FRACHTER

Foto© by Tobias Schied

Man spricht Deutsch

Das ist jetzt nichts Neues mehr, die Punk- und Metal-Szene hierzulande hat sich in den letzten Jahren immer stärker auf die Muttersprache besonnen. Aaron von der Band FRACHTER aus Weimar erzählt uns, welche Einflüsse bei ihrer Band dazu geführt haben und wie es um die Szene in seiner Stadt bestellt ist.

Deutschsprachiger Punkrock ist ja im Moment schwer angesagt, sogar etablierte Bands haben sich in den letzten Jahren dahingehend geöffnet, siehe DONOTS, ITCHY, SMILE AND BURN ... Seht ihr euch da auch von diesem aktuellen Trend beeinflusst oder beruft ihr euch eher auf Bands, die schon immer auf Deutsch gesungen haben?

Wenn es um den Einfluss auf das Texten geht, sind für uns tatsächlich eher Bands prägend gewesen, die schon immer deutschsprachig unterwegs haben. Das ist aber eher eine zeitliche Frage. Ich habe irgendwie schon immer auf Deutsch getextet, auch schon bevor es da eine Art Trend gab. FRACHTER in dieser Form gibt es zwar erst seit 2017/18, allerdings ist die Band mehr oder weniger direkt aus dem vorherigen Projekt entstanden, in dem unser Bassist Dome und ich schon seit 2014 zusammenspielen. Da waren früh Bands wie MUFF POTTER, TURBOSTAAT, aber für mich persönlich auch „neuere“ Bands wie FREIBURG wichtig. Zwangsläufig nahmen dann auch schnell die ganzen Rachut-Bands eine zentrale Rolle ein. Aus musikalischer Perspektive ist die Bandbreite an Einflüssen aber wesentlich größer und da würde ich auch behaupten, dass es gar keine Rolle spielt, ob eine Band englisch- oder deutschsprachig ist. Neben Szene-Klassikern wie TITLE FIGHT oder JAWBREAKER, auf die wir uns alle einigen können, sind für mich auch viele „alte“ Bands wie PIXIES oder DINOSAUR JR. total wichtig.

Ein Song, über den ich gestolpert bin, ist „Keine Szene machen“, der sich auch kritisch mit der Szene auseinandersetzt. Magst du uns erklären, worum es darin geht und was dich konkret dazu gebracht hat, diesen Text zu schreiben?
Ich finde „Der Nestbeschmutzer ist mein Lieblingstier“ eine der besten Zeilen, die Thees Uhlmann je geschrieben hat. Vieles, was in dem Song verhandelt wird, rührt aus den Szene Erfahrungen, die ich in der vorherigen Frage schon umrissen habe. Wir haben den Song letztens in einem anderen Interview sehr stark im Kontext einer Art „Deutschpunk-MeToo“ diskutiert und in seiner Entstehung auch dort verortet. Im Nachhinein ist mir aufgefallen, dass der Text eigentlich älter ist als alle Debatten, die da gerade in der Öffentlichkeit geführt werden. Ich denke, welche Beobachtung mich in den letzten Jahren am meisten genervt hat, ist diese spannungsvolle Mischung aus einerseits dem Unwillen zur Selbstreflexion und andererseits einer Distinktionswut, die in verschiedenen Teilen der Szene aufeinanderprallen und sich manchmal sogar überlagern. Gleichzeitig ist eine Szene in gewisser Weise per se immer distinguiert. Man ist da ja auch selbst nie komplett frei davon. Die Frage ist eben, wie feindselig diese Abgrenzungen sind. Deswegen ist der Song auch auf keinen Fall als ein „Ich weiß es jetzt besser“ zu verstehen. Aber gerade wenn sich solche abwertenden Verhaltensweisen, die nicht selten misogyn und sexistisch sind, in Räumen verfestigen, die sich selbst als irgendwie links oder progressiv verstehen, wird es schnell gefährlich oder mindestens sehr herablassend.

Ihr kommt aus Weimar. Die Stadt ist nicht unbedingt für ihre Punk-Szene bekannt. Tue ich der Stadt da unrecht? Wie empfindest du eure Szene?
Nee, in Weimar gibt es keine eigenständige Punk-Szene. Es gibt mit der Gerberstraße aber einen auch für uns persönlich wichtigen Laden, wo ganz viel DIY-Subkultur passiert. Aber wie das so ist in Klein- und Mittelstädten, prallt da ganz viel aus einem kleinen Kreis an Menschen aufeinander. Viel Hardcore, Metal, Crust und Powerviolence. Punk spielt da eigentlich eher eine untergeordnete Rolle. Als wir in dem Alter waren, in dem man jeden zweiten Tag auf eine Show gegangen ist, wenn denn eine stattfand, waren Hardcore-Bands hier das große Ding. Ich wollte – anders als andere Bandmitglieder – aber nie in einer Hardcore-Band spielen und so hat das dann nebeneinander existiert. Man kannte und mochte sich ja trotzdem, weil die Räume halt begrenzt waren beziehungsweise immer noch sind. Wenn man hier über eine Szene sprechen will, dann muss man eigentlich mindestens ganz Thüringen in den Blick nehmen, aber viele Freunde von uns sind auch einfach in Leipzig. So groß sind die Distanzen da nicht. Bezogen auf Thüringen gibt es in Jena, Weimar, Erfurt aber schon ein paar Bands und auch in jeweiligen Provinzen hier und da einzelne Lichtblicke. Hier laufen sich die Leute, die in einer DIY-Szene unterwegs sind, eher städteübergreifend über den Weg.