THERAPY?

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Mit den richtigen Absichten

Nach dreißig gemeinsamen Jahren haben THERAPY? es sich laut und ungemütlich gemacht. Auch wenn die Mainstream-Jahre vorbei sind, sind die Iren in regelmäßigen Abständen mit neuer Musik am Start. Bevor es mit dem Nachfolger zu „Cleave“ weitergeht, werden die drei Bandjahrzehnte aber mit einem Best-Of-Album nebst Tour gekrönt. Wir sprachen mit Michael McKeegan und Andy Cairns.

Ihr habt ein ungewöhnliches „Greatest Hits“-Album aufgenommen und die Songs dafür noch mal neu eingespielt. Wie kam’s zu dieser Idee?

Michael:
Uns war klar, dass wir was Besonderes für den Dreißig-Jahres-Meilenstein haben wollten und so gab es ein paar Ideen. Eine war ein Live-Album, aber wir haben erst vor ein paar Jahren eines mit 36 Songs herausgebracht und logistisch schien es so kurzfristig auch nicht mehr möglich, ein Konzert aufzunehmen. Also kamen wir auf die Idee, unser Dreißigjähriges mit den Neuaufnahmen zu feiern.

Wie war es, in den legendären Abbey Road Studios aufzunehmen?

Andy:
Das hat Spaß gemacht. Das Studio ist mit dem besten Equipment ausgestattet, die Mitarbeiter sind freundlich und es hat natürlich eine außergewöhnliche Geschichte. Wir waren in Studio 3, wo PINK FLOYD „Dark Side Of The Moon“ und die BEATLES Teile des „White Album“ aufgenommen haben, beides Platten, die ich in den jeweiligen Diskografien bevorzuge.

Ihr habt euch wieder für Chris Sheldon als Produzenten entschieden, der ja schon den Klassiker „Troublegum“ und zuletzt „Cleave“ betreut hat. Was war der Grund für eure Entscheidung?

Andy:
Chris war an vielen der Originalaufnahmen beteiligt und er versteht unseren Sound und weiß, wie er das Beste aus uns herausholt. Auch bei „Cleave“ hat er einen super Job gemacht. Und so war es ein No-Brainer, ihn auch für dieses Album anzufragen.

Gibt es andere Produzenten, mit denen ihr gerne mal arbeiten würdet?

Michael:
Ich dachte schon immer, dass es toll wäre, mit Rick Rubin oder Steve Albini zu arbeiten. Beide haben völlig unterschiedliche Ansätze, aber das könnte interessant werden. Oder Brian Eno, um das Ganze mal völlig anders anzugehen.

Andy:[/b] Steve Albini, wenn wir ein roh klingendes Album aufnehmen möchten. Wir haben ihn damals für „Suicide Pact – You First“ angefragt, aber er hatte mit SHELLAC zu tun. Abgesehen von Mr. Albini wäre ich froh, wenn wir alle Alben mit Chris Sheldon aufnehmen könnten.

Parallel zum „Greatest Hits“-Album gibt es eine Zusammenstellung von ausgewählten Live-Aufnahmen aus allen Karriereabschnitten der Band. Gibt es bei euch ein großes Archiv von Konzertaufnahmen wie bei FUGAZI?

Michael:
Ja, wir haben ein umfangreiches Digital-Archiv, an dem ich arbeite, seitdem wir mit der Band angefangen haben. Am Anfang war das noch ein Hobby. Aber über die Jahre ist es gewachsen, so dass ich versuche, von jedem Konzert mindestens Audio- und vielleicht sogar Videoaufnahmen zu sammeln. Das meiste ist digitalisiert, ich habe zwei Festplatten plus Backups von dem ganzen Zeug. Ich hab das FUGAZI-Archiv gesehen und finde, dass es eine brillante Idee ist. Das ist übrigens auch meine Aufnahme, die sie von ihrem Konzert in Belfast 1989 hochgeladen haben.

Ihr spielt seit dreißig Jahren in derselben Band, könntet ihr euch vorstellen, in einer anderen Band zu sein? Und vielleicht komplett andere Musik zu machen oder ein anderes Instrument zu spielen?

Michael:
Ich glaube nicht, dass ich das noch könnte. Wir haben viele Sachen mit unterschiedlichen Künstlern gemacht, aber aus meinem Blickwinkel kann niemand spielen und singen wie Andy und niemand Schlagzeug spielen wie Neil. Das ist schon etwas Besonderes für mich. Als Herausforderung könnte ich mir vorstellen, dass wir ein Akustikalbum aufnehmen, mit Songs, die extra dafür geschrieben werden. Vielleicht passiert das eines Tages.

Andy: Ich habe nie drüber nachgedacht, in einer anderen Band zu spielen. Ich mag es, für mich allein Musik zu machen, speziell auf einer Akustikgitarre, weil es so einfach ist und sich überall umsetzen lässt. 2010 hab ich mal Klavierstunden genommen und war nicht so schlecht. Ansonsten versuche, ich verschiedene Gitarrenstile zu erlernen, um meinen Geist aktiv zu halten. Und Jazz ist immer interessant.

Nach drei Dekaden Musikbusiness: Welche Entscheidungen habt ihr bereut?

Andy:
In den Neunzigern zu hart zu feiern, anstatt meine musikalischen und Songwriting-Fertigkeiten zu verbessern. Und falsche Entscheidungen getroffen zu haben, als es um Freunde ging.

Michael: Außer einigen Frisuren- und Kleidungskatastrophen eigentlich nichts. Du musst eben merken, wenn du es verkackt hast, daraus lernen und weiterziehen. Das Leben ist zu kurz, um sich zu lange mit Reue zu beschäftigen.

Wie hat sich euer Blick auf das Business über die Jahre verändert?

Andy:
Ich habe schnell gelernt, es nicht zu ernst zu nehmen. Wenn du das tust, verlierst du dich bei dem Versuch, jemand zu sein, der du nicht bist. Es gab einen großen Wandel, wie man heute Geld in der Industrie verdient, und wie man Musik entdeckt oder Musik und Veranstaltungen bekannt macht. Die Veränderungen sind positiv wie negativ. Als Musiker musst du dich da anpassen. Die Realität ist – unabhängig von dem Jahr, in dem wir uns befinden –, dass es Musiker gibt, die Musik mit den richtigen Absichten machen, und solche, die es nicht tun.

Wie ist euer Verhältnis zu eurem Frühwerk, den beiden EPs „Babyteeth“ und „Pleasure Death“? Mögt ihr die Songs noch spielen? Und könntet ihr euch auch vorstellen, diese neu aufzunehmen?

Michael:
Ab und an spielen wir die Songs. Einmal haben wir auf einem Konzert in Belfast alle Songs von „Babyteeth“ eingebaut, doch ich glaube, keiner hat’s gemerkt. Aber ich mag die Songs noch und spiele sie gern. Sie noch mal aufzunehmen ist nicht geplant, aber man weiß ja nie.

Andy: Wir reden häufig über eine Clubtour, auf der wir nur Songs von „Babyteeth“, „Pleasure Death“, „Suicide Pact“ und „Crooked Timber“ spielen würden, aber wir wissen nicht, ob sich das überhaupt jemand angucken würde.

Für viele Leute war „Suicide Pact – You First“ eine Art Verweigerungsalbum gegenüber der Musikindustrie. Wie denkt ihr darüber?

Michael:
Zurückblickend haben wir einfach Gas gegeben, nachdem wir eine sehr frustrierende Zeit hinsichtlich des Umgangs durch Plattenfirmen mit uns hatten. Wir hatten 1998 „Semi-Detached“ rausgebracht und das Label verschwand kurze Zeit später durch eine riesige Geschäftsübernahme. Es hieß, wir kämen auf ein anderes Label, und dann doch nicht. Dann brach sich unser damaliger Drummer den Arm und wir konnten plötzlich weder Konzerte geben, noch irgendwas rausbringen. Also haben wir angefangen, neue Songs zu schreiben, und unterschrieben einen neuen Deal, ironischerweise mit einem Label, das von unserem Ex-Label Universal Music vertrieben wurde. Und die ganze Wut und der Wahnsinn kamen auf dem Album durch.

Bei den frühen Alben hatte die damals aktuelle Dance Music einen großen Einfluss auf euch. Wie sieht es heute mit Einflüssen aus?

Michael:
Ich glaube, die Einflüsse sind immer noch da und vielleicht sogar noch offensichtlicher als damals. Wenn du dir jüngere Songs von uns wie „Wreck it like Beckett“ oder „Save me from the ordinary“ anhörst, dann beziehen die sich rhythmisch ziemlich stark auf Dance Music.

Weil das hier ja ein Interview für ein Punkrock-Fanzine ist: Wie „punk“ sind THERAPY? noch?

Andy:
Wir sind nicht so „punk“ wie FUGAZI, aber wer könnte das schon sein? Wir haben immer noch die Einstellung, die wir hatten, als wir Kids waren, und wir versuchen, uns diesen Geist zu bewahren, gerade in der Art, wie wir mit Leuten umgehen. Wir scheißen nicht auf die Leute und erwarten umgekehrt auch Respekt.

Michael: Ich bin mir nicht sicher, was „Punk“ ist. Aber ich verstehe es als etwas, das vom Normalen abweicht. Als Band haben wir immer unser Ding gemacht. Vom ersten Tag an, obwohl es leichter gewesen wäre, wie eine der populären Bands zu klingen. Das Gleiche gilt auch für „Troublegum“. Wir haben die Chance genutzt, mehr Melodien einzubinden, um zu sehen, wohin das den Sound der Band führt. Und auch auf „Infernal Love“ haben wir einen anderen Ansatz gewählt, obwohl ein „Troublegum 2“ die leichtere Option gewesen wäre. Also gibt es meiner Ansicht nach schon einen gewissen „Punk“-Ansatz bei uns. Und natürlich sind wir alle Fans der entsprechenden Musik, seit dem Ende der ersten Welle Ende der Siebziger bis hin zur aktuellen Szene.