Interviews & Artikel : PROPAGANDHI :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

PROPAGANDHI

Anarchie für Kanada

Seit ihrem Album „How To Clean Everything“, 1993 auf Fat Wreck Chords erschienen, sind die schon 1986 von Chris Hannah and Jord Samoleskyin in einer Kleinstadt bei Winnipeg, Kanada gegründeten PROPAGANDHI nicht mehr aus der weltweiten politisch engagierten Punk-Szene wegzudenken. Sie profitierten damals vom Boom melodiös-harmlosen Punkrocks kalifornischer Herkunft, wie ihn vor allem Epitaph und Fat Wreck im Programm hatten, doch eines war und ist bei ihnen anders: PROPAGANDHI hatten und haben ein klares politisches Anliegen, das sie mit ihren Zuhörern teilen wollen: Anarchie sehen sie als erstrebenswerte Gesellschaftsform an, gesellschaftliches Engagement und Solidarität ist ihnen wichtig, jenseits wohlfeiler Pop-Rhetorik. Mit ihrem Label G7 Welcoming Committee Records, Mitte der Neunziger unter Mithilfe ihres Freundes Fat Mike von NOFX gegründet, versuchten sie das D.I.Y.-Prinzip umzusetzen, veröffentlichten Platten von ...BUT ALIVE, WEAKERTHANS, PAINTED THIN, CONSOLIDATED und THE (INTERNATIONAL) NOISE CONSPIRACY, legten ihre diesbezüglichen Aktivitäten jedoch, von der eigenen Band abgesehen, vor ein paar Jahren weitgehend auf Eis. Nach „Potemkin City Limits“ von 2005 ließen sich PROPAGANDHI mit ihrem fünften Album „Supporting Caste“ (das in Deutschland auf Grand Hotel van Cleef erscheint, dem Label ihres alten Freundes Marcus von ...BUT ALIVE und KETTCAR) nun wie gewohnt viel Zeit – und trennten sich im Vorfeld von ihrem Freund und Förderer Fat Mike. Darüber und über vieles andere sprach ich mit Sänger und Gitarrist Chris Hannah.

Chris, ihr habt keine hohe Meinung vom Musikjournalismus, wie mir scheint.

Du meinst wegen des Satzes „music journalism is stenography“ im Info zur neuen Platte? Nun, ich gebe zu, ich kenne mich mit den Verhältnissen im Musikjournalismus in Europa nicht aus. Der Satz bezieht sich also auf die Situation in Nordamerika, und ich weiß, dass sich Europa in journalistischer Hinsicht generell von Nordamerika unterscheidet. Meine Äußerung bezieht sich deshalb ganz konkret auf die Erfahrungen, die ich mit den Veröffentlichungen auf unserem G7-Label gemacht habe. Da fiel mir immer wieder auf, dass genau das, was wir im Info zur Platte geschrieben haben, bestimmte Adjektive, die wir verwendeten, genau so in vielen Reviews wieder auftauchten.

Rezensionen werden vielfach nach dem „Kopieren & Einfügen“-Verfahren verfasst, ich weiß. Solche Leute sind für mich aber auch gar keine Journalisten, das sind reine „Content Provider“.

Genau! Anscheinend haben viele Leute heute kaum noch Zeit, selbst etwas zu schreiben, und basierend auf dieser Erfahrung kam es zu unserem scherzhaften Satz „music journalism is stenography“ über Leute, die nicht mal mehr die Musik anzuhören scheinen, über die sie schreiben, die nur ein paar kopierte Sätze ablassen. Es sollte kein genereller Angriff auf Leute sein, die über Musik schreiben, und zum Glück gibt es auch noch viele Menschen, die das mit echter Leidenschaft tun.

Okay, aber so sehr du auch über „Copy & Paste“-Schreiber meckerst, so spielt ihr als Label und Band dieses Spiel ja durchaus mit. Ich denke nicht, dass ihr ein Interview mit einem Magazin oder einer Website, die so arbeitet, pauschal ablehnen würdet ...

Da hast du womöglich recht. Um halbwegs erfolgreich zu sein, muss man wohl bereit sein, so zu arbeiten. Andererseits war und ist G7 ja noch nie ein übermäßig erfolgreiches Label gewesen. Wir haben immer mal wieder versucht, das Spiel mitzuspielen, aber es gibt eben auch Momente, in denen das alles so erniedrigend ist, dass man sich wirklich fragt, was man da eigentlich tut. Da hat irgendjemand, der über die Themen eines Musikmagazins entscheidet oder über die Verkaufsschwerpunkte eines CD-Großhändlers, einen schlechten Tag oder kann deine Band nicht ausstehen, und du darfst darunter leiden. Und so haben wir die Regeln des Musikgeschäfts in der Vergangenheit nicht immer akzeptiert und wurden dafür auch hier und da bestraft – und auch die Bands, deren Platten wir auf G7 veröffentlichten.

Ist das auch ein Grund, weshalb das Label derzeit mehr oder weniger eingestellt ist?

Ja, uns ist irgendwie die Leidenschaft, der Spaß an der Sache vergangen. Man erträgt das Herumtrampeln anderer auf dem, was man tut, einfach nur eine bestimmte Zeit lang. Irgendwann hat man dann das Gefühl, nicht mehr man selbst zu sein. Anderen Leuten mag das anders gehen, die haben vielleicht nicht so das Gefühl, Kompromisse eingehen zu müssen, die sehen das als Teil eines Prozesses, die ziehen daraus noch einen Kick, aber bei mir ist das nicht so.

Für euer neues Album ist G7 aber wieder zum Leben erweckt worden.

Ja, in Nordamerika erscheint es als Co-Release von G7 und Smallman Records. Wir wollen das Label ja am Leben erhalten, und wenn Derek, der andere Mann hinter G7, in absehbarer Zeit wieder nach Winnipeg zurückkehrt, werden wir es reaktivieren.

In Europa außerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz arbeitet ihr mit dem britischen Label Hassle zusammen, in den drei genannten Ländern seid ihr auf Grand Hotel van Cleef. Wie kam es dazu?

Durch meine langjährige Freundschaft mit Marcus Wiebusch von KETTCAR und GHvC. Der hat uns über die Jahre immer wieder geholfen, wir kommen sehr gut miteinander aus, teilen die gleichen Ideen und Werte, auch wenn sich unsere Bands in unterschiedliche Richtungen entwickelt haben.

Apropos Werte und Ideen: PROPAGANDHI stehen für mich vom Anspruch und der Attitüde her in einer Reihe mit RISE AGAINST und ANTI-FLAG, wobei diese versucht haben, mit Hilfe eines Majorlabels möglichst viele Leute zu erreichen. Fühlt ihr euch in der Gesellschaft dieser Bands wohl, und stand für euch je ein Majordeal zur Debatte?

Ich verstehe deinen Vergleich in der Hinsicht, dass wir alle aus der D.I.Y.-Punk-Szene stammen, aber er hinkt insofern, als wir in Sachen Größenordnung und Einfluss ihnen gegenüber nicht mithalten können. Die beiden anderen Bands haben einfach ein viel größeres, breiteres Publikum. Unsere Philosophie ist aber eine andere: Anstatt mit einer allgemeineren Message ein breiteres Publikum anzusprechen, wenden wir uns mit einer spezifischeren Botschaft an ein kleineres Publikum. Ich weiß aber nicht genau, welcher Weg der bessere ist, um eine „progressive“ Message unters Volk zu bringen. Man kann es machen wie einst RAGE AGAINST THE MACHINE, wie heute ANTI-FLAG oder RISE AGAINST und seine Botschaft auch über kommerzielle Radio- und TV-Kanäle verbreiten – oder eben so wie wir versuchen, alles etwas kleiner und einfacher zu halten. Unser Problem mit Majorlabels besteht darin, dass die nur ihren Aktionären gegenüber verpflichtet sind – und das führt dazu, dass dein Ansprechpartner beim Label, mit dem du gut klarkommst, von einem Tag auf den anderen gefeuert wird, und, je nach Marktsituation, deine Band gleich dazu. Wenn man dagegen mit realen Menschen arbeitet wie bei G7, Smallman oder Grand Hotel, mit Menschen, die man kennt, dann wird man nicht so einfach abserviert, auch wenn sich mal eine Platte nicht so gut verkauft. Major oder nicht ist für uns deshalb keine grundsätzliche Frage, aber die Arbeitsweise und Verbreitungskanäle eines Majors tragen sicher immer die Tendenz in sich, eine Band und ihr Anliegen glattzubügeln, so dass die Botschaft dann, wenn sie beim Adressaten ankommt, weniger bedeutet. Aber das, was ich hier sage, ist natürlich höchst abstrakt und die absolute Antwort haben wir auch nicht. Und es muss auch gesagt werden, dass man selbst als Band auf einem Indielabel den Strukturen des Marktes ausgeliefert ist. Letztlich geht es immer ums Geld, und das fällt in Sachen CD- oder LP-Herstellung, Vertrieb oder kommerzieller Digital-Downloads immer in die Hände irgendwelcher Großkonzerne. Das macht diese Diskussion nur noch abstrakter. Und so ist ein Majordeal zwar nichts für PROPAGANDHI, aber ich klage keine Band an, die so einen Deal abschließt. Was nicht heißt, dass man nicht kritisch verfolgen sollte, wie sich eine Band verhält und entscheidet.

Du hast eben von Freundschaft und Vertrauen gesprochen, aber auch von Prinzipien, die euch wichtig sind. Daran, und ganz konkret an Fat Mikes Einsatz für die Punkvoter-Kampagne zugunsten der Demokraten im US-Präsidentschaftswahlkampf 2004, scheiterte eure Verbindung mit eurem alten Label Fat Wreck Chords.

Es waren nicht unsere Prinzipien, sondern sein Desinteresse an unserer Band. Er hat kein Interesse geäußert, unsere neue Platte zu veröffentlichen, aber du hast Recht, es gab Spannungen wegen unserer Kritik an dieser Punkvoter-Kampagne. Das hätte aber nicht zum Ende unserer Beziehung führen müssen. Wir hatten Fat Wreck gefragt, ob sie diese neue Platte machen wollen, aber die haben uns nicht mal zurückgerufen. Und da war unsere Reaktion eben: „Fuck, wenn ihr nicht wollt, dann machen wir es eben selbst.“

In eurem Bandinfo klingt das noch etwas schärfer: „The band released 4 records on the American label Fat Wreck Chords until 2005 when its relationship with the label began to sour over its CEO’s highly-publicized campaign to ensure that Democratic Party got a turn to totally rape and plunder the planet in the service of corporate power.“ Das klingt härter als das, was du gerade sagtest.

Stimmt, das war der Grund für unsere Kritik, aber dennoch kamen wir mit den ganzen Leuten bei Fat Wreck gut klar. Aber bei diesem Label hat eben nur einer das Sagen, und der interessiert sich nicht mehr für uns, der interessiert sich nicht für unsere Meinung zu seinem politischen Verhalten. Wir sind eben kulturell ganz verschieden: Er lebt in einem verdammten Luxus-Anwesen, wir fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit und so weiter. Zwischen seiner Art zu leben und unserer gibt es, ehrlich gesagt, keine Verbindung. Mehr kann ich dazu auch nicht sagen.

Dennoch ist es möglich, dass die Punkvoter-Kampagne damals ihren Teil dazu beigetragen hat, dass 2008 Obama zum Präsidenten gewählt wurde. Und auch wenn man eure Meinung zur Demokratischen Partei kennt, so habt ihr dazu doch sicher auch eine etwas differenziertere Meinung – als Band, als engagierte Linke und als Kanadier.

Nun, die Amtszeit von Bush endete sowieso nach diesen acht Jahren, so gesehen hat Punkvoter nichts mit dem Ende von Bushs Amtszeit zu tun. Und auch damit, dass die Republikaner verloren haben, hat die Punkvoter-Kampagne meiner Meinung nach nichts zu tun. Was nun die Obama-Regierung betrifft: Ich war während der Wahlen in den USA und habe seine Rede zum Wahlsieg mitbekommen. Diese Rede und zu einem gewissen Teil auch die zur Amtseinführung im Januar haben gerade bei den schwarzen Amerikanern für große Emotionen gesorgt. Obama wurde sehr konkret und hat wirklich bedeutsame Dinge gesagt, und man sollte auf keinen Fall diesen Aspekt seines Wahlsieges unterschätzen. Die USA war bis zu diesem Zeitpunkt auf der Überlegenheit der Weißen gegründet, da darf man die Bedeutung der Wahl eines Schwarzen nicht unterschätzen. In dieser Hinsicht stellt Obamas Sieg also eine Errungenschaft dar. Darüber hinaus jedoch und bei realistischer Betrachtung der Infrastruktur des politischen Systems der USA erkennt man, dass Obama keinesfalls ein Messias ist, sondern wahrscheinlich ein Opportunist. Und die Demokratische Partei, deren Kandidat er war, ist den Unternehmen verpflichtet, die seine Wahlkampagne finanziert haben. Wenn man das also weiß, ist auch klar, dass man Obama wirklich auf glühende Kohlen stellen muss, um sicherzustellen, dass es zu strukturellen Veränderungen kommt. Das politische System der USA ist aber nicht dafür gemacht, für Veränderungen zu sorgen. In den USA haben immer noch die gleichen Leute wirtschaftliche Macht wie unter Bush. Sofern die Bürger der USA, von Nordamerika, der Welt nicht wirklich massive Veränderungen einfordern, wird es die nicht geben. Aber letztlich gebe ich doch zu, dass Obama das kleinere von zwei Übeln ist – McCain und Palin wären furchtbar gewesen. Allerdings hätte man auch für gar kein Übel stimmen können, etwa die Green Party und Ralph Nader. Jeder weiß doch, dass eine Demokratie mit nur zwei Parteien keine ist.

Und was ist mit den Kanadiern? Die fühlen sich ja immer etwas überlegen gegenüber ihren großen Nachbarn, den US-Amerikanern: Sie haben ein Sozialsystem, eine richtige Parteienlandschaft und so weiter.

Ich bin kein Patriot und diesem Land gegenüber nicht unkritisch. Ich lebe hier, weil ich hier geboren wurde, und aus diesem Grund lebe ich lieber hier als in den USA. Aber was die Kolonialgeschichte Kanadas anbelangt oder den aktuellen politischen Trend Richtung Rechts, so ist Kanada kein Stück besser als die USA. Und wenn man im Ausland, etwa in Europa, auf Leute mit kanadischen Fahnen am Rucksack trifft, dann habe ich dazu nur eines zu sagen: Es gibt nichts Schlimmeres als einen hässlichen Amerikaner – außer einen hässlichen Kanadier. Wenn wir in Europa auf Tour sind und irgendwelche Kanadier zu unseren Shows kommen, mit der kanadischen Fahne herumwedeln, dann wird mir schlecht.

Ihr seid erklärte Anhänger von „Participatory Economics“, oft „Parecon“ abgekürzt. Laut Wikipedia handelt sich dabei um ein „partizipatorisches Volkswirtschaftssystem, [...] das auf dem Grundsatz aufzubauen versucht, dass jeder Mensch in jenem Ausmaß Entscheidungen mitbestimmen können soll, wie er oder sie von diesen betroffen ist. Die Wertebasis, auf der Parecon ruht, entstammt der Tradition des Anarchismus und des Sozialismus.“ Wikipedia nennt sogar euer Label G7 als Beispiel für einen nach Parecon-Prinzipien geführten Betrieb. Fühlt man sich als Anhänger dieser Theorie angesichts der gegenwärtigen Krise des kapitalistischen Systems als Sieger?

Leute wie der grüne Politiker Ralph Nader in den USA haben schon lange vor dieser Krise gewarnt, und man hat versucht, ihn und seine Warnungen totzuschweigen. So ging es jedem, der versucht hat, das gegenwärtige Wirtschaftssystem zu kritisieren. Die aktuelle Situation taugt leider nicht dazu, sich zurückzulehnen und hämisch zu sagen: „Seht ihr, ich habe es euch ja schon immer gesagt!“, denn die Menschen, die derzeit unter den Folgen der Krise leiden, sind nicht die Reichen. Was nun Parecon anbelangt, so ist das eine Ergänzung zu bisherigen anarchistischen und sozialistischen Ideen, wie man das Leben auf der lokalen Ebene organisieren kann. Ich bin nicht für Parecon oder Anarchie, weil ich das für „cool“ halte, sondern weil ich es für eine gute Idee halte, wie man eine Stadt, einen Betrieb, eine ganze Volkswirtschaft organisieren kann. Die erste Reaktion ist immer „Ach, das würde doch niemals funktionieren, das ist ja viel zu viel Bürokratie!“, aber das gegenwärtige System, das gescheitert ist, hat ja auch eine wahnsinnige Menge an Bürokratie und Gesetzen hervorgebracht. Von daher kann ich solche Einwände nicht ernst nehmen.

Sprechen wir über euer neues Album. Wir wissen ja, dass das neue Album einer Band immer ihr allerbestes überhaupt ist – wie sieht das bei euch aus, im Vergleich zwischen eurer Ausgangsposition und dem, was ihr mit „Supporting Caste“ letztlich vorgelegt habt?

Diese Platte nahm ihren Anfang im Jahr 2006, als Dave „Beave“ Guillas als zweiter Gitarrist einstieg. Das war sehr motivierend, mit zwei Gitarristen klang das alles viel besser, und so fingen wir an, Songs zu schreiben. Aber in typischer PROPAGANDHI-Manier passierte dann erst mal nichts weiter, denn wenn wir keine Deadline haben, die uns unter Druck setzt, passiert auch nichts. Und so dauerte es dann auch bis Anfang 2008, dass wir mit dem Songwriting begannen, und so richtig ernst genommen haben wir das dann auch wieder erst im August 2008, als wir noch zwei Monate bis zum Studiotermin hatten. Für unsere Verhältnisse hatten wir die Songs dann recht schnell zusammen, und die Aufnahmen dauerten auch nur drei Wochen – auch das war ungewöhnlich, denn sonst lief das eher so ab, dass wir drei Wochen an einer Platte arbeiten und dann auf die Idee kommen, alles noch mal aufzunehmen oder noch mal neu zu mischen. Diesmal aber blieb es bei den drei Wochen, und direkt danach fielen wir in unsere „Nach-Album-Depression“ – ein gutes Zeichen, denn das bedeutet, dass das, was du da getan hast, dir wirklich wichtig ist. Wenn man dann etwas mehr Abstand hat, kann man die Sache etwas objektiver sehen und diese Depression überwinden.

Wie muss ich mir diese Depression vorstellen – in der Art von „Shit, alles was wir gemacht haben, taugt nichts!“ oder so?

Genau so! Du bist mit vier Leuten im Studio, jeder hat seine eigenen Vorstellungen, und dazu kommen dann noch der Mann hinter dem Mischpult und der Produzent, und das ist immer ein sicheres Rezept für Enttäuschungen. Bill Stevenson, der das Album produziert hat, sagte zu dem Thema nur, ein guter Ausgangspunkt sei immer, wenn niemand glücklich ist. Und er hatte Recht: Als die Platte fertig war, war er nicht glücklich, wir auch nicht. Alleine der Mix war schon ein harter Kampf: Die wollten eine eher glatte Platte, wir wollten sie roh, und das Endergebnis ist irgendwo dazwischen und ich finde es mittlerweile richtig gut – und die anderen auch.

Und jetzt stehst du da und sagst: „Yeah, das beste PROPAGANDHI-Album aller Zeiten!“

Na ja, hm ... doch, ich denke schon.

Bis zum nächsten Album ... Was hat es denn mit dem Coverartwork auf sich? Man sieht da ein Gemälde mit einer Menge nackter, kämpfender Menschen vor einer idyllischen Berglandschaft.

Das Bild stammt von Kent Monkman, einem kanadischen Maler, der von den Ureinwohnern abstammt. Viele seiner Bilder beschäftigen sich mit geschlechtlicher und sexueller Identität, und er verwendet in seinen Bildern oft Stilelemente aus der nordamerikanischen Besiedlungsgeschichte, kopiert den Stil jener Zeit, als die Künstler versuchten, die Neuartigkeit der gerade besiedelten Landschaft in ihren Gemälden wiederzugeben. Er stellte diese von den Künstlern als glorreich empfundene Siedlungsbewegung der Pioniere auf den Kopf, wandelte es in eine Darstellung der Ureinwohner- und Schwulenkultur um, und deshalb sieht man auch im unteren Viertel des Bildes diverse vergnügte Aktivitäten. Im LP-Format sieht das natürlich viel besser aus als auf dem kleinen Bildchen auf dem iPod.

Und was will uns der Albumtitel „Supporting Caste“ sagen?

Der ist eigentlich nur ein Wortspiel aus einem Begriff vom Theater und Film – also mit dem Wort „Cast“ – und dem Wort „Caste“ im Sinne des indischen Kastensystems. Und dahinter steckt letztlich der Gedanke, dass es immer nur eine Minderheit von Reichen und Berühmten ist, deren Namen es in die Geschichtsbücher schaffen.

In eurem CD-Booklet findet sich diesmal wieder eine Seite Buch-, Film- und Website-Empfehlungen. Euer Engagement gilt offensichtlich Haiti, das trotz vermeintlich paradiesischer Lage in der Karibik eines der ärmsten und gewalttätigsten Länder der Welt ist.

Das ist ein Thema, das vor allem Jord stark beschäftigt. Er ist beim Canada Haiti Action Network engagiert, einer Organisation, die sich für Demokratie und gegen Imperialismus engagiert und dabei mit gleich gesinnten Haitianern zusammenarbeitet. Historisch gesehen war Haiti das erste Land in der westlichen Hemisphäre, in dem es einen Sklavenaufstand gab und in dem ehemalige Sklaven ihren eigenen unabhängigen Staat gründeten. Die Haitianer blicken also auf eine lange Geschichte des Kampfes gegen die Kolonialmächte zurück, und angesichts kanadischer Verstrickungen in die politischen Entwicklungen von Haiti in den letzten Jahren ist es eine relativ nahe liegende Sache für uns Kanadier, sich in dieser Hinsicht zu engagieren. So auch für Jord.

Lass uns noch mal über euer Label G7 Welcoming Committee Records sprechen. Wie geht ihr mit den aktuellen Entwicklungen in Sachen illegaler Downloads um, wie seht ihr eure Zukunft als Label wie als Band, angesichts von immer weniger Menschen, die bereit sind, für Musik Geld auszugeben?

Wir kümmern uns gar nicht groß drum, wir ertragen einfach, was so geschieht. Musik wird immer existieren, auch unabhängig vom Musikbusiness. So gesehen kümmert uns das alles nicht groß. Und wenn wir es uns eines Tages wegen zurückgehender Verkaufszahlen nicht mehr leisten können sollten, in Studio zu gehen, so werden wir vier dennoch weiterhin in irgendeinem Keller zusammen Musik machen. Das macht nämlich den Kern unserer Band aus: zusammen im Proberaum Spaß haben, Spaß daran zu haben, die Leute um dich herum zu unterhalten. Was nun das Stehlen von Musik anbelangt, so habe ich keine klare Meinung. Ich denke, wenn jemand deine Musik für wertvoll hält, wird er dich immer irgendwie unterstützen – indem sie für einen Download spenden, wie wir das im Vorfeld des Albums gemacht haben, indem sie eine Konzertkarte kaufen, ein T-Shirt – und wenn sie das nicht tun, ist ihnen deine Musik eben nicht wertvoll genug. Vielleicht ist genau das ja die neue marktbestimmende Kraft, also dass Menschen nur dafür Geld geben, wo sie sicher sein können, dass es sie wirklich interessiert. Ich glaube nicht, dass sich allein auf der Tatsache, dass ich in einer Band spiele, eine ganze Industrie gründen sollte.

Und wenn die Verhaltensänderung der Musikinteressierten ganz direkt euer Leben zu beeinflussen droht in der Hinsicht, dass nur noch wenig Geld aus Albumverkäufen an euer Label, deine Band zurückfließt?

Wir haben uns im Gegensatz zu anderen Bands nicht auf unsere Existenz als Musiker konzentriert: Wir machen nicht so oft Platten, wir gehen nicht so oft auf Tour, wir spielen viele Benefiz-Shows, und so wirkt das, was vielleicht kommt, nicht so apokalyptisch auf uns, wie man vielleicht denken könnte. Wir waren nie wirtschaftlich von der Band abhängig, wir alle in der Band können in ein Berufsleben außerhalb der Musik zurückkehren. Jord hat gerade seinen Job wegen der Band aufgegeben, er hat bis vorgestern geistig Behinderte betreut. Todd arbeitet für eine Flüchtlingshilfeorganisation, Beav hält sich mit der Arbeit in einem Plattenladen und Hausmeisterjobs über Wasser, und ich habe bis Januar 2008 mein Label G7 gemacht und seitdem ganz von der Band gelebt. Es reicht so eben, doch wenn nicht, dann werden wir dennoch als Band weiter existieren.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #83 (April/Mai 2009)

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