STRAY FROM THE PATH

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Am Puls der Zeit

Sie sind immer auf der Höhe. Auch ihr zehntes Album „Euthanasia“ reflektiert das. Entstanden mit Hilfe modernster Mittel während einer Pandemie, geht es inhaltlich um die Geister, die aktuell unsere Welt heimsuchen. Wir sprechen mit Gitarrist Tom Williams.

Tom, du hast das Album zusammen mit eurem Schlagzeuger Craig Reynolds vornehmlich über das Internet geschrieben. Wie war diese Erfahrung?

Ich weiß nicht, ob ich es noch einmal machen würde. Aber es hat wirklich Spaß gemacht. Vieles davon haben wir sogar über Twitch gestreamt. Die Zuschauer konnten direkt am Schreibprozess teilhaben. Es gab dabei Streams, bei denen nichts rumkam, aber auch andere, bei denen uns die Zuschauer wirklich halfen, einen Song zu vervollständigen. Das Langweilige für mich war, wenn ich ein Riff geschrieben und dieses an Craig geschickt hatte. Er spielte dann Schlagzeug dazu, programmierte es, was er da gespielt hatte, und ich bekam das Ganze zurück. Dann fügte ich wieder etwas hinzu und so weiter. Aber es gab dieses Mal auch Lieder, die mit dem Schlagzeugpart beginnen. Der erste Song des Albums zum Beispiel, „Needful things“. Der Beat, den du auf der Platte hörst, war auch derjenige, den er mir als initiale Idee geschickt hatte. Das Lied kam super schnell zusammen. „Guillotine“ zum Beispiel haben wir komplett im Stream geschrieben. Manche haben sicher noch den Arbeitstitel im Kopf, der lautete „Gary“. Sie kennen den Track also noch in diesem Status und haben uns dabei zugesehen, wie wir ihn ausgearbeitet haben. Als wir schließlich zu Will Putney ins Studio gegangen sind, haben sich einige Elemente noch mal geändert. In ihrer finalen Fassung sind die Lieder also auch für die Leute, die uns beim Schreiben begleitet haben, frisch und neu.

Was habt ihr während des Schreibens übereinander gelernt, das ihr vorher noch nicht wusstet?
Oh, das ist schwierig. Vielleicht, dass uns wirklich nichts aufhalten kann. Wenn wir weitermachen möchten, dann finden wir einen Weg. Wir waren schon immer eine recht resiliente Band. Am Anfang wollte uns zum Beispiel niemand interviewen und auch die Radiostationen spielten unsre Lieder nicht. Wir waren unserer Zeit etwas voraus mit Alben wie „Make Your Own History“, „Anonymous“ oder auch „Subliminal Criminals“. Es hat immer ein bisschen gedauert, bis wir verstanden wurden. Wenn Leute um die zwanzig sind, dann wollen sie oft eine gewisse Einstiegshürde in ihrem Metal, Metalcore oder Hardcore. Erst später sind sie auf der Suche nach eher ausgefallenen Sachen oder auch mit mehr inhaltlichem Tiefgang. Nicht jeder Neunzehnjährige möchte Lieder über Nazis, die Polizei und Sozialismus hören. Wenn die Menschen älter werden, kommen wir ins Spiel.

Wer mit euch gewachsen ist, du hast ihn auch schon einmal erwähnt, ist euer Produzent Will Putney. Das ist nun das sechste Album, das ihr mit ihm aufgenommen habt. Wie hat sich eure Zusammenarbeit über die Jahre verändert?
Mittlerweile ist er für uns quasi unersetzbar. Ich kann mir aktuell nicht vorstellen, noch einmal ein Album ohne ihn aufzunehmen. In der Vergangenheit haben wir einmal mit Kurt Ballou von CONVERGE gearbeitet. Der ist mein Lieblings-Hardcore-Gitarrist. Aber wir haben irgendwie nicht zusammengepasst. Vieles hatte bestimmt damit zu tun, dass wir 2007, als „Villains“ entstand, noch sehr jung waren. Dann haben wir mit Misha von PERIPHERY aufgenommen, „Make Your Own History“. Auch hier passte es einfach nicht. Ich bin immer noch sehr stolz auf die beiden Alben, aber irgendwie funktionierte es nicht. Dann hatte Drew ein Gastauftritt auf einem Album gehabt, das Will zu der Zeit produzierte. Drew und ich sind also zu Will ins Studio. Wir trafen uns, mochten uns und haben danach „Rising Sun“ bei ihm aufgenommen. Ich mag das Ergebnis mittlerweile gar nicht mehr, aber die Zeit im Studio war trotzdem spaßig. Er kommt auch aus dem Nordwesten, hat also eine ähnliche Art von Humor und spricht die gleiche Sprache. Mittlerweile ist er für uns wie ein fünftes Bandmitglied. Wir müssen nicht einmal mehr darüber debattieren, mit welchem Produzenten wir aufnehmen wollen, sondern rufen bei Will an und fragen, wann wir vorbeikommen können. Wir kennen seine Familie, seine Frau, seine Hunde. Er gehört quasi mit zur Familie und zu Stray. Und wenn er uns beim Schreiben aushilft, bekommt er seinen Anteil.

Auf mich wirkt euer neues Album ziemlich düster, sowohl musikalisch als auch inhaltlich. Auf „Internal Atomics“ gab es einige positive Momente, auch dank der Erklärung der Philosophie des Albums im Booklet. Jetzt hingegen scheint alles nur noch düster und negativ zu sein. Woran liegt’s?
„Internal Atomics“ haben wir quasi direkt im Anschluss an eine Reise nach Afrika geschrieben. Dort haben speziell mit Rico von der Hardcore Help Foundation und Ross von „Actions Not Words“ zwei Personen getroffen, die uns beeindruckt haben. Das sind Leute, die alles in ihrem Leben aufgegeben haben, um Menschen zu unterstützen, die hilfebedürftig sind. Wir kamen von diesem Hoch, wir hatten Menschen getroffen, die absolut inspirierend waren, wirkliche Helden! Das hat uns sehr positiv gestimmt. 2020/21 war es das komplette Gegenteil. Jeder war super selbstbezogen. Die Leute haben sich nicht impfen lassen, wollten aber die Betten im Krankenhaus in Anspruch nehmen, wenn sie krank wurden. Dazu kommen die ganzen querulantischen Neonazis und Waffenfanatiker. Da werden Kinder in einer Schule erschossen und die Polizei steht draußen, hört zu und wartet ab. Wie viele Kinder hätten wohl gerettet werden können, wenn die Polizei getan hätte, wozu sie da ist? Das Bild auf dem Cover soll die Möglichkeit symbolisieren, dass die Erde uns einfach per Knopfdruck von ihrem Antlitz tilgt. Ich will jetzt natürlich nicht sagen, dass jeder auf der Welt sofort sterben muss. Es ist eher unsere künstlerische Herangehensweise, um unseren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.