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Interviews & Artikel

SKEPTIKER

Die Innere Unsicherheit

„Kein Weg zu weit“ ist das elfte Album der Berliner Band DIE SKEPTIKER – denen immer noch das Label „Ostpunkband“ anhaftet und die in der DDR sogar eine offizielle Spielerlaubnis besaßen – seit ihrer Gründung 1986. Es wirft bei mir verschiedene Fragen auf, die sich nicht nur rein auf die Musik beziehen. Gitarrist Tom Schwoll nimmt sich die Zeit zu antworten.

Tom, das neue Album „Kein Weg zu weit“ besteht aus zwei Blöcken, einerseits handelt es von den Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs, zum anderen geht es um persönliche Schicksale. Resigniert man nicht angesichts der Tatsache, dass es hundert Jahre danach immer mehr Kriege gibt auf der Welt?


Ja, das Thema hat einen resignativen Charakter, aber aus der privilegierten Position heraus, dass in dem Land, in dem wir leben, zwar jede Menge Waffen gebaut werden, aber die Wahrscheinlichkeit, erschossen zu werden, wesentlich geringer ist, als vom Auto überfahren zu werden. Okay, die Autos werden auch größtenteils hier gebaut, aber die Waffenproduktion ist ja beinahe ausschließlich für den Export vorgesehen.

In einem Song formuliert ihr als Ziel: „glücklich sein, kämpfen, lieben und leiden“. Ist da nicht ein Wort, nämlich „kämpfen“, widersprüchlich in der Aufzählung?

Nein, wer leidet, sollte etwas dagegen tun, und wenn man etwas mit Liebe tut, lohnt es sich im Zweifelsfall, dafür zu kämpfen.

Ich frage deshalb, weil mir eine alte Bekannte nach dem Wahlausgang der Bundestagswahl – und dem peinlichen Erfolg der AfD – schrieb: „Kämpfe!“ Aber das taten hunderte von Internet-Kriegern zuvor auch alle nur vergeblich ...

Wenn man schon von Kriegern redet, ist das Internet das falsche Schlachtfeld. Über soziale Medien kann man nur eine indirekte Kommunikation führen, wenn hingegen alle Kreuzberger und Friedrichshainer auf die Straße gehen, um eine NPD-Kundgebung zu verhindern, ist das wesentlich effektiver. Was ich an der AfD besonders schlimm finde, dass ist das, was von Hannah Arendt als die „Banalität des Bösen“ beschrieben wird: Eine Gleichgültigkeit, ein Mitmachfaschismus gegen das Maß dessen, was Menschlichkeit eigentlich ausmacht. Grausamkeit als logischer bürokratischer Verwaltungsakt. Letztlich bleibt natürlich die Frage, was man den Parteien, der Bundestagswahl und dem Parlamentarismus überhaupt an Bedeutung beimisst.

Ums nackte Überleben kämpfen in der Bundesrepublik derzeit über 800.000 Wohnungslose. Das ist elfmal das volle Berliner Olympiastadion. Gentrifizierung allein reicht hier als Erklärung ja nicht aus. Ist unser Miteinander nicht angesichts dieser Zahl gescheitert?

Ich finde, unser Miteinander ist nicht angesichts dieser Zahl gescheitert, sondern schon vorher. Kapitalismus funktioniert. Nur, wenn sich die eine Seite etwas nimmt, fehlt es auf der anderen, die Umverteilung geht von Arm nach Reich. Das Schlimme ist, dass sich der Großteil damit identifiziert, weil jeder Callcenter-Angestellte im Zweifelsfall nach Feierabend im nahegelegenem Einkaufszentrum mithalten kann.

Auch das Publikum bei Neonazi-Konzerten hat leider enorm zugenommen, 2016 waren es bereits 13.000 Besucher. Hier fragt sich, was haben im Nachhinein die unzähligen Anti-Nazi-Songs bewirkt? Verhärtete Fronten sind kaum ein Lösungsansatz. Oder gebt ihr diese Leute auf?

Ja, ich will mit solchen Leuten nichts zu tun haben. Da stellt sich für mich nicht die Frage von oben oder unten und auch nicht von Ost oder West. Der Unterschied liegt zwischen mir und denen. Das Komplizierte ist, dass sich die Grenzen immer mehr verwischen und auch in Teilen der Punk-Szene etwa bei der Flüchtlingsfrage eine Tendenz zu einer nationalen Fiktion durchsetzt, die ich sehr problematisch finde. Songs gegen Nazis finde ich nach wie vor sehr wichtig, weil ich glaube, dass es in manchen Provinzdörfern gar keine andere Identifikationsmöglichkeiten für junge Leute gibt, außer genau dieses Feindbild. Bestes Beispiel sind in diesem Zusammenhang FEINE SAHNE FISCHFILET, deren Musik ich zwar kaum kenne, aber deren Haltung ich in dieser Hinsicht glaubwürdig finde.

Zurück zum Eingang unseres Gesprächs: Der Erste Weltkrieg erfuhr seine Grausamkeit vor allem durch die Entwicklung technisch zuvor unbekannter Waffen. Wie habt ihr euch dem Thema genähert? Versagt da nicht bisweilen einfach die eigene Vorstellungskraft?

Ich wurde zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, meine Großeltern haben zwei Weltkriege über sich ergehen lassen müssen. Als Kind war für mich der Schockzustand in unserer Familie allgegenwärtig. Die eine Großmutter hat ihren Bruder, die andere ihren Mann verloren. Ich finde die Frage insofern interessant, weil ich überhaupt keinen Ehrgeiz empfinde, eine Vorstellungskraft zu entwickeln. Ich zocke nicht am Computer und kann mir nur sehr schwer Kriegsfilme angucken. Das hat nichts mit Pazifismus zu tun, sondern liegt daran, dass es mich entweder anödet oder anekelt.

Gleichzeitig lobt euer Sänger Eugen Balanskat den Fakt, dass wir nun in Europa siebzig Jahre lang im Frieden leben. Würde ich der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender trauen, könnte ich meinen, mich mitten in einem Krieg zu befinden, beispielsweise aufgrund des Terrors ... Verschieben sich da nicht die Relationen?

Ich verstehe die Frage nicht ganz, was meinst du? G20 in Hamburg, oder religiös verbrämte Terroranschläge? Abgesehen davon finde ich die Aussage „siebzig Jahre Frieden“ nicht wirklich zutreffend. Da gab es ja noch den Jugoslawien-Krieg, den Einsatz in Afghanistan. Und die Logistik für den Irak-Krieg wurde zumindest durch die Regierung der Bundesrepublik erleichtert.

Okay, Jugoslawien habe ich vergessen, ich meinte vielleicht unbewusst Angriffskriege innerhalb Europas. Doch kommen wir zum persönlichen Teil, der sich vor allem in Songs wie „Immerfort“ und „Schlussakkord“ ausdrückt. Trauerarbeit ist sehr wichtig, wie wollt ihr es aber live halten? Spielt ihr diese Lieder, lasst ihr die Trauer öffentlich zu?

Ich gehe davon aus, dass wir versuchen, diese Lieder live zu spielen. Letztendlich hängt das aber von Eugen ab.

„Ich weiß nicht“ ist ebenfalls ein enorm starker Song. Darin heißt es: „Ich weiß nicht, wie es geht, in die Zukunft zu schauen, ich weiß nicht, wie es geht, euphorisch zu sein“. Ist das der eigenen Lebenserfahrung geschuldet, oder nur eine Momentaufnahme aus der Sicht eines Jugendlichen?

Innere Unsicherheit wird oft totgeschwiegen und ist meistens eine vorübergehende Phase. Rückblickend war ich mit 18 stärker davon betroffen, das war aber wie gesagt vorübergehend und die Euphorie wuchs dann wieder ins Unermessliche. Heute ist das alles wesentlich ausgeglichener, also fast stromlinienförmig.

Und in „Wenn ich“ hören wir: „Wenn Liebesworte durch die Mauer dringen, ein werbendes Lachen, ein Wollustschrei, ich verwelke im Abseits, wäre gern dabei.“ Da entdecke ich eine unglaubliche Ehrlichkeit. Das Thema Sex wird oft entweder witzelnd oder ordinär behandelt, jedoch zu selten ernsthaft und als wichtiger Bestandteil von Lebensqualität, seht ihr das ähnlich?

Sexualität ist ein Thema, das Eugen schon immer offen behandelt hat. „Allright my boys“ etwa wurde zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, als Homosexualität sowohl in der linken als auch in der Punk-Szene nicht unbedingt ein Selbstläufer war. Prinzipiell ist Sexualität Privatsache, aber die Sehnsucht danach darf schon formuliert werden, wobei viele dann, wie du schon richtig sagst, ordinär werden und schlimmstenfalls auch gerne mal sexistisch. Das sehe ich bei Eugen aber nicht.

Und die Tour ab März?

Wir freuen uns sehr auf die Tour im März und April, die wie immer an den Wochenenden stattfinden wird. Wir haben ein paar tolle Bands dabei. Alte Weggefährten wie KALTFRONT oder FBI aus Cottbus werden dabei sein. Aber auch neuere Bands wie STRG Z oder FRIDA aus Berlin lassen auf rundum gelungene Konzertabende hoffen. Im Oktober werden wir noch ein paar Shows spielen und zwischendurch auch ein paar Songs schreiben. Eugen wird ja bald sechzig und das wollen wir mit ein paar neuen Liedern gebührend feiern. Ob es für ein Album reicht, wissen wir jetzt noch nicht, aber eine Maxi schaffen wir, versprochen. Langweilig wird es nicht 2018, das steht fest.

Markus Franz

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #136 (Februar/März 2018)

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