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Interviews & Artikel

STOFF GEWORDENER ROCK - Teil 1

Der Kult ums BandShirt

Jeder hat eins: Der eine, weil es cool aussieht. Der andere, weil er zeigen möchte: „Ich bin ein Rebell und anders als ihr“. Man drückt mit ihm Liebe und Leidenschaft für eine Band oder ein Musikgenre aus. Machmal geht es um persönliche Erinnerungen an die „gute, alte Zeit“. Nicht immer passt es zur Person. Immer aber spielt die persönliche Eitelkeit eine Rolle – wenn es um das klassische Band-T-Shirt geht. In den Siebziger Jahren erstmals aufgelegt und in damals noch kleiner Stückzahl verkauft, hat es heute eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Musikwelt wie die Modeindustrie. Band-Shirts spielen mittlerweile überall eine Rolle – in Subkulturen wie im Mainstream. Sie sind wichtige Einnahmequellen für Bands und ein großer Faktor der kommerziell ausgeschlachteten Retrowelle. Sie sind Sammlerobjekt und Anreiz für den Handel mit Fälschungen. Kurzum: Band-T-Shirts spielen in der Musikwelt eine ebenso große Rolle wie die Tonträger, um die es ja eigentlich geht. Das gilt natürlich auch und vor allem für den Punk, aus dessen Dunstkreis einige der bekanntesten Motive kommen. Zeit also, den „Mythos Band-Shirt“ mal in einem Special zu beleuchten.

Irgendwann wurde es Jörg Büscher dann doch zuviel: Er war mal wieder bei irgendeinem Konzert. Er hatte mal wieder eines seiner raren RAMONES-Shirts angezogen. Und wurde mal wieder von der Seite darauf angequatscht, weil: die RAMONES sind nunmal Legende. Eine der größten und coolsten Bands im Rock’n’Roll überhaupt. Wer sie zu Lebzeiten gesehen hat – wie Jörg Büscher –, hat allen Nachgeborenen etwas voraus. Der muss damit rechnen, aufgefordert zu werden, aus dem Joey-Johnny-Dee-Dee-Tommy-Nähkästchen zu plaudern. Opa erzählt vom Krieg. RAMONES-Veteranen erzählen von „Gabba gabba hey“. Ist ja auch in Ordnung. Indes: Diesmal merkte Jörg Büscher schnell, dass etwas anders war als die vielen Male zuvor: „Ein Mädchen, kaum älter als zwanzig, kam auf mich zu“, erinnert sich der 47-Jährige, „und wollte mit mir das Hemd tauschen!“ Gibt es so was? Für sein in grellen Neonfarben leuchtendes Shirt mit dem Bandlogo, das er seinerzeit von Chef-Merchandiser und Logo-Designer Arturo Vega höchstselbst geschenkt bekommen hatte, hätte er – okay – einmal Brüste gucken, aber auch irgendein belangloses und natürlich viel zu kleines Stück Stoff behalten dürfen. „Niemals!“, sagte er damals. Und „Niemals!“ sagt er heute. Keine weibliche Brust und kein Geld der Welt könnten Jörg Büscher je dazu bringen, eines seiner Schätzchen – gesammelt in den Achtziger und Neunziger Jahren bei 123 RAMONES-Konzerten in 17 Ländern – abzugeben.

So kurios und absonderlich diese Geschichte auch ist: Sie zeigt eine tiefe Wahrheit: Band-T-Shirts sind heutzutage vielleicht so gefragt wie nie. Und das nicht nur bei den Alten aus der Szene, die all die Helden noch live erlebt und sich im Moshpit vor den Augen von RAMONES, BLACK FLAG und MINOR THREAT die Zähne umklappen ließen. Sondern auch bei den Jungen, die Rock und Punk und was auch immer gerade erst für sich entdeckt haben. Die Gründe für diesen Kult sind beinahe so vielfältig wie die Motive, die auf den Stoff gedruckt werden und den Kult ausmachen: Sammelwut kann eine Rolle spielen. Fanliebe natürlich. Die Sehnsucht nach Revolte, nach dem Aufbegehren gegen Eltern, Lehrer, Staat und/oder alles, was nicht mit Musik zu tun hat. Oder schlicht und ergreifend: Modetrends.

Bei Jörg Büscher zum Beispiel ist es ausschließlich die über weit mehr als dreißig Jahre gelebte Leidenschaft für die RAMONES – eine Band, die eben zufällig nicht nur seine Lieblingssongs spielte, sondern auch eines der populärsten Logos überhaupt hat: den Adler, der dem Siegel des US-Präsidenten entliehen ist, einen Baseballschläger in der Klaue hält und eingerahmt wird von den Namen der Bandmitglieder. Für die wiederum war das Logo sogar derart wichtig, dass der eine oder andere Musiker, zumindest der Legende nach, Zeit seines Bandlebens darum stritt, möglichst über dem Adler stehen zu dürfen. Überhaupt sind die RAMONES das perfekte Beispiel, um das Phänomen Band-Shirt zu beleuchten. Nicht umsonst wird über die Punkrocker aus New York gesagt, das sie in den 22 Jahren ihrer Karriere nur wenige Platten, dafür aber Unmengen an Leibchen verkauften. Er kenne zwar keine Zahlen, sagt Jörg Büscher, der Joey und Co. unzählige Male traf und bis heute gut mit Bassist CJ befreundet ist. „Aber dass auf jeder Tour Massen davon verkauft wurden, konnte man ja schon sehen, wenn man nur einen Blick auf den Merchandise-Stand und die dort bei jedem Konzert abgelieferte Ware warf.“

Ex-Drummer Richie Ramone – zwischen 1983 und 1987 höchstselbst auf dem Shirt verewigt – sagt: „Kein Wunder, dass die RAMONES so viele Hemden verkauften und noch heute verkaufen: Ihr Logo ist – neben dem des CBGBs vielleicht – das verdammt noch mal bekannteste Bandlogo der Welt! Das kennt jeder. Und es sieht einfach sensationell aus.“ Glück brachte Richie der vom eingangs erwähnten Designer Arturo Vega entworfene Geniestreich gleichwohl nicht: Weil Johnny als „Finanzminister“ der Band ihn partout nicht an den Verkaufserlösen der Shirts beteiligen wollte, schmiss der Schlagzeuger irgendwann entnervt und enttäuscht die Drumsticks in die Ecke und stieg aus. Auch das ist irgendwie ein Beweis dafür, wie wichtig Band-Shirts sein können. Den RAMONES-Adler verwendet Richie heutzutage – wenn auch in leicht abgewandelter Form – natürlich weiter in eigener Sache. Der Wiedererkennungswert ist einfach zu hoch. Die Chancen, die eigenen Platten mit diesem Symbol besser zu vermarkten, sind einfach zu gut. Der Kult ist schlicht unschlagbar.

Auch Flo Hayler, der Betreiber des Ramones-Museums in Berlin, ist einer, bei dem die persönliche Liebe zur Band eine große Rolle für die Band-Shirt-Manie spielt: Nach eigenen Worten stehen zwei Plastikwannen voller RAMONES-Shirts bei ihm daheim. Jedes einzelne steckt in einer Tüte mit Reissverschluss – schließlich darf an die heiligen Shirts nichts drankommen. Manche besitzt Flo Hayler gar mehrfach. „Damit ich auch mal eines tragen kann“, wie er sagt. Und ohne mit der Wimper zu zucken ist er nach eigener Aussage bereit, bei Auktionen im Internet für ein Shirt 200 oder 300 Dollar auszugeben.

Dass er das tut, hat allerdings auch andere Gründe: Flo Hayler huldigt dem Mythos und Kult „Band-Shirt“ generell und weit über die RAMONES als seine Lieblingsband hinaus: Er hat noch geschätzte 2.000 weitere Shirts anderer Bands im Schrank liegen. „Seit Jahren kaufe ich mir bei Konzerten immer mindestens eines“, sagt er, macht eine Pause – und betont noch einmal: „Immer!“ Denn Merchandise-Geld sei stets Bandgeld: „Die 10, 15 oder 20 Euro, die ich dafür abdrücke, gehen direkt in den Tank“ – zumindest wenn es nicht gerade die DROPKICK MURPHYS oder ähnlich große Bands seien. Das ist ein romantischer Zugang zum „Phänomen Band-Shirts“. Aber Hayler hat eben auch den Blick eines Sammlers darauf, der sich beinahe wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzt.

Band-Shirts seien Sammlerobjekte, die sich – im Gegensatz zu Schallplatten etwa – hervorragend in der Öffentlichkeit präsentieren ließen, betont er. „Und Sammlungen sind ja auch eigentlich dazu da, gezeigt zu werden.“ Was aber noch wichtiger sei: „Sie sind immer ein Statement.“ Gerade im Punk, wo es traditionell zig Motive gebe, mit denen man Otto Normalverbraucher draußen auf der Straße vor den Kopf stoßen könne: Egal ob das HAMMERHEAD-Motiv mit Silke Bischoff, die englische Queen bei den SEX PISTOLS, das durchgestrichene Kreuz bei BAD RELIGION oder Sid Vicious mit den Hakenkreuz-Klamotten: „Als ich so was damals als Jugendlicher gesehen habe, ist mir die Kinderschokolade aus dem Maul gefallen, so geil war das.“ Deshalb freue er sich auch heute noch, wenn er einen Teen mit THE CLASH-Schriftzug auf der Hühnerbrust über den Schulhof laufen sehe. „Das ist doch so viel cooler als all die Kids mit ihren Abercrombie & Fitch-Klamotten.“

Für den amerikanischen Journalisten, Popwissenschaftler und Autor Simon Reynolds liegt hierbei klar auf der Hand: „Alle, die so ein Shirt in der Öffentlichkeit anziehen, wollen rebellisch rüberkommen.“ Wer mit THE CLASH, SEX PISTOLS, RAMONES oder dem von Reynolds selber favorisierten „Unknown Pleasures“-Logo von JOY DIVISION herumlaufe, der zeige allen: Schaut her, ich trage „Secret Knowledge“ – Insiderwissen – mit mir herum. Ich gehöre einem Club an, dem ihr niemals angehören werdet. Ich bin anders als ihr. Und ich bin verdammt noch mal stolz darauf. Aus diesem Grund sei es ja beinahe logisch, wenn heutzutage Pop- und Filmstars, die mit Punk und Subkultur etwa so viel zu tun haben wie die Deutsche Bahn mit Pünktlichkeit und die Springerpresse mit Niveau, in solchen Shirts vor den Kameras posierten: Die halbe Portion Justin Bieber mit dem RAMONES-Adler. Die „Twilight“-Vampir-Knutscherin Kristen Stewart mit den vier Balken von BLACK FLAG. Oder Lady Gaga im SUICIDAL TENDENCIES-Shirt – das ihr übrigens erst jüngst das vom Teenie-Schundblatt Bravo gestreute Gerücht einbrachte, sie sei selbstmordgefährdet. „Machen wir uns nichts vor“, sagt Reynolds, „was haben Bieber, Stewart oder Lady Gaga mit diesen Bands zu tun? Gar nichts!“ Aber um ihr Image etwa als Kinderstar (Bieber) und pubertierendes Gör (Stewart) abzulegen, hätten wahrscheinlich irgendwelche findigen Berater ihren Job getan und einen Rat erteilt, nämlich: Zieh mal das hier an. Damit siehst du härter und cooler aus. Gerade im Falle Bieber könne der angestrebte Wandel vom Teenie- zum erwachsenen Musiker gar nicht schneller bewerkstelligt werden, als mit einem Punkrock-Band-Shirt.

Neben Coolness-Faktor und Subkultur-Statement ist der Shirt-Kult für Reynolds allerdings auch im menschlichen Bedürfnis begründet, ein originales Stück der Vergangenheit zu besitzen. „Vintage-Hype“ nennt er das – ein Phänomen, das er in seinem aktuellen Buch „Retromania“ treffend ergründete. Beides gehe vor allem auf die Siebziger Jahre zurück: In diesem Jahrzehnt erlebten die Band-Shirts einen ersten Boom: Sie wurden bei Festivals und Konzerten verkauft und als gute Einnahmequelle entdeckt. Plattenfirmen verschickten sie als Promo-Goodies für ihre Künstler an die Journaille. Kurzum: Das zumeist weiße T-Shirt, das in den Fünfziger Jahren durch die Leinwandrebellen James Dean und Marlon Brando gemeinsam mit Bluejeans und Turnschuhen vom ursprünglichen Navy-Ausrüstungsstück zur lässigen Jugendmode geworden war, wurde plötzlich bunt. Und weil die Siebziger nach Aussage von Reynolds für Werte wie „Freiheit“ und „Selbstbestimmung“ stehen, seien Motive aus dieser Zeit besonders begehrt.

Nachvollziehbar ist diese These vor allem am Beispiel einer Jugendbewegung und Subkultur, die bis heute die vielleicht prägendste überhaupt ist in der Musikhistorie: Damals brach der Punk los und zerstörte mit einer – destruktiv genutzten Freiheit – alte Strukturen. Dazu musste ein einheitlicher Look her. Ein Stil, der zur „Uniform“ werden konnte und gleichzeitig diesen militärisch besetzten Begriff ad absurdum führte, indem er auf alle Regeln und Konventionen pfiff. Der US-Autor Johan Kugelberg nennt das in seinem famosen Buch „Vintage Rock T-Shirts“ entsprechend „die ultimative Uniform des konformistischen Nicht-Konformismus“. Vor allem SEX PISTOLS-Manager Malcom McLaren und seine Partnerin VivienneWestwood hoben damals mit ihrem Laden „Sex“ an der Londoner King’s Road den Klamottenkult auf die nächste Stufe – und prägten gleichzeitig den bis heute gültigen Band-Shirt-Kodex des Punk: Provoziere! Falle auf! Lass deine Andersartigkeit zum textilen Stoff werden! Ein T-Shirt war nicht länger nur ein T-Shirt. Es wurde ein Ausdruck persönlicher Überzeugung – ein Prinzip, das bis heute gültig ist.

Im Punk sowieso. Dafür sorgten die dem ersten Boom folgenden Hardcore-Bands, die vor allem in den Achtziger und beginnenden Neunziger Jahren ihre ätzende Kritik am Status quo der Gesellschaft herausbrüllten. Wer heutzutage Internet-Auktionshäuser wie eBay nach originalen Band-Shirts durchforstet, der stößt vor allem auf Hemden dieser Bands. Gehandelt werden sie zu Preisen, die mit den Ohren schlackern lassen und den Kult ums Textil einmal mehr beweisen. Unangefochten an der Spitze scheinen hier GBH zu stehen: Für „Charged“-Shirts von 1986 sowie „Midnight Madness And Beyond“-Hemden (1987) werden durchaus schonmal um die 500 Dollar – als Startgebot – veranschlagt. Diese Shirts können zwar bei Weitem nicht mithalten mit dem „Live at Fillmore East“-Leibchen, das einst ein Roadie von Jimi Hendrix getragen hatte und das vor einigen Jahren für 5.000 Dollar verkauft wurde – beim weltberühmten Auktionshaus „Christie’s“ übrigens, das den Band-Shirt-Kult längst erkannt hat und ausschlachtet. Aber auch das GBH-Beispiel zeigt: eigentlich ist dem Wert eines Vintage-Shirts kaum eine Grenze gesetzt. Alles ist möglich, wenn Menschen ihr Stückchen Vergangenheit haben wollen, um allen zu zeigen: Ich gehöre zu etwas dazu, vom dem ihr keine Ahnung habt – auch wenn ich im Zweifelsfall gar nicht dabei war.

Natürlich weckt der Kult ums Hemd nicht nur bei Fans und Sammlern, sondern auch bei findigen Geschäftemachern Begehrlichkeiten. Der Umstand, dass auch Christie’s diese zu befriedigen und zu Geld zu machen versucht, ist zwar irgendwie logisch. Aber es ist noch lange nicht Alltag für ein Auktionshaus, das nach wie vor und wohl bis in alle Ewigkeit eher für seinen Handel mit Kunstwerken bekannt ist. Alltag hingegen ist es für Leute wie Gerard Maione und Seth Weisser: Die beiden betreiben in New York am West Broadway sowie in Los Angeles zwei florierende Vintage-Shirt-Geschäfte namens „What goes around comes around“ und preisen sich als Anbieter einer der weltgrößten Sammlungen von Original-Rock-Shirts. Über 100.000 davon sollen sie angeblich auf Lager haben – und statten von Ashley Judd über Avril Lavigne bis hin zu Jessica Simpson die komplette Riege der Stars und Sternchen mit uralten, ausgeleierten, aber eben exklusiv bedruckten Shirts aus.

Ebenso bedienen sich auch Stylisten und Filmausstatter regelmäßig am Gute-alte-Zeiten-Sortiment des Duos. Die übrigen Käufer, so sagte Gerard Maione einmal in einem Interview mit der Zeit, seien im Prinzip „alle anderen“ Typen. „Vom Teenager bis zum fünfzigjährigen Anwalt.“ Hauptsache, er oder sie blättere genug Kohle auf den Tresen. Man könnte auch sagen: Der Band-Shirt-Kult ist im (Justin Bieber! Kristen Stewart!) Mainstream angekommen. Simon Reynolds nennt dieses Phänomen übrigens eine „leere Retromanie“. Eine, bei der sich die Menschen ausschließlich für einen bestimmten Stil interessierten, weil er schön alt aussieht und nicht weil sie aus voller Überzeugung dahinterstehen – wie es etwa der Lifetime-Mod mit seiner Vespa-Parka-Kombi tut. „Bei der leeren Retromanie geht es allein ums Design.“ Genau so seien ja auch RAMONES- und MOTÖRHEAD-Shirts bei Modeketten wie H&M gelandet. Und genauso seien auch Che Guevara oder der Kommunistenstern vom politischen Symbol zur platten, nichts aussagenden Fashion-Marke verkommen.

Eine andere Gruppe, die dem Shirt-Trend vor allem deshalb frönt, um damit wiederum Geld von denen zu verdienen, die dem Hype aus den angesprochenen Style-, Protest-, Sammel- oder Fan-Gründen verfallen, sind die Shirt-Bootlegger. Das können Versandhändler sein, die gerade im Genre des Punk reichlich umtriebig unterwegs sind und sich mit vermutlich selbst gedruckten und gegen alle Lizenzregeln verstoßenden Shirts von 7 SECONDS, BLACK FLAG, DEAD KENNEDYS, MISFITS und Co. überhaupt erst ihr Überleben sichern können. Denn Platten, so wissen wir mittlerweile alle, verkaufen sich ja nicht mehr so gut. Aber Bootlegger sind vor allem die fliegenden Händler, die nach Konzerten draußen vor der Halle stehen und „falsche“ Band- und Tour-Shirts für die berühmten und selten überschrittenen zehn Euro feilbieten. Shirt-Idealist Flo Hayler betont zwar, „noch nie“ bei diesen Leuten eingekauft zu haben, stellt aber gleichzeitig auch klar: „Ich habe nichts gegen sie.“ Im Grunde genommen seien diese Bootlegger doch arm dran, weil sie versuchten, ihre Existenz mit Fake-Shirts zu sichern. „Und wenn sie das gut und intelligent und unerkannt machen – warum nicht?“ Bei den kleinen Bands, die jeden Cent aus dem Merchandise benötigten, gebe es sie sowieso nicht. Und ob sie einer Band wie RAMMSTEIN tatsächlich noch weh tun könnten, wage er zu bezweifeln.

Bela B. von DIE ÄRZTE sieht die Sache zwiegespalten: „Schwarzhändler nerven“, sagt er. „Die Qualität der Shirts ist unter aller Sau.“ Und als BelaFarinRod einmal Bootlegshirts in die Hände bekommen hätten, unter deren Druck noch das Unicef-Logo zu sehen gewesen sei, sei ihm „ehrlich gesagt schlecht“ geworden. Dennoch würden Bootlegger auch mit dafür sorgen, „dass die Shirtpreise in den Hallen nicht immer mehr explodieren“. Denn: „Man bekämpft sie vor allem durch günstige Preise und gute Qualität. Dann haben alle etwas davon.“ Steen Thomsen (LAST SEEN LAUGHING, THE ZERO POINT, WART OF DESTRUCTION) sieht ebenfalls Gutes und Schlechtes in den Bootleggern: „Natürlich ist es ein Ausnutzen und Verarschen der Bands – vor allem, wenn es bei kleinen Bands passiert. Die brauchen einfach jeden Penny, um zusammenzubleiben, und verlieren ja meist eher Geld, als dass sie welches verdienen.“ Gleichwohl könne diese Art der „Band-Promotion“ von außen auch durchaus das Ego eines Musikers streicheln – ganz nach dem Motto: Wir müssen es ja schon so ein bisschen drauf haben, wenn sich Bootlegger für uns interessieren.

Berühmt-berüchtigt für ihren äußerst erfolgreichen Umgang mit Bootleggern waren übrigens – wie kann es anders sein – die RAMONES. Flo Hayler erinnert sich: „Die sind am Anfang jeder Tour raus zu den Shirt-Verkäufern gegangen und haben denen angeboten: Entweder ihr verkauft uns eure Hemden für einen Appel und ein Ei – oder wir hauen euch auf die Fresse.“ Die Entscheidung sei meist sehr schnell gefallen – und die Fake-Shirts von der Band vernichtet oder verschenkt worden. MINOR THREAT-Frontmann Ian MacKaye, der mit seiner den Hardcore prägenden Combo selbst zahlreiche Kult-Shirts auflegte und damit nicht unwesentlich am Boom ums Stückchen Stoff beteiligt ist, sorgte jüngst in Szenekreisen für Aufsehen: Er bestätigte der Hipster-Modemarke Urban Outfitters offiziell und höchstpersönlich, dass ihr Verkauf von MINOR-THREAT-Shirts mit dem berühmten Schafketten-Motiv vom Album „Out Of Step“ zum Preis von 28 Dollar legal sei. MacKayes sarkastische und vielsagende Begründung: „Ich interessiere mich einen Scheiß für T-Shirts. Außerdem habe ich bereits genug Zeit mit der Jagd auf Bootlegger verschwendet.“ Ob er denn nicht denke, dass der Verkauf des Shirts durch Urban Outfitters absurd sei? „Ja“, antwortete er er. „Das denke ich. Aber wenn Idioten bereit sind, für ein Shirt 28 Dollar zu bezahlen, dann sollen sie das tun.“

Bei so viel Geschäftssinn, Diskussionen um Fake, wissenschaftlichen Analysen und Expertisen von Musikern ist es am Ende erholsam, sich noch zwei weiteren – vielleicht sogar den naheliegendsten – Gründen zu widmen, warum Band-Shirts – vor allem alte – gerade heutzutage so eine Beliebtheit erfahren. Erstens: Weil sie einfach gut aussehen. Und zweitens: Weil viele von ihnen ganz einfach mit irgendwelchen schönen, kuriosen, verrückten Erinnerungen verbunden sind und nach dem Aufkommen der Shirt-Welle in den Siebziger und dem richtigen Vorwärtsrollen in den Achtziger und Neunziger Jahren mittlerweile die erste Generation von Shirt-Käufern in einem Alter ist, in dem der Blick zurück automatisch von nostalgischer Verklärung gefärbt ist.

Die regelmäßigen Besucher der Internetseite labyrintherock.com haben eine Bestenliste der beliebtesten, weil schönsten und kultigsten Shirt-Motive im Rock gewählt. Auf Platz eins liegt „Dark Side Of The Moon“ von PINK FLOYD mit seinem einen Lichtstrahl brechenden Prisma auf schwarzem Grund. Auf Platz zwei folgt „The Trooper“ von IRON MAIDEN, bei dem Bandmaskottchen Eddie in eine Kriegsszenerie verfrachtet wird. Das drittbeliebteste Motiv ist das „Master Of Puppets“-Logo von METALLICA, das mit seinen an Marionettenfäden hängenden Kreuzen zugegebenermaßen ein Paradebeispiel für Sozialkritik im nicht in erster Linie für seine ausgeprägte Sozialkritik bekannten Metal-Genre ist. Was dahinter noch kommt? Unter anderem LED ZEPPELIN und „Stairway To Heaven“, erneut IRON MAIDEN („New Killers“), noch einmal METALLICA („Ride The Lightning“), GUNS N’ROSES („Appetite For Destruction“ sowie die gekreuzten Pistolen), das NIRVANA-Smiley, der schlichte „Back In Black“-Schriftzug von AC/DC, die über den Zebrastreifen auf der Abbey Road gehenden BEATLES, das RAMONES-Logo, die ROLLING-STONES-Zunge (die Flo Hayler übrigens schon wieder für „absolut uncool“ hält, da sie über die Jahrzehnte einfach zu bekannt geworden sei, als dass man mit ihr noch irgendeinen Revolutionsgedanken ausdrücken könne), das MOTÖRHEAD-Logo, der SLAYER-Adler und der DEAD-KENNEDYS-Schriftzug.

Was die mit einem Shirt verbundenen subjektiven Erinnerungen angeht, ist die Internetseite „Mybandtshirt“ erwähnens- und einen Blick wert: Hier sind Dutzende von persönlichen Geschichten rund um Band-Shirts versammelt. Eine Dame namens Vanessa Berry schreibt dort eine Liebesode an ihr erstes ALIEN SEX FIEND-Hemdchen von 1994, das sie zum Goth werden ließ, weil es so dunkel, chaotisch und obskur ausgesehen habe. Carl Loben aus dem englischen Brighton schwärmt von seinem „Anti Fascist“-Shirt. Band: CHUMBAWAMBA. Das sei zwar nie seine Lieblingsband gewesen und die Musiker ganz gewiss nicht die coolsten Säue des Planeten, dafür aber habe der unmissverständliche Polit-Spruch darauf ihn vom Moment des Erblickens an in seinen Bann gezogen. Denn in einer Zeit, in der die Homophobie um sich gegriffen und die rechtsextreme British National Party wieder steigende Beliebtheitswerte gehabt habe, sei es ganz einfach eine wichtige Aussage gegen den Zeitgeist gewesen. Über 15 Jahre habe er das Hemd danach nicht mehr getragen. Aber als vor einigen Monaten die Mitglieder der rechten English Defence League in Brighton aufmarschiert seien, da sei es wieder soweit gewesen: Farbe bekennen. Meinung vertreten. Natürlich mit dem Kult-Shirt.

Auch die Ox-Autoren haben natürlich ihre Geschichten rund ums Lieblingsleibchen parat: Julia Brummert beispielsweise hütet daheim ihr „Sportfreundin“-Shirt, das sie sich 2002 bei einem Konzert der SPORTFREUNDE STILLER kaufte, zu dem ihr Bruder sie mitnahm. „Das Shirt hat zwar keine Form mehr und der Aufdruck ist ziemlich verblasst, sagt sie. „Aber das ist egal – weil es mich daran erinnert, dass ich mit 14 Jahren furchtbar stolz war, mit meinem großen Bruder zu einem Rockkonzert gehen zu dürfen.“ Der Verfasser dieser Zeilen vergöttert noch heute das abgewetzte und aus Angst vorm völligen Auseinanderfallen in den Schrank verbannte Hemdchen, das er sich bei seinem ersten RAMONES-Konzert kaufte: 1991 im lange schon nicht mehr existierenden Düsseldorfer Tor 3, bei der „Loco Live“-Tour. Und Axel Gundlach hat ohnehin die aberwitzigste Geschichte drauf: Er besuchte Anfang der Neunziger Jahre ein Konzert der Chaoten-Truppe RUDOLFS RACHE. Weil er die Band kannte und zu früh dran war, baten ihn die Jungs, doch bitte schonmal an den Merchandise-Stand zu gehen und Shirts zu verkaufen. Axel Gundlach stand den ganzen Abend lang hinter der Theke. Er verkaufte nicht ein Shirt. „Aber ich gab alles“, erinnert es sich. „Jeder, der am Stand vorbeikam, wurde von mir in bester Hamburger-Marktschreier-Manier angepöbelt.“ Seine Werbesprüche: „Kauf dieses T-Shirt und dein Leben hat wieder einen Sinn!“ Oder: „Trag dieses Shirt und die Frauen werden dir zu Füßen liegen!“ Und weil er alles gab, schenkte ihm die Band am Ende ein Hemd: „In ekligem DDR-Blau mit gelbem Aufdruck, einem gemalten Konterfei der Band – und dem Schriftzug ,Rudolfs Rache – The Kings Of Balla Balla‘!“ Er halte es noch heute in Ehren. Mehr noch. Axel Gundlach schließt nicht aus, es dereinst mit auf seine letzte Reise zu nehmen: in den Sarg.

Und bis es soweit ist, hat schlussendlich Shirt-Oberfreak Flo Hayler noch einen ultimativen Tip für alle Shirt-Freaks: „Geht auf Konzerte und kauft Shirts. Denn bedenkt: Die heutigen, neuen Shirts sind die Vintage-Shirts von morgen.“ Der Kult geht eben immer weiter.

Frank Weiffen

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #110 (Oktober/November 2013)

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