CHARGE 69

Foto© by Jacques Apotheloz

Drei Jahrzehnte mit uns

1993 gründeten sich CHARGE 69 im nordwestfranzösischen Metz. Mitgründer und Bassist Caps ist die Konstante und bis heute dabei und betreibt auch das Combat Rock-Label, wo die meisten der Platten der Band erschienen sind. Ist es normalerweise der Frontmann, der in einer Band die Kontinuität darstellt, wurde diese Position bei CHARGE 69 immer wieder mal neu besetzt, was blieb, war die musikalische Grundfarbe: melancholisch-hymnischer Oi!- und Streetpunk mit französischsprachigem Gesang. Mit dem Livealbum „30 ans avec vous“ feiern CHARGE 69 dieses Jahr ihren 30. Geburtstag, und wer so lange dabei ist, hat auch was zu erzählen. Ich fragte, Caps antwortete.

Caps, CHARGE 69 feiern dieses Jahr ihren dreißigsten Geburtstag. Was für Geschenke gab und gibt es?

Ja, drei Jahrzehnte – ich kann es kaum glauben. Es kommt mir so vor, als hätten wir erst vor ein paar Jahren angefangen ... Es ist fast beängstigend, wie schnell die Zeit vergeht, haha. Aus diesem Grund haben wir beschlossen, unserem Publikum eine Art Geschenk zu machen. Wir haben eine Live-CD gemacht, „30 ans avec vous“, die wir noch bis Ende 2023 für drei Euro anbieten, also ein Euro pro Jahrzehnt. Das ist unsere Art, Merci – Danke – Dzieki – Thank you zu sagen. Natürlich gibt es auch eine kleine Vinyl-Auflage, limitiert auf 300 Stück. Außerdem haben wir unser zweites Album „Vos lois ne sont pas nos règles“ von 1999 auf schönem blauen Vinyl neu aufgelegt, da es schon so lange nicht mehr erhältlich war. Wir haben auch schon sechs neue Tracks aufgenommen für „Nos racines – Volume 2“, unsere Sammlung französisch gesungener Punk-Klassiker, und hoffen, bald noch eine Session einlegen zu können und das Ganze vielleicht noch zum Jahresende rauszubringen. Wir arbeiten auch schon an neuen Songs, aber vor dem nächsten Jahr ist da nichts geplant, aber wir haben immer eine Menge Projekte im Kopf.

Wonach habt ihr die Stücke für euer Live-Album „30 ans avec vous“ ausgesucht?
Wir haben normalerweise zwei Arten von Setlists für unsere Konzerte, je nachdem, wie lange wir spielen sollen. Um ehrlich zu sein, bevorzuge ich die kürzere mit gut zwanzig Songs. Ich glaube, sie ist energiegeladener und kraftvoller. Darunter Titel, die wir immer spielen, wie „Patchwork“, „Johnny good boy“ oder „Apparence jugée“, die Klassiker aus den Anfangstagen, die die Leute einfach hören wollen. Aber es sind auch sechs Songs von unserem aktuellen Album „Tous debout“ dabei, da wir es wirklich mögen und wir denken, dass sie es verdient haben. Dann gibt es noch ein THE BUSINESS-Cover, „The real enemy“, das wir auf Französisch singen, und eine Auswahl Songs von allen unseren anderen Alben. Da sind ein paar dabei, die wir seit Ewigkeiten nicht mehr gespielt haben, wie „Sans concession“ oder „Politiciens“, und mussten nun feststellen, dass sie ein Vierteljahrhundert später leider immer noch aktuell sind.

Kannst du uns bitte einen Überblick über die Geschichte der Band geben? Nicht die kurze, nicht die lange, aber vielleicht die mittlere Version ...
Das Abenteuer begann, als Laurent, der erste Schlagzeuger von PKRK und außerdem bei KLASSE KRIMINALE, seine neue Band SKAFERLATINE gründete. Er suchte einen Tontechniker, um ihr erstes Album zu produzieren, aber er kannte niemanden, der diesen Punk-Vibe mochte. Zur der Zeit spielte ich Bass bei PKRK und wir teilten oft die Bühne mit MOLODOÏ, einem Projekt des Sängers von BÉRURIER NOIR, und deren Gitarrist Spirou war Tontechniker. Wir fragten ihn und er stimmte zu und da er während der Aufnahmen bei mir wohnte, verbrachten wir drei die Nächte zusammen. Wir sprachen über unseren Musikgeschmack, britische Punkbands der Marke ’79 wie RUTS, STIFF LITTLE FINGERS, UK SUBS oder auch COCKNEY REJECTS oder ANGELIC UPSTARTS, redeten über unsere Inspirationen und Träume, die Welt zu verändern, und eines Abends gingen wir in den Proberaum, um ein bisschen zu jammen und uns ein paar Songs auszudenken, nur so zum Spaß. Es passte so gut, dass wir beschlossen, eine Band zu gründen. Ein paar Wochen später kam Spirou wieder nach Metz und wir nahmen fünf Songs auf. Das war Anfang 1993 und die Geburtsstunde von CHARGE 69. Leider konnte Spirou nicht bei uns bleiben, aber wir machten weiter und veröffentlichten unsere erste EP „Patchwork“, die auf vier verschiedenen, internationalen Labels erschien und sehr gut ankam. Damals gab es gerade ein großes Revival von etwas, das meist als Streetpunk bezeichnet wurde, mit Bands aus der ganzen Welt – OXYMORON, BRAINDANCE, VANILLA MUFFINS oder LOWER CLASS BRATS, um nur einige zu nennen. Es war eine intensive Zeit und wir spielten in ganz Europa und besonders in Deutschland. Es gab ein riesiges Publikum und alles ging sehr schnell – es war sehr aufregend. In diesen Jahren veröffentlichten wir mit „Apparence jugée“ unser allererstes Album sowie „Région sacrifiée“ und „Vos lois ne sont pas nos règles“. Ich würde sagen, das war unsere erste Phase. Danach verließ Gilles, der Sänger und Gitarrist, die Band. Laurent wechselte vom Schlagzeug zum Gesang und zur Gitarre. Wir rekrutierten noch Psycho Möchine als Gitarrist, Brice als Schlagzeuger und machten weiter. Anfang 2000 spielten wir so viel wir konnten, machten eine Tour in Quebec in Kanada und nahmen zwei Alben auf, „Univers Sale“ und „Conflit interne“. Aber wieder gab es interne Komplikationen aufgrund des Drogenmissbrauchs einiger Bandmitglieder, was zu einer erneuten Umstrukturierung des Line-ups führte. Mit Vérole von LES CADAVRES als Sänger und Mumia an der Gitarre begann eine neue Ära. Sie kamen beide aus Paris. Zu dieser Zeit trafen wir auch Jon Caffery, den Produzenten von DIE TOTEN HOSEN, eine wunderbare Begegnung, und wir nahmen mit ihm die EP „Retour au front“, das Album „Résistance électrique“ und 2015 schließlich „Much More Than Music“ auf, eine Compilation unter der Beteiligung von Arturo Bassick von THE LURKERS/999, Campino von den Hosen, Micky Fitz von THE BUSINESS, Roger Miret von AGNOSTIC FRONT, TV Smith von THE ADVERTS, Greg Cowan von THE OUTCASTS, Beki Bondage von VICE SQUAD, Charlie Harper von UK SUBS, Matt Dangerfield von THE BOYS und Colin von GBH. Es war episch, ein Moment reiner Magie. Leider lief es sonst nicht wirklich rund, da zwei von uns so weit weg wohnten. Vérole verließ uns unter dem Vorwand, sich zur Ruhe setzen zu wollen, und Mumia wurde ein Vollzeitjob angeboten. Eine weitere Periode der Veränderungen folgte. Aber nachdem wir mit Gaut einen neuen Sänger gefunden hatten, tourten wir weiter und brachten „Décharge public“, das erste Live-Album, raus. Danach erschien noch „Tous debout“, unser bislang letzter Longplayer, und 2021 „Nos racines“, eine Zusammenstellung von Punk-Klassikern, gesungen auf Französisch. So here we are!

SPINAL TAP hatten ein Schlagzeuger-Problem, bei CHARGE 69 ist es die Position des Sängers ... Deine Theorie?
Das stimmt ... es ist nicht einfach, die Geschichte der Band zu überblicken. Es gab so viele Besetzungswechsel, dass ich schon überlegt habe, darüber ein Buch zu schreiben. Eine Band funktioniert wie ein Ehepaar, „in guten wie in schlechten Zeiten“ – allerdings sind wir zu viert statt zu zweit. Es ist nicht immer leicht, die anderen zu ertragen, wenn man ständig aufeinander hockt. Auf Tour ist man 24 Stunden mit denselben Leuten zusammen und das bringt Konflikte mit sich ... Zudem können sich Menschen mit der Zeit verändern, der Musikgeschmack kann sich unterschiedlich entwickeln, das Familienleben oder die Arbeit kann Leute zu Hause binden und längeres Touren so gut wie unmöglich machen, besonders bei einem Vollzeitjob. Das ist auch der Grund, warum ich mich entschieden habe, nur noch was mit Leuten aus der näheren Umgebung zu machen. In der Tat ist es schwieriger, als man sich vorstellt, wirklich lange in einer Band zu bleiben. Ego-Probleme, Freundinnen oder Ehefrauen, Süchte, Arbeit ... Man geht gemeinsam durch Höhen und Tiefen und manchmal dauert das Tief ein bisschen zu lange. Das könnte ein kleiner Teil der Erklärung sein.

Parallel zur Band betreibst du dein Label Combat Rock. Wie, wann und warum hast du es gegründet?
Das war 1989, vor 34 Jahren. Im Jahr zuvor hatte meine Band PKRK eine Split-Single mit GÉGÈNE ET LES N* gemacht und ich fand es toll! Es war fantastisch zu sehen, wie ein Song, bei dem ich mitgespielt hatte, sich in ein Stück Plastik verwandelt. Wir haben alles selbst gemacht, die Hüllen drucken, schneiden, falten, kleben. Es war ein langer und komplizierter Prozess, aber auch aufregend. Ich wollte weitermachen und mir wurde klar, dass ich dafür eine Struktur brauchte, also gründete ich eine Firma namens Combat Rock. Ich hatte damals ein paar Freunde in London bei Damaged Goods und Released Emotions und kannte auch bei Gougnaf Mouvement oder Bondage Records in Frankreich – also dachte ich mir, das kann ich auch ... Eines Tages bekam ich rund 6.000 französische Francs, umgerechnet etwa 1.000 Euro, und gründete damit das Label. Am Anfang war es nicht ganz einfach, da es kein Internet gab und ich nirgends in Erfahrung bringen konnte, wie man eine Plattenfirma betreibt. Ich hatte keine Ahnung von Verträgen, Deals, GEMA, Promotion, Vertrieb und so weiter. Ich musste für jedes Problem selbst eine Lösung finden und aus allen meinen Fehlern lernen. Das Artwork zu erstellen war ein Schlachtfeld, wir mussten Fotos machen, mussten Sachen ausschneiden, Dinge kleben, und brauchten Klebebuchstaben ... Alles dauerte unendlich lange, es war in einer prähistorischen Zeit, wir hatten noch keine Computer, aber es war toll! Denn seit ich ein 13 oder 14 war, bin ich ein echter Vinyl-Junkie, ich hatte Platten von überall her und wollte jetzt den Leuten die Art von Musik näherbringen, die ich so sehr liebe. Hinter allem steckt also der Wille, meine Leidenschaft für Punkrock mit anderen zu teilen. Und ich bin sehr glücklich über diese Entscheidung.

Welches waren deine bislang vielleicht wichtigsten Releases und was sind deine neuesten Entdeckungen?
Ich habe inzwischen über 150 Platten rausgebracht und es ist nicht leicht, hier ein paar herauszupicken. Aber die allererste ist natürlich unvergesslich und das war die „Playing With Fire“-12“ von THE SECT, eine Band aus Coventry und Birmingham im Stil von MC4. Es war magisch. Ich habe mich auch immer gefreut, alte 7“s neu pressen zu dürfen, die längst vergriffen oder einfach unbezahlbar waren, wie „Border Guards“ von RED ALERT, „Warboots“ von MAJOR ACCIDENT oder „Rien a faire“ von NO CLASS. Als dann die CD aufkam, habe ich komplette Diskografien rausgebracht, von Bands wie TROTSKIDS oder WUNDERBACH – es war toll, endlich alle ihre Songs auf einem Tonträger zu haben, da es Bands sind, nach denen ich in meiner Jugend total süchtig war. Andererseits sind da auch die „Dites le avec des fleurs“-Compilations mit neuen französischen Bands – am liebsten hätte ich mit jeder von ihnen eine eigene Platte gemacht, aber da das nicht ging, war es eine gute Möglichkeit, ihnen eine Chance zu geben. Es gibt bis jetzt zudem die drei Label-Sampler „100% Punk Rock“ mit jeweils zwanzig Songs, einen von jeder Veröffentlichung. Ich glaube, ich war der Erste in Frankreich, der so was gemacht hat. Sie waren sehr günstig und verkauften sich gut, da wir damals einen sehr guten Vertrieb hatten. Ich bin auch sehr glücklich darüber, dass ich das zweite Album von DISTORTED TRUTH rausbringen durfte, „Counterfeit Culture“, und an der Vinylversion von „Principes Mortales Punk Aeterna“ der polnischen Band BULBULATORS beteiligt bin – sie sind einfach großartig, das müsst ihr euch unbedingt anhören. Nicht zu vergessen die CD-Zusammenstellung von frühen Aufnahmen der wunderbaren NASTY RUMOURS aus der Schweiz, das ist 77er-Punk pur. Zuletzt hat mich besonders das neue HATEFUL-Album „You Just Got Fooled Again“ begeistert. Genauso muss Punkrock für mich klingen und ich bin wirklich stolz darauf, es gemeinsam mit Dirty Punk rausgebracht zu haben. Aber wie gesagt, es ist schwierig, diese Frage zu beantworten, wenn ich so an die ganzen anderen Veröffentlichungen denke, die ich hätte erwähnen müssen ...

Wie sehr hat sich die Arbeit eines DIY-Punk-Labels in Frankreich mit den Jahren verändert? Was sind die Herausforderungen und Schwierigkeiten heutzutage?
Alles hat sich verändert, heute hören die Leute Musik meist über ihr Smartphone oder auf dem Computer. Es gibt keine CD-Player mehr im Auto und kaum jemand hat noch einen Plattenspieler zu Hause. Es gibt immer weniger Läden, in denen man Vinyl oder CDs kaufen kann, was auch nicht gerade hilfreich ist. Zugleich sind die Kosten für die Herstellung von Vinyl so stark gestiegen, dass die Preise einfach nur noch lächerlich sind und Schallplatten zu Luxusartikeln werden, was traurig ist. Wegen erhöhter Versandkosten und Einfuhrsteuern kann ich nicht einmal mehr ausländische Schallplatten importieren. Die letzten, die ich in Großbritannien oder den USA eingekauft habe, waren einfach zu teuer. Das ist einfach unsinnig. Die Konsequenz: Ich habe einen Rückgang der Plattenverkäufe zu verzeichnen und einen kleinen Anstieg bei den CDs, die immer noch viel billiger sind. Aber das ist nichts im Vergleich zu früheren Zeiten, also zum letzten Jahrhundert. Und heutzutage ist Musik größtenteils eine digitale Angelegenheit mit all diesen Plattformen usw. Und ich muss zugeben, dass ich mich damit nicht besonders gut auskenne. Tatsächlich habe ich überhaupt kein Interesse daran und selbst wenn meine Veröffentlichungen auf digitalen Plattformen verfügbar sind – alles läuft über Believe –, ich habe nicht einmal einen Account, um dort Musik zu hören. Also habe ich nicht die geringste Ahnung, wie ich Combat Rock-Veröffentlichungen dort bewerben oder verbreiten sollte. Ich weiß, das ist ein Fehler, aber ich habe noch nie gerne etwas getan, was ich nicht wirklich mag.

Ich weiß, dass du viele deutsche Bands magst – wie bist du zu den deutschen Punkbands gekommen und was sind deine Lieblingsbands?
Wie die meisten Franzosen zu dieser Zeit habe ich deutschen Punkrock durch Nina Hagen kennen gelernt – sie war in Frankreich sehr populär und ihre ersten beiden Alben sind immer noch Klassiker. Die erste deutsche Punk-Platte, die ich gekauft habe, war dann von A+P. Ich weiß noch, dass es in Saarbrücken, das nur 60 Kilometer von Metz entfernt ist, in einem kleinen Laden in einer Unterführung im Stadtzentrum war. Ich habe sie eigentlich nur wegen der Hülle gekauft. Damals waren SEX PISTOLS, CLASH oder DAMNED meine Helden, aber die kamen mir mit meinen15 oder 16 Jahren schon super alt vor. A+P schienen eher in meinem Alter zu sein. Ich erinnere mich noch daran, wie ich die Klapphülle öffnete und auch wenn ich kaum Deutsch konnte, sofort verstand, was da steht: „Warum? Warum? Warum sind wir auf dieser Welt?“ Das war genau das Richtige für mich: naiv und aggressiv. Genau das, worauf ich gewartet hatte. Ich liebte sie und kam darüber zu HASS, DAILY TERROR, SLIME, UPRIGHT CITIZENS, RAZZIA, PVC, zu viele, um sie zu erwähnen. Compilations wie „Keine Experimente“ waren genial, um neue Bands zu entdecken, aber meine Favoriten waren und sind DIE TOTEN HOSEN. Sie wurden von Platte zu Platte besser, was selten der Fall ist. Ich weiß, dass viele deutsche Punks denken, dass sie sich verkauft haben, aber der Meinung bin ich nicht, sondern habe großen Respekt vor ihnen. Live sind sie immer noch die Besten! Zudem sind Vom und Campi einfach zwei der nettesten Leute, die ich kenne – echte Menschen. Irgendwann habe ich Barny vom Stuttgarter Label Incognito Records kennen gelernt. Durch ihn habe ich so viele deutsche Bands entdeckt, besonders begeistert haben mich NOISE ANNOYS, MÄDELS NO MÄDELS und später DISTRICT oder OXYMORON. In den letzten vierzig Jahren sind da einige zusammengekommen Die deutsche Szene ist so aktiv und spannend. Die letzte deutsche Band, die mich wirklich überrascht hat, sind FEINE SAHNE FISCHFILET, nicht ganz Punkrock, aber „ultrageil“. Die Goldmedaille gebührt jedoch diesem deutschen Kerl namens Mohawk Revenge, der „Cut The Crap“ von THE CLASH einen neuen Sound verpasst hat. Er hat dem Album den Glanz zurückgegeben, den es verdient. Dieser Mann ist einfach ein Held und ich würde ihn gerne mal treffen, um ihm zu gratulieren.

Die französische Oi!-Punk-Szene scheint aktuell sehr lebendig zu sein, ich mag Bands wie CRAN, DALTONZ, TCHERNOBYL oder FRACTURE. Sie haben etwas geschafft, was ich bei Oi!-Bands aus Großbritannien, den USA, Deutschland oder anderswo noch nie gehört habe, nämlich einen „dunklen“ Touch in ihre Musik zu bringen. Deine Gedanken?
Das stimmt. Es gibt viele neue Bands mit einem Touch Post-Punk- oder New-Wave-Sound der Achtziger Jahre und das gefällt mir auch sehr. Hör dir mal SYNDROME 81, LITOVSK, RANCŒUR und die wunderbaren KRONSTADT an. Es gibt auch eine neue, viel versprechende Band aus Metz: PENSÉE UNIQUE – unbedingt reinhören! Man hat kaum genug Ohren, um sich all diese guten Bands anzuhören ... Es stimmt, es ist eine aufregende Zeit mit all dem frischen Blut. Ich denke, das haben wir vor allem Wattie und seiner Gang LION’S LAW zu verdanken. Er hat für eine neue Generation gesorgt. Hoffentlich halten sie die Fahne noch lange hoch.

Du wohnst in Euville, und wenn ich mir das auf der Karte ansehe, ist das ein kleines Dorf weit weg von Metz, das gewöhnlich als die Heimatstadt von CHARGE 69 genannt wird. Wie hat sich dein persönliches Leben im Laufe der Jahre verändert und wie ist es so auf dem Dorf?
Ja, ich bin vor etwa drei Jahren umgezogen, aber ich wohne immer noch in Lothringen und so weit weg ist das gar nicht – es ist genau ein Stunde Fahrt von meinem ehemaligen Zuhause entfernt. Ich bin mindestens einmal in der Woche in Metz, aber du hast recht, es ist ein kleines Dorf auf dem Land. Ich glaube, wenn ich als Teenager dort gelebt hätte, hätte ich Selbstmord begangen, aber jetzt ist es genau das, was ich will, und ich genieße es. Ich wohne in einem massiven alten Presbyterium, das ich versuche, so gut es geht zu erhalten. Es hat einen sehr großen Garten, viel Platz überall und Natur, wilde Tiere – weniger Stress. Tatsächlich interessiere ich mich sehr für alte Gemäuer, Orte mit Geschichte, und es gibt hier alles, was ich brauche. Auch die Menschen sind näher dran und generell hilfsbereiter, ich fühle mich hier gelassener, was das Wichtigste ist. Auf der anderen Straßenseite ist ein toller Bäcker, der die beste Pâté Lorrain macht, die es gibt, und nur zehn Meter weiter haben wir ein typisch französisches Bistrot. Ich bin einfach glücklich, hier zu leben.

Deutschland wurde in den letzten Jahren vom Aufstieg der rechten Partei AfD geplagt, die hier noch ein „neues“ Phänomen ist. Die berüchtigte Familie Le Pen und deren Rassemblement National, ehemals Front National, sind mittlerweile von einer kleinen Nischenpartei zu etwas aufgestiegen, das viele französische Wählerinnen und Wähler für eine akzeptable Alternative halten. Wie hast du den Wandel des gesellschaftlichen Klimas in Frankreich in den letzten dreißig Jahren erlebt?
Ich bin kein besonders politischer Mensch. Eigentlich hasse ich Politik und Politiker sind für mich samt und sonders Lügner, Schmarotzer und Opportunisten. Also werde ich nicht demagogisch sein und sagen, was die Leute hören wollen, das ist zu einfach und völlig nutzlos. Die Realität ist ganz einfach: Das soziale Klima hat sich seit langem immer weiter verschlechtert und mittlerweile ist die Bevölkerung so gespalten, dass eine Versöhnung der beiden Lager kaum noch vorstellbar ist. Es sind zwei Denkweisen, die zu weit voneinander entfernt sind, zu gegensätzlich, als dass ein Kompromiss möglich wäre, und das wird ohne Zweifel noch zu größeren Problemen, Konfrontationen führen. Das ist eigentlich keine Überraschung – jeder, der hier lebt, weiß, was passieren wird. Anstatt sich auf die aktuellen Probleme zu konzentrieren, sollten wir versuchen, die Ursachen dafür zu finden – zu lange wurde alles nur verdrängt und verleugnet. So viele Orte und Menschen hat man komplett im Stich gelassen und so sind viele Vorstädte einfach außer Kontrolle geraten. Ich war nie gut in Mathe, aber ich vertraue auf Statistiken, Umfragen und Zahlen. Wir werden bald einige Überraschungen erleben und sicher keine guten. Seit Ewigkeiten hat sich jede Regierung gescheut, die Probleme in Angriff zu nehmen, und diese Ignoranz hat zu der Situation geführt, die wir jetzt haben. Jeder kann seinen eigenen Standpunkt, seine eigenen Ideen zur Lösung der Probleme haben, aber ich denke, es ist zu spät, das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Die Leute sind einfach wütend. Es gab unglaubliche Preissteigerungen bei Strom, Energie und vor allem Lebensmitteln, ich glaube, das waren gut 30%, dazu die allgemeine Verunsicherung, die Sorge, bis zur Rente immer länger arbeiten müssen. Die Menschen haben einfach die Nase voll. Nächstes Jahr sind Europawahlen und dann werden wir das Ergebnis sehen. Ich denke, die Menschen werden einen Wechsel wollen. Ich kann nur hoffen, dass ich mich irre. Ich bin mir nicht sicher, ob die Demokratie die Antwort auf alles ist, aber das ist das System, in dem wir leben, also werden die Wähler bald entscheiden. Die Debatte ist so komplex, dass der Platz hier nicht im Ansatz ausreicht, um sie sinnvoll zu führen. Ich habe gerade „Sapiens“ von Yuval Noah Harari gelesen, eines der interessantesten Bücher, die mir in den letzten zehn Jahren untergekommen sind, und es bestätigt nur, was ich denke: Die menschliche Natur ist grundsätzlich furchteinflößend ...

Wie gehst du persönlich damit um und was würdest du raten?
Wie ich schon sagte, bin ich kein Politologe oder Fachmann, und ich werde den Menschen auch nicht sagen, was sie tun sollen. Schon seit meiner Jugend habe ich immer nur getan, was ich wollte. Seit über vier Jahrzehnten geht mir meine absolute Freiheit über alles und ich kann dir sagen, dass es ein täglicher Kampf ist, ohne die üblichen Ketten zu leben – es ist sehr schwierig und hat auch seinen Preis. Ich habe immer versucht, meine eigene Meinung zu vertreten und habe mich nie den Vorstellungen der Mehrheit anpassen müssen. Ich habe alle Autoritäten, Lehrer oder Politiker immer gehasst, jeden, der mir vorschreiben wollte, was ich zu tun habe. Egal was sie mir erzählen, ich werde das tun, was ich will, und das meine ich ernst. Das ist nicht bloß ein Refrain von einem Song oder ein Slogan auf einem T-Shirt, es ist meine Lebensweise und der versuche ich treu zu bleiben. Dementsprechend werde auch ich den Leuten nicht vorschreiben, was sie tun sollen, wen sie wählen sollen oder welchen Weg sie einschlagen sollen, ich werde den Menschen nie meine Moral aufdrücken oder sie belehren. Ich denke, besser gesagt, ich hoffe, dass sie klug genug sind, um zu wissen, was sie mit ihrem Leben anstellen müssen und dass sie aufgrund eigener Erfahrung erkennen, was das Richtige ist und was sie tun müssen. Wie schon gesagt, am besten hörst du auf die kleine Stimme in dir, die dir sagt, was du tun sollst. Übrigens bin ich gerade dabei, darüber einen Song zu schreiben. Es mag ein bisschen klischeehaft klingen, aber folge nur deinem eigenen Willen, lass dich für nichts einspannen und sei frei – wirklich frei.

In Deutschland haben wir schon seit vielen Jahren ein Problem mit solchen Scheißbands wie BÖHSE ONKELZ, KRAWALLBRÜDER oder FREI.WILD. Und es scheint, dass mit dem Aufstieg der AfD auch diese Art von Bands immer beliebter geworden ist. Immerhin haben es bisher alle relevanten Festivals geschafft, sie komplett auszuschließen.
Ich bin ich mir nicht sicher, ob es eine wirkliche Korrelation zwischen Musik und Politik gibt. Ich glaube nicht, dass alle Leute, die ein BÖHSE ONKELZ-Konzert besuchen, die AfD wählen, oder dass Leute nach einem Hosen-Konzert nach Hause kommen und sagen: „Hey, wir haben genug Platz und können eine Migrantenfamilie bei uns wohnen lassen!“ Es verhält sich deutlich komplexer. Ich bin mir nicht sicher, ob es reicht, etwas in ein Mikrofon zu schreien. Siehe in Frankreich, als BÉRURIER NOIR, diese große Band, gegen die NF gesungen hat ... was hat es gebracht? Mein größter Traum ist, dass der Hunger aus der Welt verschwindet, dass es keine Kriege mehr gibt – darüber haben wir einen Song geschrieben: „En lambeaux“ – und dass endlich ein Heilmittel für Krebs und andere schreckliche Krankheiten gefunden wird, doch ich bin mir nicht sicher, ob das Singen darüber wirklich etwas ändern wird. Taten sind stärker als Worte, also denke ich, dass Menschen, die mit sich selbst im Reinen sein wollen, wirklich etwas unternehmen müssen, um etwas zu verändern. Ich schätze zum Beispiel einen Mann wie Jean Maloka – er betreibt nicht nur einen alternativen Laden in Dijon, Les Tanneries, das Maloka-Label und das Black Market Café, sondern er baut auch Gemüse an und verschenkt körbeweise selbst produzierte Lebensmittel an Bedürftige. Das hat meinen Respekt. Dasselbe gilt für Steve, den Gitarristen von UK SUBS, der nicht nur Veganer ist, sondern sich auch ganz praktisch für die Sache einsetzt ... Nebenbei bemerkt, auch wenn ich FREI.WILD nicht mag, mag ich doch Sachen von den Onkelz wie „Wir ham’ noch lange nicht genug“ oder „Nur die Besten sterben jung“... geniale Lieder, bei denen man einfach mitsingen möchte.

Gibt es französische Rockbands, die mit diesen deutschen Scheißbands vergleichbar sind? Und wie geht die französische Musikszene mit ihnen um?
Nun, in Frankreich geht es mehr um Probleme wie sexuellen Missbrauch oder häusliche Gewalt durch Bandmitglieder als um politische Ansichten. Die meisten Veranstalter boykottieren Bands, deren Mitglieder im Verdacht stehen, gewalttätig gegenüber Frauen zu sein oder Groupies zu missbrauchen und damit haben sie natürlich absolut recht – insofern die Anschuldigungen begründet sind und nicht nur aus Verbitterung erhoben werden oder mit Absicht, jemanden zu beschädigen. Aber das führt zu einer Frage: Wie sollen wir mit einer Band wie ANTI-FLAG umgehen? Sicherlich hatten sie brillante Texte, aber hier erkennt man wieder den Unterschied zwischen dem, was Menschen sagen, und dem, was sie tun. Du wirst nie irgendwen sagen hören: „Immer wenn ich besoffen bin, schlage ich meine Frau“ oder „Wenn mein Mann zur Arbeit ist, mach ich’s mit dem Nachbarn ...“ Sollen wir noch über das Publikum sprechen? Ich habe von der Sache mit RAMMSTEIN gehört ... Nicht gerade ruhmreich, oder? Es ist einfach nur ekelhaft und gruselig. Aber die 80.000 Menschen, die sie neulich in Paris gesehen haben, schien das nicht zu stören ... Schon etwas schräg, oder?

Die Leute mögen Listen, also was waren deine drei besten Erlebnisse in den letzten drei Jahrzehnten ...
Es ist sehr schwer, drei auszuwählen – aber okay. Erstens die Arbeit an „Much More Than Music“ mit sämtlichen Helden meiner Jugend, die unsere Songs mit uns singen. Sie alle mal persönlich kennen zu lernen, war unglaublich. Ich weiß noch, wie ich als Kiddie in meinem Zimmer hockte und ihre Platten hörte und ein paar Jahrzehnte später treffe ich sie wirklich ... Ein Kindheitstraum wurde wahr! Zweitens unsere erste Quebec-Tour mit LA GACHETTE. Damals wussten wir noch nicht einmal, dass unsere Platten in Kanada vertrieben wurden, und auf einmal erhielt ich einen Anruf von einem Typen mit einem seltsamen Akzent. Er sagte, er sei ein Fan von CHARGE 69 und wolle eine zehntägige Tour für uns organisieren. Wir konnten es nicht glauben, es war eine wunderbare Erfahrung. Drittens so viele wunderbare Leute zu treffen, wie Lukasz von Cockney Underground Boot Factory, als wir zum ersten Mal in Polen waren. Er hat uns so toll bewirtet und seitdem sind wir immer in Kontakt geblieben. Jetzt bin ich stolz darauf, ihn als Freund zu haben. Es war so, dass wir auf einem Festival waren und der Organisator war mit dem ganzen Geld abgehauen. Wir waren weit weg von zu Hause, hatten keine Kohle, keine Ahnung, wo wir schlafen und wie wir heimkommen sollten, und da trafen wir diesen Kerl, den wir noch nie zuvor gesehen hatten und der uns erzählte, dass er ein Hotel betreibt. Es sind oft die kleinen Dinge, die einem besonders viel bedeuten.

... und die drei schlimmsten?
Leider gibt es auch eine Menge beschissener Ereignisse. Uns sind auch wirklich ätzende Leuten begegnet, geldgierig, aber die sind nicht weiter erwähnenswert ... Das schlimmste Erlebnis passierte während eines Konzerts in Belgien mit MAJOR ACCIDENT in den Neunziger Jahren. Radikale Skins griffen uns an und schlugen alles kurz und klein – es war extrem brutal und es gab sogar etliche Schwerverletzte. Ich hasse Gewalt im Allgemeinen, aber besonders bei Konzerten. Das war ein echter Alptraum! Ich ziehe es jedoch vor, mich nicht mit diesen schlechten Erfahrungen aufzuhalten, sondern mich auf die guten zu konzentrieren.