ZWAKKELMANN

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Gegen das Vergessen anschreiben

Eigentlich heißt der sehr schlanke Musiker Reinhard Wolff, kennen tun ihn die meisten in unserer Szene aber als Schlaffke, und auf der Bühne nennt er sich Zwakkelmann. Nun hat der westfälische Liedermacher und Ex-Mitglied von DIE KINSKIS und vor allem SCHLIESSMUSKEL seinen ersten Roman mit dem Titel „Shitsingle“ geschrieben. Von was mag dieser wohl handeln? Natürlich von ihm selbst, genug erlebt hat er ja nun wirklich. Ich befragte ihn zu seiner neuen musischen Leidenschaft und ob er nun Lesung mit Konzert verbindet.

Was hat dich dazu bewogen, einen Roman zu schreiben?

Seit meiner Jugend träume ich davon, ein Buch zu schreiben. Mich reizte immer die ausgedehnte Buchform. Ich habe über die Jahre hinweg auch regelmäßig Kurzgeschichten verfasst, die den Grundstock für meinen Anekdoten-Roman bilden. Neben dem Spaß an der Sprache war es wohl auch eine Mischung aus Mitteilungsbedürfnis und Beschäftigungstherapie. Und ich wollte als vergesslicher Mensch meine beknackten Erlebnisse festhalten. Ich habe also auch gegen das Vergessen angeschrieben.

Der Untertitel lautet „Anekdoten eines Vollidioten“. Ist das bloße Kokettierie oder willst du dich mit einer solchen Bezeichnung jeder Kritik entziehen?
Ich würde sagen: von beidem etwas. Mir gefiel aber auch der Reim im Untertitel. Und irgendwie ist die Bezeichnung „Vollidiot“ doch passend. Ich sehe sie in dem Kontext eher positiv.

Immer wieder tauchen Textzeilen aus deinem Soloschaffen im Buch auf. Wir Fans kennen die ja fast alle. Sind die also vor allem für jene Leser:innen gedacht , die dich nicht als Musiker kennen?
Ich habe die Textpassagen schon für alle eingefügt. Es erschien mir sinnvoll, weil sie in die Rahmenhandlung passten. Auch um zu erklären, wie die Liedtexte teilweise entstanden sind und um den Lesefluss aufzulockern. Es kommen ja auch immer wieder Zeilen bekannter Interpreten vor. Beispielsweise von TOCOTRONIC, Kerstin Ott, Udo Jürgens oder TON STEINE SCHERBEN.

Gibt es schon Reaktionen aus deinem Heimatort Hamminkeln? Lässt du dich dort bald so wie KASSIERER-Wölfi in Bochum als Bürgermeisterkandidat aufstellen?
Einige alte Kumpels haben sich bereits köstlich über das Buch amüsiert. Und es wurde wohl schon viel über „Shitsingle“ getuschelt, wie mir hinter vorgehaltener Hand zugetragen wurde. Wahrscheinlich lachen sich alle kaputt über mich. Da ich aber mit dem Dorfklüngel wenig an der Mütze habe, kriege ich davon nicht viel mit. Mich vor einen Partei-Karren spannen zu lassen, käme für mich nicht infrage. Dafür fehlt es mir, auch wenn ich ein politisch interessierter Mensch bin, an Zeit, Kraft, Sachverstand, Seriosität, Ernsthaftigkeit und Dickfelligkeit. Dann lieber als erfolgloser fahrender Musikant durch die Gegend tingeln. Da steht man auch nicht so unter Beobachtung und muss zu jedem Scheiß seinen Senf abgeben.

Ich konnte es nicht fassen, wie viele Parallelen wir beide haben. Handwerklich überschaubar begabt, hippelig, schwache Blase, Panikattacken, Depri-Phasen, über sich selber lachen. Sag an, braucht es nicht doch mehr so Leute wie uns?
Das freut mich sehr zu hören. Obwohl es für dich ja jetzt nicht so toll ist. Klar, es braucht mehr von diesen durchgeknallten Menschen. Die Welt wäre sicher eine bessere und vor allem lustigere.

Jetzt mal Butter bei die Fische: 66,6% an realem Hintergrund ist knapp kalkuliert, oder?
Vielleicht sind es auch 77,77%. Manches im Buch ist insofern nicht ganz wahrheitsgetreu, weil ich bisweilen zwischen den Zeiten hin und her springe, das Geschehen komprimiere, Personen durcheinanderwerfe und etwas hinzudichte. Zum Beispiel besteht das Ruhrpott Rodeo-Kapitel am Ende aus mehreren Rodeos der vergangenen zehn Jahre. Auch hat es „Kalla“, den griesgrämigen Gitarrenschrauber, und den unangenehmen „Zopfarsch“, der mich nach einem verpatzten Auftritt blöd von der Seite anquatscht, so nicht gegeben. Aber mir sind ähnliche Typen über den Weg gelaufen.

Hat die gut vorstellbare Streitszene zwischen Dicken und Campino mit deiner kleinen Einlage denn wirklich stattgefunden?
Die hat tatsächlich so stattgefunden. Und zwar auf einer Party während der Popkomm-Messe irgendwann in den Neunzigern. Auf besagter Party war übrigens auch ein gewisser Richard Branson zugegen. Damals startete er keine Rakete, sondern die Plattenfirma V2.

Fällt nun Ballast von dir ab, weil du das Buch veröffentlicht hast und damit etwas wirklich Schönes erledigt ist?
Auf jeden Fall. Es ist ein gutes Gefühl eine solch zeitintensive, kräftezehrende Sache endlich abgeschlossen zu haben. Mir fiel letztens auf, dass die erste Story, die ich für „Shitsingle“ schrieb, bereits 2003 entstanden ist. Also als ich mit Zwakkelmann anfing. Zwischendurch dachte ich, okay, dann erscheint das Buch eben erst nach meinem Ableben. Dass es in einem halbwegs professionellen Rahmen publiziert wird, war ebenfalls mein Bestreben. Ich reime hier wieder dumm rum. Ich hoffe, ihr nehmt es mir nicht krumm.

Ich habe ja auch schon vier Bücher draußen, bei mir ist es so, ich freue mich über positive Kritik, aber jede negative Kritik – vor allem berechtigte! – zieht mich mächtig runter. Tickst du ähnlich, freust du dich auf neue Reviews oder bist du vor dem Lesen leicht besorgt?
Hehe, das wusste ich gar nicht mit den vier Büchern. Da werde ich wohl noch was nachzuholen haben. Ich muss gestehen, dass mir jedes Mal die Pumpe geht, wenn ich auf ein neues Review stoße. Aber über positives Feedback freue ich mich natürlich. Mit negativer, zudem noch berechtigter Kritik, kann ich nicht besonders gut umgehen. Glücklicherweise gab es zum Buch bis dato keine. Ach, man kann nicht erwarten, dass alle das abfeiern, was man im stillen Kämmerlein so verzapft. Mittlerweile bin ich diesbezüglich entspannter geworden.

Wie gestaltest du nun deine Auftritte, eine Hälfte Lesung, andere Hälfte deine Lieder?
Kommt drauf an. Meist überwiegt aber die Musik. Ich bin froh, dass ich ab und an zur Gitarre greifen kann. Nur lesen wäre nichts für mein unstetes Wesen. Schön gereimt.

Du bist ja nun eher ein lieber Kerl als ein „Troublemaker“, glaubst du, dass deine Ansichten im Buch von daher besonders gut angenommen werden?
Da ich die Dinge oft von verschiedenen Seiten aus betrachte, werden die meisten damit bestimmt klarkommen. Man muss auch nicht immer jeden Satz auf die Goldwaage legen und sich drüber aufregen. Was aber vielen in dieser oftmals humorbefreiten Welt mittlerweile schwerfällt. Fett gereimt, Herr Z.

Wie läuft der Verkauf des Buchs bisher und bist du motiviert, einen Nachfolger in Angriff zu nehmen?
Bis jetzt bin ich äußerst zufrieden damit. Ich habe den Eindruck, Bücher verkaufen sich besser als Tonträger. Aber ich kann da lediglich von meinen Verkäufen berichten. Wie der Absatz vom Hirnkost Verlag läuft, weiß ich noch gar nicht. Übrigens wird es eventuell auch ein Hörbuch geben. 2022 werde ich aber erst mal der Musik den Vortritt geben. So ist ein neuer Zwakkelmann-Tonträger in der Mache. Der wird der absolute Hammer und knüpft da an, wo „Shitsingle“ endet. Lust hätte ich schon, ein weiteres Buch zu schreiben. Es ist vor allem „a question of time“. Und so ende ich daheim mit einem Reim. Vielen Dank!