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BOB MOULD

Blue Hearts

Bob Mould ist angepisst, und das nicht erst seit Corona – ein weiterer Grund, weshalb er nach vier Jahren Berlin als Wohnsitz aufgeben musste und jetzt in San Francisco lebt. Aber Trump alleine reichte schon, um Mould beim Songwriting für das neue Album, das sich bis Anfang 2020 hinzog, bis zum Beginn der Aufnahmen im Electrical Audio-Studio in Chicago, so wütend zu machen wie bislang fast nie in seiner Karriere. Er wettert über die „American crisis“, scheut auch im Interview nicht davor zurück, Klartext zu reden und dabei dem Titel des Openers „Heart on my sleeve“ entsprechend „sein Herz auf der Zunge zu tragen“. Und auch wenn Corona beim Texten des Albums noch kein Thema war, steckt das Thema doch auch drin. Denn die Wut, die aus Mould spricht, geht zurück auf die Achtziger, als er als junger schwuler Punk miterleben musste, wie es ist, stigmatisiert zu werden: „In den frühen Achtzigern dachte die Hälfte der Bevölkerung der USA, dass man die Schwulen zusammentreiben und in den Knast, in Quarantäne stecken sollte. [...] Glaub mir, das hinterlässt Spuren. Ich habe genau darüber viel nachgedacht beim Schreiben des neuen Albums ‚Blue Hearts‘, denn jetzt stehen wir in Amerika wieder an dem Punkt, an dem eine TV-Persönlichkeit, zu deren Unterstützern evangelikale Christen gehören, der Präsident ist. Das ist fast die identische Situation wie bei Reagan. Reagan brauchte fünf Jahre, bis er das Wort AIDS aussprechen konnte, und jetzt, kaum dass ich das Album fertig hatte, kommt Corona ... So was hätte ich mir nicht ausdenken können ... “ Apropos „Blue Hearts“ – im Sinne von „I feel blue“, wie in Blues? „Blue“ im Sinne von „niedergeschlagen“? „Nein. Es ist eine Referenz an die Farben der beiden politischen Parteien. Die Republikaner sind rot, die Demokraten blau.“ Mould bezieht also klar Stellung und hat keine Angst vor den Konsequenzen, denn: „Das Risiko besteht darin, nichts zu sagen. Ich habe Kollegen, die künstlerisch sehr erfolgreich sind, und die sind sehr zögerlich, was das Einbringen politischer Themen in ihre Musik betrifft. Es könnte ja sein, dass sie die Hälfte ihres Publikums verlieren. Ich habe kein Problem damit, die Hälfte meines Publikums zu verlieren. Wobei ich schon glaube, dass der Großteil meines Publikums politisch auf der Seite meiner persönlichen Botschaft steht.“ Er predigt also in gewisser Weise zu den längst Konvertierten. Mould hat kein bedächtiges Singer/Songwriter-Album gemacht, sondern eine brüllend laute Rock-Platte, die fast mehr als alles seit SUGAR direkt an HÜSKER DÜ Mitte der Achtziger anknüpft. Es ist seine Handschrift im Songwriting, beim Gesang, beim Gitarrenspiel, die dafür sorgt, und trotzdem wirkt „Blue Hearts“ kein Stück nostalgisch, ist wie ein Schlag mit der Faust auf den Tisch, ausgeführt von einem Musiker, der dieser Tage sechzig wird und keinen Grund für Zurückhaltung erkennen kann.