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Interviews & Artikel

VERLORENE JUNGS

Für ein Stück Leben auf der Straße ...

Seit über zehn Jahren geistern die VERLORENEN JUNGS aus dem östlichen Ruhrgebiet nun schon durch die Oi!- und Streetpunk-Szene und erlebten in dieser Zeit so ziemlich alle Tiefen und Höhen, die man sich vorstellen kann. Von Faschismus-Vorwürfen und Auftrittsverboten bis hin zu furiosen Konzerten und mehreren Erfolgsalben gleicht die Karriere der Band einer Achterbahnfahrt. Mit "... für ein Stück Leben" erschien nun kürzlich ihr sechstes Album, und die VERLORENEN JUNGS zeigen sich gereifter und durchschlagender als je zuvor. Ihre inzwischen deutlich formulierte antifaschistische Haltung hat sie weit über die Skinhead-Szene hinaus bekannt und beliebt gemacht. So tummelt sich auf ihren Konzerten eine bunte Mischung aus Glatzen, Irokesen, Tollen und sonstigen Frisuren - und das in einem friedlichen Miteinander. So war es nicht immer, denn die Zeiten ändern sich und im Laufe der Bandgeschichte ist viel passiert. Grund genug für mich Sänger Peter über die VERLORENEN JUNGS im Jahre 2008 zu befragen.

Sind die Jungs nach all den Jahren immer noch verloren?

Gefunden haben wir uns inzwischen, denke ich, denn die jetzige Besetzung ist die Beste, die wir je hatten. Torsten - Bass, Stefan - Gitarre und ich - Gesang sind von Anfang an dabei. Schwefel - Gitarre, der als „Vorletzter“ zu uns kam, hat inzwischen musikalisch das Kommando, und nach einigem Hickhack am Schlagzeug ist mit Dom endlich die perfekte Ergänzung zu uns gestoßen, sowohl menschlich als auch musikalisch. Das war und ist nicht immer leicht, aber funktioniert.

Typisch Streetpunk ist das ja nicht unbedingt alles, so wie ihr auf dem neuen Album teilweise zwischen verschiedenen Stilen hin und her springt. War das euer Ziel?

Das Ziel? Erreicht man das je beim Musikmachen? Ich denke, es sind alles immer nur Stationen. Deine Vorlieben, Einflüsse und bestimmt auch Ansprüche verändern sich doch jeden Tag ein bisschen, und wenn du Glück hast, weitet sich auch dein Horizont täglich ein kleines Stück. Es muss nicht immer Streetpunk sein, vielleicht ist das ein Stadium, was wir inzwischen erreicht haben. Aber obwohl die Musik bestimmt noch nie so abwechslungsreich war wie auf diesem Album, ist da doch immer noch eine Linie zu erkennen, finde ich. Oder?

Ich gebe dir Recht, eine Linie ist auf dem neuen Album zu erkennen. Hattet ihr nicht dennoch Angst, mit diesem zum Teil neuen musikalischen Weg alte Fans zu vergraulen?

Natürlich. Es war zu jeder Zeit völlig klar, dass wir uns mit dieser Platte ziemlich weit aus dem Fenster lehnen, einiges trauen und nicht zuletzt auch den Leuten eine ganze Menge abverlangen. Natürlich gibt es nach über zehn Jahren VERLORENE JUNGS eine gewisse Erwartungshaltung bei den Leuten, was neue Veröffentlichungen betrifft, gerade wenn man musikalisch und textlich so „festgefahren“ war wie wir. Aber diese Platte ist absolut das, worauf wir alle Bock hatten und deshalb gab es da keinerlei Kompromisse. Das hätte ganz bestimmt nach hinten losgehen können. Umso besser ist es, jetzt die ganzen überwiegend positiven Reaktionen zu erfahren, gerade weil wir wesentlich mehr negative Resonanz erwartet hatten.

Ist das neue Album ein erster Schritt raus aus der Nische Oi!-Punk hin zu einem größeren Publikum, sprich: Mainstream?

Ganz bestimmt ein Schritt raus aus der Nische, aber nicht in Richtung Mainstream, das geht ja gar nicht. Musik sollte immer ein schönes Hobby bleiben. Ich glaube, wir sind einfach nur etwas älter geworden und mögen es inzwischen mit etwas mehr Melodie. Du weißt doch selber, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, da muss man einfach nicht mehr auf jedem Tresen tanzen. Wenn du dabei ein größeres Publikum ansprichst, okay. Wenn nicht, auch okay. Will sagen, es wurde nichts bewusst weichgespült oder so - im Gegenteil. Wir wollten auch nicht klingen wie XYZ oder haben uns gegenseitig irgendwas verboten, um ein paar Platten mehr zu verticken, alles Blödsinn. Das Album spiegelt ganz einfach VERLORENE JUNGS 2007 wider. Die nächste Platte könnte aber vielleicht schon wieder etwas komplett anderes sein oder einen Schritt zurück gehen. Es ist alles offen.



In all den Jahren VERLORENE JUNGS habt ihr euch ja nicht nur Freunde erspielt und wurdet gar von Politaktivisten in der rechte Ecke gesehen. Wie kam so etwas, wie seid ihr damit umgegangen, und vor allem, wie habt ihr es geschafft, diese bösen Geister wieder loszuwerden?

Ein sicher abendfüllendes Thema. Ganz am Anfang ging das ja eigentlich noch, da haben wir uns um solche Sachen überhaupt keine Gedanken gemacht und geglaubt, das wäre alles nicht so wichtig: Jeder soll doch denken, was er will, wir sind schließlich eine Band und keine Partei. Als dann die ersten Anfeindungen kamen, haben wir diese Leute nur verlacht und vielleicht auch ein paar Mal zu oft und sinnlos aus Prinzip gestritten, danach auf stur geschaltet und uns gar nicht mehr geäußert. Das war im Grunde alles verkehrt, wie wir heute wissen. Erst durch eine Menge Gespräche mit sehr vielen Leuten wuchs im Laufe der Jahre nach und nach die Erkenntnis, dass man sich zu einer Seite bekennen muss, wenn man die andere nicht unterstützen will. Eigentlich ist das alles ganz einfach, dauerte aber trotzdem seine Zeit, es zu begreifen. Das kann man im Einzelnen alles auf unserer Homepage nachlesen. Aber richtig los wird man diese Geister nie mehr wirklich, fürchte ich.

Was bringt die Leute dazu, auf Dauer solch einen – nennen wir es mal – Rufmord zu betreiben? In erster Linie habt ihr ja keinem etwas getan ...

Keine Ahnung. Zu Anfang lag das Klischee „Glatzen“, „Oi!“, „rechts“ sicher für viele nahe. Außerdem war unser damaliger Trommler Bernd auch noch bei den RABAUKEN aktiv, da kommt schnell eins zum anderen. Wir haben zwar schon immer, beziehungsweise lange bevor die Vorwürfe laut wurden, klar gemacht, wo wir stehen, aber das vermutlich nicht deutlich genug. Wir wollten es nicht so wie viele andere machen, eben weil es alle machen. Du kennst das doch, mach einen Pro-links-anti-rechts-Song und schon ist alles klar. Das wirkt aber irgendwie zu alibimäßig und das war nicht unser Ding. Wenn wir auf solche Sachen Bock haben, werden wir es tun, aber nicht, weil es irgendwer von uns erwartet. Samplerprojekte wie „Oi! Mach’s Maul auf! Gegen Gewalt, Faschismus und Intoleranz“, NC Music 1998, „Rock für Peru“, FanzHelfen 2002, oder ganz aktuell: „Skinheads gegen Rassismus“, Nix Gut 2007, sprechen eine deutliche Sprache, finde ich.

Trotz aller Weiterentwicklung seid ihr ja immer noch im weitesten Sinne eine Skinhead-Band geblieben. Welchen Stellenwert hat denn die Skinhead-Bewegung für euch heute noch?

Es sind die Roots der VERLORENEN JUNGS. Auf jedem Konzert sind eine Menge Skins im Publikum und wir freuen uns über jeden Einzelnen, auch wenn meine Bandkollegen der Skin-Szene inzwischen nahezu völlig entwachsen sind. Für mich persönlich bedeutet Skinhead zu sein nach wie vor einen Way of Life, dem ich seit weit über zwanzig Jahren treu bin. Das findet sich selbstverständlich in einer Menge unserer Texte wieder und das wird auch so bleiben, solange ich die Texte für die VERLORENEN JUNGS schreibe. Vielleicht sind wir deswegen im weitesten Sinne eine Skinhead-Band geblieben ...



Wie empfindest du als alter Hase die heutige Skinhead-Szene? Was ist besser, was ist schlechter im Vergleich zu früher?

Ich finde, die Szene ist bunter und weniger verknöchert als früher. Hat man „zu unserer Zeit“ fast ständig nur von Unity geredet, wird es inzwischen ohne viele Worte und erfrischend schlicht und einfach praktiziert. Es ist alles so super unkompliziert geworden. Erinnerst du dich noch an das ganze Gefasel von Toleranz und Skins und Punks gehören zusammen - oder auseinander, je nach Sichtweise des Betrachters, all die end- und sinnlosen Diskussionen und Grabenkämpfe um echte und falsche, gemeinsame oder getrennte Wege? Alles Blödsinn, alles Quatsch. Braucht heute kein Mensch mehr, es geht viel besser ohne und vor allem, ohne groß drüber zu salbadern. Alles fügt sich locker-flockig zusammen, ohne dass es große Probleme mit dem Für und Wider gibt. Das erlebe ich zumindest auf unseren Gigs heute so. Da ist ganz selbstverständlich alles an Leuten vertreten, was die Palette hergibt, und ich finde es klasse. Ich kann mich noch gut an eine ganze Reihe Konzerte erinnern, zu denen sich nur einzelne Punks trauten, die dann auch noch misstrauisch beäugt wurden. Es ist darüber hinaus heute sehr viel einfacher für Skins, Konzerte zu bekommen, man kann praktisch jedes Wochenende irgendwo in der Nähe einen guten Gig besuchen. Da hat sich wirklich viel bewegt. Die Leute sind dadurch aber auch sehr bequem und irgendwie ziemlich satt geworden. Den gesunden Hunger nach Musik und Szene, der die Leute früher an fast jedem Wochenende Hunderte Kilometer umher getrieben hat, kennen heute nur noch wenige. Außerdem finde ich es schade, dass die Leute sich das Outfit und damit den Kult heute viel zu oft schnell zu- und noch viel schneller wieder ablegen. Es ist nichts wirklich Besonderes mehr. Der Skinhead hat als Bürgerschreck ausgedient und auch das finde ich ein bisschen schade. Ich habe mich mitunter sehr viel wohler gefühlt, aus Dummheit ausgegrenzt zu werden, als nur heuchlerisch halbwissend akzeptiert zu sein. Natürlich hat sich nicht zuletzt auch eine ganze Menge in politischer Hinsicht getan. Und das ist insgesamt sicher die wohltuendste Veränderung.

Und wie und wie lange wird es mit den VERLORENEN JUNGS nun noch weitergehen? Kannst du dir ein Leben danach vorstellen?

Schwierige Frage, die ich nicht wirklich beantworten kann. Vielleicht war diese Platte ja unsere Letzte, kann sein. Dafür wäre es doch ein wirklich schöner Titel: „... für ein Stück Leben“. Könnte ich mir gut vorstellen. Das Leben danach wäre sicher nicht schlechter, auch wenn natürlich ein sehr wichtiger Teil fehlen würde. Aber die Band ist inzwischen längst nicht mehr mein Mittelpunkt, die Familie hat einen sehr viel höheren Stellenwert in meinem Leben. Natürlich, ich müsste mir vermutlich einen Therapeuten suchen, denn ich habe mich über die Jahre daran gewöhnt, Liebe und Hass, genau wie Sehnsucht und Trauer in der Musik beziehungsweise den Texten auszuleben. Ich glaube, Musik zu machen, ist die beste Psychotherapie und Seelenpflege, die man sich vorstellen kann. Das würde mir tatsächlich sehr fehlen.

Lars "Abel" Gebhardt

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #77 (April/Mai 2008)

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