Interviews & Artikel : V. VALE & RE/SEARCH PUBLICATIONS :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

V. VALE & RE/SEARCH PUBLICATIONS

Biafras Lehrmeister

V. Vale wurde 1944 als Vale Hamanaka als Sohn japanischstämmiger Amerikaner geboren – in einem der nach Pearl Harbour für solche Bürger errichteten Internierungslager. In den Sechzigern zog es ihn in die Bay Area von San Francisco, er studierte in Berkeley Englische Literatur, ging nach Haight-Ashbury und war Teil einer frühen Besetzung von BLUE CHEER, die als Erfinder des Heavy Metal gelten. Mitte der Siebziger entdeckte er Punk, gründete das legendäre Search and Destroy-Fanzine, dokumentierte darin die damalige Punkszene und setzte diese Arbeit ab 1980 mit dem RE/Search-Magazin fort. Aus dem Magazin wurde im weiteren Verlauf der Achtziger eine Reihe von monothematischen Büchern, die sich im A4-Paperbackformat verschiedenen Subkultur-Phänomenen widmeten. Spätestens da war Vale vom DIY-Journalisten zum DIY-Kulturanthropologen geworden. „Modern Primitives“, „Incredibly Strange Music“, „Incredibly Strange Films“ oder „Industrial Culture Handbook“ erreichten hohe Auflagen in der Prä-Internet-Zeit und gelten als Pionier-Veröffentlichungen, deren Pflege sich der vielfältig interessierte Vale bis heute widmet. Vale – der seit langer Zeit schon mit Jello Biafra befreundet ist (erstaunlicherweise reden beide auch sehr ähnlich) – ist bis heute ein enorm wacher Mensch, dessen Interesse weiterhin vor allem der Punk-Subkultur gilt und der nicht müde wird, seine Sicht der Dinge in einem regelmäßigen Newsletter kundzutun. Ich rief V. Vale spät abends an, als es hier schon wieder Morgen war.

Wie sieht ein typischer Tage im RE/Search-Hauptquartier aus?


„Den“ typischen Tag gibt es hier nicht. Heute habe ich eine ganze Menge Zeit beim Durchklicken eines Punkrock-Profils bei Instagram verschwendet. Keine Ahnung warum – irgendwer hatte mir den Link geschickt. Da waren Fotos zu sehen von einem älteren Paar, sicher weit in den Sechzigern, die komplett im traditionellen Punk-Look gekleidet waren, sogar etwas „over the top“, mit Buttons, entsprechender Frisur und allem. Und das hat mich fasziniert.

Du bist seit Jahren von Gegenkultur fasziniert und dokumentierst sie. Ist heute das Internet dein wichtigstes Werkzeug, um auf neue Ideen zu stoßen?

Ich wünschte, es gäbe neue Ideen, aber es kommt selten vor, dass man auf etwas wirklich Neues stößt. Ich habe mal gesagt, es gibt nur hundert wirkliche eigene Ideen auf der Welt seit Beginn unserer Zeitrechnung – okay, vielleicht ein paar mehr. Und nein, ich verbringe meine Zeit nicht mit der Suche nach solchen neuen Ideen. Was mein Leben ruiniert hat, ist das iPhone.

Warum?

Weil es so viel meiner Zeit und Energie in Beschlag nimmt, mehr als den meisten Menschen bewusst ist. Deshalb bemühe ich mich um eine „de-addictification“, um eine gezielte Entwöhnung davon. Aber dann lande ich doch wieder bei Instagram und finde dort all diese Punkrock-Fotos, die man vorher noch nie zu sehen bekommen hatte. Und das sage ich, der wirklich schon eine Menge gesehen hat über die Jahrzehnte, der viele Leute kennt, ob nun eine Debbie Harry von BLONDIE, die Leute von DEVO – oder Jello Biafra. Bei dessen Spoken-Word-Veranstaltung in Oakland war ich übrigens gestern Abend und wir haben uns vorher und hinterher lange unterhalten. Er ist ein guter Redner, und am Schluss fragte ihn jemand, welchen Rat er einem 13-jährigen Jugendlichen geben würde, der sich heute für Punk interessiert – also dieser Jugendliche fragte das. Und Jello antwortete, indem er erzählte, wie er mit 16 Punk wurde, wie wichtig das Verfolgen der Nachrichten für ihn war, wie wütend ihn gemacht habe, was er da sah. Und heute, über vierzig Jahre später, stehe er auf dieser Bühne und sei immer noch wütend. Sein Rat sei deshalb, immer wütend zu bleiben. Ich finde, das ist ein guter Rat.

In deinem Fall würde der Rat wohl lauten: Bleib neugierig!

Genau das sagte Jello auch! Klar, man muss immer neugierig sein, nur das führt dich zu neuen Entdeckungen. Nur so kannst du es schaffen, hinter die Fassaden der Nachrichten der Medienkonzerne zu blicken, mit denen wir tagtäglich gefüttert werden. Und erst dann schaffst du es, die tieferen Wahrheiten zu entdecken, und dir wird klar, dass eigentlich alles noch viel schlimmer ist, als du je vermutet hattest.

Sprechen wir über deine Bücher, etwa „Modern Primitives“, „Incredibly Strange Music“, „Incredibly Strange Films“ oder „Industrial Culture Handbook“. All diese Bücher enthielten Informationen, an die eigentlich nur Personen gelangen konnten, die zu einer bestimmten Zeit an bestimmten Orten waren, die bestimmte Leute kannten. Das fand alles außerhalb der Blicke der Öffentlichkeit statt. Doch seit Beginn des Internet-Zeitalters sind diese Informationen praktisch weltweit jedem zugänglich. Die Exklusivität der Informationen in deinen Bücher ist mit dem Internet nicht mehr gegeben.

Ja und nein. Das Problem mit dem Internet ist dessen Endlosigkeit – jeder von uns kennt das. Jeder Link führt zu einem weiteren und so geht das immer weiter. Das hat zu einer Kultur der Ablenkung geführt, wir haben ein Universum der Ablenkungen betreten. Und es fällt schwer, auf irgendein Thema fokussiert zu bleiben, denn all diese Links versuchen, dich auf Abwege zu locken. Aus diesem Grunde bin ich immer noch Fan des klassischen Papierbuchs. Wenn man sich wirklich mit etwas beschäftigen will, ist so ein Buch, ohne Ablenkung durch Smartphone oder Computer in der Nähe, unübertreffbar. So kann man sich konzentrieren – und sowieso ist Konzentration ein rares Gut geworden. Meine Theorie ist, dass unser Gehirn auch nur eine Art Computer ist, und wenn man also ein Problem oder mehrere lösen muss, macht man sich vor dem Zubettgehen eine Liste, und ich schwöre, du wachst morgens auf und hast die Lösung. Aber das klappt nur, wenn man sich nicht gleich am Morgen durch das Radio oder sonst wie ablenken lässt. Wenn du das beachtest, gibt dir dein Hirn alle Antworten, die du brauchst. Ich bin auch immer noch ein Fan des klassischen Notizbuchs – da trage ich ein, was mir so in den Sinn kommt, chronologisch. Natürlich ist dein Problem mit der bloßen Antwort darauf nicht gelöst, aber du kannst nun anfangen, daran zu arbeiten. Sofern du dein Unterbewusstsein arbeiten und du dich nicht ablenken lässt. Deshalb halte ich die Zeit direkt nach dem Aufwachen für sehr wertvoll. Da flüstert dir dein Unterbewusstsein nämlich auch neue Ideen ein, und die schreibt man besser sofort auf. Eigentlich ist das alles sehr einfach.

Mit diesem Computer, dem Hirn, kann man auch eine Menge anstellen, etwa was Drogen betrifft ...

Ich bin mir sehr bewusst über die Auswirkungen von Drogen, Pharmazeutika und so weiter. Ich versuche, mich möglichst gesund zu ernähren, esse viel rohes Gemüse und Obst, und nur ein Minimum an totem Tier. Ich versuche, gesund zu bleiben, und dazu gehört für mich, die Produkte der Lebensmittelindustrie zu meiden ebenso wie die Produkte der Pharmaindustrie. Ich habe erst kürzlich einen Freund verloren, ein Fotograf – und fand heraus, dass sein Tod mit dem entsetzlichen Fentanyl in Verbindung steht. Das ist schreckliches Zeug, das den Pharmakonzernen aber enorme Profite verschafft, weil es sehr schnell abhängig macht. In den USA hat das schon so viele Menschen ruiniert und getötet. Diese Droge hatte meinen Freund vor seinem Tod völlig verändert, sein Hirn total umgekrempelt – ich habe ihn kaum mehr wiedererkannt. Zum Schluss hat er sich umgebracht. Unsere Körper sind Maschinen, wir nehmen Drogen – inklusive Alkohol und Tabak – und diese Drogen haben Auswirkungen auf den Körper, was wiederum das Gehirn beeinflusst, das dann nicht mehr so arbeitet, wie es sollte. Deshalb halte ich mich von Drogen fern, denn ich will einen klaren Verstand haben, schließlich muss man sich jeden Tag mit so viel Bullshit herumschlagen, dass es den braucht. Es ist anstrengend, sich zu verweigern, Versuchungen zu widerstehen, nicht einfach alles zu akzeptieren.

Eine Maxime des Punk ...

Ja, darum ging es im Punkrock doch immer. Und ich denke nicht, dass sich daran etwas geändert hat, schließlich sind die Umstände nicht besser, sondern schlimmer geworden. Andererseits ... wies Biafra gestern zu Recht darauf hin, dass, so schlimm der aktuelle Präsident auch ist, wir in den USA vor nicht allzu langer Zeit einen hatten, der genauso schlimm war und den heute jeder vergessen zu haben scheint: Richard Nixon. Aber Biafra erinnert sich, obwohl er damals noch ein Kind war. Biafra machte sich über Trump lustig, klar, das ist ein Verteidigungsmechanismus, was soll man sonst dagegen tun? Und immerhin hat man auf diese Weise Spaß, anstatt sich nur aufzuregen. Übrigens schwöre ich, dass der Typ, der gerade Präsident ist, mein Buch „Pranks!“ [deutsch: „Streiche!“] gelesen haben muss. Das ist sowieso die eindeutige Erkenntnis: Diese ganzen Rechten, Rassisten und Konservativen, die haben ihre Taktiken bei den Linken abgeschaut und sogar deren Sprache kopiert, nennen sich etwa „Alt.Right“ – „alternative Rechte“. Biafra bemerkte dazu gestern, man solle diesen Begriff nie verwenden, denn an diesen neuen Rechten sei nichts „alternativ“, das seien einfach nur Neonazis und genau so müsse man die nennen. Ein anderes solches Wort, das seit Neuestem auch Konservative verwenden, ist „disruptive“. Nein, genau das sind sie nicht! Das sind einfach nur Konservative, die die Welt aus egoistischen Motiven ruinieren wollen, um sich zu bereichern.

Was deine Aussagen in Sachen Drogen betrifft: Du warst in den Sechzigern mittendrin, als in San Francisco, in Haight-Ashbury, die Hippie-Bewegung ihren Höhepunkt erreichte.

Ich war schon in die Bay Area gezogen, bevor das alles losging. Das Aufregendste war für mich die Begegnung mit der Free-Speech-Bewegung in Berkeley 1964. So was hatte es vorher noch nie gegeben! Das hat mir echt die Augen geöffnet! Das was ein total radikalisierendes Erlebnis für viele Leute. Die Hippie-Bewegung lief da bereits, das war zunächst nur eine Stilsache, wie Punk dann auch, das war ja in seiner Essenz auch eine Style- und Musikbewegung. Die Leute ließen einfach ihre Haare lang wachsen, das muss so 1961/62 gewesen sein. Es waren zunächst nicht viele, aber sie fielen auf, und dann machten andere das nach. Es ist immer verrückt, wie solche Bewegungen beginnen. Das war nicht so wie mit Karl Marx, der den Marxismus begründet hat, nein, wir wissen nicht genau, wie diese Hippie-Bewegung losging. Und dass Punk dann in die genau entgegengesetzte Richtung ging, war irgendwie vorhersehbar nach den Typen mit ihren extrem langen Haaren, Schlaghosen und ihrer grellbunter Kleidung. Die Punks trugen dann sehr dunkle Kleidung, hatten einen minimalistischen Stil. Damals war es quasi unmöglich, schwarze Jeans zu bekommen, also haben die Leute in meinem Umfeld die zu Hause selbst schwarz gefärbt. Und die Punks waren sehr anti-konsumistisch eingestellt, und zumindest in San Francisco auch sehr gegen Alkohol und Drogen. Das war genau das Gegenteil von den Hippies sowie den Eltern. Solche Details sind aber kaum bekannt und werden kaum berichtet, weil sie so wenig sensationell sind. Irgendwie wird das Bild von Punk doch immer noch von dem Klischee dominiert, es ginge bei Punk um Drogen und Alkohol.

Ein Beispiel?

Kürzlich stieß ich auf Instagram auf ein altes Foto von Joe Strummer, von 1981 oder 1982. Er trägt ein sehr enges, ärmelloses T-Shirt, war wohl gerade bei einem Marathon mitgelaufen und wird mit den prahlenden Worten zitiert, er habe am Abend zuvor zehn Bier getrunken. Und dann denken die Leute, das habe was mit Punk zu tun! Aber nicht für mich, solche Aussagen über Punk führen völlig ins Leere. Wie schon gesagt, wir sind Maschinen, und die Klarheit unserer Gedanken wird von Alkohol und Drogen beeinträchtigt. Nichts ist für mich wichtiger, als klar zu denken.

Warst du schon immer so strikt gegen Drogen eingestellt, obwohl du doch in der Hippie- wie der Punk-Szene stark entsprechendem Konsumverhalten ausgesetzt warst?

Ich war damals ein Konformist wie alle anderen auch. Und deshalb sage ich heute noch, man solle nicht konform gehen mit den Klischees, die Punk und alle anderen Subkulturen mit Alkohol und Drogen assoziieren. Rebelliere! Denke für dich selbst! Alles, was du deinem Körper und deinem Hirn zufügst, wird sich irgendwann bemerkbar machen. Merk dir das!

Warst du damals aktiver Akteur in der Punk-Szene oder mit deinem Search & Destroy-Fanzine eher ein außenstehender Beobachter?

Ich beschreibe mich gerne mit der ersten Ausgabe von Search & Destroy: Ich habe nicht nur dokumentiert, sondern eine katalytische Funktion ausgeübt in der internationalen Punkrock-Naive-Kunst-Kulturrevolution. Ich sage bewusst nicht „politische Revolution“, sondern „kulturelle Revolution“. Ich war schon immer sehr misstrauisch gegenüber allem, was Politik ins Spiel brachte, ganz einfach, weil ich den Menschen, die an so was beteiligt sind, nicht traue. Vor Punk gab es zwei sehr wichtige Prinzipien, die auf den Comedian Groucho Marx zurückgingen: Er sagte: „I wouldn’t join any group that would have me as a member.“ Und er sagte: „Whatever it is, I’m against it.“ Diese beiden Sätze konnte ich auswendig, bevor es Punk überhaupt gab. Letzterer Satz bedeutet für mich, dass egal, was man dir für eine Idee präsentiert, du das erst mal negierst. Und wenn du das nicht tust, hast du nicht nachgedacht. Sich seine eigenen Gedanken zu allem zu machen ist super wichtig!

Was war dein Ansatz in der Dokumentation der Punk- und anderer Subkulturen mit deinem Fanzine und später den Büchern?

Mein erster Gedanke dazu: Hätte ich mehr Geld gehabt, hätte ich einen besseren Job gemacht. Bei all meinem Tun geht es um Anthropologie. Die hat mich schon zu Highschool-Zeiten interessiert. Mein Gedanke war, dass es so viele Menschen auf dem Planeten gibt, dass es doch spannend sein müsse zu studieren, wie verschieden die alle sind. Warum sind die so? Warum kleiden die sich so? Warum tragen sie die Haare so und nicht anders? All so was! Wenn man mal anfängt, Bücher über Anthropologie zu lesen, lässt einen das Thema nicht mehr los. Gerade die Franzosen sind auf dem Gebiet sehr stark, etwa Claude Levi-Strauss, Marcel Mauss. Und die britische Anthropologin Mary Douglas, von der habe ich damals alles gelesen. Die Standardwerke habe ich auch alle gelesen, „Patterns of Culture“ von Ruth Benedict etwa. Ich könnte dich noch mit vielen Namen „bewerfen“, aber das wäre langweilig. Der Punkt ist aber, dass man nichts als gegeben hinnehmen sollte. Ich bin wohl das, was man einen Außenseiter nennt.

Inwiefern?

Was mich schon damals von anderen unterschieden hat, war mein Interesse an einer über allem stehenden Idee: Freiheit. Freedom. Liberty. Liberté. Man muss jeden Tag über Freiheit nachdenken, denn nichts ist einfacher, als mit etwas konform zu gehen. Man muss sich ständig aufs Neue fragen, ob man sich frei entschieden oder sich einem Gruppendruck gebeugt hat. Drogen und Alkohol zu konsumieren ist für mich einfach nur eine typische Verhaltensweise aufgrund von peer pressure. Gruppendruck ist etwas sehr Kraftvolles. Und obwohl ich die stilistischen Signifikanten mag, die jeder sofort mit Punk assoziiert, etwa Doc Martens – es geht doch jedem von uns so, dass man jemand mit Docs sieht und davon ausgeht, dass die Person etwas mit Punk zu tun hat –, hat das eben auch was mit Gruppendruck zu tun. Oder dass ich schwarze Kleidung trage, praktisch seit ich mich mit Punk beschäftige, das hat mich so geprägt, dass ich unweigerlich lächeln muss, wenn ich auf der Straße jemanden sehe, der ebenfalls schwarz trägt. Vielleicht sollte ich diese Person ja mal ansprechen? Aber es kommt eben nur selten vor, hahaha.

Mit dem Thema Konsumverweigerung, das du eben ansprachst, war Punk einst seiner Zeit weit voraus.

Ich mag diesen Aspekt an Punk sehr und finde, der wird immer unterschätzt. Da geht es eben nicht um teure Designer-Handtaschen und all den Mist, den keiner wirklich braucht.

Auch das hat etwas mit Freiheit zu tun, wovon du eben sprachst.

Ja, und das bringt mich zu der unglaublichen Vielfalt und Kreativität der ersten ein, zwei Jahre von Punk. Mit ihren Frisuren beispielsweise machten sich die Punks ja auch über die konventionellen Looks, Frisuren und Stile lustig, von denen sich die Leute, ja, man könnte fast sagen „versklaven“ ließen. Da war viel schwarzer Humor im Spiel, finde ich. Von Anfang an ein brillanter Geist war für mich John Lydon, der hatte immer einen eigenen Kopf. Allein wie der sich im Fernsehen damals öffentlich über Bill Grundy lustig gemacht hat in dieser legendären Sendung. Mach dich über die Autoritäten lustig, aber mit Humor, das ist ein wichtiges Prinzip. Und oft ist das ja das Einzige, was wir tun können.

Woher hast du diesen rebellischen Geist?

Schwer zu sagen ... Bis zum Alter von sieben hatte ich schon in drei Pflegefamilien gelebt. Eine davon war eine wundervolle polnische Familie in Idaho, eine andere eine afroamerikanische in Kalifornien. Am schlimmsten war die sehr traditionelle japanische Familie eines Onkels in Fresno, ich habe es dort gehasst, er war sehr autoritär, ich hasste diese Kultur. Dann endlich konnte ich bei meiner leiblichen Mutter leben, das war die schönste Zeit meiner Kindheit, von sieben bis siebzehn. Wenn man aber mit sieben schon in drei verschiedenen Familien gelebt hat, glaub mir, dann wird man automatisch zum Anthropologen. Da identifizierst du dich mit gar nichts, du musst ständig Neues lernen, dir Notizen machen, die Menschen um dich herum genau beobachten und gut zuhören.

Als Überlebensstrategie?

Ich kann dir sagen, wie ich überlebt habe: Indem ich Späße gemacht habe und lustig war, fast wie ein Comedian. Die nannten mich damals „Sunny Vale“ – im Silicon Valley gibt es eine Stadt, die so heißt. Ich war einfach ein fröhlicher Kerl, es machte mir Spaß, die Menschen zum Lachen zu bringen. Und so habe ich diese Zeit überlebt, und erst später wurde mir klar, dass das eine Taktik war. Humor ist extrem wichtig, das ist mir auch später immer wieder klar geworden. „Humor über alles“ ist mein Motto, hahaha.

Ein passender Satz zum heutigen Tag – der 20.04. ist Hitlers Geburtstag ...

Hahahaha! Ich habe Dutzende Bücher über Hitler gelesen damals, wir alle in der Punk-Szene taten das. Sowieso, die ganzen Leute, die früh bei Punk dabei waren, das waren alles eifrige Leser. Alle, die ich kannte, lasen Bücher, viele, ständig. Wobei das wahrscheinlich San Francisco-Punk von Punk in anderen Städten unterschied, denn die Punk-Szene war ja je nach Stadt verschieden. Und wir standen besonders auf „verbotene“ Bücher, und Hitler war natürlich „verboten“. Und weil das so war, wollte man natürlich alles darüber lesen.

Du hast damals selbst in einem Buchladen gearbeitet und hattest dort 1977 eine Begegnung, die zur Gründung deines Fanzines und schließlich des Verlags geführt hat ...

Ja, ich arbeitete im City Lights Bookstore, und Allen Ginsberg stellte mir einfach einen Scheck über 100 Dollar aus, noch bevor ich fragen konnte, er war sehr großzügig. Der wusste schon Bescheid über Punk, er war mit Patti Smith bekannt. Patti Smith ist meiner Meinung nach sehr wichtig für die frühe Entwicklung von dem, was dann als Punk bekannt wurde, genau wie Iggy Pop und MC5. Ich sah Iggy Pop 1975 mal live, der trat bei mir die Straße runter auf – ich bin hier in dieser Wohnung schon seit über vierzig Jahren. Durch reines Glück wusste ich schon von Patti Smith und Iggy Pop vor den allermeisten anderen. Patti Smith kannte ich seit 1973, und das wiederum kam, weil ich ein Fan von Sam Shepherd war und der hatte wohl mal was mit Patti. Ich fand Patti sehr interessant, ich dachte eigentlich sei sie eine Dichterin, aber dann kam 1974 ihre erste Platte, „Piss Factory“, das war eine der ersten Punk-Platten. Ich habe ganz genau auf ihre Texte geachtet und die Art, wie sie singt. Es war unüberhörbar, dass das etwas ganz Neues ist, etwas Revolutionäres. Man wusste einfach, da bahnt sich etwas an. Nie wieder habe ich eine Frau so singen, so reden hören, das war absolut neu! Es ging darum, frei zu sein, die Wahrheit zu sagen. Ich habe sie später mal als die „Jeanne d’Arc des Punk“ bezeichnet – so wichtig war sie. Sie wollte Freiheit, immer mehr davon, und verspottete die Autoritäten, stellte alles in Frage, war neugierig. Und sie hatte den nötigen Antrieb, ihre Neugier auch in Wissen umzuwandeln. Wissen ist wichtig, und viel Wissen wird uns vorenthalten, das muss man sich erkämpfen.

All die großen Subkulturen der vergangenen Jahrzehnte gingen von Europa oder Nordamerika aus. Was ist mit dem Einfluss von Ländern wie China oder Russland – nicht vorhanden oder übersehen wir da etwas? Oder gibt es da nichts, wegen fehlender Freiheit?

Genau so ist es! Vor allem die fehlende Pressefreiheit ist ein Problem. Ich würde keinesfalls in China oder Russland leben wollen. Ich bin dankbar für all die Freiheiten, die ich in Amerika hatte in meinem Leben. Und was nun den Einfluss betrifft ... Vielleicht hat das was damit zu tun, dass Englisch die Weltsprache geworden ist. Warum Englisch, warum nicht ... Japanisch? Ich verstehe das nicht, bin aber auch froh darüber. Dabei kamen viele Ideen der amerikanischen Demokratie ja aus Frankreich: Lasst uns ein Land gründen ohne König, in dem jeder eine Stimme hat! Amerika ist ein sehr interessantes kulturelles Experiment, und ich kann nur hoffen, dass das, was es ausmacht, nicht stirbt – inklusive der Freiheit. Ich habe gestern einen Film gesehen darüber, wie die Superreichen in den USA dafür gesorgt haben, dass die Stimmen vieler Angehöriger von Minderheiten – Schwarze, Asiaten, Hispanics – entwertet wurden, und ich fand das erschreckend. Biafra hat dazu auch noch ein paar Worte gesagt.

Ich sehe die Freiheit dadurch gefährdet, dass die Macht der großen Internetkonzerne immer größer wird, deren Algorithmen nach undurchsichtigen Prinzipien bestimmen, was Menschen zu sehen und zu lesen bekommen – und in der Folge Publikationen wie deine und meine vielleicht immer unsichtbarer werden.

Dagegen kann man was tun, und meine Strategie ist, überall in Amerika auf so vielen dieser Zinefests wie möglich vertreten zu sein. Dort treffe ich genau die Menschen, die an meiner Arbeit interessiert sind. Man schließt neue Freundschaften, man kann sich gegenseitig weiterhelfen. Und all das dort ist real, das ist nicht im Internet. Dazu kommt, dass ich das alles ja zu großen Teilen alleine mache, und Menschen persönlich zu treffen ist etwas anderes, als mit hunderten bei Facebook befreundet zu sein – mich darum zu kümmern, dazu fehlt mir ganz einfach die Zeit. Ich habe gelernt, dass es besser ist, mich von Facebook fernzuhalten. Instagram ist hingegen viel mehr mein Medium, wobei ich Angst habe, dass die das auch bald ruinieren. Auf diese Weise bin ich neulich etwa auf eine Website gestoßen mit unendlich vielen alten Punkfotos. Dass alles, was ich bei Instagram poste, auch über Facebook und Twitter läuft, hat mir übrigens jemand eingestellt. Und ich frage mich natürlich, verkaufe ich auch nur ein Buch mehr, weil ich bei Instagram, Facebook und Twitter bin? Ich weiß es nicht, es ist ein Rätsel. Ich versuche mich bei Instagram zurückzuhalten, ein Post am Tag sollte reichen.

Wie groß ist dein Archiv an Büchern, Platten, Fotos und so weiter?

Als das mit Punk losging, habe ich sehr obsessiv versucht, alles in die Finger zu bekommen, was erschien, gerade Fanzines. Aus aller Welt habe ich die bestellt. Ich rede von 1976, bevor ich mein Fanzine gründete. Offiziell ging Punk in San Francisco ja erst 1977 los, aber es gab 1976 schon erste Konzerte, und durch glückliche Zufälle war ich auf allen. Anfangs gab es ja nicht mal Punk-Alben, nur Singles. Die kamen aus England, wo Punk früher begonnen hatte. Meine erstes Punk-Album – oder wegen mir Pre-Punk-Album – war von Iggy. Und 1975 oder so veröffentlichte diese Band in Australien, THE SAINTS, ein Album, darauf war der großartige Song „(I’m) Stranded“. Ich bekam die in die Finger und verstand, dass das eine Art früher Punk war. Die RAMONES veröffentlichten ihre erste Platte im April 1976, aber ich hatte die erst im Juli des Jahres, und im August spielten die im Rahmen ihrer Tour in San Francisco. Ich war da, und insgesamt waren gerade mal dreißig Leute oder so gekommen – zwölf davon waren aus dem Gefolge der Band. Die RAMONES hatten ihre Freundinnen dabei, was wir damals komisch fanden. Und was das für Frauen waren, das war für uns schockierend! Wir kannten bis dahin keine Frauen, die so laut und aggressiv auftraten – das war eine Art von Feminismus, glaube ich. Diese Freundinnen waren echt laut und hardcore, so was hatte ich nie vorher gesehen. Bis dahin waren Girls immer irgendwie nur nett und freundlich.

Um auf meine Frage zurückzukommen: Sammelst du?

Dafür habe ich keine Zeit! Ich veröffentliche, ich publiziere, und das ist enorm zeitaufwendig. Ich halte nichts von unsauberer Arbeit, ich arbeite sehr exakt. Wie du bei meinen Büchern feststellen kannst, gibt es da nur sehr wenige typografische Fehler. Und sie sind sehr genau lektoriert und editiert. Ich habe gefühlt eine Million Bücher gelesen, eine Leidenschaft, die schon in meiner Kindheit begann. Ich bin eben anders – ich hatte damals auch kaum Freunde und las stattdessen viel. Wenn man aber so viel liest, entwickelt man einen gewissen Anspruch, und entsprechend sind meine Standards ziemlich hoch. Ich hatte später dann auch eine eigene Schriftsetzerei und lernte entsprechend viel über Typografie. Dadurch entwickelt man noch mal einen ganz anderen Blick auf Bücher. Ich lese bis heute sehr viel, und da draußen sind noch so viele Bücher, die ich lesen will ... Genau deshalb sind wir Menschen mit dem Sinn für Neugier ausgestattet. Man will doch einfach alles wissen! Und sobald ich wusste, dass so was wie Typografie existiert, wollte ich alles darüber wissen: Warum wird der eine Schriftsatz als gut erachtet und ein anderer nicht? Ich erwarte nicht, dass andere das interessiert, aber für mich ist das spannend. Such mal im Internet nach meinem Skript „Goals of Life“, das wurde vielfach kopiert. Darin findet sich ein kleiner Aphorismus: „Versuche kontinuierlich besser zu werden bei allem, was du tust.“ Warum auch nicht?!

An welchem Projekt arbeitest du aktuell?

Da rede ich am liebsten nicht darüber, ich bin da schon ewig dran. Nur so viel: In den Tage der Audiokassette habe ich eine Menge Aufnahmen gemacht und nie etwas damit angefangen. Und jetzt versuche ich, diese Aufnahmen zu sichten und umzuwandeln, um dann zu sehen, was man damit machen kann. Da sind Aufnahmen berühmter, mittlerweile verstorbener Leute darunter, etwa William S. Burroughs. Ich habe einige Tapes mit ihm, bei denen ich immer zu faul war, sie zu transkribieren. Mit all dem Material, das ich zu ihm habe, könnte ich locker drei Bücher füllen, und das sollte ich besser erledigen, bevor ich sterbe. Und dann sind dann noch all die anderen Tapes mit berühmten oder halbwegs berühmten Leuten, mit denen muss ich auch irgendwas machen.

Vielleicht wäre es ja angebracht, die Tapes erst mal zu digitalisieren.

Wir sind dran, aber das hier ist ein kleiner Laden, unsere Möglichkeiten sind begrenzt, aber du hast recht, wahrscheinlich sollte ich mir erst mal ein Ziel wie die Digitalisierung setzen, eine Kassette am Tag oder so. Der Haken: da muss man dabeisitzen und mithören und aufpassen, falls das Band reißt. Das braucht also alles seine Zeit. Vielleicht muss ich auch einfach auf mein Glück hoffen. Oh Mann, es gibt so viel zu tun, aber ich bin eben auch fauler geworden, das Alter ... Früher habe ich Tag und Nacht gearbeitet, jetzt mache ich das nicht mehr. Das kann man auf irgendwelche körperliche Faktoren schieben, aber welche auch immer das sind, ich muss gerade schmerzlich feststellen, dass diese real sind.

Kürzlich noch sagte mir ein Ü60-Punkrocker, das größte Glück im Leben sei, gesund zu sein. Sein Ziel sei es, so lange wie möglich gesund zu bleiben.

Ja! Ich kann da nur 100% zustimmen! Ich versuche, mich bestmöglich zu ernähren, nur Superfoods zu essen. Mein Ziel ist es, nicht mehr krank zu werden, das kann ich mir nicht leisten, und ich arbeite hart daran, es ist schwer – irgendeine Erkältung oder Grippe geht immer um. Später im Leben, in meinem Alter, kann man sich nicht mehr erlauben sich so was einzufangen. In jungen Jahren steckt man so was weg, aber heute ... Also esse ich Superfoods, rohes Obst und Gemüse, zwinge mich zu Bewegung, gehe zweimal am Tag spazieren – früher war ich am liebsten nur zu Hause und arbeitete. Das beschäftigt mich, weshalb ich auch in meinem Newsletter, den man über meine Website abonnieren kann, manchmal über so was schreibe. Und deshalb rauche ich nicht, trinke keinen Alkohol, nehme keine Drogen, lasse sogar weitgehend die Finger von Kaffee. „Minimize your addictions“, lautet meine Parole, minimiere deine Abhängigkeiten. Wenn man mal eine Liste macht, stellt man fest, dass man mehr Abhängigkeiten hat, als einem bewusst ist. Doch je weniger Abhängigkeiten man hat, desto freier ist man. Denke jeden Tag daran! Und frage dich: Warum bin ich möglicherweise nicht so frei, wie ich sein könnte?

Sprechen wir über deine Bücher. Sind die ganzen Klassiker bis heute erhältlich? Und wie groß ist das Interesse daran?

Auf meiner Website sind die Bücher erhältlich, und ansonsten muss ich so viele Zinefests und Buchmessen mitmachen wie möglich, um zu überleben. Was natürlich den Vorteil hat, dass ich dort immer Leute treffe, die wertschätzen, was ich mache, und die mich unterstützen. Würde ich nur daheim sitzen und darauf warten, dass Internetbestellungen reinkommen, wäre ich schon längst tot. Erfreulicherweise gibt es im weiteren Umkreis regelmäßig erwähnte Veranstaltungen, und ich brauche die wirklich, um zu überleben. Ich kann auch nur jedem empfehlen, solche Veranstaltungen ausfindig zu machen und zu besuchen, um Leute zu treffen, sich zu unterhalten. Es macht Spaß, Menschen zu treffen, die mögen, was du machst – das hält einen bei Laune. Und hier und da reise ich auch ins Ausland. 2017 war ich in ein paar deutschen Städten unterwegs, zeigte meine Filme – ich habe auch ein paar Filme gemacht, eher Independent-Filme, keine Punk-Filme. Bei denen achte ich sehr darauf, dass sie nicht irgendwo online umsonst auftauchen – sonst kommt keiner mehr zu meinen Filmvorführungen. Und ich bin gelegentlich auch an Unis, erzähle was zum Thema Zines, mache Workshops, in denen die Student*innen dann selbst Zines machen.

Du scheinst viel unterwegs zu sein.

Die USA sind riesig, die wichtigste Stadt ist New York, dann kommt Los Angeles, dann kommt San Francisco, und irgendwo in der Mitte ist Chicago. Das sind so die Städte, die wir oft bereisen, demnächst steht wieder Chicago auf dem Plan, im September New York, zur New York Art Book Fair. In Los Angeles bin ich auch regelmäßig, und wie schon gesagt: das ist überlebensnotwendig ... Ich kann jedem Verleger, auch dir, nur empfehlen zu reisen und mit den Menschen vor Ort in Kontakt zu treten.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #139 (August/September 2018)

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