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Interviews & Artikel

SUPERSUCKERS

Dem Tod von der Schippe gesprungen

Eddie Spaghetti ist dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen. Der Sänger und Bassist der SUPERSUCKERS, der bürgerlich eigentlich Edward Carlyle Daly heißt, bekam Juni 2015 die schockierende Diagnose Kehlkopfkrebs. Sofort ging es für acht Monate ins City of Hope Medical Center in Los Angeles. Es folgten zwei Operationen und anschließend Bestrahlung. Und das alles ohne Krankenversicherung. Ein Alptraum. Aber Eddie ist zurück und hat mit den SUPERSUCKERS ein neues Album aufgenommen. „Suck It“ ist Longplayer Nummer zehn und erscheint im dreißigsten Jahr der Bandgeschichte. Eddie ist gerade erst von einer Solo-Tour aus Australien zurück und sitzt inzwischen zu Hause in San Diego auf der Couch.

Wie hat dich eigentlich die schreckliche Diagnose erreicht?


Ich hatte einen geschwollenen Lymphknoten am Hals unter meinem Kiefer. Und der ist einfach nicht kleiner geworden. Meine Frau hat mir dann dringend empfohlen, einen Arzt aufzusuchen. Das habe ich auch gemacht und so haben sie herausgefunden, dass es ein Tumor ist. Das war natürlich ein ungeheurer Schock für mich. Und von diesem Moment an war mein komplettes Leben auf den Kopf gestellt. Als ich den Doktor konsultiert habe, war ich gerade auf Tour, deshalb war ich in einer Praxis in New York City. Dort haben sie eine Gewebeprobe entnommen. Ich war auf dem Weg nach Arkansas zum Haus meiner Mutter, als mich der Anruf der Arztpraxis mit der schlechten Nachricht erreichte. Dann sind mir natürlich viele Gedanken durch den Kopf geschossen. Wie soll ich Geld verdienen, wenn ich ein Jahr lang gegen die Krankheit kämpfe? Aber zum Glück konnte ich auf die Unterstützung von Freunden, aber auch von vielen Fremden durch das Internet zählen, die Geld für mich gesammelt haben. So konnte meine Familie in dieser Zeit ernährt und die Behandlung finanziert werden. Vom Gefühl her war es aber in dieser Zeit, als ob ich sterbe, ohne zu sterben. Jeder sprach darüber, was für ein großartiger Kerl ich war. Wie viel ihnen meine Musik bedeutet. Eine sehr spezielle Situation.

Du hast in dieser Zeit auch viel Unterstützung von befreundeten Musikern bekommen. Bands wie MUDHONEY, ZEKE oder COFFIN BREAK haben ein Benefizalbum namens „You Can’t Kill Rock ’N Roll“ für dich aufgenommen. Und einige haben dich auch direkt im Krankenhaus unterstützt.

Das war wirklich cool. So viel Support von der Musik-Community zu bekommen. Vor allem Eddie Vetter von PEARL JAM hat sich unglaublich um mich bemüht. Er hat sich darum gekümmert, dass ich in die richtige Klinik komme. Er hat mir den richtigen Arzt vermittelt, um sicherzustellen, dass ich nach der Behandlung wieder singen kann. Mein Tumor war im Hals, das ist für einen Sänger natürlich ein sehr sensibler Bereich. An einen absoluten Spezialisten zu geraten, war wirklich ein Segen. Die Unterstützung von Leuten wie Eddie war eine sehr positive Erfahrung in dieser dunklen Zeit.

Wie hat die Krebserkrankung dein Leben verändert?

Ich bin einfach viel dankbarer für alles. Man lernt, selbst kleine Dinge besser zu schätzen. Man ist sogar glücklich, in kleinen, schäbigen Bars zu spielen, weil meine Band immer noch nicht so populär ist, wie sie eigentlich sein müsste. Ich bin einfach dankbar für meine Arbeit und wirklich glücklich, dass ich sie immer noch machen kann.

Gibt es für dich jetzt Einschränkungen auf Tour? Brauchst du mehr Ruhepausen als sonst?

Aus irgendeinem Grund kann ich jetzt sogar besser singen als zuvor. Meine Stimmlage ist ein bisschen höher als vor der Behandlung. Ich erreiche jetzt höhere Töne, die ich zuletzt als Kind erreicht habe. Meine Leistungsfähigkeit entspricht wieder dem normalen Standard. Ich muss nur ein bisschen vorsichtiger vor den Shows sein. Ich kann mich nicht mehr mit jedem Besucher unterhalten. Normalerweise habe ich oft vor und nach der Show am Merchandise-Stand mit Fans geplaudert. Jetzt muss ich einfach mal die Klappe halten, bis das Konzert gelaufen ist.

Achtest du jetzt mehr auf deine Gesundheit? Machst du Sport und weniger Party?

Ja, natürlich. Und ich esse auch viel weniger. Irgendwie ist mein Magen geschrumpft. Ich brauche viel weniger, um satt zu werden. Das ist ein kleiner Benefit der Erkrankung. Ich bin viel dünner als vor der Diagnose. Ich fühle mich momentan gesünder als je zuvor in meinem ganzen Leben.

Ist „Suck It“ durch deine Erkrankung ernster geworden als andere SUPERSUCKERS-Alben?

Es ist eine dunklere Platte geworden. Aber dafür ist nicht nur der Krebs verantwortlich. Ein paar Songs sind wirklich etwas düsterer geraten. Aber der Vibe der SUPERSUCKERS ist insgesamt trotzdem geblieben: Spaß am Leben zu haben. Wenn es mir nicht so gut geht, schreibe ich auch nicht so viel. Wenn ich mich über Dinge freue, bin ich viel aktiver und schreibe meine besten Songs. Und ich denke, diese Platte ist vielleicht unsere beste Platte ever. Es hat mich eine Weile gekostet, aus diesem dunklen Krebsloch herauszukommen und die normalen Abläufe wieder in Gang zu bekommen. Aber ich habe es geschafft.

Wenn ich Songs wie „Dead inside“ oder „The worst thing ever“ höre, habe ich den Eindruck, dass du die Erkrankung auch in den Lyrics verarbeitet hast.

„Dead inside“ ist wirklich in der Zeit entstanden, als mich der Krebs total vereinnahmt hat. Da kommt das Thema natürlich im Text vor. Aber „The worst thing ever“ ist ein klassischer Beziehungssong. Da geht es um Versuche und Kummer, den man mitmacht, wenn man in einer Beziehung steckt. Das kennt wahrscheinlich jeder.

In „The history of rock n’ roll“ singst du über deine Lieblingsbands wie DWARVES, ROCKET FROM THE CRYPT, NEW BOMB TURKS oder THE BELLRAYS. Warum dieser Song?

Die Idee für diesen Song habe ich schon eine Weile mit mir herumgetragen. Warum sind diese ganzen Bands, wie auch die SUPERSUCKERS, nur eine Fußnote in der Geschichte des Rock’n’Roll und kein tragender Baustein davon? Jede Band in dieser Aufzählung ist mindestens genauso gut, wenn nicht sogar besser als weltbekannte Bands wie PEARL JAM oder FOO FIGHTERS. Aus irgendeinem Grund nehmen die Leute aber kaum Notiz von all diesen großartigen Bands, die ich so sehr liebe. Das ist wirklich eine Schande. Ich denke, was wir und sie machen, hätte viel mehr Aufmerksamkeit verdient, aber diese Meinung teilt nicht jeder im Publikum mit uns. Ich kann es nicht verstehen, deshalb ist es manchmal auch sehr frustrierend. Ich muss akzeptieren, dass die Musik, die wir machen, nicht jedem gefällt. Warum auch immer.

Ich war ein bisschen überrascht, dass es nur ein Country-Song aufs Album geschafft hat. War das so geplant?

Wir wollten eigentlich mehr Country-Songs auf dem Album haben. Eine gute Mischung aus den zwei verschiedenen Stilen, die wir mit unserer Musik vereinen: Rock’n’Roll und Country. Aber als wir fertig waren, hatten wir all diese Rock-Songs und nur eine Country-Nummer.

Anfang August hast du eine ganze Reihe Solo-Konzerte in Australien gespielt. Da gab es deutlich mehr Country-Songs, nehme ich an.

Genau. Die Solo-Shows sind eine gute Gelegenheit für mich, meine Entertainer-Muskeln zu trainieren. Ich beziehe das Publikum intensiv mit ein und lasse sie entscheiden, welche Titel ich spielen soll. Außerdem erzähle ich zu jedem Stück ausführliche Geschichten. Nur mit einer Akustikgitarre auf der Bühne zu stehen, ist einfach eine Herausforderung. Und ich will einfach nicht eine dieser langweiligen Singer/Songwriter-Shows abziehen. Meine Auftritte sollen aufregend und lustig sein. Die Leute sollen das Gefühl haben, dass sie gerockt werden, obwohl nur ein Typ mit Akustikgitarre vor ihnen steht. Und die Songs stammen natürlich aus dem Katalog der dreißigjährigen SUPERSUCKERS-Geschichte.

Genau, dieses Jahr feiert ihr dreißig Jahre SUPERSUCKERS. Gibt es zum Jubiläum was Besonderes? Spezielle Shows?

In den Staaten gab es bei den Jubiläumsshows erst ein paar Country-Songs, dann folgten ein paar Tracks vom neuen Album und dann haben wir unsere ersten beiden Alben für Sub Pop in voller Länge gespielt: „The Smoke Of Hell“ und „La Mano Cornuda“. Wenn wir in Europa unterwegs sind, wollen wir das komplette „The Evil Powers Of Rock ’n’ Roll“-Album spielen. Das ist dann eine ganz neue Herausforderung. Ich denke, die Band ist im Laufe der Jahre immer besser geworden und nicht schlechter, wie viele andere Bands. Keine Ahnung, warum das so ist. Wenn man eine Sache so lange macht, müsste man eigentlich immer besser werden. Wie Schreiner oder Schuhmacher. Also macht es für uns Sinn, immer besser zu werden. Obwohl es nicht die Regel ist.

Im Studio wart ihr wahnsinnig schnell. Für die zehn Songs von „Suck It“ habt ihr gerade mal vier Tage gebraucht. Respekt.

Ja, das ging wirklich schnell. Überraschend schnell. Auch für uns. Als wir den Studiotermin gebucht haben, dachten wir, dass wir gerade mal die Hälfte der Songs schaffen. Wir hatten fünf Tracks für die Aufnahmen vorbereitet. Aber im Proberaum sind kurz vorher dann irgendwie noch mehr Stücke entstanden und plötzlich hatten wir genug Material für ein ganzes Album, das haben wir dann einfach aufgenommen. Und das Album ist wirklich gut geworden. Es lief alles ganz reibungslos. Das habe ich auch selten so erlebt. Wir waren auch gut vorbereitet. Wir haben ein paar Tage vorher intensiv geprobt und dreißig Jahre Erfahrung haben dabei natürlich auch eine Rolle gespielt. Wir wissen inzwischen einfach ganz genau, was Zeitverschwendung ist und was nicht. Aufzunehmen ist aber immer noch eine ganz besondere Situation für uns. Wir spielen jedes Jahr ungefähr 250 Shows, im Studio sind wir nur alle paar Jahre für ein paar Tage. Wir genießen es deshalb sehr, wie unsere neuen Songs im Studio zum Leben erweckt werden. Deshalb sind wir auch besonders motiviert. Alle wollen, dass es gut wird.

Das Album kommt wie schon die letzten beiden bei Steamhammer heraus. Dabei habt ihr doch auch euer eigenes Label Mid-Fi Recordings.

Unser Label liegt momentan immer noch auf Eis. Es hat einfach unaufhörlich Geld geschluckt. Als die Leute rund um die Jahrtausendwende aufgehört haben, Platten zu kaufen, war es unmöglich für uns, das Label weiter am Leben zu erhalten und alles, was man braucht, um eine Platte ordentlich zu veröffentlichen und zu promoten. Jetzt sind wir also wieder in der Situation, von anderen enttäuscht zu werden, wie vorher, haha. Mid-Fi Recordings hatten wir eigentlich genau aus diesem Grund gegründet. Kein Label hatte einen besonders guten Job mit unseren Platten gemacht. Und das ist leider immer noch der Fall. Aber wir haben einfach keine Wahl, wir müssen damit leben.

Ich habe gelesen, dass du sehr lustige Namen für deine Kinder ausgesucht hast. Deine Tochter heißt Elvis und deine beiden Söhne hast du Quattro und Zeke getauft. Wie kam es dazu?

Gerade weil Elvis kein Mädchenname ist, waren wir begeistert von der Idee. Wir lieben den King und seine Musik, wir sind aber keine besessenen Hardcore-Fans. Meine Frau hatte die Idee und der Name klingt irgendwie auch ziemlich feminin, finde ich. Und Quattro kommt nicht von Suzi Quatro, sondern weil er der vierte Edward in der Familie ist. Ich bin der dritte und er der vierte. Und Zeke haben wir nach der Band ZEKE benannt, weil ich diese Jungs einfach total liebe.

Wolfram Hanke

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #140 (Oktober/November 2018)

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