MULETRAIN

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Zu gut für diese Welt

„Ich werde nicht aufhören, so lange auf MULETRAIN als eine der sträflich unterbewertetesten Bands hinzuweisen, bis die Jungs aus Spanien hierzulande endlich verdientermaßen in vollen Läden spielen. [...] Unglaublich tighter und druckvoller Rock’n’Roll-Hardcore [...], ZEKE minus deren Tempo, TRBNGR ohne Dorfkutten und überflüssige Soli, MOTÖRHEAD minus Lemmy plus Hardcore, mit dem einzigen Makel, dass die Band aus einem Land kommt, aus dem Bands es schon immer schwer in Deutschland hatten.“ So pries Kalle Stille in Ox #84 das „Crashbeat“-Album, und angesichts der anstehenden erneuten D-Tour im Oktober bat ich die Spanier um die Beantwortung von ein paar Fragen.

Zum letzten Mal haben wir uns 2005 unterhalten. Was hat sich seitdem verändert?

Nacho: Wir haben viele Konzerte gespielt, davon manche in Deutschland, zwei Singles aufgenommen, „The Ansar E.P.“ und „Rocks“, sowie unsere dritte LP „Crashbeat“. Wir haben größere Bäuche und in manchen Fällen weniger Haare, aber wir sind attraktiver denn je!

„Chrashbeat“ – ist das der Soundtrack zur Finanzkrise?

Mario: Der Soundtrack zur Finanzkrise wird von ein paar wirklich klugen und gierigen, reichen Männern gespielt, die entschieden haben, dass es Zeit für eine neue Krise ist. Wir dagegen haben nur ein starkes Album eingespielt, dass wir ihnen gerne in ihre Ärsche rammen würden ... Übrigens scheint es so, als ob wir psychische Superkräfte hätten, Zukunftsvisionen: Wir haben uns diesen Titel lange vor der Krise ausgedacht und das vorherige Album hieß „The Worst Is Yet To Come“. Da will man nicht wissen, was als Nächstes kommt, oder?

Ihr habt ein sehr cooles Cover – von wem ist diese Zeichnung, wie würdest du sie beschreiben?

Mario: Die ist von mir, und beschreiben würde ich sie als wunderschönes Kunstwerk, kreiert von einem liebenswerten Zeitgenossen ...

Zu dem Album gibt es noch eine DVD. Erzählt doch mal etwas über diese nette Alternative zu einem langweiligen Fernsehabend.

Ivar: Die DVD enthält eine Dokumentation, „God Save Arena Rock“. Die Überlegung dahinter war zu zeigen, wie eine kleine Band unterwegs überlebt, mit nur einem Van, ein paar Platten zum Verkaufen und auf dem Boden schlafend. Das ist keine neue Geschichte, aber wir wollten es so ehrlich wie möglich darstellen: Wenn nur zehn Leute zu einer Show kamen, dann kam das da auch so drauf. Das Material wurde auf der MULETRAIN-Tour in Deutschland und Frankreich im Oktober 2006 aufgenommen. Es könnte aber auch die Geschichte vieler anderer kleiner Bands sein.

„God is dead“ – ein ziemlich deutliches Statement in Tagen, in denen so genannte christliche Hardcore-Bands wie UNDEROATH oder THE DEVIL WEARS PRADA immer mehr Akzeptanz finden. Was ist der Hintergrund dieses Songs?

Mario: Es geht um Glaubenskrisen, die viele so genannte Gläubige in kritischen Zeiten durchlaufen. Ich hatte meine mit dreizehn oder so, habe die Bibel von Anfang bis Ende durchgelesen und dann entschieden, dass das nicht mein Ding sei.

Wie sieht in Spanien heutzutage die Situation für auf Englisch singende spanische Bands aus?

Ivar: In Spanien sind Bands, die auf Englisch singen, nicht wirklich vom Mainstream akzeptiert. Ich persönlich denke, das liegt wohl daran, dass die spanische Kultur nicht so anglophil ist. Gutes Englisch ist selten. Fakt ist aber, dass Bands, die ihre Texte auf Spanisch schreiben, hier bessere Chancen auf einen höheren Bekanntheitsgrad kriegen.

Mario: Viele Leute aus der Underground-Szene und dem Mainsteam haben ein Problem damit, aber mir ist das egal. Wir achten auf unsere Lyrics, sie sind wichtig für uns und sind auf Englisch, weil das unsere Entscheidung war. Ich denke, ich fühle mich gut damit.

Und was ist mit dem Rest Europas? Es scheint, als könnten US-Bands vor vielen Leuten spielen, während Bands wie MULETRAIN leider nur ein paar Dutzend Leute ziehen. Frustriert euch das?

Mario: Nein, es ist nicht mein Ziel, „groß“ zu werden, ich will nur mein Ding durchziehen. Daran arbeiten wir verdammt hart und es zahlt sich auch irgendwie aus. Wir spielen zwar vor keinem großen Publikum, aber stattdessen vor Leuten, die unsere Songs auch wirklich lieben, das ist toll.

Ivar: In unserem Fall, denke ich, hat das damit zu tun, dass wir nicht dauernd dort touren. Ich gehe auch davon aus, dass „eine spanische Punkband“ vielen seltsam vorkommt, aber auch exotisch, hoffe ich.

Was ist so toll daran in Deutschland im kalten, verregneten Herbst zu touren?

Ivar: Für uns ist das exotisch! Es fühlt sich gut an, an einen Ort zu kommen, wo Rock’n’Roll eine kulturelle Bedeutung hat, wo fast jeder Club einen guten Sound hat und man dafür sorgt, dass die Bands etwas zu essen und einen Schlafplatz bekommen. In Spanien setzen zu viele Leute Rock – und noch mehr Punkrock – mit einer Art von Vandalismus gleich.

Zum Schluss noch die unvermeidliche AEROBITCH-Vorgängerband-Frage: Irgendeine Chance, dass ihr mal wieder eine Show spielen werdet? Und was ist mit Laura passiert?

Mario: Ich denke nicht, dass wir jemals wieder spielen werden, das hätte keinen Sinn. Laura arbeitet viel, wie sie es schon immer getan hat, und sie ist immer noch eine der coolsten Personen überhaupt!

Nacho: Hmm ... finde ich nicht. Ich finde, Laura ist okay, aber sie interessiert sich nicht mehr sonderlich fürs Musikmachen. Zumindest nicht als Performer.