SONNY VINCENT

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Reform School Alumni

Sonny Vincent ist im absolut positiven Sinne der ewige Underdog des Punkrock. Im New York City der Siebziger, als „Punk“ noch eine Beleidigung und kein Genre war, hinterließ er mit den TESTORS seine ersten musikalischen Duftmarken, verstand sich früh darin, in einem dicken Adressbuch die Telefonnummern aller Musiker:innen zu notieren, die er traf. Eine smarte Angewohnheit, die es ihm in späteren Jahren ermöglichte, die illustresten Gäste für seine Platten und Bands zu gewinnen – nenne den Namen und garantiert war er/sie dabei. Später lebte Sonny viele Jahre in Europa, auch in Deutschland, tourte ständig, bis ihn vor ein paar Jahren eine Familientragödie aus der Routine warf: Sohn, Schwiegertochter und Enkel wurden bei einer Gasexplosion schwer verletzt, Sonny pflegte in den USA seinen Enkel, mit dem Musikerleben war es erst mal vorbei. Seit 2020 kämpft er sich nun zurück in dieses Leben, hat mit Sonny Vincent „Snake Pit Therapy“ ein neues Album raus und auch ein Buch, in dem er aus seinem Leben erzählt. Dieser Text ist ein Auszug daraus.

Ich bin in Westchester County, New York, aufgewachsen. Es war eine dieser idyllischen Vorstädte, aber mich und meine Freunde konnte das nicht wirklich begeistern. Ich kam aus dem unterprivilegierten Teil der Stadt. Ich gehörte zu einer Gruppe von Kindern, die darauf aus waren, alles und jeden zu zerstören, der versuchte, uns zu zwingen oder beizubringen, uns anzupassen. Wir richteten beträchtlichen Schaden am Gebäude und auf dem Gelände der Schule an und taten unser Bestes, um den Unterricht zu stören. Ich glaube, wir waren verstört von all der Heuchelei und Lüge, mit denen wir konfrontiert waren. Ich würde sagen, wir waren Teil der Jugendrevolution. Am Anfang liefen wir herum wie kleine Mini-Greaser. Ganz wie Elvis, glänzendes Leder, alles schwarz und weiß, scharfer Look ... Meine ersten Idole waren Eddy Cochran, Gene Vincent – der typische „Wild Bunch“-Stil. Doch das war eher was für die vorherige Generation und plötzlich gab es die BEATLES, ROLLING STONES und YARDBIRDS. Wir waren noch ziemlich jung, aber alt genug, um uns für die Musik zu begeistern. Das war der erste wirklich aufregende Rausch, der nur uns gehörte. Die Musik. Bald wurden die Haare ein bisschen länger. Als Bands wie die KINKS und YARDBIRDS aufkamen, waren wir ungefähr zwölf Jahre alt. Aber das war’s auch schon, was wir durch das Radio und die Platten älterer Kids zu hören bekamen.

Bald wollte ich losziehen, um auf eigene Faust neue Musik zu entdecken. Ich unternahm Streifzüge durch Manhattan und sah dort Bands wie THE FUGS und die ganze Village-Szene. Ich war recht groß für mein Alter und sah älter aus als 13, also hatte ich keine Probleme, mich in der Stadt herumzutreiben. Und auch wenn ich die Schule hasste, war ich doch ein unersättlicher Leser und beschäftige mich mit Themen, für die sich normalerweise erst ältere Kids interessierten. Das Greenwich Village erlebte gerade den Übergang von den Beats zu den Hippies. An einem Wochenende lief ich durch die Straßen und die ganze Szene war sehr intensiv für ein Kind. Ich sah Bob Dylan dort und landete im Alter von 13 Jahren zufällig in der Factory, wo Andy Warhol einen Film zeigte. Ziemlich beeindruckend in dem Alter, na ja, in jedem Alter, nehme ich an!

In der Schule hatte ich fast immer Schwierigkeiten. Hauptsächlich wegen der Langeweile und meiner Abneigung gegen Autoritäten. Nachsitzen gehörte zu meinem Lehrplan. Später, als ich bei den TESTORS war, habe ich einen Song geschrieben, der „Detention“ heißt. Ich verließ die Schule und haute mit nicht mal 14 Jahren von zu Hause ab. Danach kam es zu mehreren Verhaftungen und ich saß meine Zeit im Gefängnis ab. Zuerst war es eine Besserungsanstalt in Upstate New York. Wenn ich mit der Polizei in Kontakt kam, fanden sie eigentlich immer Stoff in meinen Taschen. Da sie mich nicht einfach umbringen durften – was sie zu gerne getan hätten, da sie alles hassten, was nach Freiheit roch –, blieb ihnen nur die Alternative: mich einsperren. Bei meiner ersten Begegnung mit der Staatsmacht war ich noch minderjährig. Sie mussten mich also in eine Erziehungsanstalt stecken, anstatt mir ’ne lange Knastzeit aufzubrummen oder mich einfach hinzurichten!

Wie ich schon sagte, fiel es mir schwer, mich in die Gesellschaft einzufügen. Ich mochte es nicht, mich einer korrupten Autorität anpassen zu müssen, also gab es für mich von Anfang an Probleme. Punk war eine logische Konsequenz, nehme ich an. Im Alter von elf Jahren schrieb ich bereits Gedichte, die in Ansätzen schon voller Gewalt waren und die ich später in TESTORS-Songs verwendete, etwa in „Primitive“: „I wanna blow holes in the sky and rip it up in pieces“. Am Anfang hatten wir nicht einmal den Begriff „Punk“. Ich und Gene gründeten TESTORS im Jahr 1975 und die Begriffe Punk und Punkrock waren zu dieser Zeit noch nicht sehr verbreitet. Ich hatte also keine Ahnung, wie wir unsere Musik nennen sollten, als wir anfingen. Als wir mal dazu gedrängt wurden, uns zu beschreiben, nannten wir es „Original Music“. Und fügten hinzu: „Vermutlich wird’s dir nicht gefallen.“ Der einzige uns bekannte Begriff, der dem am nächsten kam, war „Hard Rock“. Ich stellte mir vor, dass das „noch härter als Rock“ bedeutete, und obwohl wir glaubten, dass unser Rock härter war als bei normalen Rockbands, die es zu der Zeit gab, passten wir nicht wirklich in diese Kategorie. Tatsächlich kamen mir viele der Hardrock-Bands gar nicht so hart vor! Also nannten wir es „Original Music“, bis Legs und John ein Magazin namens „Punk“ herausbrachten. Von da an wurden die Bands, über die sie schrieben, als Punk bezeichnet.

Punk ist nicht etwas, in das man „hineingerät“. Es ist nicht etwas, das man sich aussucht. Es ist etwas, das man ist. Wie eine Entwicklung, nicht etwas, das man sich aussucht: „Hmm, ein beschissener von Liebe faselnder Hippie zu sein, bringt mir irgendwie nichts, ich glaube, ich versuche es mal mit Punk, vielleicht kann ich auf diese Weise ein paar Tussis bekommen!“ Nein, so hat es nicht funktioniert. Um ehrlich zu sein, obwohl keiner von uns in der frühen New Yorker Szene den Begriff „Punk“ mochte, fingen wir an, ihn uns zu eigen zu machen, nachdem der Szene der Begriff „New Wave“ verpasst wurde. Ich dachte: Was zum Teufel ist New Wave? Verwässerter Punk? Ich fand das wirklich schrecklich, einfach zum Kotzen. Nach diesem New-Wave-Bullshit war Punk okay. Es klang hart und cool. New Wave war ein Begriff der Musikindustrie für ein harmloseres Image bei der breiten Öffentlichkeit.

Die Anfänge.
Ich war irgendwo in meinen Zwanzigern, als ich NYC verließ und runter nach Florida reiste, mit meinen Songs, einem Kassettenrecorder und meiner Gitarre im Gepäck. Um 1974 war in New York ziemlich tote Hose hinsichtlich möglicher Veranstaltungsorte für „Original Music“, also war ich frustriert und haute ab nach Florida. Dort habe ich einen Haufen Songs geschrieben. Da traf ich auch Gene und brachte ihm meine Stücke bei. Eines Tages entdeckte ich ein „Rock Scene“-Magazin in einem 7-Eleven in Clearwater, Florida. Ich schlug es auf und war geflasht. Plötzlich sah es so aus, als gäbe es in NYC wieder einen passenden Auftrittsort für uns, und zwei Gruppen, eine hieß TELEVISION und die andere RAMONES, hatten bereits dort gespielt. Ich kann mich bei den Jungs von TELEVISION nur bedanken, dass sie das CBGB’s entdeckt und die erste notdürftige Bühne dort eingerichtet haben. Also schnappte ich mir Gene und meine Gitarre und wir flitzten nach New York. Ich habe vor Jahren mit Willy DeVille gesprochen und er erzählte mir, dass er ein ähnliches Erlebnis hatte, nur dass er in San Francisco war. Er flüchtete auch zurück nach New York, nachdem er gehört hatte, dass TELEVISION, Patti Smith und die RAMONES eine Schneise in den Dschungel geschlagen und einen Ort zum Spielen gefunden hatten.

Als ich also nach NYC zurückkam, hatte sich eine kleine Szene gebildet und ich war froh, endlich einen Ort zu haben, an dem ich die Musik spielen konnte, die ich bereits in einer Art Leere oder Vakuum geschrieben hatte. Es gab unglaubliche Momente im CB’s und auch im Max’s, wie die RAMONES zum ersten Mal zu sehen und mit den CRAMPS die Bühne zu teilen. Auch andere Musiker inspirierten mich in dieser Zeit. Ich erinnere mich, wie ich Johnny Thunders spielen sah, und er fabrizierte den authentischsten, großartigsten Sound nur mit seiner Gitarre und seinem Verstärker. Keine Pedale und keine Special Effects. Das war wie eine Erleuchtung und ich habe am nächsten Tag mein Echoplex weggeschmissen. Ich hörte tausendmal lieber Johnny auf seiner Gibson und einem einfachen Verstärker spielen als diesen Typen von PINK FLOYD mit seinen hundert Effekten.

Im Grunde war der inspirierendste Aspekt diese unmittelbare Einfachheit. Keinen interessierten die Exzesse und das Rockstar-Gehabe der großen Gruppen, die zu der Zeit angesagt waren. Es gab eine Abkehr von diesem ganzen Stadion-Mist. Die Musik, die die aktuellen Rockstars spielten, war für uns todlangweilig. Da war eine neue Faszination und Begeisterung für die Direktheit der Musik der Fünfziger und frühen Sechziger Jahre. Also war es eine Art Rückbesinnung auf die Leidenschaft des echten Rock’n’Roll. Was TESTORS betrifft, so hatte ich bereits ein Set von Songs aus meiner Zeit vor Florida, dazu die, die ich dort unten geschrieben hatte. Als ich mit Gene wieder in NYC ankam, schrieb ich mehr und mehr, und wir gaben der Band einen Namen und suchten nach anderen Musikern, die sich uns anschließen wollten. Unsere Musik war sehr eigen. Ich war irgendwie in meiner eigenen Blase. Ich bevorzugte einen ziemlich rohen Sound, Gene und ich tickten sowieso ziemlich ähnlich, seit ich ihm das Gitarrespielen beigebracht hatte.

Das New York der Siebziger Jahre war verdammt cool. Es gab keinen vorgegebenen Lifestyle, dem man folgen musste, das Drehbuch unseres Lebens entstand einfach im Moment. Es gab so viele Bands mit origineller Musik. Musik, die komplett anders war als das, was im Radio lief. Am Anfang gab es keine coole Kleidung. Wenn du nicht das Glück hattest, einen älteren Bruder zu haben, dem du Klamotten aus den Fifties klauen konntest, musstest du improvisieren. Die Musik war natürlich die Hauptsache, aber es ist kaum zu glauben, wie wahnsinnig leidenschaftlich sich die Leute ihren Klamotten widmeten. In CBGB’s sah man Typen mit Schlaghosen, die so abgeklebt waren, dass die Hosenbeine gerade aussahen. Es entwickelte sich ein neuer Stil, aber es gab das Zeug nicht in den Läden. Ich fragte mich: Wo zum Teufel haben diese Leute diese spitzen Schuhe und engen Hosen her? Ich graste die ganze verdammte Stadt ab, bis ich was fand. Aber das war 1975 nicht einfach, da alle Läden noch das Hippie-Zeug führten. Es war cool, weil es stilistisch ein schmaler Grat war, es war nicht einfach, es richtig hinzubekommen, aber wenn man Leute sah, die es richtig draufhatten, war es wirklich inspirierend. Ich glaube immer noch, dass einige von ihnen ihre Kleidung von ihren älteren Brüdern oder Onkeln geerbt haben. Es war eine kleine Gruppe von Leuten und es herrschten sehr strenge Ansichten, was cool war und was nicht.

Wie ich schon sagte, das Zeug aus den Fünfzigern war cool. Selbstgemachte Sachen waren cool. Gruselige Sachen waren cool. Alles Abstoßende war cool. Und alle feilten die ganze Zeit daran. Ich erinnere mich, dass meine Manager mich damals baten, mein Erscheinungsbild abzumildern, weil sie der Meinung waren, dass die Mädels mich für einen Serienmörder oder einen entflohenen Sträfling halten könnten. Natürlich wäre es heute nicht mehr so schockierend, wenn sich jemand so anziehen würde. Heutzutage kann du so bei einem Familienessen sitzen und wirst akzeptiert: „Mehr Truthahn für dich, Billy?“ Aber damals hat ein bestimmter Look die Leute wirklich schockiert. Es konnte sehr skandalös sein, auf einer bestimmten Veranstaltung mit einem abgedrehten Styling aufzutauchen. Und es war auch seltsam für uns, plötzlich zu erkennen, dass das Aussehen noch weitaus mächtiger war, als wir es für möglich gehalten hatten. Die Leute schrien uns Beleidigungen entgegen, wenn sie uns auf der Straße begegneten.

CBGB’s und Max’s Kansas City waren die wichtigsten Anlaufstellen. Am Anfang waren das auch die einzigen, wo ich abhängen konnte. Später gab es noch ein paar andere Läden, aber die waren nicht so wichtig. Sie waren irgendwie auf die Partyszene ausgerichtet und nicht auf die Musik. Das CBGB’s hatte diesen Straßen-Vibe und es drehte sich wirklich um die Musik. Natürlich gab es viel Alkohol und Exzesse, aber der Fokus lag auf der Musik und den Bands. Es gibt viele Clubs, wo das Gegenteil der Fall ist. Wo die Party die Hauptsache ist und die Musik zweitrangig, das ist mir später etwa im Limelight aufgefallen. Ätzend, muss ich sagen! Eine beschissene Disco, in der auch ein bisschen Live-Musik gespielt wurde. Was für ein Dreckloch!

[...] Die Stadt war sehr rauh. Es gab Gangs. Überall Junkies. Die 42nd Street war noch schlimmer, als man es aus den Filmen kennt. Ich hatte die Gewohnheit, mich spät nachts auf der 42nd Street zwischen der 6th und 7th Avenue herumzutreiben und, um mich selbst herauszufordern, niemandem auf dem Bürgersteig Platz zu machen. Keiner war bei mir, also ging es nicht darum, irgendwen zu beeindrucken. Ich hatte einfach die Nase voll von der herrschenden Hackordnung in Manhattan zu dieser Zeit. Echt wie im Dschungel. Es war also ein Uhr nachts und ich folgte stur einer geraden Linie. Da waren die Zuhälter mit ihren hellgrünen Fussel-Anzügen und Hüten mit riesigen Krempen, die Hand abwechselnd an ihrer im Gürtel steckenden Waffe und ihrem Schwanz. Meist parkte neben ihnen auf der Straße ein riesiger Cadillac mit einem Glitzer-Metallic-Lack. Der Bürgersteig war voller Taschendiebe und zwielichtiger Gestalten, drängelnd und lautstark redend. Aber ich ließ mich nicht beirren. Wenn der andere nicht auswich, würde es zum Zusammenstoß kommen. Ich weigerte mich nachzugeben, ging einfach direkt auf sie zu. Widerwillig gaben sie nach, vielleicht dachten sie, es sei besser, mir aus dem Weg zu gehen, als einen Konflikt auf der Straße zu provozieren. Es war wie eine Schulung des Selbstvertrauens für mich. Obwohl es auf der anderen Seite fast ein Selbstmordkommando war. Aber durch die Art und Weise, wie ich aufgewachsen bin, und die Ereignisse in meiner Kindheit, hatte ich das Bedürfnis herauszufinden, wer ich in NYC war. Ich wusste bereits, wer ich bei mir zu Hause war; ich war derjenige, der missbraucht und gequält wurde. Wenn ich die Menschen, die mich großgezogen haben, über meinen Platz im Leben hätte entscheiden lassen, wäre ich der letzte Dreck gewesen, egal wo. Also bin ich die Straße entlang gelaufen und habe mich für niemanden bewegt ... Ich wäre lieber gestorben, als den Weg freizugeben. Sorry, wenn das womöglich dramatisch oder hart klingt. Aber es ist wahr.

Ich könnte ewig damit zubringen, das NYC dieser Jahre zu beschreiben. Die Stadt war völlig heruntergekommen, die Mittelschicht fortgezogen. Überall Graffiti, Müll, gewalttätige Drogendeals auf der Straße. Such dir was aus. Aber die Stadt gehörte uns. Es gab eine blühende Musik- und Kunstszene und günstige Mietpreise. Nicht bloß ein Spielplatz für NYU-Studenten wie jetzt. Es gab viele gestörte Menschen in der Szene. Als ich anfing, im CBGB’s herumzuhängen, rief ich alle möglichen Kleinkriminellen in Westchester an und sagte: „Ihr müsst wirklich hierher kommen, es gibt haufenweise Spinner, die genau wie wir sind.“ Aber sie kamen nie, sie waren entweder im Knast oder steckten in ihrem Leben fest. Oftmals hingen sie noch an der Musik aus ihrer Teenagerzeit und waren nicht in der Lage, die Kluft zwischen Hendrix und Patti Smith oder den BEATLES und den DEAD BOYS zu überwinden. Für mich war das eine logische Entwicklung. Was Ausraster und sonstige abgedrehte Verhaltensweisen angeht, habe ich eine Menge gesehen. Ich erinnere mich, dass ich einmal an der Bar im CB’s war und es waren nur etwa zehn Leute da. Ein Bursche machte ein Foto von Legs vom Punk Magazine, der plötzlich schrie: „Keine Fotos!“ Dann schnappte Legs sich die Kamera und kloppte sich mit dem Typen auf dem Boden wie bei einem richtigen Wrestling-Match. Wir saßen alle erstaunt da und waren überzeugt, dass Legs sich in Wirklichkeit wünschte, dass ihn jemand fotografierte. Nicht wirklich irre, aber amüsant.

Wenn es richtig crazy zuging, spielten sich regelrechte Dramen ab und destruktives Verhalten nahm Überhand. Ich möchte wirklich nicht tratschen und Storys über Personen erzählen, die das vielleicht als nicht so schmeichelhaft empfinden. Und obwohl einige mit schweren psychischen Problemen zu tun hatten, konnten dieselben Leute auch wirklich süß sein. Ich mochte Dee Dee Ramone wirklich sehr und wir hatten ein gutes Verhältnis, uns verband eine lockere Freundschaft. Aber Dee Dee konnte wirklich aus der Haut fahren und alles kaputt machen, Sachen zertrümmern und Leute beleidigen. Ich würde sagen, dass generell die meisten Leute in der Szene irgendwelche Probleme hatten, die sie aus einer kaputten oder unglücklichen Kindheit mitbrachten. Sagen wir es mal so, die verfluchte Öffentlichkeit und das Radio hatten die EAGLES und wir hatten CBGB’s, Max’s und die RAMONES. Auf deren Seite gab es Songs über „peaceful easy feelin’“. Auf unserer Seite Songs über das Klebstoffschnüffeln. Ja, es stimmt, es war ein wirklich aufgeladenes und dysfunktionales Durcheinander, aber es war auch eine Szene, in der es von Leuten wimmelte, die das große Bedürfnis hatten, etwas auszudrücken. Nicht zuletzt ihre Wut und Unzufriedenheit.

Die meisten Leute, die ich in NYC kannte, hatten bereits alle möglichen Drogen genommen, die es gab und die zu der Zeit bekannt waren. Die psychedelischen Drogen hatten die meisten hinter sich gelassen. Im CBGB’s spielten wir anfangs immer zwei Sets, ein frühes und ein spätes. Normalerweise gab es nur zwei oder drei Bands an einem bestimmten Abend. Da wir zu der Zeit alle noch neue Bands waren, hatte keiner von uns genug Songs für zwei komplett unterschiedliche Gigs, also wiederholten wir einfach die gleichen Songs. Eines Abends spielten wir mit den CRAMPS und ich erinnere mich, dass sie mir zwischen den Auftritten sagten, dass sie etwas LSD nehmen würden, um sich TESTORS anzusehen, und danach käme ihr zweites Set. Ich konnte das kaum glauben, denn es war schon lange her, dass ich jemanden getroffen hatte, der LSD nahm. Es schien mir unfassbar, dass sie in dem Zustand eine Show spielen können. Kürzlich erzählte mir unser erster Schlagzeuger, dass er manchmal vor Konzerten Acid genommen hatte. Erstaunlich! Aber im Allgemeinen waren die Hippie-Drogen nicht angesagt in der NYC-Punk-Szene. Viele Leute experimentierten mit Heroin und für viele wurde es zum Lebensinhalt. Ich habe das auch ich eine Weile gemacht und festgestellt, dass ich das Zeug viel zu sehr mochte. Ich habe einen starken Willen und als ich die Richtung sah, in die es ging, hörte ich auf. Ich kann sagen, dass TESTORS keine der Bands war, die häufig mit Drogen zu tun hatten. Wir waren praktisch „straight edge“, abgesehen von ein paar Schlenkern auf dem Weg, und nahmen nur gelegentlich Drogen. Wir waren sehr streng mit uns selbst, wenn es um die Musik ging, und ich glaube nicht, dass wir es auch so hätten durchziehen können, wenn wir alle versackt wären.

Ich habe nichts gegen Leute, die Drogen nehmen. Es ist ihr Recht und es ist ihre Entscheidung. Ich habe Johnny Thunders gesehen, der vollgedröhnt mit Heroin energiegeladener und leidenschaftlicher gespielt hat, als andere Leute, die total straight waren. Also, es kann funktionieren. Aber an einem anderen Abend war Johnny wiederum zu zugedröhnt, um gut zu spielen. Ich denke, Heroin hatte sowohl einen positiven als auch einen negativen Einfluss auf die NYC-Szene. Es hat etwas von dem Schwung der Künstler und ihrer Leistung kaputtgemacht. Die Droge besitzt eine verführerische Anziehungskraft, um es mal so zu sagen. Sie ist wie eine Liebesaffäre, die nichts als Ärger bedeutet! Wer zum Teufel will mit wunden Händen herumlaufen, und der ganze unhygienische Mist? Ich nicht! Mir ging es mehr um die Musik und darum, meinen Schmerz und die Angst in den Songs zu zeigen.

Andererseits glaube ich, dass viele Menschen, die eine gestörte oder dysfunktionale Jugend hatten, oft in einem Prozess der Selbstmedikation stecken. Heroin ist eine dieser Drogen. Du siehst jemanden, der Heroin genommen hat, normalerweise nicht in der Disco rumspringen. Sie bleiben in der Regel für sich und widmen sich irgendwie ihrem inneren Schmerz. Sicherlich gibt es auch Mitläufer, die denken, dass es angesagt ist, aber diese Typen habe ich immer bemitleidet. Seltsam, wie innerlich zerstört zu sein und sich Dope zu spritzen, um mit dem Schmerz umgehen zu können, von einigen Leuten auch als Mode missverstanden werden kann. Am Ende ist das Ganze aber reine Zeitverschwendung, weil es keinen Fortschritt gibt. Die Dinge werden eher noch schlimmer. Es ist eine Form von Selbstaufgabe. Und das ist das Gegenteil des ursprünglichen Vibes der Szene in NYC. Für einen Teil der Attitüde und der Arroganz mögen die Drogen begründet sein, aber ich glaube, dass das, was sich tatsächlich in der damaligen Musik ausdrückte, hauptsächlich auf einer tiefen Unzufriedenheit mit dem Status quo in unserer Gesellschaft beruhte. Die allgegenwärtige Heuchelei und die ewigen Lügen waren der größte Motivator für die Leute, mit denen ich zu tun hatte. Wir hatten das Gefühl, wir könnten die Welt verändern. Und das meine ich ernst.