Interviews & Artikel : PROPAGANDHI :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

PROPAGANDHI

Sie sind ein Paradoxon: zwar stehen die drei Kanadier aus Winnipeg seit Jahren hoch im Kurs bei merchandisegeilen GymnasiastInnen und sind musikalisch mit NO FX, PENNYWISE, LAG WAGON und MILLENCOLIN in eine Reihe zu stellen, doch von Attitude und Texten her sind die drei eher peacepunkig. Sowohl ihre Auftritte wie Plattencover, Booklets etc. nützen PROPAGANDHI ausgiebig, um überzeugt, aber nicht dogmatisch, und vor allem immer selbstironisch Finger in die offenen Wunden der westlichen Gesellschaften zu legen und eindeutig radikale linke Positionen zu beziehen. Ich zog mich mit John und Chris vor ihrem Konzert in Düseldorf in den Bandbus zurück.

Und, wie viele Interviews habt ihr schon gegeben auf dieser Tour?

Chris: Na, ich schätze mal 20 bis 30. Nicht alle detailliert und gut, aber manche.

(Micha vom Plastic Bomb kommt vorbeit, klopft an die Scheibe und grölt "Hippies! Ihr seid doch alle Hippies!". John und Chris sind irritiert, entspannen sich aber wieder, als ich entschuldigend erkläre, daß Micha sonst ja ganz nett ist ...)

Was war die meistgestellte Frage?

John: Überall auf der Welt wollen die Leute wissen, was es mit dem Namen auf sich hat.

Chris: Das, und dann, weshalb wir letztes Jahr nicht nach Europa gekommen sind. Und warum wir "Ska sucks" nicht spielen. Warum wir auf Fat Wreck sind. Naja, all diesen langweiligen Blödsinn eben.

John: Die Fragen sind auch immer sehr abhängig vom Personenkreis. Kids stellen andere Fragen als "echte" Punkrocker. Was immer auftaucht, ist das Thema, daß wir auf Fat Wreck sind und irgendwelche 14jährigen angeblich überhaupt nicht zuhören oder unsere Texte lesen.

Chris: Das läuft immer auf die Forderung an uns heraus, daß wir ihnen bestätigen, daß sie richtig und wichtig sind und die Kids nicht. Die hätten ja eh keine Ahnung und denen sei alles egal. Aber das ist Bullshit. Und dann sind da die Interviews mit Kids, die noch nicht die Gelegenheit hatten, verschiedene Ideen kennenzulernen. Die stellen immer sehr allgemeine Fragen, aber irgendwie muß ja jeder mal anfangen.

Hmmmm. Tja, was soll ich dazu sagen? Die Fragen, die ihr genannt habt, sind tatsächlich die, welche ständig auftauchen, wenn man mit irgendwem über PROPAGANDHI spricht. Daß Fat Wreck-Bands nämlich ohne Ende Leute ziehen, die nach der Türöffnung als erstes zum Merchandise-Stand stürmen und ihn leerkaufen.

Chris: Die Fat Wreck-Käuferschaft besteht tatsächlich aus einer riesigen Menge von Leuten, die bisher noch nie mit anderen als den Mainstreamwerten und -ideen Kontakt hatten: angefangen bei den alternativen Methoden, ein Punk-Konzert zu veranstalten, bis hin zu vegetarischer oder veganer Ernährung oder anderen Beziehungen zwischen den Geschlechtern als der heterosexuellen. Ich finde aber, daß man auch diesen Leuten die Chance geben sollte, davon zu hören. Und genau das versuchen wir. Diejenigen, die immer nur mit der p.c.-Punkszene zu tun haben, können genauso gut Selbstgespräche führen. Und was es für einen Sinn haben soll, zu bereits Bekehrten zu predigen, habe ich noch nie verstanden. Abgesehen davon bin ich mir nicht mal sicher, ob die ganzen p.c.-Punks tatsächlich so bekehrt sind, denn in dieser Szene gibt´s auch jede Menge Bullshit, hohle Sprüche und Lippenbekenntnisse. Und so lasse ich mir von niemandem vorschreiben, wem ich was erzählen darf - wer´s versucht, ist für mich elitär und ein Faschist.

John: Trotzdem muß ich sagen, daß in der Epitaph- und Fat Wreck-Szene viel leere Polit-Rhetorik betrieben wird. Nimm Bands wie BAD RELIGION oder PENNYWISE: die haben natürlich auch "politische" Texte, aber was ist das schon? Das sind meist vage Phrasen, die in gewisser Weise reaktionär sind, ohne jedoch rechts zu sein.

Chris: Diese Slogans ohne Hintergrund erinnern mich an die Metalbands von früher. Die klopften Sprüche à la "Fight the power!" und meinten damit ihre Eltern. Punkbands singen "Fight the system!" und im Prinzip läuft das auf das gleiche hinaus. Ich meine, was soll das heißen, "Fight the system!"? Dazu braucht es mehr, nämlich ein solides Wissen, wie Unterdrückung funktioniert. Und dann kannst du versuchen, etwas zu ändern.

Seid ihr also über den Punkt hinaus, wo ihr euch ständig fragt, ob ihr verstanden werdet?

John: Gestern abend hatte ich zwischen zwei Songs eine Ansage gemacht, und als ich fertig war, brüllte mich ein Typ aus dem Publikum an - der gleiche, der vorher eine Frau niedergeschrien hatte, die eine Anti-Nazi-Demo angekündigt hat -, der offensichtlich Probleme mit solchen Ansagen hat. Er fragte mich, ob ich denn glaube, daß mir jemand zuhört. Ich antwortete ihm, daß er mir ja offensichtlich zuhöre, und so wäre das für mich o.k. Und solange uns auch nur ein paar Leute zuhören, sind wir zufrieden. Nach jedem Konzert spricht uns jemand an, der uns gut oder auch schlecht fand, und das ist Bestätigung genug.

Angenommen, jemand wäre zehn Jahre im Ausland gewesen und hätte in dieser Zeit nichts von Punkrock mitbekommen. Was für Rückschlüsse auf die Musik würde der beim Betrachten eurer CD ziehen? Ich würde, um die Antwort vorwegzunehmen, auf Crustpunk à la CRASS oder DISCHARGE tippen.

("Hippies!" grölt der deutlich angetrunkene Plastic Bomber im Vorbeikommen ins Auto...)

Chris: Ich denke, dem würden Bands wie MDC, DEAD KENNEDYS, CRUCIFIX oder C.O.C. in den Sinn kommen.

Ich wollte eigentlich darauf hinaus, daß politische Texte von eurem Kaliber meist mit eher derbem Hardcore einhergehen, aber nicht gerade mit supermelodiösem Punkrock.

Chris: Wir mögen von jeher melodiöse Musik, und so wäre es ziemlich dumm, andere, härtere Musik zu spielen, nur um dem Klischee einer politischen Band zu entsprechen. Und ehrlich gesagt wundere ich mich auch, weshalb nicht mehr Bands melodischen Punk mit engagierten Texten verbinden. Vielleicht orientieren sich Bands da zu sehr an den Wünschen oder vermeintlichen Wünschen des Publikums.

John: Stimmt. Das ist ein ziemlich entmutigender Aspekt an der Punkszene. Die Leute sind nicht offen genug gegenüber anderen Stilen und Kunstformen, obwohl meiner Meinung nach die "Punk-Ethik" auf alle Arten von Kunst zutreffen sollte. Jeder unabhängige Musiker oder Künstler sollte von der Punk-Szene unterstützt werden, das sollte nicht allein davon abhängen, ob jemand besonders laut schreien kann.

Chris: Ich habe in Nordamerika schon unzählige Leute aus der, nun, sagen wir Profane Existence-Grindcore-Szene getroffen. Für die kannst du politischer sein als Noam Chomsky - solange du nicht Grindcore spielst, nehmen sie keine Notiz von dir. Meiner Meinung nach offenbart das den wahren Charakter dieser Leute: das sind ignorante Metalheads, für die nur ein Musikstil existiert.

Wer und was ist denn aber Punk, und was nicht?

Chris: Puh, das ist natürlich eine schwierige Frage. Well, I don´t give a fuck about punk rock - zumindest in der Hinsicht, wo ruckzuck in die Kategorien punk/nicht punk unterteilt wird. Das ist Blödsinn, genau wie das Spielchen, daß man umso punkiger ist, je länger man die Musik schon hört. Nein, Punk ist für mich eine Frage der Weltanschauung, der Politik. Vertritt eine Band progressive Positionen oder nicht, das ist die Frage.

John: Um das mal zu verdeutlichen: Für mich ist eine Band wie MIDNIGHT OIL in diesem Sinne mehr Punk, die bedeutet mir mehr, als viele der typischen Punkbands, die jeder kennt.

Warum?

John: Weil mir, uns, politischer Aktivismus wichtiger ist als der Musikstil. Klar, der kommt gleich danach, wir lieben Musik, aber der Inhalt ist wichtiger. Für uns zählt mehr, ob sich jemand in seinem sozialen Umfeld engagiert, ein guter Mensch ist, und das hat erstmal nur sehr wenig direkt mit Punk zu tun.

Das kann ich nachvollziehen. Trotzdem gibt es nicht wenige Leute, die unter Punkrock vor allem verstehen, daß man mit und bei der Musik Spaß hat.

Chris: Das ist aber eine sehr allgemeine Aussage, denn das kann man auch ganz allgemein über das Leben als solches sagen: das sollte auch in erster Linie Spaß machen. Und damit sind wir wieder beim Thema: man muß für politische Veränderung sorgen, damit alle Menschen Spaß haben können. Wenn jemand unterdrückt wird, hat er keinen Spaß. Und ich kann keinen Spaß haben, wenn ich weiß, daß andere Leute unterdrückt werden, da fühle ich mich schuldig. Wenn wir also das Leid in der Welt verringern durch politische, gesellschaftliche und ökologische Veränderungen, können wir alle mehr Spaß haben.

John, du hast neulich - als Solo-Musiker - eine Split-CD mit PAINTED THIN rausgebracht. Ich war wirklich erstaunt, dich plötzlich als Singer/Songwriter zu hören.

John: Ähm, danke. Ich habe die Songs schon vor über zwei Jahren aufgenommen. Ich mag PAINTED THIN sehr, und so hat das ´ne Menge Spaß gemacht. Ich finde es eben schön, in verschiedenen Genres zu arbeiten und die Musik von PAINTED THIN mit meiner zu kombinieren.

Die Platte erschien wie die I SPY/PROPAGANDHI-Split-CD auf G7 Welcome Committee Records. Ich finde es interessant, daß ihr eure Sachen zweigleisig veröffentlicht, also einmal über Fat Wreck, zum anderen auf der D.I.Y.-Schiene über G7.

Chris: Ja, aber dahinter steckt ehrlich gesagt keine besondere Absicht. D.I.Y. sind wir eher zufällig, weil wir faul sind. Also verkaufen wir die CD nur per Mailorder und auf Konzerten und haben keine großen Ehrgeiz, sie richtig professionell zu vertreiben. Das Label ist ein gemeinsames Projekt von uns allen sowie unserem T-Shirt-Verkäufer.

Der Name hat was mit der G7-Konferenz der sieben stärksten Wirtschaftsnationen zu tun.

Chris: Richtig. Das letzte Treffen war in Halifax in Kanada, und unser Gedanke war so eine Art Empfangskomittee, das die ganzen Staatschefs mit Gewehren begrüßt.

Ihr seid aus Winnipeg. Was gibt es zu dieser Stadt zu sagen?

Chris: Historisch gesehen war Winnipeg Anfang/Mitte der Achtziger neben San Francisco DIE Hardcore-Stadt. PERSONALITY CRISIS, STRETCHMARKS und SUDDEN DEATH kamen von dort.

(Mittlerweile ist Jordan hinzugekommen.)

Jordan: Ich weiß, das klingt nicht besonders toll, aber Winnipeg ist eine sehr abgelegene, isolierte Stadt, und im Vergleich dazu war es wirklich erstaunlich, was dort damals punkrockmäßig abging. Mittlerweile ist das freilich fast komplett abgestorben.

Ich nehme an, ihr wart damals noch nicht aktiv dabei.

Chris: Jordan und ich fingen ´85 an, regelmäßig auf Konzerte zu gehen, aber das war schon das Ende dieser Hochphase. Heute hat Winnipeg eine durchaus aktive Punkszene, auch wenn sie nicht besonders bekannt ist.

Wenn man sich das Kleingedruckte bei euren Platten durchliest, gerade auch bei der Split-CD mit I SPY, stellt man fest, daß ihr sehr polemisch und direkt werden könnt, etwa gegenüber Leuten, die euch ständig wegen Kleinigkeiten nerven.

Chris: Es macht uns einfach Spaß, sowas zu schreiben, und außerdem kann man so vieles abblocken, was einfach nervt. Dumme Fragen in Briefinterviews etwa, Leute, die uns und unsere Texte falsch verstehen könnten, und so weiter. Es macht eben Spaß, und wer nicht damit klarkommt, bei dem sind wir sowieso falsch aufgehoben.

Ein Thema, das bei euch immer wieder auftaucht, ist das Verhältnis zwischen Kanada und den USA. Kanada ist da der kleine Staat im Norden, der kulturell und wirtschaftlich von den übermächtigen USA dominiert wird.

Jordan: Die Tendenz ist ganz klar: die USA, amerikanische Unternehmen, werden immer mächtiger in Kanada. Sie kaufen Firmen auf, verbreiten massiv ihre Kultur, und im kapitalistischen Sinne ist das nur logisch. Erst das Geld, dann die Kultur. Die Eishockey-Szene wird von den USA dominiert, alle Filme, die wir zu sehen bekommen, sind amerikanisch.

John: Wir bekommen regelmäßig Post aus den USA, wo uns Leute fragen, warum wir die USA hassen. Die Antwort ist: weil amerikanische Themen immer auch globale Themen sind. Was die USA tun und sagen, betrifft immer die ganze Welt. Wir sind aber mit Sicherheit nicht pro-kanadisch.

Chris: Die USA verhalten sich gegenüber Kanada genauso kulturimperialistisch wie sich Kanada einst gegenüber den Ureinwohnern verhalten hat. Die haben hier wie die USA einen brutalen Genozid veranstaltet. Das wird in Kanada aber weit weniger thematisiert als die kulturelle Bedrohung durch die USA. Über dieses Thema lassen sich sehr viele kanadische Schriftsteller aus, und ich erinnere mich, daß auch in vielen Büchern, die wir in der Highschool hatten, die USA eher negativ dargestellt wurden. Insgesamt gehört dieser Minderwertigskeitskomplex aber wohl einfach zu Kanada, und wenn man sich so nah neben einer nuklearen Supermacht befindet, ist das eigentlich auch nicht verwunderlich.

Jordan: Zwei Stunden von Winnipeg, direkt an der Grenze, gibt´s ein riesiges Raketendepot. Bei einem Krieg wären wir also auf jeden Fall betroffen gewesen.

Chris: Es ist auch krass: sobald du die Grenze überquert hast, ist der amerikanische Nationalismus und Patriotismus allenthalben zu spüren und zu sehen. Ich sage nicht, daß kanadischer Patriotismus besser ist, aber im Vergleich zu den USA ist das wirklich nichts.

Jordan : Die Sache ist einfach die: die Situation ist jetzt schon schlimm, aber es ist offensichtlich, daß es noch viel schlimmer kommen wird. Gerade auch in wirtschaftlicher Hinsicht, denn die US-Amerikaner ziehen auf diesem Planeten die härteste und reinste Form von Kapitalismus durch.

Ich habe von Kanada nur Montreal bzw. Quebec erlebt, und das kam mir sehr europäisch vor. Wie seht ihr das?

Chris: Der Osten von Kanada ist auf jeden Fall sehr europäisch. Wenn wir auf Tour sind, fällt uns auch immer wieder auf, wie groß der Unterschied zwischen den USA und Kanada trotzdem noch ist. Das zeigt sich gerade am Verhalten und Denken der durchschnittlichen Bevölkerung. Ich finde es in Kanada schon schlimm, wie uninformiert und unkritisch die Leute sind, aber bei den Amerikanern kriege ich richtig Angst.

John: Im Falle von Kanada habe ich ein winziges bißchen mehr Hoffnung auf positive Veränderung als in den USA, so könnte man mein Gefühl ausdrücken.

Jordan: Ich sehe es so: in den USA haben sie das Problem der Gedankenkontrolle in den Griff bekommen, durch die unterschiedlichsten Public Relations-Techniken. Die ziehen sich Generation für Generation immer uninformiertere Bürger heran. Kaum jemand weiß da noch was über andere Länder, über die Vergangenheit.

Chris: In Kanada ist das ansatzweise schon genauso, aber noch, so hat es Chomsky ausgedrückt, stehen in kanadischen Zeitungen Dinge, die man in US-Blättern schon längst vergeblich sucht. Der Grund? Weil es egal ist, wie Chomsky sagt.

Kommt man mit der Betonung solcher Unterschiede nicht schon beinahe in eine Position, wo man "sein" Land verteidigt und damit beinahe schon nationalistisches Verhalten an den Tag legt?

Chris: Nein, ich denke nicht. Ich würde niemals soweit gehen, mein Land zu verteidigen. Ich würde höchstens verteidigen, was in unserem Land noch von einer radikalen Linken geblieben ist. Mit einer Unterstützung von Staat, Regierung oder dem "System" hat das nichts zu tun.

Ist denn in Kanada von der Linken noch mehr übrig als in den USA?

John: Ja, und sie wird auf jeden Fall noch mehr akzeptiert. In den USA kann man sich ja nicht mal mehr "liberal" nennen. Wenn du dich in den USA als Linker bekennst, wirst du ausgelacht und man zeigt mit dem Finger auf dich. In Kanada zeigt man nur mit dem Finger auf dich. Insgesamt verschlechtert sich die Situation eher, denn rechtes Gedankengut macht sich derzeit mehr von der Basis her breit als von oben. Das hat auf jeden Fall was zu tun mit amerikanischen Rechten wie Newt Gingrich oder Rush Limbaugh, dessen Talkshow auch in Kanada ausgestrahlt wird.

Chris: Ja, die vergiften die Atmosphäre mit populären Schlagworten wie "Feminazi", "Liberal", "Leftist" oder "Pinko-commi". Leute, die sich Gedanken machen und die Gesellschaft zum Positiven verändern wollen, werden immer mehr an den Rand gedrängt. We´re on the shit slide to hell, basically.

Hat eure Entscheidung, nicht mit Destiny durch große Clubs zu touren, sondern mit einer kleinen Agentur die Jugendzentren und besetzten Häuser abzuklappern, damit etwas zu tun?

Chris: Nur bedingt, denn wir wollen nicht die Subkultur-Helden raushängen lassen. Nein, da steckt eher unser persönliches Interesse dahinter. Wir wollen mitbekommen, wie und wo die Szene hier ist. Ich fände es einfach stinklangweilig, statt in Squats und Juzes Tag für Tag in Clubs und Hotels abzuhängen. Außerdem finde ich es interessant, diese "Fat Wreck crowd" mal in andere Läden als die üblichen zu locken - in Läden, wo sie vielleicht ein bißchen Angst haben und am nächsten Tag in der Schule erzählen können, daß sie in einem besetzten Haus oder autonomen Jugendzentrum waren. Vielleicht finden ja ein paar Leute Gefallen daran. Ich bin mir sicher, daß eine ganze Reihe von Leuten vor unserem Konzert noch nie in Hamburg im Störtebeker oder in Berlin in der Köpi gewesen sind.

Wieviele T-Shirts und Kapuzenpullis habt ihr auf dieser Tour bisher verkauft?

Chris: Insgesamt mindestens 1.000. Das ist ´ne verdammte Menge Geld, und beweist einmal mehr, daß unser Publikum der Konsumentenklasse angehört. Die Leute, die zu unseren Konzerten kommen, haben jede Menge Geld, und deshalb haben sie auch die Verantwortung, darüber nachzudenken, wem sie ihr Geld geben. Damit meine ich jetzt nicht, daß sie es uns geben sollen, aber es macht mir klar, wieviel Geld in der Punkszene steckt und weshalb so viele Leute versuchen, daraus Kapital zu schlagen. Es zeigt mir aber auch, daß viele Leute sich ihres Privilegs, über ausreichend Geld zu verfügen, nicht im Klaren sind und auch nicht die nötige Verantwortung zeigen.

John: Man muß sich nur mal vor Augen führen - ein ganz simples Beispiel -was für Summen zusammenkommen, wenn nur diese Leute aufhören würden, bei Shell zu tanken oder Zigarretten zu kaufen ...

Chris: ... oder Tiere zu essen.

Tausend Shirts - wieviele Monate, in denen ihr nicht zu arbeiten braucht, ergibt das?

Chris: Nicht viele, weil wir an den Shirts gar nicht so viel verdienen. Wir kaufen die für 10 Mark ein und verkaufen sie für 20. Äh, hm, naja, das ist tatsächlich ´ne ganze Menge Geld. Aber was Jobs betrifft: wir haben es schon eine Weile nicht mehr nötig, mit unserer Arbeit den Profit von jemand anderem zu vergrößern. Wenn wir was tun, dann helfen wir engagierten Gruppen in unserer Stadt, aber ich gebe zu, daß wir noch lange nicht genug tun und viel zu viel auf unserem Arsch sitzen. Wir können also alle von dem leben, was die Band abwirft, was uns in eine sehr privilegierte Position bringt und verpflichtet, dafür anderen kostenlos Arbeitszeit zur Verfügung zu stellen.

Letzte Frage an dich, Chris: Wie kann es angehen, daß ein Veganer, eine so friedfertige, engagierte Person wie du, einen Aufnäher von einer satanistischen Metalband wie VENOM an ihrer Jeansjacke trägt?

Chris: Laß mich das erklären: ohne VENOM säße ich heute nicht hier. Mein Vater war beim Militär, und so bin ich in einer abgeschotteten Armeewelt aufgewachsen. Ich kannte überhaupt nichts von der Welt da draußen, wäre wahrscheinlich mein Leben lang Teil dieser Welt geblieben und heute vermutlich Pilot eines Kampfflugzeuges. Aber dann, 1983, fand ich eine Cassette von VENOM, legte sie in meinen Recorder und stellte fest, daß diese Typen absolut verrückt sind. Die haben sich einen Scheiß um irgendwelche Normen oder Moral gekümmert, aber konnten trotzdem existieren. Das zeigte mir, daß es auch anders geht, ohne deswegen gleich sterben zu müssen. Ich hatte also etwas entdeckt, blieb auf dieser Spur und stieß schließlich auf Bands wie MDC und DEAD KENNEDYS. Ohne VENOM hätte ich die nie kennengelernt. Ich merkte dann, daß die zwar auch radikale Ideen verbreiteten, aber nicht so destruktive wie VENOM. Und ich bekam mit, daß da draußen ´ne ganze Menge Leute sind, die diese Ideen teilen und ebenfalls nicht tot umfallen. Und deshalb, obwohl ich mittlerweile weiß´, daß die völlig bescheuert und unproduktiv sind, ware die Begegnung mit VENOM wahrscheinlich das wichtigste, was bisher in meinem Leben passiert ist.

Danke!

Joachim Hiller

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #24 (III 1996)

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