DIE ÄRZTE

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Ambivalenter Monsterquatsch

Totgesagte leben länger. Aber was heißt das schon. Im Falle der besten Band der Welt eigentlich gar nichts. Denn wirklich weg waren DIE ÄRZTE ja nie. Auch wenn ihr letztes Studioalbum „Auch“ bereits 2012 erschien und somit schon einige Jahre auf dem Buckel hat, haben die drei Berliner immer wieder Lebenszeichen von sich gegeben. Sei es in Form von Büchern, Rereleases, DVDs oder einem Auftritt beim „Jamel rockt den Förster“-Festival in Mecklenburg. Trotzdem verstärkten sich die Gerüchte, dass Farin Urlaub, Bela B und Rodrigo González sich auf ihr Altenteil zurückziehen würden oder sich zumindest nur noch um ihre jeweiligen eigenen Projekte kümmern. Im vergangenen Jahr wurde dem aber entgegengewirkt, als die Band bekannt gab, zwei Festivalauftritte bei Rock am Ring und Rock im Park zu spielen. Dazu gab es eine Tour durchs benachbarte Ausland und mit „Abschied“ und „Rückkehr“ zwei exklusive neue Songs im Internet. Welch große Freude war das in ihrem Fanlager. Und dann die Nachricht, im Jahr 2020 würde es eine große Arena-Tour geben. Und ein nagelneues Studioalbum. Die Tour musste nun Corona-bedingt ins nächste Jahr verlegt werden, das Album „Hell“ erschien aber wie geplant. Und darüber habe ich mich ausführlich mit Bela B Felsenheimer unterhalten.

Acht Jahre Pause. War euch die ganze Zeit über klar, dass ihr noch mal weitermachen wollt?

Nein, ganz und gar nicht. Wir waren ja bis Mitte 2013 auf Tour, danach war erst mal Schluss. Erst 2018 haben wir beschlossen, dass wir 2019 auf zwei Festivals spielen und auf Clubtour gehen. Aber nach 2013 hatten wir tatsächlich erst mal die Nase voll von diesem Hamsterrad, in dem man da steckt. Interviewmarathons, Radioauftritte, Videodrehs, Promotion und so. Und weil es schon Pläne für Farin Urlaubs RACING TEAM gab, mussten wir die ganze Arbeit und die Konzerte, die eigentlich auf drei Jahre angelegt waren, auf zwei komprimieren, so dass das Stress-Level noch höher war als sonst. Bereits im Studio fanden wir nicht den richtigen Ton zueinander und das setzte sich dann auf der Tour fort. Genau erklären kann ich mir das bis heute noch nicht. Auf jeden Fall haben wir nach der Tour wirklich gedacht: Jetzt ist hier an dieser Stelle Schluss. Wie bei eigentlich jeder der letzten DIE ÄRZTE-Platten konnten wir uns fragen, wozu sollen wir noch weitermachen? Jetzt ist auch mal gut. Dem Druck, ein adäquates Nachfolgealbum aufzunehmen, muss man sich ja nicht zwangsläufig aussetzen.

Und das handhabt ihr bei „Hell“ auch wieder so?
Ganz bestimmt. Allerdings hatten wir das Gefühl, „Auch“ sei nicht der richtige Schlusspunkt für uns. Das ist zwar eine solide DIE ÄRZTE-Platte mit sehr viel Licht, aber eben auch einigem Schatten, weil wir sehr viele Kompromisse eingegangen sind, damit es nicht komplett im Studio eskalierte. Die ist einfach nicht so harmonisch und in sich stimmig wie noch fünf Jahre zuvor „Jazz ist anders“ oder wie eben auch das neue Album. Und so gab es nach 2013 von ein paar SMS abgesehen überhaupt keinen Kontakt mehr zwischen uns. Erst nach über einem Jahr haben wir uns bei einem Essen getroffen und ein paar Sachen auf den Tisch gepackt. Das hat halbwegs funktioniert. Ein halbes Jahr später habe ich dann mit DANUBE’S BANKS in Jamel bei diesem Anti-Nazi-Festival gespielt und ich konnte Farin und Rod überreden, dort „Schrei nach Liebe“ mit mir zu spielen. Das war ein sehr wichtiger Moment. Da haben wir dann zum ersten Mal wieder gemerkt, dass zwischen uns immer noch was passiert. Obwohl wir das auf MADSENs Instrumenten nicht wirklich gut gespielt haben, gingen die Leute total ab. Und so ergab dann eins das andere, bis wir die Anfragen für Rock im Park und Rock am Ring bekamen. Da wir aber nicht nur unsere alten Sachen spielen wollten, war klar, wir benötigen neue Songs. Farin hatte zum Glück zwei in petto, die zu unserer Situation passten. „Abschied“ und „Rückkehr“, zwei Songs, die wir nach einigem Hickhack gratis im Netz angeboten hatten. Kurz zuvor kam dann unsere fette Box „Seitenhirsch“ raus. und da wir neben den beiden Festivals noch mehr live spielen wollten, kam es zu der Clubtour durchs Ausland, da wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht auftreten durften. Das lag an der Exklusivität der Festivalauftritte. Nach dieser Tour wollten wir dann sehen, ob da noch was bei uns geht, was mir direkt nach dem ersten Konzert klar war. Bei Farin hat es drei Gigs gebraucht, um das zu merken, bei Rod nur zwei.

Waren diese Shows dann so etwas wie die Initialzündung für euer Comeback?
Schon, aber nicht nur, es waren schon eher die beiden Festivalauftritte. Zumal im Vorfeld niemand von uns da mit voller Euphorie rangegangen ist. Keiner wollte wohl der Erste sein, der sagt, er habe wieder Bock, mit DIE ÄRZTE vor vielen Leuten live zu spielen. Farin sagte: „Wenn die anderen beiden unbedingt wollen, bin ich dabei.“ Das war sozusagen sein diplomatisches Ja. Auf der Clubtour wollten wir dann die Lage zwischen uns ausloten und da war besonders das Konzert in Zagreb in einem 600er-Club mit einer Bühne, die gerade mal einen halben Meter hoch war, ausschlaggebend. Die Leute rasteten völlig aus und wir waren am Ende völlig erschöpft und glücklich und irgendwie an dem Punkt angelangt, dass wir weitermachen und eine neue Platte aufnehmen wollten – und dann natürlich wieder ausgiebig auf Tour gehen.

Und diese Tour habt ihr ohne jegliche Social-Media-Aktivitäten und Agentur-Unterstützung auf eurer Homepage angekündigt.
Genau. Und trotzdem wurde es die innerhalb von dreißig Sekunden wohl am schnellsten ausverkaufte Tour einer europäischen Band in dieser Größenordnung. Da müssen uns die Manager von RAMMSTEIN erst mal das Gegenteil beweisen. Wir gaben eine halbe Stunde später Zusatzgigs bekannt, die dann innerhalb von dreißig Minuten auch weg waren. Und noch während des Vorverkaufs tauchten bereits bei eBay erste Tickets für über 500 Euro auf. Das war der äußerst ärgerliche Beigeschmack. Das halbwegs Positive an der Corona-Situation und all den Tourverschiebungen und Absagen ist, dass die ganzen professionellen Schwarzmarkthändler darunter richtig leiden.

Ihr seid dann ja auch sehr aktiv gegen den illegalen Tickethandel im Netz vorgegangen.
Ja, das wollten wir so nicht mehr einfach hinnehmen. Bei der Clubtour, ich glaube, vor dem besagtem Konzert in Zagreb, ist uns da eine Sache passiert. Als wir im Flugzeug zur nächsten Show unterwegs waren, hatten uns zwei so jüngere Hansel erkannt und meinten, sie wollten abends zum Konzert kommen. Als ich ihnen sagte, dass dieses schon lange heillos ausverkauft sei, meinten die nur, das kriegen sie schon hin. Beim Rausgehen am Gepäckband sah ich sie wieder und sie meinten, sie hätten gerade noch zwei Karten bei Viagogo bekommen. Daraufhin habe ich mich mal ein wenig mit Viagogo beschäftigt und festgestellt, dass das ein regelrechter Verbrecherverein ist, der eigentlich lizenzierten Schwarzhandel und absolute Fanverarschung betreibt. Da gibt es auch noch ein paar weitere, aber die sind schon die Schlimmsten. Da gibt es dann plötzlich Innenraumkarten, die doppelt so teuer sind als im Rang, obwohl bei uns immer alle Karten gleich viel kosten.

Erzähl aber jetzt mal was zum neuen Album, das ja während des Corona-Lockdowns und somit unter völlig anderen Bedingungen als alle anderen bisher aufgenommen wurde.
Ja, zuerst haben wir beschlossen, den Aufnahmestart um vier Wochen zu verschieben, und dann mussten wir ein Studio finden, in dem wir unter Corona-Bedingungen aufnehmen konnten. Das musste mit einem sehr kleinen Team geschehen. Gut für die Aufnahme war, dass es praktisch keine Abwechslung und Ablenkung gab. Kein Kino, kein Konzert, kein gar nichts. Wir hockten nur zusammen im Studio und haben an dem Album gearbeitet. Letztendlich konnte das Ganze in einem Tonstudio in Hamburg vonstatten gehen und anstelle der anberaumten drei Monate haben wir nur sieben Wochen benötigt.

Man darf sich das bei DIE ÄRZTE jetzt aber nicht so vorstellen, dass ihr jeder mit einem Sack voll fertiger Songs ankommt, die nur noch aufgenommen werden müssen, oder?
Teils, teils. Farin hatte sich ja am längsten geziert, noch einmal mit DIE ÄRZTE ins Studio zu gehen, kam dann aber am Ende der Clubtour damit um die Ecke, dass er gerne direkt mit dem Schwung der Konzerte ins Studio möchte und – übrigens – 25 Songs schon mal fertig habe. Da dachte ich nur, du Arsch, haha. Ich hatte gerade mal so drei, vier Lieder geschrieben, Rodrigo noch gar keins. Aber so haben wir dann losgelegt. Ich habe mich hier und da mit Rod getroffen. Dabei ist dann „Morgens Pauken“ entstanden. Trotz der songmäßigen Unausgeglichenheit haben wir es problemlos hinbekommen, die Songs fürs Album auszusuchen. Da ging es diesmal nicht um gleichteilige Gerechtigkeit, wer wie viel beisteuert, sondern einfach darum, die besten Lieder auf die Platte zu packen. Jeder hat sein Ego zurückgestellt. Das zeigte uns dann auch, wie gut es inzwischen wieder um die Band bestellt ist. Und das ganz ohne Therapeuten – wir sind immer noch nicht METALLICA.

Dann bleiben wir jetzt mal beim neuen Album. Der Titel „Hell“ birgt ja eine eindeutige Zweideutigkeit in sich. Zum einen das Gegenteil von dunkel, zum anderen im Englischen das Gegenteil vom Himmel. Ist das so gewollt? Ich musste gleich an den gleichnamigen Endzeit-Thriller von Tim Fehlbaum denken, der auch mit dieser Doppeldeutigkeit spielt.
Das ist durchaus gewollt. Wir hatten mit vielen Titeln gespielt, darunter auch zahlreiche Quatsch-Titel, wo wir in der Vergangenheit ja auch keine Hemmungen hatten, diese zu benutzen. Bestes Beispiel war da sicher „Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer“. Das ist immer noch der beste Albumtitel ever. Aber bei „Hell“ war es für uns durchaus wichtig, wie die Platte heißt. Das ist ja nach so vielen Jahren ein regelrechtes Schicksalsalbum. Und „Hell“ fanden wir dann nicht zuletzt wegen der Doppeldeutigkeit alle super. Das hat ja auch noch was Metallisches. Von daher ist das genauso uneindeutig eindeutig gemeint, wie du sagst.

Und dann scheut ihr euch auf der Platte nicht, auch elektronische Klänge in euren Sound mit einfließen zu lassen. War das von Anfang an so gewollt, um bloß nicht nach einer Altherren-Rockband zu klingen? Direkt beim Opener „E.V.J.M.F.“ geht ihr ja ganz neue Wege.
Zum Thema Altherren-Rockband kann ich sagen, dass wir sicher sind, genügend Freunde zu haben, die uns rechtzeitig vor den Bug schießen, wenn es soweit kommen sollte. Damit würden wir alles kaputtmachen, was wir in unserer Karriere so erreicht haben und was DIE ÄRZTE für uns, aber auch für die Leute da draußen bedeuten. Und was den Opener angeht, da war es bei den letzten Platten ja durchaus immer so, dass wir gerne etwas Neues, Unerwartetes vorangestellt hatten. Ich war bei Rodrigo, um uns Demos vorzuspielen, und bevor er mir dann dieses Lied vorspielte, sagte er: „Ich hasse Trap Music.“ Worauf ich nach dem Hören meinte: „Dafür, dass du es hasst, kannst du es aber ganz schön gut bedienen.“ Und so haben wir gar nicht mehr viel daran herumgebastelt, sondern nur noch einen Rap-Teil von Farin eingebaut, der ursprünglich für ein anderes Lied gedacht war. Schlussendlich haben wir dann noch zum ersten Mal AutoTune auf einer ÄRZTE-Platte benutzt, obwohl das ja eigentlich eine ganz große Plage ist. Die Erste und Einzige, bei der das legitim war, war Cher. Auch wenn der Punk-Gedanke „Das kannst du auch“ beim AutoTune zu erkennen ist, nervt es trotzdem komplett. Deswegen wollte Rodrigo das eigentlich auch ganz kurz halten, Farin und ich meinten aber, das müsse schon ein richtiger Song werden, damit der Humor auch transportiert werden kann. Eine unserer derzeitigen gemeinsamen Lieblingsbands EISENPIMMEL gehen das Thema Humor ja sehr ähnlich an. Wenn wir schon Scheiße machen, dann bemühen wir uns auch, dass es gut scheiße wird.

Um dann aber im nächsten Song „Plan B“ der Jugend ganz gönnerhaft zu erzählen, wie man Rockstar wird ...
Das ist ja eine gewisse Selbstreferenz. Solo habe ich etwas Ähnliches schon mal in dem Song „Als wir unsterblich waren“ gemacht. Da holt man dann halt irgendwelche Erfahrungen hervor und hält dem entgegen, wo man heute steht und was man noch so vom Leben will. Vielleicht ist es auch eine Frage, die sich der Zuhörer nach acht Jahren Abstinenz stellt: Wo stehen DIE ÄRZTE heute eigentlich so? Und deswegen waren wir der Meinung, es ist genau der richtige Song, den man am Anfang einer Platte bringen muss. Davon abgesehen, ist er ein 1A-ÄRZTE-typischer, gut gelaunter Punkrock-Song, der mit ein, zwei Hinweisen auf „Dancing with myself“ richtig abgeht.

In „Achtung: Bielefeld“ besingst du den Zustand, mit Langeweile umzugehen und diese auch zu genießen. Ein echtes Luxusproblem. Und deshalb trifft einen die „Mutter in Aleppo“ am Ende des Liedes so hart. Ein ganz bewusster Bruch, oder?
Ganz bewusst. Trotzdem will ich an dieser Stelle noch mal sagen, dass es bei DIE ÄRZTE immer sehr schnell und viel um die Texte geht. Dabei ist die Wichtigkeit der Musik gerade auf „Hell“ mindestens genauso groß. Und deshalb funktioniert „Achtung: Bielefeld“ auch als Stück so gut, weil es zwar um Langeweile geht, es aber überhaupt nicht langweilig ist. Es ist eins der schnellsten und zackigsten Stücke auf der Platte. Und der Bruch mit Aleppo war beabsichtigt, um eine Denkpause zu schaffen, um den Hörer noch mal zu irritieren. Der eine Teil der Welt beklagt sich über Langeweile und die Unzumutbarkeit dieses Zustands, was im anderen Teil der Welt ein absolutes Luxusproblem ist.

In welchem Zustand hast du den Text zu „Morgens Pauken“ geschrieben? Nüchtern? Und warum der Titel?
Das war nachmittags um drei bei Rodrigo zu Hause, als er mir dort das Demo zu dem Song vorgespielt hat. Da kam das dann plötzlich und man sieht, womit sich der Herr Felsenheimer den ganzen lieben Tag so beschäftigt. Punk, Punk, Punk. Und das könnte man auch so sehen, dass es nur darum geht. Im Endeffekt ist es aber eine Ansammlung von Behauptungen, die ich im Laufe der Zeit so gesammelt habe. Heutzutage wird ja alles als Punk tituliert, wenn es demjenigen in die Argumentation spielt. Und so ist dann auch das Handicap beim Golf plötzlich Punk. Dazu gibt es ja noch das Zitat von Dieter Hallervorden aus seinem Lied „Punker Maria“, das ja eine Verballhornung des Songs „Santa Maria“ von Roland Kaiser ist. Das sollte damals eine Punk-Verarschung sein, die zu der Zeit rauskam, als wir noch Kiddie-Punks waren und Dieter Hallervorden ja auch irgendwie ganz gut fanden, weil sein Humor jenseits von irgendwelchen Spießergrenzen lag. Und dann bringt der so ein Lied raus, in dem er sich über eine Sache lustig macht, die uns total wichtig war. Und so dachte ich, das ist unsere späte Rache, wenn wir das jetzt in so einem Song zitieren. Unser Manager meinte aber, wir sollten erst einmal herausfinden, von wem der Text ist. Blöderweise war dieser von Frank Dostal, der im GEMA-Aufsichtsrat saß. Auch wenn der inzwischen verstorben ist, wurde das plötzlich eine riskante Sache. Damit wir die Platte später nicht würden einstampfen müssen wegen dieses Zitats, haben wir dann Kontakt zu seiner Erbin aufgenommen. Und die wollte etwas Geld. Und das war es uns wert. So hat das Ganze im Grunde genommen zwei Wendungen. Einerseits haben wir unsere späte Rache für diese Punk-Schmähung bekommen, andererseits mussten wir dafür auch noch bezahlen. Und das in einem Lied, wo alles Punk ist. Diese Ambivalenz hätte sich Malcolm McLaren auch nicht besser ausdenken können. Des Weiteren hab ich damals bei Rodrigo den Text ja einfach so dreckig und spontan eingegrölt, in der festen Annahme, dass Rod das später noch einmal sauber einsingt. Aber er hat für das Demo da gar nichts mehr verändert, sondern es uns mit meiner Stimme vorgespielt. Da hatte ich die Faulheit von Rod unterschätzt, haha. Auf jeden Fall fanden die anderen mein Gegrunze ganz gut, so dass wir ein Duett aus dem Song gemacht haben. Ein Tripplett eigentlich, denn Farin hat die Chöre und den C-Part gesanglich übernommen. Hatten wir als Single auch noch nicht so.

Und der Titel?
Wie der Titel zustande kam, verrate ich nicht. Da möchte ich unseren Detektiv-Fans nicht vorgreifen. Ganz besonders nicht im Ox-Fanzine. Da sind genügend Veteranen dabei, bei denen es eigentlich sofort klingeln müsste, worauf sich der Titel bezieht.

... aber ich verrate es nicht. Doch bleiben wir mal allgemein bei den Songtiteln auf „Hell“. Die sind ja großteils sehr kryptisch gehalten. Absicht?
Das fing ja irgendwann in den Achtziger Jahren mal an. Eigentlich schon mit „Das ist nicht die ganze Wahrheit“. Aber erst seit 1993 haben wir immer mehr Gefallen an solch kryptischen Titeln gefunden. Bei dieser Platte haben wir es ganz schön übertrieben. Oder eben auch perfektioniert. Der Titel „Achtung: Bielefeld“ ist übrigens nicht nur dadurch entstanden, dass Bielefeld neben Hannover die wohl langweiligste Stadt in Deutschland sein soll, sondern auch aus einer ganz alten Geschichte aus SOILENT GRÜN-Zeiten heraus. Damals teilten wir uns mit einer anderen Band den Proberaum, die in einem Lied immer „Achtung Bielefeld!“ gesungen hatten. Wir haben uns immer gefragt, was die damit gemeint hatten, bis sie uns erklärten, dass es „Achtung Mienenfeld!“ hieß und es in dem Lied um die Berliner Mauer ging. Und das habe ich nun nach all den Jahren aufgegriffen.

Ihr spielt ja mit einigen Reminiszenzen aus eurer frühen Vergangenheit. So auch das Foto auf der „Morgens Pauken“-Single, das es ja schon mal bei SOILENT GRÜN als Covermotiv gab.
Ja, das stimmt. Die Idee mit dem Coverfoto hatte Farin als echte Punk-Referenz. Irgendwas wollten wir da zitieren. Natürlich hatten wir auch die Idee, das ganz in Neongelb mit rosa Schrift nach den SEX PISTOLS aussehen zu lassen. Aber dann kam es so, dass wir uns einfach selber zitiert haben. Ich hatte gerade Kontakt zu Jörg Buttgereit, dessen Vater auf dem Foto ist. Der hatte uns damals schon das Foto zur Verfügung gestellt und diesmal hat er nun endlich Geld dafür bekommen. Auf jeden Fall sind Bezüge und Hinweise auf unsere eigene Vergangenheit durchaus gewollt. Bei dieser Platte wohl mehr als sonst.

Kommen wir zum nächsten Lied. Du vergleichst das Leben eines Künstlers mit einem „Clown im Hospiz“. Ist das nicht zu überspitzt? Wieso dieser Vergleich?
Das ist mir mal unabhängig von dem Lied auf der Straße eingefallen. Ich finde die Verbindung eines Hospizes mit der Figur des Clowns einfach so krass, dass ich mir das sofort aufgeschrieben hatte. Den eigentlichen Text hatte ich bereits vor zwei, drei Jahren geschrieben und habe das jetzt zusammengebracht. Es geht um die Theorie, dass ein guter Künstler nur aus dem tiefen Gefühl des Leidens heraus gute Kunst machen kann. Und mir ist schon bewusst, dass der Vergleich mit einem Clown im Hospiz sehr hart ist. Das wird wegen des Titels wohl nie eine Single werden, aber damit kann ich gut leben.

Der Typ aus „Ich, am Strand“ hat mich in seinem Scheitern an den Protagonisten aus Paul Austers „Stadt aus Glas“ erinnert. Eine Urangst, irgendwann die Kontrolle über seine Karriere und sein Leben zu verlieren?
Vorab möchte ich sagen, dass das mein Lieblingstext auf der Platte ist. Vor allem technisch gesehen. Diese Aufzählung ist einfach total gut geglückt. Das macht Farin ja öfter mal, diesmal ist es ihm aber einfach nur genial gelungen. Du bleibst die ganze Zeit dabei und fragst dich, was passiert als Nächstes. Und dazu kommen immer noch krassere Reime. Die inhaltliche Idee kam Farin, als er auf der Straße einen Obdachlosen sah, der sehr besoffen und fertig war. Der hatte ja auch ein Elternhaus, eine Mutter, die ihn geliebt hat, und irgendwann sein Leben noch vor sich. Ich finde, bei diesem Lied funktionieren Musik und Text so super gut zusammen, ein gutes Beispiel dafür, wie man Texte als Instrument benutzt.

Die zweite Single-Auskopplung „True romance“ beweist dann einmal mehr, dass Farin Urlaub immer noch der ungekrönte König des Schüttelreims ist, oder?
Absolut. Da sind einige meiner neuen Lieblingsreime drin. Zum Beispiel als die romantische Szenerie besingt mit: „Marvin Gaye singt und es knistert nicht nur das Vinyl“. Außerdem muss sich ja alles auf Alexa reimen, wo der schöne Reim bei rauskam: „Und lass mir auch noch ein paar Tracks da / Von meinem Alter Ego H.P. Baxxter“. Das finde ich so herrlich selbstironisch. Eigentlich war das fast ein Experiment. Im Zentrum des Songs steht ja der Umgang mit elektronischen Medien und das ist schon sehr zeitspezifisch, was zu DIE ÄRZTE eigentlich nicht passt, da wir ja eher versuchen, Lieder für die Ewigkeit zu schreiben und nicht den momentanen Zeitgeist aufzugreifen. Das ist normalerweise ein No-Go. Andererseits handelt eines unserer allerersten Lieder von „Grace Kelly“ und ihrem plötzlichen Tod. Aber weil „True romance“ so ein guter Song mit so guten Reimen ist, haben wir da jetzt eine Ausnahme gemacht. Und da das Lied ja so in die Zeit passt, haben wir es auch als zweite Single ausgekoppelt. Durch Corona und den Lockdown haben soziale Medien eine noch mal viel wichtigere Bedeutung in unserer Gesellschaft bekommen.

In „Flexxo Cigol“ wird das Phänomen der Verschwörungstheorien aufgegriffen. Das ist ja auch ein sehr aktuelles Thema.
Den Text hatte ich schon lange vor dem ganzen „Querdenken“-Scheiß geschrieben. Das haben wir auch bereits im Oktober letzten Jahres angefangen aufzunehmen. Da wussten wir ja gerade alle mal, was Aluhüte sind. Da war ein veganer Koch noch ein veganer Koch und Ken Jebsen war ein durchgeknallter Vollidiot, über den man gelächelt hat, nicht ahnend, dass das ein paar Monate später eine ganz andere Dimension annehmen würde. Als wir dann im Frühjahr im Studio waren, nahm das Thema bei uns auch immer mehr Raum ein, als wir mitbekamen, was da so los war und wie das mit den „Querdenkern“ immer heftiger wurde. Und so kam es dazu, dass der Song sich für das Album empfahl. Ich muss noch anmerken, dass ich mal ein großer Freund von Verschwörungstheorien war, seit ich mit 19 mal „Illuminatus!“ von Robert Anton Wilson gelesen hatte. Ich war damals ein Freund von bewusstseinserweiternden Substanzen und somit durchaus offen für so Fantasiespiele, die aber auch immer eher witzig fand. Später hat Robert Anton Wilson ein Lexikon der Verschwörungstheorien herausgebracht, wo er alle noch so versponnenen Theorien zusammengetragen hat. Und da sind schon welche dabei, die jetzt wieder auftauchen. Echsenmenschen und solche Sachen. Aber jetzt hat das einen ganz anderen Touch, der ja wirklich schon bedrohlich ist.

Habt ihr darüber nachgedacht, dass man ja solchen Leuten und ihren Theorien durch so einen Song noch mehr Aufmerksamkeit entgegenbringt?
Nein, würde ich nicht sagen. Wir werden das Lied auch nicht als Single veröffentlichen. Dann könnte man das vielleicht wirklich sagen. Verschwörungstheorien gab es schon immer, also ist das schon ein würdiges Thema für einen Song. Und unter dem Aspekt hätten wir auch den „Woodburger“, den letzten Song der Platte, nicht aufnehmen dürfen.

Wann ist euch da die Idee mit der „Schwul“-Textzeile gekommen? Ist das eine spontane Idee im Studio gewesen und war das von Anfang an so geplant?
Jeder von uns hat vor allem erst mal die Reaktion der anderen beiden im Kopf. Das ist immer der Hauptbeweggrund, wenn wir Texte schreiben, wie die anderen beiden reagieren. Das ist das einzige Korrektiv, das wir gelten lassen. Nicht die Fans und auch nicht der Erfolg einer Platte, sondern nur die Reaktion der anderen beiden. Und bei „Woodburger“ war Farin da sehr gespannt. Das ist vordergründig so infantil, das würde sich ja in der Form kaum jemand trauen. Vielleicht eine Band wie DIE KASSIERER, oder KIZ? Es ist einfach ein wirklich absurder Twist, wie es sie früher in Filmen der Zucker-Brüder gab. Ambivalenter Monsterquatsch. Und das passt ja auch so gut ans Ende des Albums. Es fängt mit Trap Music an und endet mit so einer Funk-Soul-Nummer. Dazwischen ist eine Menge anderer Quatsch und viel Punkrock. Das ist schon ein Meisterwerk, wie ich bescheiden anmerken muss.

Zu der Menge Quatsch gehört ja mit „Alle auf Brille“ auch noch ein lupenreiner Oi!-Song. Bist du das, der da singt?
Ja, und da bin ich besonders stolz drauf. Sogar unsere Managerin hat uns die Frage gestellt. Alle fragen sich, wer zum Henker hat das gesungen. Auch das im Intro bin ich. Seitdem ist meine Stimme auch ein bisschen belegt. Als wir das aufgenommen haben, habe ich mehrere Oi!-Sampler quergehört, die ANGELIC UPSTARTS, SHAM 69 und die COCKNEY REJECTS aus dem Regal geholt und mir noch ein paar Platten nachgekauft. Da habe ich mich noch mal richtig in die Materie reingekniet und gedacht, geil, auf so ein Stück hast du total Lust. Leider habe ich aber auch festgestellt, dass es so was wie den typischen Oi!-Sound damals gar nicht gab. Den hatte man sich nur eingebildet. Eigentlich war das alles einfach nur schlecht aufgenommen, so dass ich bei einigen Stücken echt erschüttert war, wie die jetzt nach so vielen Jahren klingen. Damals war das für uns aber die brachiale Power. Wie auch immer, der Song hat jedenfalls sehr viel Spaß gemacht. Als wir die Chöre gegrölt haben, singen kann man da ja nicht sagen, stellte Farin fest, dass das alles viel kraftvoller klingt, wenn man die Faust dazu ballt. Ich freue mich jedenfalls auf die Reaktionen. Vielleicht wird sich Willi Wucher ja mal wieder bei mir melden.

Eure Tour zum Album musstet ihr ja Corona-bedingt verschieben. Die soll nun im kommenden Jahr nachgeholt werden?
Genau. Wir haben die gleichen Venues reserviert, wenn auch nicht ganz in der gleichen Reihenfolge. Wer will und wer schlau ist, behält also sein Ticket, denn ansonsten schnappen sich diese nachher wieder irgendwelche Arschgeigen und bieten diese für sehr viel Geld im Internet an. Davon abgesehen weiß ja auch keiner, was diese Corona-Zeit mit der Entwicklung von Eintrittspreisen machen wird. Die werden wohl in Zukunft deutlich erhöht werden müssen, damit die Leute, die davon leben, wieder auf die Beine kommen. Das ist ein sehr düsterer Aspekt, der mich gerade sehr belastet. Die Unterhaltungsbranche brauchte nie irgendwelche Förderungen. Da arbeiten 1,4 Millionen Menschen, von denen viele vor dem Nichts stehen. Jetzt sind die Rücklagen vieler Leute, von Roadies wie Clubbetreibern, aufgebraucht und keiner weiß, wie es weitergeht. Bei der Autoindustrie zeigt sich der Staat da sehr gönnerhaft, hier überhaupt nicht.

Um das Gespräch dennoch versöhnlich enden zu lassen: Immerhin sorgt Corona dafür, dass das Comeback von DIE ÄRZTE aufgrund der Verschiebungen nicht so schnell wieder vorbei sein wird.
Das ist richtig. Wir haben entschieden, mehr als nur zwei Singles zu veröffentlichen, obwohl die Zeiten der klassischen Single durch das ganze Streaming ja längst vorbei sind. „Morgens Pauken“ war der einzige Song in den Top 100, der als physischer Tonträger erschienen ist. Wir haben da jedenfalls für ein paar B-Seiten durchaus noch was in petto. Wir loten derzeit einfach aus, was man in diesen Zeiten noch so alles machen kann, um aktiv zu bleiben. Wir haben gerade einen großen Aktionismus und werden leider komplett ausgebremst. Auf der Tour hätten wir schön Dampf ablassen können. Aber irgendwie werden wir die Zeit schon kreativ rumbringen, bis wir endlich wieder live spielen können, und dann gnade euch Gott.

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TIMELINE
1982

Bela B und Farin Urlaub gründen mit dem Bassisten Sahnie DIE ÄRZTE in Berlin.

1984
Ihre erste Mini-LP „Uns geht’s prima ...“ wird auf dem Berliner Label Vielklang veröffentlicht. Darauf folgt das Album „Debil“, das den ersten größeren Erfolg bringt.

1985
Neben ihrem Auftritt in dem deutschen Spielfilm „Richy Guitar“ veröffentlichen DIE ÄRZTE ihr zweites Studioalbum „Im Schatten der Ärzte“, mit dem sie erstmals die Charts erreichen.

1986
Nur ein Jahr später erscheint das dritte Album „Die Ärzte“, ohne Sahnie, der wegen persönlicher Differenzen die Band verlassen hat. Als Live-Bassist kommt Hagen Liebing (The Incredible Hagen) dazu.

1987
Das dritte Studioalbum wird wegen des Lieds „Geschwisterliebe“ indiziert. Auch das Debütalbum „Debil“ wird indiziert wegen der Lieder „Claudia hat ’nen Schäferhund“ und „Schlaflied“. Der Karstadt-Konzern nimmt daraufhin DIE ÄRZTE komplett aus dem Sortiment und Fernsehauftritte werden schwieriger. Als Reaktion auf die Indizierung veröffentlichen DIE ÄRZTE die Mini-LP „Ab 18“. Mit „Ist das alles?“ erscheint auch ihr erstes Compilation-Album, das neben nicht indizierten Liedern von „Debil“ und „Die Ärzte“ als Remixe und anderen Versionen auch ein Cover von „Walk like an Egyptian“ der BANGLES enthält.

1988
Das vierte Studioalbum „Das ist nicht die ganze Wahrheit ...“ wird veröffentlicht und DIE ÄRZTE lösen sich auf. Nach der Abschiedstour „Die beste Band der Welt“ erscheint ihr erstes Live-Album „Nach uns die Sintflut“. Farin Urlaub und Bela B versuchen es mit den Bands KING KONG und DEPP JONES, der kommerzielle Erfolg bleibt jedoch aus.

1993
Bela B und Farin Urlaub beschließen, mit DEPP JONES-Gitarrist Rodrigo González DIE ÄRZTE neu zu gründen. Ihr fünftes Studioalbum „Die Bestie in Menschengestalt“ erscheint. Die Singleauskopplung „Schrei nach Liebe“ thematisiert den Rechtsextremismus im wiedervereinten Deutschland.

1996
DIE ÄRZTE treten als Vorband von KISS in Deutschland und der Schweiz auf.

1998
Die Band gründet ihr eigenes Label Hot Action Records, dessen veröffentlichte Tonträger frei von damals viel diskutierten Kopierschutzmaßnahmen sind, die nach Ansicht der Band ein erheblicher Nachteil für den „ehrlichen Käufer“ sind.

1998
Das achte Studioalbum „13“ erscheint. Die Single „Männer sind Schweine“ erreicht als erste DIE ÄRZTE-Single Platz 1 in den deutschen Single-Charts.

2005
Nachdem das Album „Debil“ nach erneuter Prüfung nicht mehr als jugendgefährdend eingestuft ist, veröffentlichen DIE ÄRZTE die Neuveröffentlichung „Devil“ mit einigen Bonusstücken.

2008
Ein Jahr nach der Veröffentlichung ihres elften regulären Studioalbums „Jazz ist anders“ erhalten DIE ÄRZTE einen World Music Award in der Kategorie „Bester Künstler Deutschlands“. Die Band wurde auch mit einem Echo ausgezeichnet in der Kategorie „Gruppe des Jahres“ und mit der 1LIVE Krone für ihr Lebenswerk.

2012
Nach der bereits angekündigten Pause und ihrer „Das Ende ist noch nicht vorbei“-Tour lösen sich DIE ÄRZTE erneut auf – um bei der bereits im Vorfeld angekündigten Das-Comeback-Tour ihr großes Comeback zu feiern.

2016
Ex-DIE ÄRZTE-Bassist Hagen Liebing stirbt im Alter von 55 Jahren an den Folgen eines Hirntumors.

2018
DIE ÄRZTE werden als Headliner bei Rock am Ring und Rock im Park bestätigt. Alle nicht indizierten Alben der Band sind auf Musik-Streamingdiensten verfügbar.

2020
Am 23. Oktober erscheint das 14. Studioalbum der ÄRZTE und trägt den Namen „Hell“. Es gibt einen schon jetzt legendären Auftritt bei den ARD-Tagesthemen.

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Diskografie
„Debil“ (LP, Columbia, 1984) • „Im Schatten der Ärzte“ (LP, Columbia, 1985) • „Die Ärzte“ (LP, Columbia, 1986) • „Ist das alles?“ (LP, Columbia, 1987) • „Ab 18“ (LP, Columbia, 1987) • „Das ist nicht die ganze Wahrheit ...“ (LP, Columbia, 1988) • „Die Bestie in Menschengestalt“ (LP, Metronome, 1993) • „Planet Punk“ (LP, Metronome, 1995) • „Le Frisur“ (LP, Metronome, 1996) • „13“ (LP, Hot Action, 1998) • „Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!“ (LP, Hot Action, 2000) • „5, 6, 7, 8 – Bullenstaat“ (LP, Hot Action, 2001) • „Geräusch“ (LP, Hot Action, 2003) • „Bäst of“ (LP, Hot Action, 2006) • „Jazz ist anders“ (LP, Hot Action, 2007) • „Auch“ (LP, Hot Action, 2012) • „Hell“ (LP, Hot Action, 2020)