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SLOWDIVE

Everything Is Alive

SLOWDIVE gelten als Wegbereiter des düsteren Formats Shoegaze. In der kurzen Zeit ihres Bestehens von Ende der Achtziger bis Mitte der Neunziger brachten sie lediglich drei EPs und drei stilbildende Alben auf Alan McGees Creation-Label heraus. Als sie dort gedroppt wurden (McGee neues Steckenpferd Britpop war ihm wichtiger) lösten sie sich für zwei Dekaden auf. Shoegaze war ein bisschen out, allerdings gab es nach wie vor viele Fans, die Musik fand ihren Weg in Indie-Discos und Filmsoundtracks (bei Gregg Araki sind SLOWDIVE fast immer dabei). Die Mitglieder beschäftigten sich mit ganz unterschiedlicher Musik ... bis zum Jahr 2014, als es eine Handvoll Konzerte von SLOWDIVE gab und ein Album angekündigt wurde. Das selbstbetitelte Werk erschien 2017 und begeisterte Kritik sowie Publikum. Es gab etliche ausverkaufte Konzerte und man war sich einig: das vierte und neue Album gilt als das Beste – geniales Songwriting, eine Atmosphäre, die sowohl dazu einlädt, genau zuzuhören wie auch wegzudriften. Shoegaze wird auf eine neue Ebene gehoben, durch Talent und Erfahrung der Band, aber auch durch viel bessere Produktionsmöglichkeiten. Wie würde die Band mit dem Erfolg des Vorgängers umgehen? Nach dem Erscheinen von „Everything Is Alive“ stellt sich heraus: fast die ganze Zeit umgibt die Songs ein Hauch von „Wir könnten, aber ...“ SLOWDIVE sind klug genug, nach dem selbstbetitelten Überdrüber-Werk nicht zu versuchen, noch eine Schippe draufzulegen. Sie umschiffen elegant, wenn auch in kleinem Kreis, diese etwas gefährliche Klippe. Teilweise fast schon skizzenhaft, möchte ich sagen. Das trifft es aber nicht ganz, da es sich so anhört, als wäre es nicht wirklich gut. Ist es aber. Nur anders. Könnte daran liegen dass Gitarrist, Songwriter und Sänger Neil Halstead eigentlich ein Elektronik-Soloalbum aufnehmen wollte („Chained to a cloud“ ist relativ nah dran). Es entsteht öfter der Eindruck, nach der nächsten Kurve kommt der große Wurf, die tollste Melodie, die geilste Hook ... Dann passiert etwas Unerwartetes, der Höhenflug wird leicht ausbremst. „Everything Is Alive“ hat unglaublich schöne Passagen, nennen wir diese mal „freilaufende Atmosphäre“, der fulminante einminütige Einstieg bei „Shanty“ eröffnet diesen Reigen. Danach wird es ruhiger mit einem an SIGUR RÓS erinnernden Instrumentaltitel. Der große Hit ist wohl „Kisses“, fast schon fröhlich und tanzbar. Ansonsten ist die Platte ziemlich düster geraten, wohl nicht ganz unerwartet. Todesfälle naher Menschen von Bandmitgliedern, der Lockdown und nicht zuletzt die Album-Aufnahmen in Cornwall, wo sich bei Bedarf neben Klippen, Meer und Fischerdörfern gut allein sein lässt, werden ihren Beitrag zu diesem Fast-Meisterwerk geleistet haben.