jahr, DEAD KENNEDYS-Sänger Jello Biafra und dessen Band THE GUANTANAMO SCHOOL OF MEDICINE von einem Auftritt in Tel Aviv abzubringen. Auch wenn Biafra später auf eigene Initiative Israel und die palästinensischen Autonomiegebiete bereiste und in einem detaillierten Reisebericht ein deutlich differenzierteres Bild zeichnete als die BDS-Aktivist*innen, bleibt seine Absage ein Erfolg für die Antizionist*innen.

Wie es besser gehen kann, zeigen beispielsweise ZSK, die letzten Sommer einen Gig in Tel Aviv spielten und letztlich genau das praktisch umgesetzt haben, was so oft von Punks proklamiert wird: Unity. Denn mal ehrlich: Auch wenn (oder gerade weil) die israelische Punk- und Hardcore-Szene einen anderen Blick auf den Nahostkonflikt hat, lohnt es sich, im Austausch zu bleiben und sich nicht für die einseitigen antisemitischen Ziele der BDS-Kampagne instrumentalisieren zu lassen. Letztlich schadet die Weigerung, Konzerte in Israel zu spielen, nur der lokalen Szene und verbessert in keiner Weise die politische Situation der Palästinenser*innen. Für mich ist es kein Widerspruch, Punk und israelsolidarisch zu sein. Diesen Anspruch möchte ich an dieser Stelle in die Szene im weitesten Sinne hineintragen – eine Szene, die oft für sich in Anspruch nimmt, emanzipatorisch zu sein und die richtigen Schlüsse aus der deutschen Geschichte und der Shoa gezogen zu haben. Das bedeutet aber letztlich, dass die Solidarität nicht bei toten Jüdinnen und Juden enden darf. Die Konsequenz angesichts des globalen virulenten Antisemitismus – der in absehbarer Zeit nicht verschwinden wird – ist die pragmatische Notwendigkeit eines wehrhaften und demokratischen jüdischen Staates. Und das völlig unabhängig davon, welche Partei dort zur Zeit die Regierung stellt.