IDLES

Foto© by Tom Ham

Keine Punks?

2017 habe ich die IDLES beim Eurosonic Festival in Groningen gesehen, das war noch vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums „Brutalism“. Die Briten mit dem Schnoddersound um Sänger Joe Talbot haben mich auf Anhieb weggeblasen. Seitdem sind die Jungs aus der Hafenstadt Bristol durch die Decke gegangen. Sie spielten beim Glastonbury Festival und waren vergangenes Jahr unter anderem für die Brit Awards nominiert. Jetzt kommt mit „Ultra Mono“ ihr drittes Album heraus und Gitarrist Mark Bowen erklärt uns, warum sie damit dem HipHop näher sind als dem Punk.

Mark, dein Bandkollege Joe hat schon mehrfach in Interviews gesagt, dass er es als Beleidigung betrachtet, wenn die Musik der IDLES als Punk bezeichnet wird. Warum?

Wir beschreiben unsere Musik selbst nicht als Punk. Mir macht es aber auch nichts aus, wenn das jemand tut. Irgendwie macht es sogar Sinn, weil man Leuten so unsere Musik besser erklären kann, schätze ich. Aber der Begriff hat nichts mit unserem Songwriting oder unserer Performance auf der Bühne zu tun. Es ist einfach nichts, was wir sein wollen. Es kommt aber immer wieder zur Sprache, wenn Leute darüber diskutieren, was wir machen. Wenn du uns also als Punks bezeichnen möchtest, habe ich kein Problem damit, aber wir selbst sehen uns einfach nicht so.

Euer Label Partisan Records schreibt, dass „Ultra Mono“ klanglich das Gefühl einer HipHop-Platte einfangen soll. Wie ist das gemeint?
Als wir die Arbeit am letzten Album „Joy As An Act Of Resistance“ abgeschlossen hatten, habe ich unsere Songs im Radio gehört und mir ist aufgefallen, dass wir immer noch nicht geschafft haben, was wir seit Jahren erreichen wollen. Das hat eben mit HipHop und elektronischer Musik zu tun. Diese Präsenz, die diese Songs viel mehr aus den Lautsprechern springen lässt. Sie haben diese Leichtigkeit und Klarheit in ihrem Sound, was mit bestimmten Frequenzen zusammenhängt. Außerdem gibt es in der Rockmusik immer eine Art Schlacht zwischen Gitarre und Schlagzeug und meistens gewinnt die Gitarre. Deshalb wollten wir ein Album machen, auf dem das Schlagzeug mal nicht der Verlierer ist. Wir wollten einfach Gitarren und Schlagzeug genug Raum geben, damit sie gut nebeneinander leben können. Joe und ich sind ziemlich beeinflusst von HipHop und elektronischer Musik. Deshalb treffen diese Welten auf dem Album aufeinander. Für uns waren diese Einflüsse schon immer da. Ich denke, zum Beispiel „Grounds“ klingt nicht wie ein HipHop-Song – es ist ein HipHop Song. Oder „Reigns“ klingt nicht wie ein Techno-Song – es ist ein Techno-Song. In meinen Augen sind wir also erfolgreich damit, selbst dazu zu werden, anstatt nur von etwas beeinflusst zu werden.

Kannst du HipHop- oder Elektronik-Acts nennen, die euch begeistern?
Die Musik von Kanye West ist zum Beispiel immer sehr präsent in unserem Songwriting. Vor allem die beiden Alben „Yesus“ und „The Life Of Pablo“. Beim Mix haben wir außerdem oft an Danny Browns Album „Atrocity Exhibition“ gedacht. Bei elektronischer Musik reden wir von Künstlern wie Aphex Twin oder James Holden, all dieses bizarre Elektrozeug. Es gibt außerdem einen mächtigen Einfluss von elektronischer Musik aus Frankreich aus den frühen Nuller-Jahren, also Künstler wie DAFT PUNK oder JUSTICE. Außerdem war diesmal der amerikanische HipHop-Produzent Kenny Beats an der Studioarbeit beteiligt und er hat uns ein paar Sachen von unbekannten Grime-Künstlern vorgespielt, mit denen er gerade in London arbeitet. Natürlich klingen wir nicht wie diese Musik, aber die Art, wie diese Songs klanglich aufgebaut sind, ist ein wichtiger Berührungspunkt auf unserem Album.

Ihr hattet diesmal jede Menge Betreuer im Studio: die beiden Produzenten Nick Launay und Adam Greenspan und Kenny Beats. Warum so viele Köche?
Nick und Adam haben schon unser letztes Album gemischt. Und irgendwie war die Geschichte für uns noch nicht vorbei mit den beiden Jungs. Sie haben einige der großartigsten Gitarrenplatten produziert, die es gibt. Kenny haben wir ins Boot geholt, weil wir von diesem typischen Post-Punk-Gitarrensound weg wollten. Kenny war bei den Aufnahmen speziell für den Klang des Schlagzeugs zuständig. Nick hat uns vor den Studioaufnahmen ein paar Mal bei Konzerten besucht, um das richtige Gefühl für unsere neuen Songs zu bekommen. Er hat uns dann vorgeschlagen, das Album in Paris aufzunehmen. Es wäre der perfekte Ort für uns, sagte er. Und er hatte wirklich recht damit, wir haben uns dort sehr wohl gefühlt. Es war, also ob wir einen alten Freund besucht hätten. Ich finde, die Umgebung kann einiges dazu beitragen, ein Gefühl zu schaffen, das später dann auf dem Album landet.

Ihr hattet diesmal einige Gäste im Studio wie die SAVAGES-Sängerin Jehnny Beth, Warren Ellis von den BAD SEEDS oder David Yow von THE JESUS LIZARD. Wie kam es dazu?
Der Einzige, der vorher als Gast für das Album feststand, war David Yow. Er ist ein Freund von uns. Er hat uns mal während unserer US-Tour vor einigen Jahren auf Facebook angeschrieben. Damals stellte er sich vor als „David Yow von der Gesangsgruppe THE JESUS LIZARD“. Seitdem sind wir befreundet. Normalerweise machen unser Bassist Adam und ich die Backing-Vocals. Diesmal dachten wir, David könnte das auch sehr gut machen, also haben wir ihn zu den Aufnahmen eingeladen. Warren ist eines Tages einfach im Studio aufgetaucht, weil er gut mit Nick befreundet ist und gerade beschäftigt war mit einer neuen Platte von den BAD SEEDS. Also hat er ganz spontan einen Beitrag für unser Album geleistet. Und Jehnny haben wir gezielt für einen Song ausgesucht, der einen französischen Refrain hat, „Ne touche pas moi“, was so viel heißt wie „Don’t touch me“. Jehnny ist ja in Frankreich geboren und aufgewachsen, deshalb hat sie einer aus dem Studio ins Spiel gebracht. Unser Französisch hat sich einfach grauenhaft angehört, also hielten wir es einfach für angebracht, sie ins Studio einzuladen. Außerdem war es uns gerade bei diesem Song wichtig, eine Frauenstimme dabeizuhaben und nicht nur fünf Jungs, die diesen Song performen. So haben wir auch eine weibliche Perspektive in den Track eingebaut.

Er gibt ja auch einen deutschen Song auf der Platte, der heißt „Danke“. Wie kam es denn dazu?
Angesichts des Brexits wollten wir einfach den Kontakt zu den anderen Menschen in der Europäischen Union nicht verlieren, haha. Nein, im Ernst, wir wollten am Ende einen sehr feierlichen Song haben, quasi als Gratulation, dass du es bis ans Ende des Albums geschafft hast. Also wollten wir einen Song, der eine Art Rückgriff zum Feeling von „Joy As An Act Of Resistance“ ist. Wenn du als Bands viel unterwegs bist, schnappst du einfach jede Menge Wörter in verschiedenen Sprachen auf, mit denen du dann herumalberst. Deshalb fanden wir es witzig, den letzten Song des Albums „Danke“ zu nennen. Außerdem klingt das Wort lautmalerisch, wie wir uns den Sound unserer Gitarren auf dem Album gewünscht haben. Das kann die englische Übersetzung „Thank you“ nicht leisten.

Auf den ersten beiden IDLES-Album gab es zwei sehr persönliche Songs von Joe. Zum einen über den Tod seiner Mutter, zum anderen über die Totgeburt seiner Tochter. Gibt es diesmal wieder Stücke mit solch extrem persönlichen Themen?
Auf eine gewisse Weise sind manche Texte diesmal noch persönlicher, weil sie sich mit dem Tumult im Inneren von Joe beschäftigen. Der wurde natürlich auch durch die Geschehnisse der letzten Wochen verursacht. Joe konfrontiert sich in einigen Songs extrem mit sich selbst. In „Anxiety“ zum Beispiel geht es offensichtlich um sein Alkoholproblem und um sein Verhalten gegenüber Menschen in seinem Umfeld. Wann immer er ängstlich oder unsicher ist, benimmt er sich wie ein wilder Bastard. In diesem Song ist er einfach brutal ehrlich mit sich selbst.

Ein typisches Thema für die IDLES war ja auch immer soziale Ungerechtigkeit.
Bei den ersten beiden Alben haben wir die Welt um uns herum beschrieben, seitdem haben sich die Dinge nicht verbessert, sondern sind mit dem Wachstum der Rechtspopulisten noch schlechter geworden. Das Album beschäftigt sich aber auch intensiv mit Isolation und welche Rolle soziale Medien dabei spielen. Eigentlich sollten sie ja die Menschen verbinden, wenn sie sich schon nicht sehen können. Das Gegenteil ist der Fall, sie spalten die Leute eher, als dass sie menschliche Nähe schaffen. Natürlich spielen auch Rassismus, die britische Gesellschaft und der Brexit wieder eine Rolle auf dem Album. Es sind also wieder ähnliche Themen wie auf den ersten beiden Alben, aber die Dinge haben sich einfach noch dramatischer entwickelt.

„Ultra Mono“ erscheint in einer Zeit, in der Konzerte unmöglich sind. Wie geht ihr damit um?
Leider haben wir keine Kontrolle darüber, wann wir wieder live spielen können. Aber wir bleiben immer optimistisch. Gerade haben wir die Termine für unsere UK-Tour im kommenden Jahr veröffentlicht und ich bin überzeugt, dass einige Europa-Dates bald folgen werden. Aber kein Mensch kann sagen, ob diese Shows wirklich stattfinden werden. Wir haben allerdings Kontrolle über die Veröffentlichung von Musik, deshalb haben wir den Release des Albums noch einmal um einen Monat verschoben, um die Mechanismen während der Corona-Pandemie besser zu verstehen. Gleichzeitig haben wir mehr Videos als sonst produziert und wir kommunizieren über die Social-Media-Kanäle verstärkt mit unseren Fans. Außerdem haben wir Ende August zwei Livestream-Konzerte in den berühmten Abbey Road Studios gespielt, bei denen wir vor allem die neuen Songs präsentiert haben. Ich schätze mal, wir werden noch mehr Dinge online machen, wir lernen immer noch dazu, was es heißt, ein Album mitten in einer Pandemie zu veröffentlichen.

Eure ersten beiden Alben waren ja sehr erfolgreich. Vor allem „Joy As An Act Of Resistance“ hat es auf die Bestenlisten von BBC Radio 6 Music oder NME geschafft. Hat der Erfolg den Sound der IDLES beeinflusst?
Indirekt vielleicht schon, denn mit wachsender Beliebtheit spielen wir natürlich auch in größeren Hallen. Es ist ein riesiger Unterschied, ob du vor tausenden Menschen spielst oder vor 200. Es gibt verschiedene Wege damit umzugehen. Man kann natürlich teurer, größer und halliger werden, wie die U2 und KINGS OF LEON dieser Welt. Man kann natürlich auch poppiger und satter werden oder anfangen, Orchester in den Sound einzubauen. Wir haben uns für einen anderen Weg entschieden. Das haben wir uns von Richard Wagner abgeschaut. Als er angefangen hat, Musik für riesige Konzerthallen zu komponieren, hat er viele gewaltige Riffs eingebaut. Diese Strategie hat ihren Weg auf unser Album gefunden. Wir müssen auf jeden Fall noch viel üben, um diese Songs live angemessen auf der Bühne zu präsentieren. Um sie so laut zu spielen zu, wie sie sein können.

James Williamson von SLEAFORD MODS hat sich in Interviews nicht sehr freundlich über euch geäußert. Unter anderem hat er gesagt, ihr wärt so beschissen wie der Brexit und würdet voll auf der kommerziellen Schiene fahren. Was sagt ihr dazu?
Er hat uns vor allem vorgeworfen, dass wir über Dinge singen würden, wovon wir keine Ahnung hätten, weil wir Jungs aus der Mittelschicht seien. Wir würden so tun, als wären wir Straßenköter, und das wäre nicht angebracht. Aber soziale Ungleichheit ist eine Sache, die alle angeht, also auch uns. Feminismus ist ein Thema, das uns alle betrifft. Männer leiden unter dem Patriarchat genauso wie Frauen. Genauso ist Rassismus nicht nur ein Problem der Arbeiterklasse. Warum sollten Leute aus der Mittelschicht zu diesen Themen nichts sagen? Warum soll das für Jungs aus der Mittelschicht nicht angemessen sein? Abgesehen davon haben Joe und ich auch nie verheimlicht, dass wir aus der Mittelschicht stammen, der Rest der Band kommt aus der Arbeiterklasse. Unsere Herkunft ist uns als Band auch egal, denn wir arbeiten an einem Konzept der absoluten Gleichheit. Die Schichtzugehörigkeit spielt bei uns keine Rolle. Aber wenn James diese Meinung hat, dann ist das sein gutes Recht. Wir haben mit ihm persönlich noch nie darüber gesprochen.

In deiner Heimatstadt Bristol gab es auch „Black Lives Matter“-Proteste. Unter anderem haben Demonstranten die Statue von Edward Colston, einem Sklavenhändler aus dem 17. Jahrhundert, vom Sockel gerissen und ins Hafenbecken geworfen.
Ich habe es online verfolgt, da ich inzwischen in London lebe, aber einige meiner Freunde waren dort. Ich finde, es war höchste Zeit dafür. Diese Statuen sind einfach sehr kraftvoll und die Leute laufen jeden Tag daran vorbei. Lustigerweise sind aber die einzigen Menschen, die danach fragen, wer der Typ war, die Kinder. Ich verstehe das Gegenargument, dass diese Figuren Teil unserer Geschichte sind, aber sie wurden vor allem für den Reichtum gefeiert, den sie Bristol beschert haben. Es sollte lieber daran erinnert werden, wie sehr sich die Stadt auf Kosten der Sklaven bereichert hat. Ich fände eine nüchterne Analyse der Geschichte eher angebracht als so eine erhabene Statue. Wir sollten einfach unsere Lehren aus der Geschichte ziehen und sie nicht glorifizieren.

Bristol ist ja auch bekannt geworden für TripHop-Künstler. Ihre Musik wurde auch „Bristol-Sound“ genannt. Habt ihr eine Verbindung zu dieser Szene?
Wir sind mit dieser Musik natürlich aufgewachsen. Jede neue Band aus Bristol wird auf diese Künstler angesprochen. Kein Wunder, sie haben dafür gesorgt, dass Bristol auf der musikalischen Landkarte vorhanden ist. Diese Musik hatte einen riesigen Einfluss überall auf der Welt. Das dritte PORTISHEAD-Album „Third“ hat mich massiv in meinem Songwriting geprägt, genauso wie „Mezzanine“ von MASSIVE ATTACK. Wir kennen diese Jungs auch persönlich, genauso wie Geoff von PORTISHEAD. Wir unterhalten uns regelmäßig. Bristol ist auch nicht so groß, da läuft man sich ständig über den Weg.