SVALBARD

Foto© by Georgia Penny

Der Tunnel am Ende des Lichts

Die englische Band SVALBARD bringt mit „The Weight Of The Mask“ ihr viertes Album heraus, nachdem sie nun beim deutschen Label Nuclear Blast gelandet ist. Die Band spielt eine äußerst ungewöhnliche Mischung aus den unterschiedlichsten Richtungen – Black Metal, Modern und Post-Hardcore, Shoegaze und noch viel mehr. Großes und bestimmendes Thema bei SVALBARD sind Depressionen, die im Leben von Sängerin und Gitarristin Serena Cherry sehr viel Raum einnehmen. Das hört man in den Texten und spürt es in der Musik – letztlich hat sie aber viel Kraft und zeigt auf diese Weise, dass man aufrecht dagegen ankämpfen und zumindest bestehen kann. Serena gab mir in einem sehr offenen Interview Einblick in ihre Gefühlswelt – und wie sie diese bei SVALBARD in ihrer Musik ausdrückt.

Ich habe vor zwei Jahren eine Vinyl-LP in England bestellt. Nachdem sie da war, kam Tage später ein Brief vom Zoll, dass ich noch 12 Euro nachzahlen soll. Das war meine letzte Bestellung in England. Habt ihr als Band selbst konkrete Nachteile aufgrund des Brexits?

Oh ja, sehr viele. Es ist total frustrierend. Niemand in der Band hat dafür gestimmt und nun wir leiden unter den Konsequenzen. Das größte Problem ist für uns, dass uns das Touren sehr viel kostet. Wir haben extra Kosten durch das „Carnet“, ein Dokument, das wir vorher kaufen müssen. Das erlaubt uns erst, beispielsweise nach Deutschland zu kommen und dabei unsere Instrumente mitführen zu können. Ein anderes Problem ist, dass wir jede Menge Zollgebühren zahlen müssen, wenn eine Lieferung unseres Labels kommt – denn das hat seinen Sitz in Deutschland. Der Brexit hat schlicht und einfach alles schlechter gemacht. Es ist ein absoluter Albtraum und wahnsinnig frustrierend. Man kann nicht einfach so in die EU gehen zum Studieren. Das Reisen ist schwieriger, man muss an den Passkontrollen Schlange stehen – und für eine Band kostet alles so viel mehr, ich hasse es.

Kommen wir zu eurer neuen LP „The Weight Of The Mask“. Wann habt ihr sie geschrieben?
Ziemlich schnell nach „When I Die, Will I Get Better?“, die 2020 erschienen ist. Also während der Corona-Pandemie. Es war ein langer Prozess, wir haben über zwei Jahre daran gearbeitet.

Fast alle Bands, mit denen ich rede, sagen, das „Positive“ an Corona für sie war, dass sie dadurch für das Schreiben und das Aufnehmen viel mehr Zeit hatten als sonst.
Ich habe während Corona ein Solo-Black-Metal-Album unter dem Namen NOCTULE geschrieben, das „Wretched Abyss“ heißt. Dafür war die Pandemie „großartig“, da ich die Zeit dazu hatte, weil ich damals meinen Job verloren habe. In Bezug auf SVALBARD war es eher schwierig, denn wir hatten kaum Möglichkeiten, zusammen im Übungsraum zu jammen und Ideen zu entwickeln. Wir sind keine Band, die sich per Mail gegenseitig Riffs schickt. Eine Zeit lang ging gar nichts und als wir wieder zusammenkamen, hat es eine Weile gedauert, bis wir wieder zueinander gefunden hatten, eine gemeinsame kreative Bindung aufgebaut hatten und Synergien schaffen konnten. Für mich ist das gemeinsame Proben eine Voraussetzung dafür, um überhaupt Zugang zu dem kreativen Teil meines Gehirns zu erlangen.

Heute ist der World Mental Health Day. Du gehst sehr offenen mit deinen Depressionen um, sprichst viel darüber und behandelst das explizit in deinen Texten. Warum sind deiner Meinung nach so viele Künstler von psychischen Krankheiten betroffen?
Ich glaube, dass es bei Musikern bewusster wahrgenommen wird – sie haben eine Position, in der sie sich in der Öffentlichkeit darüber ausdrücken können. Die ganzen Gefühle und Ängste, mit denen man zu kämpfen hat, sind in ihrer Musik ja evident und können dadurch rausgelassen werden. Ich wette aber, dass es nicht überproportional häufiger vorkommt als bei Menschen, die im Einzelhandel oder im Büro arbeiten.

Wie würde deine Musik klingen, wenn du keine Probleme mit deiner psychischen Gesundheit hättest?
Vielleicht wie der Power-Metal von DRAGONFORCE, haha. Vielleicht auch wie Disney-Balladen. Die Depressionen beeinflussen insbesondere meine Texte und auch mein Gitarrenspiel. Ich kann es so beschreiben: meine Texte sind wie der „Tunnel am Ende des Lichts“ und meine Gitarrenführung ist das „Licht am Ende des Tunnels“. Und ohne das würden wir klingen wie eine happy Power-Metal-Band, ja.

Hast du neben der Musik noch andere Wege, deine psychische Krankheit zu kompensieren?
Ich spiele oft Videogames. Ich habe auch einen Job in der Spieleindustrie. Er ist sehr kreativ und gibt mir eine Welt, in die ich entfliehen kann, was meiner psychischen Gesundheit hilft. Dazu mache ich Fitness, gehe ins Gym und bin ausgebildete Tänzerin. Ich schwimme und laufe gerne. Das ist neben der psychischen Gesundheit auch sehr gut für Shows, weil es das Lungenvolumen erhöht. Und ich liebe Achterbahnfahren! Ich war schon in allen Freizeitparks in Deutschland. Das ist etwas, was mich total glücklich macht.

Das klingt, als wärst du 23 Stunden am Tag auf Achse.
Das stimmt. Ich habe immer etwas zu tun und arbeite ziemlich viel in meinem Job. Insgesamt führe ich ein ziemlich hektisches Leben, ja.

Ist es schwer für dich, wenn du runterkommst?
Ja! Deswegen versuche ich, das nicht zu tun. Ich versuche, die ganze Zeit mit etwas beschäftigt zu sein.

Ich habe Fragen zu ein paar Songs. Was ist die Aussage des ersten Tracks „Faking it“?
Es geht darum, dass du im täglichen Leben gezwungen bist, eine Maske zu tragen, immer nur deine positive Seite zu zeigen. Und um das Gefühl, dass dich andere nicht mehr mögen, wenn du die Seite offenbarst, mit der du immer zu kämpfen hast. Aber wenn du nur die positiven Aspekte zeigst, entfremdest du dich von dir selbst.

Wer hatte die Idee zu dem Video? Die Lyrics und die Intentionen, die du gerade beschrieben hast, sind bildlich sehr gut umgesetzt, finde ich.
Vielen Dank. Es war meine Idee. Dazu hat mich das Video zu „Everybody’s fool“ von EVANESCENCE inspiriert.

Wie schwer ist das „Faking“ in deinem echten Leben?
Sehr hart. Ich versuche, es nie zu zeigen und bin es schon so gewohnt, dass ich mich nicht erinnern kann, wie mein echtes Ich sich anfühlt ... Es ist nicht einfach ...

Hast du Angst, Menschen, mit denen du in Beziehung stehst, beispielsweise Freunde, könnten denken, dass du ihnen gegenüber fake, nicht echt bist?
Ja. Es macht mir Sorgen, dass Menschen, die den Text von „Faking it“ lesen, denken, dass nichts in meinem Leben echt ist, und beginnen, alles infrage zu stellen, was ich tue. Ich mache mir Sorgen, dass alles, was ich mache, eine bewusste Performance ist. So gesehen ist es eine sehr verletzliche Position, aus der heraus ich den Song geschrieben habe.

„Eternal spirit“ handelt von Musikern, die gestorben sind, deren Werk aber in uns weiterlebt. Hattest du beim Schreiben jemanden Bestimmtes im Kopf?
Der Song ist Joey Jordison von SLIPKNOT gewidmet. Er war ein Musiker, der mich auf vielfältige Weise inspiriert hat. Er war Drummer – also habe ich zuerst mit Drums angefangen, weil ich so spielen wollte wie er. Ich hatte das Privileg, ihn öfter zu treffen. Er hat mich immer sehr bestärkt. Seine Begeisterung für Musik war überwältigend. Ohne ihn würde ich keine Musik machen. Es war toll, ihn kennen zu lernen, und ich wollte ihn mit diesem Lied ehren.

Im Song „November“ gibt es die Textzeile: „When your eyes are ambers / But your light makes me feel more alone“. Da klingt für mich recht gegensätzlich ...
Diese Zeilen bedeuten, mit jemanden zusammen zu sein, der niemals im Leben gescheitert ist, der niemals Wunden davongetragen hat. Und du siehst dieses Licht, das von ihm ausgeht – und siehst, wie es ist, keine Depressionen zu haben. Und je mehr du das an der Person liebst, desto schlimmer wird es für dich selbst. Weil dir bewusst wird, wie verkorkst dein eigenes Leben ist.

Der letzte Song auf eurem Album, „To wilt beneath the weight“, zeigt, dass eure Platte wirklich ein in sich geschlossenes Album ist. Es ist das Gegenteil von einer Aneinanderreihung von „Spotify-Singles“.
Da stimme ich dir komplett zu. Das Album ist eine Reise und wir haben uns ganz bewusst für die Reihenfolge der Songs entschieden, um die Hörer auf diese Reise mitzunehmen. „To wilt beneath the weight“ ist auch eines meiner Lieblingslieder, insbesondere die Zeile „Grit my teeth when they’ve just been broken“. Ich finde, das zeigt die zwei Stimmungen, die das Album ausmachen – von den Depressionen überwältigt zu werden und sie gleichzeitig mit voller Kraft zu bekämpfen.