EMPOWERMENT

Foto© by Martina Wörz

Drastische Zeiten

„Die Welt gehört nicht den Seehofers und Trumps“, sagt Jogges, Sänger der Stuttgarter Hardcore-Band EMPOWERMENT, „sie gehört uns allen.“ Als vor sechs Jahren „Gegen.Kult“ erschien, war vieles von dem, was heute den gesellschaftlichen Diskurs bestimmt, noch kaum vorstellbar. „Bengalo“ entgegnet dem erneuten Rechtsruck und der Menschenfeindlichkeit: Refugees sind willkommen, kein Mensch illegal. „Es geht nicht um hochtrabende Schlagworte, sondern darum, Menschen die Hand zu reichen!“

Eines der wiederkehrenden Schlagworte auf dem Album lautet Empathie. Die Musik ergibt sich aus dem Erbe des New York Hardcore und dem des Deutschpunk, nur den harten Kerl zu markieren, interessiert Jogges aber nicht. „Natürlich bin ich auch noch wütend, aber wenn ich meinem Sohn in die Augen blicke, kann ich keinen völlig angepissten Text schreiben. Liebe, Menschlichkeit und Achtung füreinander ist unfassbar wichtig, da ist es scheißegal, wie hart die Musik ist.“ Dabei ist der Kontrast zwischen musikalischer Kraftmeierei und textlichen Umarmungen eine klare Stärke. „Das Unerwartete zu tun, ist für mich auch Punk. Einen prolligen Song über Liebe zu machen, das finde ich charmant.“

EMPOWERMENT sind in den sozialen Medien nicht vertreten, haben aber einen Blog namens „Deutschpunk“ [deutschpunk.blogspot.com]. Auch in diesem Genre hat sich viel bewegt, allerdings zum Positiven. „Ich habe das Gefühl, dass sich viele ihrer Verantwortung bewusst sind. Wenn die BROILERS hier spielen, gucke ich mir das immer an. Ich find’s toll, wenn eine Band die Schleyer-Halle mit tausenden Leuten füllt und klar sagt, dass es in diesen Zeiten verwerflich ist, wenn man die Fresse nicht aufmacht. Auch FEINE SAHNE FISCHFILET halte ich für eine unfassbar wichtige Band. Vor den Jungs ziehe ich meinen Hut, weil sie wichtige Arbeit machen. So groß zu sein, trotzdem das Maul aufzumachen gegen Faschos und nichts darauf zu geben, was andere sagen, finde ich geil.“

Bunter Rauch
Auch FEINE SAHNE FISCHFILET bemühen sich, die bunten Bengalofackeln aus dem Stadion in den Moshpit zu verpflanzen. „Die Idee hinter dem Albumtitel ist, dass Bengalos als Lichter erst mal was Positives sind. Im Stadion findet den Anblick auch jeder geil, aber niemand will damit assoziiert werden. Es ist ein Symbol für etwas Verrufenes und Gefährliches – etwas, was dem heutigen Hardcore ein bisschen fehlt.“ In seiner Kindheit war Jogges Fußballfan, mit dem Beginn seiner Punk-Sozialisation änderte sich das zunächst. „Ich hatte viele Jahre nichts damit zu tun, weil ich keine Lust hatte, im Stadion mit rechtsoffenen und rechten Schmocks rumzuhängen. Mittlerweile ist Fußball wieder Teil meines Lebens. Wir haben hier eine Crew von Punkrock- und Hardcore-Leuten, auch linken Skinheads, mit der wir zum VfB Stuttgart gehen. Ich bin kein Ultra, und leider positionieren sich auch nicht alle Ultra-Gruppierungen antifaschistisch. Bei einem Verein wie dem FC St. Pauli ist natürlich alles klar, woanders wird man im Stadion schon noch mit homophoben oder rassistischen Äußerungen konfrontiert. Seitens der Vereine ist der Grundtenor oft, man wolle politisch neutral bleiben. Ich persönlich bin ein Mensch, der sich dann gerade macht und nicht schweigt, ob im Stadion oder in der U-Bahn.“

„Stu York state of mind“
Es ist unmöglich, EMPOWERMENT zu hören, ohne zu erfahren, dass sie aus Stuttgart kommen, so wie man Jogges’ Worte authentisch nur mit Dialekt lesen kann. „Man muss nicht nach Hamburg oder Berlin ziehen, um was zu reißen, sondern kann sich überall in seinem Umfeld etwas aufbauen. Wir sind die Antithese zur ,Kehrwoche‘, hier ist nicht alles geleckte Spießigkeit und Daimler-Benz. Wir sind die andere Seite der Stadt, hier gibt es andere Ecken und Leute, die keinen Bock haben, sich anzupassen.“ Seit einigen Monaten ist Jogges Vater, er hat eine Dauerkarte für das Stadion, auch der Familienhund fehlt nicht. Eine bürgerliche Idylle? Jogges geht seinem Beruf nach, während seine Frau in Elternzeit ist. „Ich habe eine wundervolle Frau, die eben auch diesen Hardcore-Background hat, und meine Familie kommt für mich jetzt vor allem anderen. Trotzdem bin ich nicht nur Vater und Ehemann, sondern immer noch der Jogges, dem viele Dinge wichtig sind. Da gehört die Band dazu, und ich habe einen guten Job mit saucoolen Kollegen. Wir machen zusammen mit geistig behinderten Menschen Kunst und Kunsthandwerk. Das fügt sich alles gut zusammen und ist sehr erfüllend.“ Das kann man ohne weiteres so machen, solange man sich bewusst ist, dass das nicht der einzige Weg ist. Der Song „Die Söhnin“ handelt davon. „Da geht es darum, alte Strukturen aufzulösen, also die typischen Geschlechterrollen. Das ist uns als Eltern wichtig, unserem Sohn vorzuleben, dass es zum Beispiel egal ist, ob der Mann oder die Frau am Herd steht. ,Tradition vererbt sich zögerlich‘, heißt es da, man muss diese Rollenbilder hinterfragen. Ich will jedem sagen: du kannst sein, was und wie du willst, und es ist okay! Dabei gebe ich zu, dass ich schnell an meine Grenzen komme, wenn es etwa um feministische Themen geht, da würde ich in einem Song nicht zu tief reingehen wollen.“ Für den weiblichen Part sorgt in diesem Song Cansu, die Sängerin der befreundeten Stuttgarter Band BODEN, eine von vielen Gästen am Mikro. „Wir haben viele Gastmusiker dabei, wir dachten, laden wir nur einen ein oder alle? Jetzt tragen wir halt dick auf, dieses Zusammenhaltsding passt zu uns. Wir sind durch die Jahre in der Szene gut vernetzt und arbeiten gerne mit Menschen, die wir kennen und schätzen.“

„Echte Punks haben Hunde!“
„Bengalo“ ist geprägt durch die Liebe zur engen und erweiterten Familie, dazu gehört noch jemand, dem der Song „Z“ gewidmet ist. „Es geht um Zara, meinen Hund! Wer einen Hund hat, weiß, dass das eine ganz besondere Beziehung ist. Manchmal auch eine nervige, klar, aber da ist immer diese ehrliche und unverbrauchte Liebe. Unser Rudel gegen den Rest der Welt!“