PULLEY

Foto© by Stijn Daenes

Die Suche nach dem goldenen Leben

Sich an kleinen Dingen zu erfreuen, hat immer zwei Seiten. Eskapismus ist eine davon. Sich auszuklinken, im Detail zu verharren, den großen Zusammenhang aus den Augen zu verlieren. Fokussierung ist die andere Seite. Sich eine Auszeit zu nehmen, nicht alles an sich vorbeirauschen zu lassen, Nuancen wahrzunehmen. Musik ist immer beides. Und das Cover des neuen PULLEY-Albums „The Golden Life“ wirft nun die Frage auf, ob man den dort abgebildeten Mann bemitleidens- oder bewundernswert finden soll. Ein ignoranter Realitätsverdränger? Oder ein in sich ruhender Genießer? Jedenfalls wässert er mitten in der Wüste ein kleines Stück Rasen. Wir befragten Frontmann Scott Radinsky nach seiner Sicht auf das neue Album im Speziellen und der Entwicklung von PULLEY als Veteranen der Skatepunk-Szene im Allgemeinen zu.

Scott, pünktlich zum Sommer habt ihr ein neues Album am Start. Im letzten Interview in Ox #151 haben wir darüber gesprochen, dass eure Alben immer in Drucksituationen entstanden sind. Mal unter Zeitdruck, mal aufgrund personeller Veränderungen. Wie war die Situation beim dieses Mal? Lief es entspannter ab?

Die Arbeit daran begann mitten in der Pandemie und wir konnten unseren anderen Jobs nicht nachgehen. Stress entstand daher durch die Sorge, kein Geld verdienen zu können und die Ungewissheit, wie lange dieser Zustand andauern würde. Einigen in der Band hat das sehr zugesetzt. Trotzdem waren wir im Proberaum alle ziemlich entspannt. Wir hatten durch die Umstände wesentlich mehr Zeit als sonst, um an den Songs zu feilen und sie bestmöglich zu arrangieren. Dieser Bereich unseres Lebens war also sehr relaxt.

Auf dem Cover ist ein Mann vor einem Wohnwagen in der Wüste zu sehen, der eine kleine Rasenfläche bewässert. Der Titel ist „The Golden Life“. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Bild und Titel?
Der Mann mit seinem kleinen Stückchen Rasen und seinem Trailer steht mitten im Nirgendwo, hat aber alles, was er in diesem Moment zum Glücklichsein braucht. Er hat ein entschleunigtes, schönes Leben. Viele Dinge zu besitzen, bedeutet nicht, ein erfüllteres Leben zu führen. Und der Typ auf dem Cover hat einfach allen unnötigen Ballast abgeworfen. Er steht sinnbildlich für eine Generation, der in den letzten 25 Jahren wenig Gutes widerfahren ist. Im Vergleich zu vorher war diese Generation schon mehr Scheiße ausgesetzt, wie Terrorismus und Krieg. Unsere oder zumindest meine Jugend nahm ich als vergleichsweise angenehmer wahr. Vielleicht ist diese positive Unbedarftheit daher ein Weg, den heutigen Krisen ein wenig den Druck zu nehmen.

Musikalisch gesehen ist es ein typisches PULLEY-Album. Ich finde es textlich aber melancholischer und düsterer als die vorherigen.
Ich kann nicht genau sagen, ob die Pandemie die konkrete Ursache dafür ist oder ob sich meine Haltung insgesamt geändert hat. Vielleicht werde ich alt und immer verbitterter, haha. Jedes Album hat seine eigene Atmosphäre. Beim Texten fange ich die Stimmung der aktuellen Songs ein, da die Musik meistens schon steht, bevor ich damit beginne. Die Pandemie als konkretes Ereignis hat unsere Ideen und Gedanken wahrscheinlich in eine düstere Richtung gelenkt. Es war aber nicht unser Ziel, ein düsteres Album zu machen. Und letztendlich ist es wie immer bei uns so, dass die Melodik einen Teil der Düsternis der Texte abfedert.

Ein eindrucksvoller Song auf dem Album ist „Wake up“. Sinngemäß singst du in dem Song, dass man das Feuer in seinem Herzen immer wieder entzünden kann, auch wenn es zwischendurch erlischt. Wie motivierst du dich dazu? Fällt dir das mit zunehmendem Alter schwerer?
Nein, eigentlich nicht. Egal, ob du dir selber Ziele setzt oder aufgrund äußerer Einflüsse etwas hinbekommen musst. Nach dem Antrieb und der Motivation muss man immer tief in sich selbst graben. Das bleibt so, solange man atmet und einen Puls hat. Die Alternative ist Stillstand und der ist nicht wirklich eine Option. Motivation zu finden, ist meistens nicht schwierig, sondern unbequem. Sie erfordert den bildlichen Tritt in den Hintern. Der Drang zum Handeln und Durchhalten ist in jedem von uns tief verankert. Ohne ihn sind wir nichts.

Deine Texte sind meistens persönlich. Bei welchem Song auf dem neuen Album war es für dich am schwierigsten, einen Text zu schreiben und warum?
Ehrlich gesagt fällt mir das Schreiben immer schwer. Beim letzten Song des Albums, „California“, hatte ich den Text noch nicht fertig, als ich im Studio mit dem Einsingen dran war. Wir haben ihn immer wieder nach hinten verschoben, weil ich ständig noch Zeilen geändert, verschoben oder gestrichen oder die Gesangslinie verändert habe. Ich wollte die Stimmung des Songs adäquat transportieren und es klappte irgendwie nicht. Ich konnte sie nicht fühlen. Nach einer Woche Drama war ich schon so weit, den Song fallen zu lassen. Der Produzent schlug dann vor, dass wir uns eine Stunde lang aus dem Weg gehen, etwas runterkommen und dann einen letzten Versuch starten. Und als quasi Last-Minute-Take hat es dann doch geklappt. Sicherlich ist er nicht der stärkste Song auf dem Album, aber in sich stimmig. Und durch den Refrain wurde es eine richtiger Rock-Nummer, das fehlte ihm vorher. Dieser Track hat mich auf jeden Fall die meisten Nerven gekostet.

Nach den Rereleases einiger eurer Alben bei eurem neuen Label Sbäm Records habt ihr eine Akustik-EP mit alten Stücken veröffentlicht. Übrigens eine gute Möglichkeit, um auch bei Familienbesuchen Punk-Songs zu hören.
Haha, genau! Wir haben schon 2004 auf unserem Album „Matters“ mit „Thanks“ einen Akustiksong gehabt. Wenn wir im Studio mehr Zeit gehabt hätten, wäre damals schon eine komplette Akustik-Session daraus entstanden. Ich glaube, es liegt am Prozess des Songwritings an sich. Auch Punk-Songs werden anfangs oft auf Akustikgitarren geschrieben. Wenn man dann einen Song hunderte Male laut und schnell gespielt hat, entsteht das Bedürfnis, noch mal zu einer ursprünglichen und abgespeckten Version zurückzukehren. Nur mit einer Gitarre und dem Gesang. Hier passt der etwas überstrapazierte Begriff ,,authentisch“. Du ersetzt die Power und den Punch eines Songs durch Charakter und Seele. Du hauchst ihm neues Leben ein. Für mich war das eine große Herausforderung. Es ist eine Sache, zu treibender Punkrock-Musik zu singen, und eine andere, deine Stimme in einem Akustiksong in den Vordergrund zu stellen, bei dem man jeden gesanglichen Fehler sofort hört.

Sbäm Records beleben den typischen Westcoast-Sound der Neunziger Jahre wieder und supporten viele junge Bands. PULLEY gelten als Veteranen dieses Genres. Magst du diese Bezeichnung?
Eine Erkenntnis des Älterwerdens ist, dass du manche Dinge einfach nicht selber in der Hand hast. Dazu gehört, wie andere auf dich blicken. Das muss man zunächst mal so hinnehmen. Eine längere Bandgeschichte und viel Erfahrung machen dich wahrscheinlich automatisch zum Veteranen. Wir haben als Band tausende Kilometer Bandhistorie auf dem Buckel, sind älter geworden, haben viel über die Musikindustrie gelernt. Ich betrachte es als Vorteil, Erfahrungen aus erster Hand zu haben. Ich bin dankbar dafür, das Musikmachen in einer Zeit gelernt zu haben, in der man für Aufmerksamkeit hart arbeiten musste. Mit der Errungenschaft des Internets, der sozialen Medien und des Homerecordings ist es heute einfacher, sich als Band bemerkbar zu machen. Das trifft sowohl auf die guten als auch auf die beschissenen Bands zu. Früher hast du von den beschissenen Bands einfach nichts gehört, weil ihnen die Plattformen fehlten. Ich bin stolz auf unsere Band. Und wenn Alter, Erfahrung und Durchhaltevermögen dich zum Veteranen machen, dann soll das so sein. Mein Anspruch an mich selbst ändert sich durch diese Bezeichnung nicht. Der Vorteil, ein Veteran zu sein, ist, dass du alle Fehler schon einmal gemacht hast und sie nicht wiederholst.

Heute hat der Westcoast-Sound für unsere Generation etwas Nostalgisches. Wie viel Nostalgie verträgt Punkrock, ohne dadurch inhaltlich belanglos zu werden?
Wenn eine Sache so lange existiert wie Punkrock, kommt die Nostalgie von alleine. Jeder hat zum Beispiel Bands, die er liebt, aber niemals live sehen konnte. Das erzeugt ein Gefühl von Nostalgie. Wenn ich heute Bands wie die CIRCLE JERKS, ADOLESCENTS oder DESCENDENTS sehe, werde ich nostalgisch. Mit denen bin ich in den Achtziger Jahren aufgewachsen, das waren meine ersten Konzerte. Nostalgie ist ein immanenter Bestandteil von Geschichte, denn du kannst die Vergangenheit nicht wiederholen. Darum mystifizieren wir sie. Und bezogen auf unsere Punkrock-Welt wird es immer wieder Bands geben, die in die Kategorie Veteranen fallen und die deshalb die Aura der Nostalgie umgibt. Momentan sind es die eben genannten, in zwanzig Jahren andere. Ich habe in meinem Arbeitszimmer Flyer von Shows an den Wänden hängen. Die meisten Bands darauf konnte ich glücklicherweise live sehen, einige nicht. Und ich habe dazu auch nicht mehr die Gelegenheit, weil es sie nicht mehr gibt. Und dieses leichte Gefühl von Sehnsucht hat auch etwas Nostalgisches. Die Frage danach, wie diese Erfahrung für mich gewesen wäre, diese nicht stillbare Neugier in uns, ist Ausdruck echten Fantums. Letztendlich ist Punkrock eine sehr kleine Welt mit einer sehr begrenzen Anzahl an Akteur:innen. Es ist ein bisschen so, als ob du Bilder von Familienmitgliedern siehst, die du selber nie kennen gelernt hast.

Wenn man die Ursprünge des typischen Westcoast-Sounds sucht, nennen viele Leute BAD RELIGION oder RKL. Wer ist es für dich?
Vielleicht noch STALAG 13. Die waren auch sehr früh dabei und haben einen melodischen, tighten und kraftvollen Sound gehabt. BAD RELIGION haben mit „Suffer“ damals Punkrock insgesamt einen Energieschub verpasst, als er drohte, in Vergessenheit zu geraten. Die ADOLESCENTS würde ich auf jeden Fall auch nennen. „Kids of the black hole“ hat alles, was einen melodischen Punksong ausmacht. Und RKL sind die beste Band der Welt. Punkt! PROPAGANDHI kommen da eventuell noch nah ran. Sie sind musikalisch heute das, was RKL in den Achtzigern waren.

RKL waren auch die ersten, die diese typischen kurzen Breaks in die Songs eingebaut haben.
Die findet man aber auch schon bei MINOR THREAT, die waren nur insgesamt nicht so technisch vertrackt wie RKL. Eine interessante Spurensuche, haha. Aber frage hundert Leute nach dem Ursprung dieses Sounds und achtzig davon werden antworten, es sei „Suffer“ von BAD RELIGION, womit sich alles verändert hat.

Was hältst du von dem aktuellen Pop-Punk-Revival im Zuge der Kollaborationen von Travis Barker von BLINK-182 und TRANSPLANTS mit Machine Gun Kelly, Avril Lavigne, KennyHoopla und so weiter? Ist das vergleichbar mit den Neunziger Jahren, als GREEN DAY und OFFSPRING groß wurden und die Szene dadurch insgesamt wuchs? Oder ist das ein kurzzeitiger Trend?
Ich halte das für einen kurzen Trend. Mich interessiert auch nicht sonderlich, was Machine Gun Kelly und Avril Lavigne machen. Die stehen inhaltlich für nichts. GREEN DAY und OFFSPRING haben vor ihrem Durchbruch auch schon Alben auf kleinen Labels veröffentlicht und sind getourt. Sie haben sich eine Grundlage erarbeitet. Von vielen der Künstler:innen der neuen Pop-Punk-Welle habe ich vorher noch nie etwas gehört. Sie scheinen einfach auf einmal da zu sein. Mich erinnert das an die Zeit der One-Hit-Wonders in den Sechziger und Siebziger Jahren. Und sieh dir an, was aus denen geworden ist. Sie sind einfach verschwunden. Die organisch gewachsenen Bands aus dieser Zeit kennen wir hingegen heute immer noch.

Dienen Revivals deiner Meinung nach der Erneuerung einer Szene? Bringen sie frischen Wind? Oder sind sie ein Zeichen für Stagnation?
Revivals haben mit der eigentlichen Szene gar nichts zu tun. Sie finden außerhalb von ihr statt. Das Publikum einer Show von GOOD RIDDANCE oder WAR ON WOMEN unterscheidet sich wesentlich von dem einer Show von Machine Gun Kelly. Da bin ich mir sicher. Natürlich gibt es vereinzelt Kids, die vorher noch keine Berührungspunkte mit Punkrock hatten und vielleicht über diesen Einstieg BAD RELIGION oder die DESCENDENTS für sich entdecken. Aber der Weg von Machine Gun Kelly zu Underground-Bands ist weiter als der von GREEN DAY zu den alten Hardcore-Bands, weil sie alle innerhalb einer Wahrnehmungswelt stattgefunden haben. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, wenn es anders kommt, aber momentan halte ich das für eine Medienblase.