Interviews & Artikel : RETO WEHRLI :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

RETO WEHRLI

Des Teufels Advokat

Seit jeher scheint Kunst von Zensur begleitet. Wahrscheinlich gab es schon beim Auftauchen der ersten Höhlenmalereien eine Gruppe von Frühmenschen, die nach Abänderung, Verhüllung oder Entfernung verlangte – besser dokumentiert ist da aber doch die jüngere Geschichte menschlicher Kunst. Ein gerne anvisiertes Ziel: Rockmusik und da im Speziellen Heavy Metal in all seinen Facetten. Schon 2001 hat der 1973 geborene schweizerische Psychologe Reto Wehrli sein Buch „Verteufelter Heavy Metal“ veröffentlicht, das er 2005 erweiterte und für die aktuelle, im Mai 2012 erschienene 900 Seiten starke Neuauflage umstrukturierte. Die Angriffe auf dieses Genre stehen hier zwar im Mittelpunkt, dem Untertitel „Skandale und Zensur in der neueren Musikgeschichte“ aber zu Folge, ist auch andere Populärmusik bis hin zum Charts-Pop betroffen. Wehrli nutzt ausführliche und intensiv recherchierte soziologische, historische und natürlich psychologische Theorien und Fakten, um das Wie und Warum von Zensur sowie das Verhalten von Künstlern und Sittenwächtern zu erklären, bleibt bei aller wissenschaftlichen Akribie aber lesbar und sehr unterhaltsam. Bei hanebüchenen Versuchen mancher Moralapostel, ihre verquere Weltsicht als „Jugendschutz“ zu verkaufen, formuliert aber auch Wehrli seine Meinung deutlich und mit Nachdruck.

Reto, wie hat sich dein Interesse an (Musik-)Zensur entwickelt?


Am Anfang stand mein ungläubiges Staunen über die gänzlich abstrus klingenden Behauptungen über angebliche „Rückwärtsbotschaften“ in der härteren Musik. Das war Mitte der Achtziger Jahre, und ich war damals ein Teenager. An die behauptete Wirkung solcher Subliminaleinspielungen glaubte ich keine Sekunde, aber das war damals noch ein reines Bauchgefühl – oder der gesunde Menschenverstand, wie man’s nimmt. Zehn Jahre später, als Psychologiestudent, holte mich das Thema während eines Semesters über implizite Gedächtnis- und Erfahrungsnutzung sozusagen wieder ein. Zugleich bekam ich die wissenschaftliche Perspektive mit, aus der sich solche „Mythen der Moderne“ auf den Prüfstand stellen und widerlegen lassen. In welchem Ausmaß mit der religiösen und weltanschaulichen Kritik an der Rockmusik auch zensorische Forderungen verbunden sind, wurde mir allerdings erst bewusst, als ich mir die Dokumentation „Tanz mit dem Teufel – Das Gute und das Böse der Popmusik“ ansah, die 1993 in kurzem Abstand sowohl im Schweizer Fernsehen und als auch im ORF gezeigt wurde. Darin wird vor allem der Prozess gegen JUDAS PRIEST in Reno, Nevada ausführlich geschildert. Die Tatsache, dass Rockmusiker wegen ihrer Kunst vor den Kadi gezerrt werden, hat mich sehr beeindruckt und führte zur Idee, etwas darüber zu schreiben. Und sobald man sich in ein Thema vertieft, verbreitert sich die Dimension der Untersuchung gewissermaßen von selbst. Das ist der Grund, weshalb dieses Buch mit jeder Auflage immer dicker wird!

Könnte dein, von deinem Verlag unterstelltes, Faible für Trivialkultur zu weiteren Arbeiten über Zensur in Film, Comics oder Literatur führen?

Solche Publikationen sind in der Tat schon seit Längerem in Arbeit. Vor allem möchte ich eine Art „Filmgeschichte der gebrochenen Tabus“ vorlegen – also ein direktes Pendant zu „Verteufelter Heavy Metal“, nur einfach zum Medium Film statt Musik. Die Crux ist, dass ein solches Werk sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, zumal ich auch nur ein „Freizeitautor“ bin – und bevor ich damit auf einen grünen Zweig komme, holt mich jeweils der „Heavy Metal“ wieder ein, indem schon wieder eine Auflage vergriffen ist und die nächste Ausgabe vorbereitet werden sollte ...

Du bist selbst kein Heavy-Metal-Fan, wirst dir während deiner Arbeit aber ja einiges angehört haben „müssen“. Läuft das dann rein wissenschaftlich oder kannst du manchen Platten doch etwas abgewinnen?

Ich kann zahlreichen Alben sogar sehr viel abgewinnen. Die Frage ist eher, ob das, was mir gefällt, bei Szene-Kennern überhaupt noch als „Metal“ durchgeht. Ich mag am ehesten Hardrock und die anderen melodiösen Sachen. Eigentlich habe ich einen ziemlich konventionellen Musikgeschmack. Je avantgardistischer eine Band klingt, desto mehr muss ich meine Rezeption auf „wissenschaftlich“ umschalten ... Und bei den neusten Goregrind-Produktionen muss ich zugeben, dass ich mir die CDs nur habe kommen lassen, um die Cover zu scannen und die Booklets wegen der Texte durchzusehen, danach erhielten sie ungehört einen Platz im Regal. Aber das Ironische an Musikzensur ist ja, dass sich die Zensur auch nur immer auf Artworks und andere Formen der äußerlichen Präsentation bezieht, nie auf die Musik als akustisches Erlebnis.

Dient deine Beschäftigung mit Fans von Populärmusik im Allgemeinen und speziell von Heavy Metal auch dazu, dem „normalen“ Menschen ein Phänomen zu erläutern, dem er nicht ablehnend gegenüberstehen sollte?

Das könnte man so sagen. Die entsprechenden Teile des Buches gehen auf meine ursprüngliche Ambition zurück, der Publikation einen wissenschaftlichen Gehalt zu geben und nicht nur eine Sammlung „skandalöser“ Klatschgeschichten zu sein. Die grundlegenden Arbeiten zur Soziologie des harten Rock stammen ja von Deena Weinstein, deren Publikationen ich auch einem deutschsprachigen Publikum vorstellen wollte, das von sich aus nicht mit amerikanischer Fachliteratur in Berührung kommt.

Der Heavy Metal steht seit seinem Beginn unter Beschuss diverser Moralinstanzen. Ist er wirklich am stärksten von Zensur betroffen? Schließlich zeigst du in den zig Falldarstellungen auch Zensur in anderen Genres auf, neben offensichtlicheren Bereichen wie HipHop und dem frühen Rock’n’Roll auch im Mainstream-Pop.

Seit der stärksten Ablehnungsphase in den Achtziger Jahren mit den Senatsanhörungen in den USA und stapelweise evangelikalen Kampfschriften ist der Heavy Metal tatsächlich spürbar aus der Schusslinie gerückt. Glücklicherweise, möchte man sagen. Meine soziologisierende Theorie dazu ist, dass dieser Musikstil seinen einstigen Status als Speerspitze extremen Musikschaffens verloren hat. Ob man das positiv oder negativ bewertet, hängt vom Standpunkt ab. Einerseits bedeutet es breite Anerkennung, ja sogar Akzeptanz als „seriöse Kunst“. Dass der Kulturkanal des ZDF stundenlang Mitschnitte vom Wacken-Festival überträgt, ist eines von vielen Anzeichen dafür. Auf der anderen Seite ist der Anspruch des Revolutionären definitiv verflogen. Heute schlägt Musikzensur überall dort zu, wo „konsensuelle Sensibilitäten“ verletzt werden, völlig unabhängig vom Genre.

Du siehst im Heavy Metal eine eskapistische Grundhaltung, keine revolutionäre. Wieso also findet gerade dort so viel Zensur statt, wenn er es nicht darauf anlegt, gesellschaftliche, politische und religiöse Strukturen zu brechen?

Für manche Rock-Gegner ist schon eine eskapistische Haltung verwerflich genug, da „Weltflucht“ im Bereich der Rockmusik boshafterweise auch mit Drogenkonsum in Verbindung gebracht wird. Davon abgesehen wurde der Metal auch schlicht ein Opfer seines eigenen Images. Wer sich derart auffällig als Eltern- und Bürgerschreck gebärdet, zieht unweigerlich die Aufmerksamkeit der Provozierten auf sich. Sind die schlafenden Hunde erst einmal geweckt, beginnen sie zu schnüffeln – und auf dem weiten Feld der extremeren Spielarten ist es ja nicht schwierig, etwas zu finden, woran man Anstoß nehmen kann. Doch die „History of Metal“ umspannt ja mittlerweile auch bereits vier Jahrzehnte, und wie etwa beim Medium Film sind inzwischen deutlich verschobene Reizschwellen zu beobachten. In den Anfangsjahren, als die ersten Metal-Bands sozusagen noch den Schwung der auslaufenden Jugendbewegung mitnahmen, besaßen das Konzept und die Haltung dieser Musik zweifellos so viel Radikalität, dass sie – vor allem in den puritanischen USA – schockierend, regelverletzend und damit für die „gesunde“ Entwicklung von Teenagern gefährlich gehalten wurde, um so mehr, als sie gerade für identifikationssuchende Jugendliche äußerst attraktiv wirkten. Man kann sich das heute kaum noch vorstellen, aber es gab wirklich einmal eine Zeit, in der Alice Cooper als eine Art Staatsfeind in Amerika angesehen wurde. Mit Ausnahme von religiös motivierten Rock-Gegnern, die in dieser Musik immer ein Instrument Satans erblicken werden, haben die meisten Kritiker jedoch mit der Zeit die Äußerlichkeit des „Schockarsenals“ im Metal durchschaut und reagieren nur noch darauf, wenn in grober Weise Tabus verletzt werden. Ein anschauliches Beispiel dafür gibt die bundesdeutsche Prüfstelle ab, die seit Jahren nur mehr Tonträger aus den extremsten Randnischen des Genres indiziert. Obwohl die Tabubrüche hier so plakativ und veräußerlicht daherkommen wie seit eh und je, wird ja niemand ernstlich glauben, dass ein Goregrind-Musiker einem Sexualmord positiv gegenübersteht.

In Bezug auf Aussage, Attitüde und Außenwirkung müssten Punkrock und sein in Teilen radikalerer Ableger Hardcore ein viel größeres, „gesellschaftsschädigendes“ Potenzial als Heavy Metal besitzen. Zwar tauchen in deinem Buch auch die SEX PISTOLS und DEAD KENNEDYS als Beispiele erfolgter Zensur auf, es hat aber den Anschein, als sähest du Punkrock als weniger „gefährlich“ und gefährdet an. Ist er also bloß ein „great rock’n’roll swindle“ und somit nur Teil der Rock-Welt, zu der auch Heavy Metal gehört?

Ich würde sagen, das Grundproblem der Ursprünge von Punk lag darin, dass sich eine derart radikale Position gar nicht über längere Zeit konsequent durchhalten ließ, ohne entweder daran zu zerbrechen oder unglaubwürdig zu werden. Wenn die SEX PISTOLS heute wieder zusammen auftreten, hat das nichts mehr mit Punk zu tun, sondern sie befriedigen das Nostalgiebedürfnis jenes Publikums, das mit ihnen zusammen alt geworden ist. Insofern war der „wahre“ Punk aus meiner Sicht ein Zeitphänomen, das untrennbar mit der „No Future“-Generation Ende der Siebziger Jahre verbunden war. Seit deren Ablösung hat Punk an Breitenwirkung eingebüßt und damit auch seine gesellschaftliche Sprengkraft verloren. Hardcore seinerseits ist grundsätzlich nicht so einfach zu „konsumieren“ wie Mainstream-Rock, was vielen Hörern den Zugang zu ihm erschweren dürfte. Und je schmaler die Anhängerschaft einer Stilart ist, desto „uninteressanter“ ist sie auch für die Moralwächter. Die beschäftigen sich lieber mit Massenphänomenen, das bringt auch ihnen selbst mehr Aufmerksamkeit.

Inwieweit muss Musik in Schutz genommen und vor Andersdenkenden als eigentlich harmlos verteidigt werden? Es leuchtet ein, darauf hinzuweisen, dass – textliche – Gewalt im Heavy Metal fiktiv oder dokumentarisch ist und damit nicht „gefährlich“ für einen gesellschaftlichen Status quo; aber man sollte doch auch das Recht haben, politische und religiöse Restriktionen ablehnen zu können. Ist da ein „Wir tun euch nichts, dann tut ihr uns auch nichts“ nicht der falsche Weg, da er im Grunde die Moralinstanzen anerkennt?

Mir scheint manchmal, dass sich Metal-Musiker geradezu genüsslich Scharmützel mit solchen Instanzen liefern und überhaupt keinen Wert auf ein „Stillhalteabkommen“ legen. Das macht es mitunter auch schwierig, als „objektiver“ Autor gewisse Tabubrüche als schützenswerte Ausdrucksformen individueller Kunst zu verteidigen. Aus meiner Sicht verdient Musik mitsamt ihren Texten als Kunst in jedem Fall einen unbedingten Schutz. Dazu braucht sie keineswegs „harmlos“ zu sein – es reicht vollkommen, dass sie Kunst ist. Umgekehrt muss die Metal-Fraktion anerkennen, dass es gesellschaftliche Gruppen gibt, auf die sie aversiv wirkt, möglicherweise sogar unbeabsichtigt. Da beide Seiten sich nicht gegenseitig aus der Welt schaffen können – und hoffentlich auch nicht wollen –, gibt es wohl keinen anderen Weg als dem Motto „leben und leben lassen“ zu folgen. Das eigentliche Problem besteht ja darin, dass rockkritische „Pressure Groups“ üblicherweise mehr Macht und Einfluss besitzen, wodurch die Auseinandersetzung leicht unfair wird. Hier gilt es in der Zensurkritik anzusetzen.

Existiert ein klarer Unterschied zwischen politischer und moralischer Zensur oder bedingt das eine das andere?

Da die meisten Politiker sich über bestimmte moralische Wertmaßstäbe definieren, ist beides kaum voneinander zu trennen. Das gilt für beide Enden des Spektrums: Mit einem „grünen Standpunkt“ wird naturgemäß eine gewisse Aufgeschlossenheit in moralisch-ethischen Fragen verknüpft – und ebenso selbstverständlich erwarten die Wähler von einem Konservativen eine Ablehnung bestimmter „Auswüchse“. Die USA liefern mit dem Einfluss, den die „Christliche Rechte“ auf die Republikaner besitzt, ein Extrembeispiel, aber es wäre heuchlerisch zu behaupten, dass in Europa die Politik nicht ebenso von einem christlich-abendländischen Wertekanon durchdrungen sei. Eine von moralischen Überzeugungen unabhängige politische Zensur findet wohl nur in Diktaturen statt – aber dort geht es um ganz andere Inhalte, die nicht ausgedrückt werden dürfen.

Wie wichtig ist es für eine Gesellschaft, den Lebensabschnitt der Adoleszenz zu kontrollieren?

Für Zensurbefürworter geht es um nichts weniger als die Zukunft des eigenen Landes. Man möchte die nächste Generation nicht „vor die Hunde gehen lassen“. Darum greifen konservative Autoren auch gerne zu diesem dramatischen Appell, den ich als „Kulturapokalyptik“ bezeichne: „Wenn wir unsere Jugendlichen nicht sofort auf den rechten Weg zurückbringen, dann droht der Untergang der westlichen Zivilisation.“ Ich habe aber zuweilen den Verdacht, dass darin auch ein wenig Neid mitschwingt. also Eifersucht auf die Freiheiten und Experimentiermöglichkeiten heutiger Adoleszenter, die der älteren Generation verwehrt waren, als sie selbst im jugendlichen Alter war.

„Die Zeit heilt nicht nur alle Wunden, sondern verändert vor allem die Wertmaßstäbe“, schreibst du am Fallbeispiel der SEX PISTOLS. „Skandale“ verlieren also mit der Zeit an Bedeutung und damit auch an „Gefährlichkeit“. Wird es jemals möglich sein, einer gerade herrschenden Gesellschaft klar zu machen, wie wirkungslos und damit überflüssig jegliche Zensur ist?

Ich fürchte nein. Zensur erfolgt immer gegenwartsbezogen, getrieben von der Überzeugung: „Das geht jetzt wirklich zu weit.“ Der Gedanke daran, dass die Gründe eines „Skandals“ schon in nächster Zukunft keine mehr sein könnten, rückt da weit in den Hintergrund, wohl auch aufgrund einer affektiven Komponente, denn die Entrüstung ist akut und heftig. Auch die Bundesprüfstelle entscheidet ausdrücklich gemäß den „aktuell maßgeblichen Wert- und Moralvorstellungen“. Dass diese Maßstäbe einem Wandel unterliegen, wird zwar ebenfalls anerkannt, aus diesem Grund muss die BPjM ja von Gesetzes wegen nach Ablauf von 25 Jahren ihre eigenen Entscheidungen neu überprüfen. Dem Gremium fehlt jedoch die Gelassenheit, solche Werteverschiebungen von sich aus zu antizipieren – oder vielleicht traut es sich auch ganz einfach diese Kompetenz nicht zu.

Du hältst dich mit deiner Meinung nicht zurück, was gerade in deinen Rezensionen zu Büchern wie dem von Moralaposteln so gern zitierten „Wir wollen nur deine Seele“ von Ulrich Bäumer deutlich wird. Berührt dich das Thema so, dass du ob soviel geschriebenen Unsinns auch emotional wirst?

Ja, das gebe ich zu. Mich ärgert es, wenn die eine Seite der anderen fehlbares Verhalten vorwirft und dabei selbst mit haarsträubendsten Mitteln operiert. Gerade bei Autoren, die sich auf christliche Überzeugungen berufen, stört es mich enorm, dass sie ihren Lesern ungeniert Schwindelgeschichten auftischen. Manche Bücher aus der evangelikalen Ecke müsste man schon als Gräuelpropaganda bezeichnen.

Gibt es Fälle, in denen du eine Zensur oder ein Verbot begrüßt? Wie sollte eine Gesellschaft oder die ihr vorstehende Staatsmacht mit nazistischer, frauenfeindlicher, homophober oder generell menschenverachtender Musik umgehen?

Meine persönliche Toleranz endet dort, wo die Freiheit, die Würde oder die Rechte von anderen oder Andersdenkenden verletzt werden – also bei jenen musikalischen Äußerungen, die du genannt hast. Zensureingriffe oder Verbote bleiben für mich jedoch fragwürdig. Davon ausnehmen würde ich einzig nazistische Musik, die auf einer Ideologie beruht, die durch nichts zu rechtfertigen ist. Doch in den anderen Bereichen setzt unweigerlich die Diskussion darüber ein, wo die Meinungsäußerungsfreiheit des Künstlers endet und ab wann schützenswerte Rechte verletzt sind. Ist Eminem schon homophob genug, um ihn zu ächten? Offensichtlich nicht. Bei vielen jamaikanischen Dancehall-Stars aber sehen zahlreiche Menschen die Situation anders – in der Folge kam es in den vergangenen Jahren zu teils massiven Tourneeboykotten, obwohl die betreffenden Musiker ihr schwulenfeindliches Material in Europa wohlweislich gar nicht bringen. Die Frage, ob jemand zu weit geht, ist für mich immer nur im Einzelfall abwägbar. Ich selbst würde kein Ticket für einen Auftritt von Sizzla Kalonji kaufen. Aber ich nehme für mich nicht das Recht in Anspruch, es anderen zu verbieten. In diesem Sinne sehe ich es als Aufgabe einer Staatsmacht an, Grundrechte zu schützen und Verstöße gegen diesen Schutz zu ahnden. Zensur aber läuft auf eine „präventive“ Unterdrückung hinaus, was ich für indiskutabel halte.

Wie groß schätzt du das Bewusstsein von Populärkultur-Konsumenten für die allgegenwärtige Zensur ein? „Frisst“ die Masse, was man ihr vorwirft? Weiß nur der „wahre Fan“ von diesem Vorgehen und wehrt sich dagegen?

Zensur hat ja zum Ziel, bestimmte Erzeugnisse oder Inhalte aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verbannen. Ein typisches Beispiel dafür sind die Werbe- und Verbreitungsverbote, welche mit einer Indizierung einhergehen. Insofern kann man einem breiten Publikum nicht einmal zum Vorwurf machen, dass es uninformiert sei. Auch die schlichte Größe des Angebots in allen Medien verhindert eine Sensibilisierung – bei der Vielzahl an „Ware“ fällt niemandem auf, wenn einzelne Produkte daraus verschwinden. Insofern weiß die Allgemeinheit in der Tat zu wenig über zensorische Maßnahmen Bescheid. Der kundige Konsument, der hartnäckig nach dem Verbleib eines bestimmten Produkts forscht, wird wohl immer die Ausnahme bleiben, zumal ihm bestimmte Vertriebswege wie etwa der Versandhandel von vornherein verwehrt sind.

Der Einzelhandelskonzern Wal-Mart, in den USA der größte, in manchen Gegenden einzige Musikverkäufer, weigert sich, CDs anzubieten, deren Aufmachung und Inhalt nicht mit der – konservativen – Firmenideologie konform gehen. Siehst du diese Art privater Zensur rein geschäftlich begründet oder als neue, weitere selbsternannte Moralinstanz?

Hier geht es klar um die Durchsetzung eigener Moralvorstellungen respektive eine – zweifelhaft motivierte – Imagepolitur. Denn wenn der Konzern den geschäftlichen Aspekt über alles andere stellen würde, wäre er in erster Linie am Verkauf von CDs interessiert, gleichgültig welchen Inhalts. Eine restriktive Verkaufsrichtlinie wie die von Wal-Mart ist umso bedenklicher, als sie die dominante Position des Konzerns ausnutzt und damit den ausgegrenzten Kunstschaffenden den Marktzugang unmöglich macht. Hier handelt das Unternehmen nicht nur gegen die Kunstfreiheit, sondern verletzt auch elementare Prinzipien der freien Marktwirtschaft.

Analog dazu wird dem Computer- und Unterhaltungskonzern Apple vorgeworfen, seinen iTunes-Match-Kunden beim Abgleich ihrer privaten Musiksammlung mit dem Angebot des iTunes-Stores sogenannte „Clean“-Versionen zu liefern, statt der „Explicit“-Variante, die man eigentlich besitzt. Apple nennt das einen technischen Fehler und keine gewollte Zensur, da sich „explizite“ Songs ja bei Apple kaufen ließen. Siehst du einen Übereifer bei diesen Kritikern, die, ähnlich wie manch Datenschützer, aus Reflex kritisieren, ohne komplexere Zusammenhänge in Betracht zu ziehen?

Der Zensuralarm mag in diesem Fall etwas voreilig geschlagen worden sein. Aber wer weiß, ob man sich ohne diese Aufregung bei Apple überhaupt Gedanken darüber gemacht hätte, wie technisch mit der Tatsache umzugehen ist, dass zwei Songs desselben Interpreten mit demselben Titel nicht zwingend denselben Inhalt haben müssen? Irgendwie ist es tröstlich zu wissen, dass es noch Leute gibt, die vehement auf ihrem Recht bestehen, auch in diesem System selbst entscheiden zu können, welche Version sie sich „antun“ wollen. Auch wenn die expliziten Fassungen für andere wahrscheinlich frauenfeindlich, homophob oder menschenverachtend sind.

André Bohnensack

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #106 (Februar/März 2013)

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