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Interviews & Artikel

NOISEROCK

Auferstanden aus Ruinen? Eine Bestandsaufnahme

Zuerst wäre einmal festzustellen, wie undefinierbar der Begriff „Noiserock“ eigentlich ist. Eine einzelne Schublade mag da eigentlich nicht passen, oder wie will man ernsthaft die frühen HELMET, TODAY IS THE DAY und die COWS miteinander vergleichen, um daraus ein einzelnes Genre herauszukristallisieren? Was ist also Noiserock?

Man kann diverse Sachen einander zuordnen ... Sachen mit einem Bluesrock-Einschlag wie KILLDOZER oder UNSANE und straightes Rockzeug wie die ersten beiden CLUTCH-Releases (die „Passive Restraints“-EP und „Transnational Speedway League“, bevor sie allmählich zur genauso guten „normalen“ Rock-Band mutierten). Eher zugänglicherer Kram wie STEEL POLE BATH TUB und GIRLS AGAINST BOYS (deren beide Alben „Venus Luxure No.1 Baby“ und „Cruise Yourself“ ich ebenso in diesem Kontext verorten würde). Surrealer Hirnfick wie die FLYING LUTTENBACHERS oder SHORTY. Trotzdem ist es schwierig, wie etwa beim Hardcore eine einheitliche Linie hineinzubekommen.

Interessant bei Noiserock ist, dass es in erster Linie ein Phänomen der frühen Neunziger war, das plötzlich spurlos vom Erdboden verschwand und gerade nach nahezu 15 Jahren Totenstarre allmählich wieder zum Leben erwacht. Was wiederum den Autor dieser Zeilen fast etwas sentimental stimmt, gehören doch die Jahre in der Noiserock-Szene zu den besten seines Lebens. Außerdem höre ich nicht nur immer noch den ganzen alten Kram und bin auch nicht bereit, mich jemals davon zu trennen. Darum ist es für Neulinge, die gerade Bands wie die PISSED JEANS entdecken, bestimmt aufschlussreich, etwas über die Anfänge zu erfahren, vor allem, da die Verbindung zu diesen weitgehend gekappt zu sein scheint. Ich möchte mir hier auch nicht den Anspruch geben, eine wissenschaftliche Arbeit abzuliefern, sondern ein paar Basisinfos zusammentragen – für den Rest hat euch Gott Suchmaschinen gegeben.

Manche sagen, Noiserock begann in den frühen Achtzigern mit FLIPPER, einer reichlich sperrigen Rumpel-Band, die anders klang, als alles, was man bis dahin gehört hatte. FLIPPER sind auch heute noch – etwa im Vergleich zu den DEAD KENNEDYS, die damals als infernalischer Lärm empfunden wurden und heute aufgrund veränderter Hörgewohnheiten fast schon konsensfähig sind – keinesfalls partytauglich (zumindest nicht, wenn es sich um die übliche Ansammlung Alternative-hörender Langweiler handelt). Wer das nicht glaubt, sollte sich mal deren aktuelle Compilation „Sex Bomb Baby“, auf der allerlei 7“s, Raritäten und ihr bekanntester Song „Ha ha ha“ enthalten sind (der unter anderem von UNSANE gecovert wurde), am Stück anhören und schauen, wie weit er kommt, bevor er beginnt, nervös mit den Augenbrauen zu zucken.

Für mich beginnt Noiserock mit dem Moment, in dem Steve Albini auf der Bildfläche erschien, der mit Sicherheit bis heute herausragendsten Figur der gesamten Noiseszene. Nicht nur, dass er gleich drei stilprägende Bands ins Leben rief (BIG BLACK, RAPEMAN und SHELLAC), er verdiente sich auch als Produzent in diesem Bereich erste Meriten.

Wenn man sich den Bandnamen RAPEMAN ansieht, versteht man auch, wieso die Noiserock-Szene bereits recht frühzeitig den Ruf weghatte, ein Sammelbecken politischer Unkorrektheiten zu sein. Dabei ist der RAPEMAN eine japanische Comicfigur, ein maskierter Rächer und Superheld mit einer seltsamen Form von Gerechtigkeitssinn („Righting wrongs through penetration.“). Eine Band danach zu benennen (obwohl der Name nicht glorifizierend war, im Gegenteil), wäre auch heute noch ein Wagnis – in den späten Achtzigern war das dagegen fast schon Selbstmord. So wurden RAPEMAN-Konzertplakate, ohne den Namen zu hinterfragen, damals von linken Feministinnen mit „Castrateman“ überpinselt und Auftritte glichen manchmal einem Spießrutenlauf. Dass das Album noch dazu „Two Nuns And A Pack Mule“ betitelt und damit wahrscheinlich eine Persiflage auf das afroamerikanische Thema „Forty Acres And A Mule“ war, tat sein Übriges. Dazu kam Albinis Neigung, vor allem bei Songs von BIG BLACK und RAPEMAN in die Rollen reichlich zweifelhafter Charaktere zu schlüpfen ... seien es nun ein Kinderschänder wie in „Jordan Minnesota“ oder eine besoffene, willenlose Collegeschlampe in „Trouser Minnow“.

Das alles legte irgendwie den Grundstein für das Selbstverständnis der Noiserock-Szene, die zum überwiegenden Teil aus ehemaligen Punk/Hardcore-Hörern bestand, die den teilweise recht humorfreien Dogmatismus eben dieser Szene nicht mehr ertragen wollten und sich dahin flüchteten, wo man mehr Bewegungsfreiheit hatte, ohne auf sein gewohntes Umfeld verzichten zu müssen. Noiserock war größtenteils unpolitisch, und wenn es doch zu klar zuzuordnenden Aussagen kam, was bei Steve Albinis recht häufig der Fall war, war die Art und Weise, wie sie verpackt wurden, eine ganz andere als gewohnt. Musikalisch blieb Albini seinem Label Touch and Go bis zu dessen Ende stets treu und behielt seine D.I.Y.-Attitüde bei, den Begriff „Indie“ ein für allemal definierend, bevor er plötzlich auf jede beliebige Deppenband angewendet wurde.

Touch and Go machte Chicago in den frühen Neunzigern auch zum absoluten Treffpunkt der Noiserock- und Alternative-Szene und veröffentlichte Platten von unter anderem den BUTTHOLE SURFERS, SCRATCH ACID sowie deren Nachfolgern THE JESUS LIZARD, TAR und den Instrumentalberserkern DON CABALLERO. Ausgerechnet mit den BUTTHOLE SURFERS sollte es dann mächtige Probleme geben. Allgemein Usus bei Touch and Go Records war es, dass die Einnahmen (nach Abzug von Produktions- und Promotionskosten) zu gleichen Teilen zwischen Label und Bands geteilt wurden. Diese Vereinbarung wurde per Handschlag besiegelt. Das wurde 1995 von den BUTTHOLE SURFERS angefochten, denen die Vermarktung ihrer früheren Veröffentlichungen durch das Label nicht passte und die daraufhin mehr Geld forderten. Sie verklagten 1999 Touch and Go Records auf Herausgabe der Rechte, da (laut Wikipedia) „nach ihrer Ansicht keine Vertragslaufzeit vereinbart worden war und der Vertrag folglich durch sie gekündigt werden könnte; das Label berief sich auf die US-amerikanische Copyright-Gesetzgebung, die ihnen für 35 Jahre das Copyright zusicherte“. Die Band setzte sich vor Gericht durch, und Touch and Go hatte daraus gelernt und setzte nun auf schriftliche Verträge.

Aber Touch and Go waren ein ganz netter Verein im Vergleich zu der obskuren Gestalt, die 1986 erstmals an die Öffentlichkeit trat: Tom Hazelmyer. Der ehemalige US-Marine gründete in Minneapolis Amphetamine Reptile Records zunächst nur, um Platten seiner Band HALO OF FLIES zu veröffentlichen. Nach und nach wurde das Label aber zu dem Synonym für Noiserock Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, bis es 1998 genauso plötzlich verschwand wie die ganze zugehörige Szene auch. Zwischenzeitlich hatte es sogar einen Deutschland-Ableger gegeben, um den sich erst die Leute von Glitterhouse kümmerten, später gab es ein Büro in Hamburg. Das abrupte Ende von AmRep lag unter anderem vielleicht auch daran, dass Hazelmyers Gebaren in der Öffentlichkeit immer seltsamer wurde und gegen Ende von AmRep mit dem Wort „exzentrisch“ recht unzureichend beschrieben ist. Anscheinend hatte der gute Mann bei den Marines einen veritablen Dachschaden mitbekommen. Und ich habe bei Gigs mit Leuten gesprochen, die mit ihm zu tun hatten und ihn recht unverblümt als „irre“ beschrieben, eine wandelnde Mischung aus Schußwaffenfetischismus und Paranoia.

Dazu passt auch die Anekdote, dass neu gesignte Bands zuerst in den labeleigenen Schießraum geführt wurden, wo sie mit automatischen Waffen auf eigens dafür aufgehängte Sandsäcke ballern mussten, um ihre Eignung unter Beweis zu stellen. Des Weiteren war Hazelmyer an einem recht hässlichen Zwischenfall mit Kevin Rutmanis (früher COWS-Basser, später bei den MELVINS) beteiligt. Denn Hazelmyer fühlte sich zum bildenden Künstler berufen und legte sich hierfür das originelle Pseudonym „Fucker“ zu. Als er dann bei einer Ausstellung seiner Werke das Gefühl hatte, die MELVINS, die zur Eröffnung gespielt hatten, würden sich über ihn lustig machen, attackierte er Rutmanis, der daraufhin von der Bühne stürzte und sich schwer verletzte. Beide Seiten einigten sich, und „Fucker“ konnte seine Schuld damit abgelten, dass er einige seiner Bilder unentgeltlich für das MELVINS-Buch „Neither Here Nor There“ zur Verfügung stellte.

Dennoch wäre der ganze Boom Anfang der Neunziger ohne AmRep undenkbar gewesen. Am laufenden Band wurden stilprägende Bands und auch Artworks hervorgebracht: neben Hazelmyers HALO OF FLIES unter anderem HELMET, HAMMERHEAD (die echten, nicht die aus Neuwied), die glücklosen JANITOR JOE, mit der später an einer Überdosis gestorbenen Kristen Pfaff von HOLE am Bass, SURGERY (deren ebenfalls heroinsüchtiger Sänger nach einem Gig an einem Asthmaanfall starb), LOVE 666, BOSS HOG (die Zweitband von Jon Spencer und seiner Frau Cristina Martinez nach dem Ende von PUSSY GALORE), die COWS (die berüchtigt waren für ihre exzentrischen Live-Auftritte, neben Attacken auf das Publikum hängte sich Sänger Shannon Selberg auch gerne mal Mausefallen an die Brustwarzen), TODAY IS THE DAY, GOD BULLIES, oder experimentelle MELVINS-Scheiben wie „Prick“, für die sie sonst kein Label fanden.

Es war definitiv eine wahnsinnig produktive und kreative Zeit – bis dann plötzlich alles vorbei war. Die Suche nach Gründen hierfür ist müßig. Mitte der Neunziger begannen sich die ersten Bands aufzulösen oder musikalisch die Richtung zu wechseln (TODAY IS THE DAY beispielsweise begannen Extrem-Metal zu spielen), und manche erlagen der Verlockung gut dotierter Major-Verträge, ohne an ihre Underground-Erfolge anknüpfen zu können. UNSANEs Major-Debüt „Total Destruction“ verkaufte sich zu Beginn in Europa erbärmliche 900-mal, woraufhin sie von Atlantic/WEA gleich wieder entsorgt wurden. Anschließend wechselten sie in einen On/Off-Modus, lösten sich auf (während Chefschreihals Chris Spencer mit CUTTHROAT 9 und später mit CELAN weitermachte), brachten plötzlich wieder zwei ordentliche („Blood Run“) beziehungsweise unglaublich großartige („Visqueen“) Reunion-Alben heraus und legten sich erneut schlafen. Neueste Entwicklung: da ist zumindest wieder eine weitere Platte angekündigt. HELMET und THE JESUS LIZARD bezahlten ihre Major-Deals mit lauen kreativen Zugeständnissen und GIRLS AGAINST BOYS veröffentlichten zwar mit „Freak*On*Ica“ auf Geffen ein hervorragendes Album, das jeden alternativen Tanzclub perfekt bediente, wurden dann aber via Knebelvertrag fünf Jahre auf Eis gelegt und brachten ihr erstes und bisher letztes Album nach der Zwangspause wieder bei einem kleinen Label heraus.

Und der Rest war Schweigen. AmRep hörte plötzlich auf, zu existieren, es kamen so gut wie keine neuen Bands mehr nach. Seltene Ausnahmen waren die großartig wahnsinnigen Waliser McLUSKY, die aber auch relativ schnell über den Jordan gingen und teilweise heute unter dem Namen FUTURE OF THE LEFT wieder aktiv sind. Und natürlich Steve Albini mit SHELLAC. Ansonsten ähnelte die darbende Noiserock-Szene einer Nostalgieveranstaltung und fand plötzlich weitgehend geschlossen in der Crypt-Style-Garagenrock-Szene wieder zusammen.

Plötzlich aber tauchten aus dem Nichts Bands wie PISSED JEANS, DŸSE oder TODD auf, die exakt an den Sound anknüpften, als wären sie die letzten zehn Jahre eingefroren gewesen und hätten das beinahe komplette Verschwinden der Szene einfach übersprungen. Und glücklicherweise wurden Touch and Go und AmRep relativ kurz nacheinander 25 Jahre alt und zogen zu diesem Anlass Geburtstagsfestivals auf, bei denen ihnen diverse Hausbands die Ehre erwiesen. Bands, die jahrelang nicht mehr zusammengespielt hatten, standen plötzlich wieder auf der Bühne, sogar BIG BLACK. Bei manchen blieb es eine einmalige Angelegenheit. Manche – wie THE JESUS LIZARD – waren dermaßen in Schwung, dass sie gleich noch ein paar Gigs in Originalbesetzung dranhängten, was mir die dankbare Gelegenheit gab, sie 2009 im Festsaal Kreuzberg doch noch live sehen zu dürfen, nachdem ich sie früher verpasst hatte. Und bei HAMMERHEAD ging die wiederentdeckte Liebe so weit, dass sie sich gleich ganz wiedervereinten und eine Tour samt neuem Album ankündigten. Was wohl auch unbekanntere Bands wie BIG’N dazu motivierte, im Original-Line-up wieder auf Tour zu gehen.

Klingt wie rückwärtsgewandtes Turnhallengetingel, aber da Noiserock nie konsensfähig war – nicht mal bei Punk- oder Alternative-Publikum, dem Noiserock oft zu schräg war –, glaubt man noch an das Gute im Menschen, nämlich dass Bands vor 50 Leuten in kleinen Clubs auftreten, weil sie einfach Bock darauf haben, denn reich wird man damit wahrscheinlich bis heute nicht. Und auch wenn Touch and Go mittlerweile Geschichte ist: Amphetamine Reptile scheint wenigstens wieder von den Toten auferstanden zu sein. 2005 kam ein erstes Release in Form einer 7“, und auch bis jetzt hat sich das Label nicht durch große Releases hervorgetan, eher durch das Herstellen von Sammlerstücken wie seltenen 7“s von den MELVINS oder HALO OF FLIES (nun H*O*F) in geringer Auflage. Nach der HAMMERHEAD-Reunion, die von AmRep betreut wird, kann man sicher davon ausgehen, dass das angekündigte Album dort erscheinen wird.

Es wird sich zeigen, ob das noch einmal ein letztes Zucken ist, oder ob wirklich ein sinnvolles Revival auf uns zukommt. Da ich den Kram wahrscheinlich noch mit 60 hören werde, würde es mir die nächsten paar Lebensjahre doch um einiges angenehmer gestalten.

 


DER KANON DES GUTEN GESCHMACKS: NOISEROCK

Wenn man aus einem Genre, das der eigenen, ganz persönlichen Meinung nach etliche Highlights hervorgebracht hat, zehn essentielle Scheiben herauspicken soll, merkt man sehr schnell, dass diese Aufgabe eher einer Strafe gleicht ... Erst recht, da so ein relativ schwammiger Begriff wie „Noiserock“ womöglich noch längere Diskussionen über die Genredefinition nach sich zieht: „GIRLS AGAINST BOYS sind doch kein Noise, eher Alternative.“ – „Ja, aber die „Cruise Yourself ...“ Demzufolge ist folgender Kanon auch eher ein Überblick für Neueinsteiger in die Materie, als dass es eine Auflistung meiner zehn absoluten Lieblingsalben wäre. Wobei alle aufgeführten Platten für mich natürlich doch einen sehr hohen Stellenwert besitzen.

1. BIG BLACK - Atomizer (Touch & Go, 1986)

Würde es sich in dieser Liste um Bücher handeln, wäre das hier die Bibel. Steve Albini samt zweier Mitstreiter und einem Drumcomputer spielen eine seltsame Mischung aus eingängigem Achtziger-Alternative à la WIRE und ungestümem Punk, alles dominiert von Albinis extrem ungewöhnlich und eigenständig klingender Schrapnellgitarre. Dass der schmächtige Sänger und heutige Produzentenguru in seinen sarkastischen Texten auch gerne mal in die Rolle extrem widerwärtiger Charaktere schlüpfte, brachte ihm im Lauf seiner Karriere nicht nur Zustimmung ein. Anspieltip: Auf der Platte ist natürlich der ewige Hit „Kerosene“.

2. HELMET - Strap It On (Amphetamine Reptile, 1990)

Man mag es kaum glauben, aber auch die waren in ihren Anfangstagen einmal richtig großartig. Mit exakt abgezirkelten Gitarrenriffs und Schlagzeugbreaks, immer wieder überlagert von heftigen bis schmerzhaft übersteuerten, völlig atonalen Gitarrensoli, werden hier etwaige eingängige Momente komplett zersägt. Danach folgten das ebenfalls noch sehr gute Album „Meantime“ und ein Majorvertrag ... und daraufhin der Wandel einer einst guten Band zum Schatten ihrer selbst. Anspieltip: Die „Ballade“ namens „Sinatra“ dürften ältere Semester vielleicht noch als Tanzflächenstampfer aus Alternative-Clubs kennen.

3. UNSANE - Scattered, Smothered & Covered (Amphetamine Reptile, 1995)

Nach ihrem schaurig gefloppten und drucklos produzierten Majordebüt „Total Destruction“ meldeten sich UNSANE auf dem richtigen Label mit neuem Basser und einem Monster von Platte zurück, das mit „Scrape“ sogar einen MTV-bedingten Semi-Hit abwarf. Typen, die in ihrem Leben schon sämtliche Tiefen ausgelotet haben, spielen druckvollen, bösartig verzerrten Noise, der seine Wurzeln in der klassischen Rockmusik nicht verleugnet und in dem sogar eine Bluesharp mittun darf. Dazu gibt es Texte voller Wut und Verzweiflung. Eine Platte, bei der man beim bloßen Anhören schon Schaum vor dem Mund bekommt. Anspieltip: Nein, nicht das sattsam bekannte „Scrape“, sondern „Empty cartridge“.

4. TODAY IS THE DAY - Willpower (Amphetamine Reptile, 1994)

Schlimmer geht’s immer: die später zum Extrem-Metalprojekt um Mastermind Steve Austin konvertierten Amerikaner mit dem Stimmungskiller schlechthin. Schmerzhaft introvertierte Texte, von Austin anscheinend zu einem Zeitpunkt geschrieben, an dem er mit seinem Leben nicht mehr klarkam, weshalb er sich mittlerweile auch weigert, live noch etwas von der Platte zu spielen. Ein Meisterwerk bleibt es trotzdem: musikalisch sehr anspruchsvoll, mit vielen Rhythmus- und Tempowechseln, seltsamen Synthiesounds und Samples, dazu Gesang, der zwischen weinerlich und infernalischem Gebrüll changiert. Eine sehr sperrige Platte, die man sich fast schon erarbeiten muss. Anspieltip: Der Titelsong.

5. SHORTY - Thumb Days (Gasoline Boost, 1993)

Laut Steve Albini die „beste Noiserock-Platte aller Zeiten“. Teilweise wahnsinniges, technisch versiertes Gefrickel, das aber immer mal wieder zum wilden Pogen einlädt. Dazu steht scheinbar ein Berner Sennenhund am Mikro, der weitgehend sinnfreie Textfragmente heult und jault. Eine Platte, die wirklich schwer zu beschreiben ist – „die CAPTAIN BEEFHEART des Noiserock“ dürfte es wohl am ehesten treffen. Aus SHORTY entstanden danach die eher verzichtbaren US MAPLE. Anspieltip: „Coopie’n me“, und dazu unbedingt auf YouTube das Video schauen. Es lohnt sich.

6. THE JESUS LIZARD - Goat (Touch & Go, 1990)

Zugänglicher als SHORTY, aber deswegen nicht weniger irre und technisch versiert: die Mannen um den exhibitionistischen Selbstverstümmler David Yow, dessen blecherner Nasalgesang gewöhnungsbedürftig ist. Wer den aber abkann, darf sich über ein Hammeralbum freuen, denn kurze, harte Tracks wie „Mouthbreather“ oder „Nub“ funktionieren ebenso einwandfrei wie psychotische Schleicher vom Schlag des Openers „Here comes Dudley“ mit seinem weitgehend geschmacksbefreiten Text. Auffällig ist auch immer Duane Denisons Gitarrenarbeit, die häufig etwas Theremin-ähnliches hat, und die prägnanten Bassläufe. Anspieltip: „Nub“, steht ebenfalls als Videoclip im Netz.

7. STEEL POLE BATH TUB - The Miracle Of Sound In Motion (Boner/Tupelo, 1993)

Dürften wohl die „poppigste“ und eingängigste Band dieser Auswahl sein. Haben eine Menge Hitpotenzial, doch bevor ihre Songs zu benutzerfreundlich werden, drängen sich immer wieder lärmige Soundscapes und Loops in den Vordergrund, die verhindern, dass die Songs zu glatt geraten könnten. Interessanterweise liefen diese Samples auch bei dem – leider – einzigen Mal konstant mit, bei dem ich diese Ausnahmeband live sehen durfte, und zwar ohne erinnernswerte Unterbrechung während der ganzen Show. Dennoch: Lässt sich gut hören. Anspieltip: „Train to Miami“.

8. KILLDOZER - Twelve Point Buck (Touch & Go, 1989)

Ich muss hier einen Bekannten von mir zitieren: „Das ist Blei. Die Gitarre hängt unter der Grasnarbe, und der Sänger ernährt sich von Neugeborenen.“ Besser kann man diese Platte nicht zusammenfassen, danke, oasupp. Unfassbar schwerer, bluesinfizierter Rock in Superzeitlupe mit Kehlkopfkrebsgesang. Ab und zu darf noch Gebläse auftauchen, das gemäß dem Cover an Jagdhörner erinnert. Klingt alles in allem, als würde man den Kopf in die Wäschemangel stecken. Wer das Glück hat, irgendwo ihre 7“-only-Coverversion von EMFs „Unbelievable“ zu hören zu können, sollte das tun. Anspieltip: „New pants and shirt“.

9. HAMMERHEAD - Ethereal Killer (Amphetamine Reptile 1994)

Hier handelt es sich natürlich um die kürzlich reformierte US-Band, bevor das wieder jemand missversteht. Das Album „Into The Vortex“ beinhaltet zwar den Übersong „Brest“, aber auch schwächere Stücke ... Dieses ist dagegen durchgehend gut. Manchmal hektisches Geholper mit einem phasenweise sehr dominierenden Schlagzeugsound und einprägsamen Riffs. Dazu gibt es recht schiefen Gesang, der zumeist immer eine Spur neben dem Takt oder dem richtigen Ton zu liegen scheint, was empfindsamen Gemütern wahrscheinlich schnell mal auf die Ketten gehen kann. Wer das aber mag, dem sei die Nachfolgeband VAZ ebenso ans Herz gelegt. Anspieltip: Die böse Schulverliererstory „Tuffskins“.

10. MELVINS - Houdini (Atlantic, 1993)

Ich behaupte jetzt einmal diktatorisch, dass solch eine Liste ohne die MELVINS unvollständig wäre. Und wenn sie einige Schlaumeier als „Godfathers of Grunge“ bezeichnet haben, ohne dass jemand protestiert (obwohl es meiner Meinung nach Schwachfug ist), darf ich sie auch unter „Noiserock“ einsortieren. Es gibt viele gute Gründe, diese Platte haben zu müssen: Es ist eine ihrer besten. Sie enthält erhabene Hits wie „Hooch“, „Night goat“ und „Honey bucket“, sowie die unglaubliche Lavawalze „Joan of Arc“, die einen aufgrund der mächtigen Produktion fast erschlagen. Kurt Cobain darf auf zwei Stücken mitspielen, ohne dass man es bemerkt. Da man die Platte mittlerweile überall für einen lächerlichen Preis nachgeworfen bekommt, spare ich mir den Anspieltip und verordne Blindkauf.

 

Stefan Gaffory

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #96 (Juni/Juli 2011)

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