AMENRA

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Auch auf ihrem siebten Studiowerk „De Doorn“ gehen die Belgier wieder ausgesprochen düster und brachial zu Werke. Frontmann Colin H. van Eeckhout gibt sich im Interview derweil nachdenklich – und erklärt, warum die Pandemie für ihn so manche Dinge in ein anderes Licht gerückt hat.

Für viele Menschen weltweit gestaltet sich das Leben aktuell schwierig und trostlos. Wie passt da so ein schwermütiges und düsteres Album in die Zeit?

Ich glaube, dass jedes unserer Alben seinen Platz und Sinn finden kann, auch in Zeiten, wie wir sie gerade erleben. Das Leben war noch nie so selbstfokussiert wie jetzt, und die Einsamkeit zwingt die Menschen dazu, wirklich tief in sich selbst zu graben, um Wege zu finden, mit dieser neuen und ungewohnten Situation umzugehen. Das digitale Leben ist innerhalb des vergangenen Jahres für einen Großteil der jungen Generation zur neuen Normalität geworden. Es ist traurig zu sehen, wie die menschliche Wärme abhandenkommt – während gleichzeitig das Bedürfnis nach ihr wächst. Es fühlt sich an wie eine große Prüfung. Was das Album konkret angeht: Wie immer bei AMENRA geht es auch bei der neuen Platte darum, Wege zu finden, das Licht in all der Dunkelheit zu sehen. Aber du musst natürlich den Klängen und Worten erlauben, dass sie dich da hindurch führen.

Du hast mal gesagt, dass dir eure Musik die Möglichkeit gibt, deine Ängste und deine Verzweiflung zu kanalisieren. Wie nimmst du „De Doorn“ persönlich wahr?
Die Platte macht das mit mir, was eine neue Platte immer mit mir macht. Sie macht mich stolz, sie gibt meinem Leben einen Sinn, sie verunsichert mich aber auch und macht mich demütig. Sie gibt meiner Unsicherheit eine Stimme. Sie macht mich real. Es erfüllt mich außerdem mit Dankbarkeit, dass es nach all den Jahren wieder ein neues Album gibt, das unseren Namen trägt. Mir ist stets bewusst, dass jede Platte unsere letzte sein könnte.

„De Doorn“ ist das erste Album, das in puncto Titel aus dem „Mass“-Zyklus ausbricht. Warum?
Hauptsächlich, weil es aus einem anderen Blickwinkel geschrieben wurde. Die „Mass“-Alben entstanden aus einer Anhäufung von Traumata in unseren persönlichen Leben. Mit diesem Album war das nicht unbedingt der Fall. Im Wesentlichen und inhaltlich ist es ein AMENRA-Album, wie wir es alle kennen. Aber es fühlte sich nicht so an, als wäre es „Mass VII“. Wir haben diesmal eine Geschichte zu erzählen. Und das ist unsere.

Im Bezug auf den Sound seid ihr eurem schlichten, rohen Ansatz treu geblieben. Was würdest du Kritikern entgegnen, die euch eine Weiterentwicklung absprechen?
Wir hatten nie die Absicht, die „Formel“ aus marketingstrategischen Gründen zu verändern. Ein größeres oder ein „Mainstream-Publikum“ zu erreichen war uns nie wichtig. Ich sehe das bei vielen anderen Bands. Wann immer eine Band, die ich mochte, das tat, fühlte es sich für mich wie Verrat an. Einige dieser Bands oder ihre Alben bedeuteten mir so viel in meinem Leben, dass ich fast in eine leichte Trauer verfiel. Als hätte ich etwas verloren, das mir lieb und teuer war. Deswegen habe ich aus Respekt vor unseren Anhängern für mich beschlossen, dass ich das nie versuchen werde. Ich glaube allerdings schon, dass man sich entwickeln kann. Indem man sich zum Beispiel nur als Mensch innerhalb einer Band weiterentwickelt oder sich ständig selbst analysiert und daraus lernt. Und daran wächst. Wir haben immer Wert darauf gelegt, uns nicht darum zu scheren, was die Leute von uns erwarten. Sondern nur nach dem zu streben, was wir aus künstlerischer, kreativer Sicht für notwendig erachten.

In jüngster Zeit hat es einige Veränderungen bei euch gegeben. Ihr habt im Oktober 2020 einen neuen Labeldeal unterschrieben, derweil hat euer langjähriger Bassist Levy Seynaeve die Band verlassen, Tim De Gieter ist dafür neu dabei. Welche Hoffnungen und Ziele verbindest du mit dieser neuen Konstellation?
Wir glauben nicht an Ziele oder das Erfüllen von hohen Erwartungen. Für uns läuft alles auf harte und aufrichtige Arbeit hinaus. Und dann werden wir sehen, wo uns das hinführt. Uns gibt es nun schon seit mehr als zwei Jahrzehnten, da sind Veränderungen unvermeidlich. Menschen verändern sich, wachsen auseinander, so ist das nun mal. Ich hoffe lediglich, dass wir fortführen können, was wir 1999 begonnen haben, und dass die Freundschaft, die wir aufgebaut haben, die treibende Kraft hinter AMENRA bleibt. Wir sind gesegnet, dass wir uns alle gefunden haben und dass wir so kompatible Persönlichkeiten und so viel Talent in einer Gruppe haben. Das Hinzukommen von Tim unterstreicht das alles nur noch mehr. Seine jugendliche Energie, seine Positivität und sein Antrieb sind eine Motivation für uns alle. Das haben wir gebraucht. Ich glaube, wir haben uns noch nie so stark gefühlt wie heute.

Belgien ist von der weltweiten Pandemie besonders heftig getroffen worden. Inwieweit hat das euren Bandalltag eingeschränkt?
Für die Väter unter uns war es natürlich sehr intensiv, als die Schulen geschlossen waren. Da gab es am Anfang überhaupt keine Möglichkeit, kreativ zu sein. Aber nach ein paar Wochen bis Monaten hatten wir einen neuen Rhythmus gefunden. Wir fingen an, uns auf einige Sachen zu konzentrieren, die noch herumlagen und darauf warteten, fertig zu werden. Wir haben das Glück, dass wir nur maximal dreißig Minuten voneinander entfernt wohnen. Also haben wir uns immer wieder gesehen, und sobald wir durften, haben wir wieder angefangen zu proben. Und während der strengeren Sperrzeiten hielten wir uns mit einigen Covern und dem Hin- und Herschicken von Aufnahmen auf Trab. Außerdem mussten wir uns von unserem alten Proberaum trennen und umziehen. Wir haben eigentlich die ganze Zeit über immer irgendetwas gebaut oder umgeräumt.

Innerhalb des vergangenen Jahres haben vermutlich wohl viele Musiker über wesentliche Dinge in ihrem Leben nachgedacht. Hast du etwas Neues über das Leben und die Menschheit erfahren?
Ja, es hat wirklich alles ins rechte Licht gerückt. Es hat Demut gelehrt. Die Bedeutung von Freiheit, Freundschaft, menschlicher Nähe, Wärme. Familie. Die Tränen meiner Mutter, als sie ihre Enkelkinder nach Monaten der Abgeschiedenheit wieder in den Armen halten konnte. Wir werden zukünftig alle noch dankbarer sein für unser freies Leben und die Erlebnisse mit der Familie und der Band. Mit fehlender Motivation hatten wir nie zu kämpfen, im Gegenteil. Die Entbehrungen haben uns wahrscheinlich gutgetan. Das vergangene Jahr hat leider aber auch gezeigt, dass die Menschen sich kaum noch ineinander einfühlen können. Die Gesellschaft ist immer polarisierter. Das ist wirklich traurig zu sehen.