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Interviews & Artikel

WIRE

No rules

Colin Newman und Graham Lewis von WIRE sind erstaunliche Interviewpartner. Die beiden ergrauten englischen Gentlemen tummelten sich mit ihrer Band schon 1976 in der Londoner Punk-Ursuppe, aber schon bald gingen sie neue, elektronische, für sie interessantere Wege, ohne in den späteren Jahren ihre Ursprünge zu vergessen. Bis heute sind sie live und auf Platte aktiv, ihre Konzerte sind in ihrer Intensität faszinierende Erlebnisse, und als ich den beiden im kargen Frühstücksraum eines Kölner Hotels gegenübersitze, erweisen sie sich als Menschen mit lexikalischem Gedächtnis. Nachdem über die Geschichte der Band schon in anderen Ox-Interviews gesprochen wurde, befragte ich die Herren diesmal zu einigen ihrer Lieder, und wo andere Bands einsilbig sind, sprudelte es aus Colin und Graham nur so heraus. Hätte ich die beiden jedes Stück ihrer Bandgeschichte kommentieren lassen, wir hätten eine Woche da gesessen und ich hätte ein dickes Buch daraus machen können.

„Reuters“ (1977)

Colin: Track 1, A-Seite von „Pink Flag“. Ich kann mich nicht erinnern, ob der Text oder Titel zuerst da waren. Ich glaube, der Text. Ich saß in meinem Zimmer in North Watford, wir hatten damals gerade ein Gründungsmitglied von WIRE rausgeschmissen, und mich faszinierte der Gedanke, dass alle Musik zerstört, dekonstruiert werden müsse. Solche arroganten Ideen hat man eben, wenn du 21 bist und denkst, du könntest die Welt verändern – in der Mittagspause, haha. Ein paar musikalische Ikonen hatte ich meiner Meinung nach bereits von ihrem Sockel gestoßen, und als Nächstes kamen mir THE WHO in den Sinn – das habe ich bis jetzt übrigens noch nie jemandem erzählt. Ich hatte also THE WHO im Sinn, als ich das Lied schrieb. Ich nahm mir Elemente von THE WHO und versuchte sie auf weniger attraktive Weise wiederzugeben. Ein „minor chord“ ist das zentrale Element des Stücks, dadurch gewinnt es diese mantrahafte Qualität. Von der textlichen Seite her ist es eine unschöne Geschichte, die aus der Sicht eines Reporters erzählt wird. Mir gefällt an dem Stück, dass über die gesamte Länge die Spannung gehalten wird. Ich war verwundert, dass unser Produzent Mike Thorne das als Album-Opener auswählte, aber letztlich war es eine gute Wahl, denn es ist ein unerwartetes Lied, du bekommst von Anfang an das gesamte Desaster vor die Füße geworfen, du kannst dich nicht verweigern, kein Entkommen.

Spielt ihr „Reuters“ noch live?

Colin: Wir haben es schon lange nicht mehr gespielt, und ich bin mir nicht sicher, ob wir das heute richtig gut hinbekommen würden.

Graham: Ich bin bis heute ein großer Fan von BBC Radio 4, die haben da eine Sendung namens „From Our Own Correspondent“. Damals, als der Text entstand, gab es gerade Konflikte um das in Mittelamerika gelegene britische Protektorat Belize, und das inspirierte mich, einen Text zu schreiben, der sich generell mit solchen Konflikt- und Kriegsszenarien beschäftigt, denn solche Ereignisse folgen meist den immer gleichen Regeln, und sie lösen sich auch immer nach dem gleichen Schema wieder auf. Darüber wollte ich schreiben, und so ist der Text einerseits sehr spezifisch, andererseits sehr allgemein. Es geht um Krieg, Invasion, Rebellen, Aufstandsbekämpfung, Mord, Vergewaltigung – um all die furchtbaren Dinge, die mit solchen Ereignissen einhergehen.

„106 beats that“ (1977)

Graham: Eines der wenigen Stücke von „Pink Flag“, das wir bis heute spielen. Und es ist ein sehr interessantes Lied, kompositorisch gesehen. Nachdem ich „Mannequin“ geschrieben hatte, dachte ich, ich könne ganz einfach ein weiteres so gelungenes Stück schreiben. Das ist so, wenn man jung ist, da ist man von der eigenen Leistung so begeistert und euphorisiert, doch eigentlich lässt man sich da von seiner Eitelkeit täuschen. Ich wollte damals also einen Text schreiben, der genau 100 Beats hat, das war einfach eine konzeptionelle Idee. Und es sollte inhaltlich wie „Mannequin“ eine Abrechnung mit jemandem sein. An der Umsetzung dieses Konzepts scheiterte ich aber schnell, ich merkte, dass die Idee nichts taugt und schämte mich beinahe dafür. Stattdessen schrieb ich dann einen autobiografischen Text, und morgens um drei, vier hatte ich den Text dann fertig, hielt ihn für brillant, genau 100 Beats lang! Dann zählte ich nach ... und es waren 106 Beats! Wilson Neate, der mit „Pink Flag“ ein exzellentes Buch über dieses Album und uns geschrieben hat, hat außerdem noch mal nachgezählt und kommt auf 107 Beats, was dieses Lied zum totalen Versager macht, haha. Aber egal, es war von Anfang an ein solcher. Es war eben morgens um vier, ich war froh fertig zu sein, ich hatte meine Aufgabe erfüllt, darauf kam es an. Ich gab das Lied dann an Colin weiter, und der machte mit einer genauso wahnsinnigen Idee weiter.

Colin: Ich hatte keine Ahnung, was Graham da gemacht hatte, ich hatte nur den Text, und ich war, wie schon gesagt, von der Dekonstruktion von Musik begeistert. In diesem Kontext wollte ich das Songwriting einem Schema folgen lassen, in dem Fall waren es die Bahnstationen von Watford bis nach London, irgendwas mit Buchstaben und Akkorden, ich kann das im Detail nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls führte das zu einer Abfolge vom Akkorden, die man nicht erwartet und die an sich keinen Sinn macht.

Graham: Ja, aber letztlich machte es doch Sinn im Kontext transgressiver Kunst. Denn eine der Regeln von WIRE war: No rules! Und eine andere: No key changes! Keine Tonartwechsel! Und so besteht dieser Song ausschließlich aus Tonartwechseln, haha.

Colin: Ich merkte, dass am Ende des Liedes etwas Text überbleibt, dass das mit den 100 Beats nicht hinhaut, also beschloss ich, das hinten dranzuhängen und die übrigen Worte einfach reinzupressen, weshalb ich immer schneller wurde. Ich hatte das Lied dann lange Zeit beinahe vergessen, bis ich Mitte der Neunziger als DJ auf einem Dance-Festival war, und überraschend legte dort Jon Wozencroft – von dem übrigens das Artwork unseres letzten Albums „Red Barked Tree“ stammt – eben jenes „106 beats that“ auf. Damals war „Pink Flag“ ganz weit von mir entfernt, ich interessierte mich für Dance Music, und ich war überrascht, wie spannend und gut gemacht „106 beats that“ klang. Ich war echt erstaunt. Irgendwie hat das Lied einen Unterton, oder es ist die Art, wie wir spielen, was eine wirklich herausragende Qualität ergibt. Denn eigentlich macht das Lied keinen Sinn, da steckt keinerlei Logik dahinter, nur ein beklopptes Schema, dem wir folgten, eine Aneinanderreihung von Akkorden. Und es war ein Alptraum, das zu spielen!

Graham: Wir spielen das Lied seit einer Weile wieder live, in einer modernisierten Version. Wir merkten, dass es nicht darauf ankommt, es eins zu eins nachzuspielen, sondern dass seine Essenz die an Wahnsinn grenzende kreative Lust ist, die in ihm steckt. Du willst etwas schaffen, das ist dir ein Bedürfnis, dazu entwickelst du ein Schema, und das Lied ist das Ergebnis. Diese Essenz hat das Stück auch heute noch – und vor allem endet der Text auf „Sex“, haha.

„12XU“ (1977)

Colin: Die Studioaufnahme ist furchtbar. Unser Drummer Robert Gotobed hasst sie, das Timing des Schlagzeugs stimmt nicht. Wir haben erst später gelernt, es richtig zu spielen, und es wurde von uns sehr oft richtig schlecht gespielt. Das Schlagzeug ist irrsinnig schnell, das ist schwer hinzubekommen. Live spielen wir das selten, nur in Notfällen. Ein interessantes Ergebnis ist allerdings, dass eine Aufnahme eines Auftritts aus dem Jahr 2000 aus der „Garage“ in London von mir zu einer Art „Punkrock-Techno“ gemixt wurde. Wem auch immer ich das vorspielte, der war begeistert, und dieser Track war dann auf „Twelve Times You“ von 2001, einer Single, die heute nicht für unter 100 Euro zu bekommen ist. Die wiederum führte zu „Send“ von 2003, unserem ersten neuen Album seit 1991.

Graham: Aber um wieder zu seinen Ursprüngen zurückzugehen: Die Bedeutung des Stückes liegt darin, dass es ein grundlegendes WIRE-Stilmittel enthält, nämlich den unvermittelten Stop, diese winzige Pause in einem Stück, gefolgt von einem Weiterspielen mit erhöhtem Tempo. Das findest du bei uns an ganz vielen Stellen, und das ist etwas, das eng mit den Menschen verknüpft ist, die bei WIRE spielen, und deren Fähigkeiten. Ich habe gehört, wie andere Leute versucht haben, das zu spielen, und sie haben es nicht hinbekommen.

Der Song ist wohl das WIRE-Stück, das selbst Leute kennen, die eure Band nicht kennen, einfach weil es so viel gecovert wurde und wird, etwa von MINOR THREAT.

Colin: Ich habe gehört, es ist ein Standard in Punk-Karaoke-Shows. Ich bin mir nicht sicher, ob ich darauf stolz sein soll, haha. „12XU“, das bedeutet ja eigentlich „1 2 fuck you“, fungierte bei uns aber auch als Einzähler à la „1 2 3 4“ – das ist die Herkunft des Slogans. Wir wollten nicht jeden Song mit „1 2 3 4“ anfangen, also fingen wir an, uns Variationen davon zu überlegen.

Graham: Das geschah alles zu einer Zeit, als Bands versuchten, mit allen Arten von Provokation aufzufallen. Da erschien es uns viel fortschrittlicher, mit dem Aspekt der Selbstzensur zu spielen, statt „1 2 fuck you“ eben „12XU“ zu singen. Bemerkenswert ist zudem, dass der Text von drei Leuten geschrieben wurde.

Colin: Ich schrieb den Song, aber mit einem anderen Text, von dem nur ein paar Teile erhalten geblieben sind. Dann steuerten Bruce und Graham noch Teile bei.

Graham: Das Geschlecht der in dem Text bei „Saw you in a mag / Kissing a man“ erwähnten Personen bleibt unklar: Frau und Mann, Mann und Mann, Frau und Frau? Und dann heißt es „Got you in a corner / Got you in a cottage“. „Cottage“ war damals ein Slang-Ausdruck für eine Toilette, auf der sich Schwule treffen. Das wussten aber nur wenige, die meisten dachten bei „cottage“ wohl an ein hübsches Häuschen auf dem Land, haha. Und dann hieß das Album auch noch „Pink Flag“ ... Der Song hatte also eine Menge Inhalt in sehr konzentrierter Form. Irgendwie ging es um Magazine, Sexualität und das Rauchen.

Colin: Wir waren mit dieser ganzen Thematik sehr früh dran, und es ist auch ein dekonstruktivistisches Werk: Ein Vers ohne Akkord! Weniger geht nicht. Der Trick war einfach nur, dass man wissen musste, wie man so was macht. Und schon zu diesem Zeitpunkt war das nicht mehr Punkrock, weil mit einem ironischen Unterton versehen, weil sich das Lied über Punkrock lustig macht – zu diesem frühen Zeitpunkt, 1977! Das Lied ist eine musikalische Meinungsäußerung. Klar, der Refrain ist typischer Punkrock, ein Punk-Riff, aber der Vers – so was machte man nicht, so was machte sonst keiner.

Graham: Zudem war das Lied total frustrierend für die Leute, die dazu Pogo tanzen wollten. Es war so kurz, dass sie kaum loslegen konnten, da war es wieder vorbei. Das war für uns sehr unterhaltsam.

Colin: Mehr als einmal mussten wir uns anhören, wir würden als Band nichts taugen, weil man bei uns nicht ordentlich Pogo tanzen kann. Und dann auch noch unsere langsamen Songs – nein, als Punkband waren wir Müll.

Graham: Umso lustiger ist es, dass dieses Lied zu so einem ikonenhaften Rock-Song wurde – und wir uns jahrelang weigerten, es live zu spielen. Das hat die Leute oft richtig, richtig sauer gemacht. Ich finde es interessant, wie ein Werk solch ein Eigenleben entwickeln kann.

Colin: Dazu passt, dass wir vor ein paar Jahren Shirts mit dem Spruch „12XU“ gemacht hatten, und wir verkauften vor allem Frauen-Shirts. Da stand nicht mal WIRE drauf, es war einfach ein grandioses „Fuck off!“-Statement. Es macht unmissverständlich klar, wie du drauf bist.

„The 15th“ (1979)

Colin: Ich habe bislang nie jemandem verraten, worum es in dem Lied geht – und werde das auch jetzt nicht tun. Nur soviel: Es ist ein Ausdruck von Frustration, aber auch ein schöner Pop-Song. Bruce hat nicht mitgespielt, als wir das für das „154“-Album aufnahmen, womit es nicht in Frage kam, es als Single auszukoppeln, denn wir hatten die Regel, dass wir nur Singles veröffentlichen, bei denen die ganze Band mitspielt. Schade irgendwie, und damals frustrierend für mich. Das Lied entwickelte später ein Eigenleben: Als wir uns 2008 wieder zusammenfanden, war Bruce Gilbert nicht mehr dabei, und so brauchten wir einen Live-Gitarristen, den wir in Margaret Fiedler McGinnis fanden und die bis 2009 bei uns spielte. Beim Vorspielen sagte sie, sie mache zur Bedingung, dass sie mit uns ihren liebsten WIRE-Song spielen dürfe – nämlich „The 15th“. Live hatten wir den seit 1979 nicht mehr gespielt, also seit den Aufnahmen. Bruce mochte das Lied nicht, also spielten wir es nicht. Wir entschieden uns für Margaret, und so brachte sie uns unser Lied wieder bei, und wir spielten es live. Ich erinnere mich, wie bei einem Konzert eine Frau direkt vor der Bühne stand und den Mund nicht mehr zubekam vor Staunen, als wir das Lied anstimmten. Ich hatte beinahe Tränen in den Augen angesichts dieser Reaktion. Ich mag das Lied wirklich sehr, und es hat nie die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient. In den zwei Jahren mit Margaret war es dann auch immer im Live-Programm, in letzter Zeit haben wir es aber nicht mehr gespielt, es hat etwas an Reiz verloren, aber das ist okay, es gibt ja reichlich andere Songs.

„One of us“ (2008)

Colin: Das ist ein interessanter Vertreter aus der Kategorie „seltsame Stücke“. Der Song ist von „Object 47“ von 2008. Der Ausgangspunkt waren Grahams Basslines, die von Robert ausgewählt und bearbeitet wurden, der sie dann an mich schickte. Es gab auch eine Aufnahmesession in Rotterdam, in deren Rahmen wir einfach nur spielten, eine halbe Stunde, am Stück – WIRE sind aber keine Band für Jams. Graham hatte also diese Bassline, zu der ich Gitarre spielte, und ich merkte, da wird was draus, gerade auch mit Robs markantem Schlagzeugspiel, mit diesen Disco-Schemata. Dazu dann der Text, von mir und Graham, und nein, es geht da nicht um Bruce. Es ist ein seltsames, hymnisches Lied, das wir mal mit Margaret live gespielt haben, aber es klang kein bisschen wie auf Platte, also ließen wir das wieder bleiben. Später haben wir es mit unserem gegenwärtigen Tourgitarristen Matt Simms noch einmal probiert, und das funktionierte besser, doch letztlich mussten wir feststellen, dass wir das Lied nicht wirklich gut spielen können, weil es eines ist, das nicht im klassischen Zusammenspiel entstanden ist, sondern am Computer. Das ist etwas anderes, als wenn du mit einem simplen Part anfängst, jeder seinen Teil beisteuert und jeder weiß, was er zu tun hat. Das ist übrigens auch der Grund, warum es viele andere WIRE-Stücke gibt, die nie live gespielt werden: Es weiß einfach keiner mehr, wie wir die gespielt haben, wir bekommen die also nicht so hin, dass sie klingen, wie sie klingen sollten.

Graham: Es geht nicht darum, unsere eigenen Lieder nachzuahmen. Wenn wir ein Lied spielen, muss es in unsere Gegenwart passen, in den Rahmen dessen, was wir sonst gerade machen, und dem müssen sich auch alte Lieder anpassen, sie müssen mutieren, um in den Kontext zu passen. Es stellt uns nicht zufrieden, eine alte Platte einfach eins zu eins nachzuspielen, denn ein Konzert ist ein Live-Erlebnis, nicht eine Platte, da muss es die Unmittelbarkeit des Ereignisses geben. Es ist ein schwieriges Unterfangen, und manchmal stellt man auch fest, dass ein Stück seine Energie verloren hat, dass wir das Interesse daran verloren haben. Und wenn das der Fall ist, muss man einem Lied auch seine verdiente Ruhe gönnen. Wir reden ständig über so etwas, direkt nach dem Konzert, am nächsten Tag. Mit der Musik ist es wie mit einem Feld, das der Bauer auch nicht zu sehr ausbeuten darf, sonst wächst da nichts mehr, weshalb man dem Land auch mal eine Ruhepause gönnen muss. Das kommt dann wieder dem Ganzen zugute.

„Two minutes“ (2011)

Colin: Das Lied ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Es ist ein altes Stück, das eigentlich schon 2002 auf „Read & Burn – 01“ sein sollte. Das Riff ist total idiotisch, das kann jeder spielen, der eine Gitarre halten kann. Ich hatte noch einen simplen Drum-Loop auf der Festplatte, und den brachte ich dann mit zur Probe und bat Rob, das mal live zu spielen, dazu Grahams Bass. Und siehe da, es funktionierte, anfangs nur als Instrumental. Ich saß also vor dem Computer rum, starrte auf meinen Twitter-Account – Twitter ist ja sooo langweilig! – und irgendwas erregte dann doch mein Interesse und ich fügte dann diverse Textfetzen zusammen, trieb das auf die Spitze. Es ist einfach ein Haufen sinnloser Nonsens, als ob ein Wahnsinniger bei Twitter posten würde. Und Graham trug dann auch noch seinen Teil dazu bei.

Graham: Ich versuchte, der ganzen Sache einen gewissen Sinn zu verpassen, lass es mich so ausdrücken.

Colin: Ich gestehe, Kaffee ist nicht immer ein vollwertiger Ersatz für richtiges Essen ...

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #97 (August/September 2011)

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D.I. entstanden 1983 in der Orange County Punk Szene zwischen Wegbegleitern wie SOCIAL DISTORTION, AGENT ORANGE und ADOLESCENTS. ... mehr