PUNK-TRADITIONEN – TEIL 1: Briefmarken einseifen

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In grauer Vorzeit, also in den Achtzigern, tauschten und (ver)kauften Punks weltweit mangels Existenz des Internets (in der Form, wie wir es heute kennen) ihre Fanzines, Platten und Kassetten auf dem Postwege. Doch die Post war teuer ...

... und Punks hatten kein Geld und/oder sahen die Deutsche Bundespost als Feind an. Was du der Post antust, tust du auch dem Staat an. Und überhaupt, Mailorder war auch damals schon ein Lotteriespiel: Kommt die Platte aus den USA überhaupt an? Klaut jemand das Geld aus dem Umschlag? Schecks? Sichere bargeldlose Bezahlung? Undenkbar. Und wer sich jetzt an IRCs erinnert („International Reply Coupon“ – in örtliche Briefmarken umtauschbare Gutscheine des Weltpostvereins), der ist eindeutig ein alter Sack.

Doch es musste ja gehandelt und getauscht werden, und die Versandpreise waren damals so hoch wie heute wieder, nachdem ja rund zwei Jahrzehnte relativ niedrige Tarife existiert hatten. (Was wir daraus lernen? Staatspost war vielfach besser als die privatisierten Konzerne heute, die für die Rendite der Aktionäre massiv an der Preisschraube drehen.) Um nun das Tauschen von Fanzines und selbstgemachten Mixtapes oder auch beispielsweise von Zehnerpacks von auf Kleinstlabels erschienenen 7“s bezahlbar zu machen, mussten die Versandkosten reduziert werden. Und dafür brauchte man nur ein Stück Seife: Auf dem Brief über die frisch aufgeklebte Marke mit einem Stück Seife drübergerubbelt, in den Brief ein Hinweis an den Kollegen in den USA, Schweden oder Italien („Please return stamps!“), und mit etwas Glück bekam man mit der gewünschten Ware (oder Bezahlung) ein paar Wochen später nicht nur einen Umschlag mit ebenfalls geseiften Marken zurück, sondern fand darin auch die ausgeschnittenen Marken vom eigenen Brief.

Von denen konnte man nun mit einem weichen Schwämmchen vorsichtig den Stempelabdruck abwischen, dann in Sammlermanier die Marken in warmem Wasser vom Papier lösen, und nach Trocknung warteten die Marken, nun per Prittstift auf dem Umschlag fixiert, auf ihre nächste Reise in die weite Welt. Leider gab es kundige Postbeamte mit Adleraugen, die nach einer schnellen Wischprobe wussten, woher der Wind weht, und dann musste man versuchen, sich rauszureden, ja in einigen Fällen gab es auch Anzeigen, denn strafrechtlich war (ist?) das Ganze ungefähr auf dem Level von Geldfälschung aufgehängt. Ein mir bekannter Vielversender entkam den üblen Konsequenzen nur über den „kleinen Dienstweg“ – sein Vater war ein hohes Tier bei der Post.

Ein schlechtes Gewissen hatte damals keiner von uns, wie auch nicht beim notorischen Schwarzfahren etwa von Besuchern aus Westdeutschland in der Berliner U-Bahn. Gail Thibert von der Achtziger-Punkband LOST CHERREES verewigte beides im Titel ihrer 2018 veröffentlichten Autobiografie „Soap The Stamps, Jump The Tube“.