Eigentlich kann man sich das Namedropping sparen, aber der Vollständigkeit halber gönnen wir’s uns doch. Hinter JETS TO BRAZIL, neben PROMISE RING das derzeit beste Pferd im Jade Tree-Stall, stecken gleich vier versierte „Exe“: Blake Schwarzenbach, einst JAWBREAKER, Bryan Maryansky, ehedem THE VAN PELT, Jeremy Chatelain, zuvor HANDSOME, und Chris Daly, früher TEXAS IS THE REASON. Klingt gut ...
... und ist gut, wie das ’98er Debüt „Orange Rhyming Dictionary“ bewies, ein mitreißendes Dokument amerikanischen Indie-Rocks des ausgehenden 20. Jahrhunderts, das sich mal eben zum bestverkauften Album des dieser Tage sein zehnjähriges Jubiläum feiernden Labels Jade Tree entwickelte. In den USA auf Dauertour und abgefeiert, hierzulande trotz anderthalb Touren noch ein Geheimtip – das dürfte sich mit „Four Cornered Night“ ändern, dem auf CD und Doppel-LP erschienenen Nachfolger.
Die ganze Sache mit JETS TO BRAZIL – der Name kam freilich erst später – begann, als Sänger, Gitarrist und Songwriter Blake Schwarzenbach nach dem Ende von JAWBREAKER von San Francisco nach New York umzog. „Jeremy und ich trafen uns anfangs nur so zum Spaß und probierten ein paar meiner Songideen aus. Dann entwickelte sich das irgendwie weiter, als wir Chris als Drummer gewinnen konnten und mit ihm ein erstes Demo aufnahmen. Es folgten die ersten Shows, wir machten das Album für Jade Tree, und das war’s auch schon.“ Bescheidener Mensch, dieser Blake, denn in kürzester Zeit schafften es JETS TO BRAZIL damit an die Spitze der labelinternen Verkaufscharts – erstaunlich eigentlich, denn in Europa ist die nach dem ersten Album durch den Einstieg von Bryan zum Quartett gewachsene Band bislang kaum mehr als ein Geheimtip, und in den USA gibt’s auch einige Formationen, die medial wesentlich präsenter sind. „Das mit dem Geheimtip mag sein“, erwidert Blake, „aber die Kids wissen eben, was Sache ist. Außerdem läuft’s in den USA wesentlich besser für uns als in Europa. Die Tour Anfang des Jahres in Deutschland lief zwar nicht schlecht, aber in den USA haben wir immer zwischen 300 und 1.000 Besucher. Ich denke, das hat was damit zu tun, dass unsere Platten in Europa nur als Import zu bekommen sind und dadurch nicht so viel passiert, wie wenn eine Band ein Label vor Ort hat.“
Keine neue Erfahrung für Blake, war es seinerzeit bei JAWBREAKER doch ähnlich: In den USA lief’s ganz gut, in Europa kam man nie über den Status eines Insidertips hinaus. Blake: „Wenn es JAWBREAKER noch gäbe, könnte es derzeit ganz gut laufen in Europa. Irgendwie hat es bis jetzt gedauert, dass bei den Leuten angekommen ist, dass es uns gab. Seltsam.“ In der Tat, denn JAWBREAKER, die, nun ja, „emo“ waren, als „emo“ in dem Ausmaß wie heute noch gar nicht existierte, mussten in den frühen Neunzigern zusehen, wie ihre Platten in den Regalen der Läden verstaubten, doch so ist das nun mal, wenn man seiner Zeit um Jahre voraus ist. „Ich hoffe nur nicht, dass ich mit JETS TO BRAZIL die gleiche Erfahrung noch einmal machen muss“, lacht Blake, und weiß doch genau, dass es diesmal viel besser läuft. „Es ist einfach schöner, wenn man zu seiner Zeit geschätzt und geliebt wird und nicht erst im Nachhinein.“
„Four Cornered Night“ heißt das zweite Album von JETS TO BRAZIL, das in den ersten Septembertagen erscheint, und Blakes Erwartungen sind bewusst nicht hoch angesetzt. „Wir werden sechs Wochen in den USA auf Tour gehen und im Frühjahr, wenn das Wetter besser ist, nach Europa kommen, und das ist’s auch schon. Was können wir auch tun, außer Konzerte spielen? Wir haben mit dem ersten Album rund 100 Konzerte gespielt, und ob man das jetzt für viel oder für wenig hält, hängt davon ab, was für eine Band man ist.“ Und was für eine Band sind JETS TO BRAZIL? „Eine seltsame! Vor allem keine, die das Touren so exzessiv betreibt wie die diversen Vorgängerbands. Mir ist es wichtiger in Ruhe neue Songs zu schreiben, als ständig auf Tour zu sein. Andere Bands sind da anders, bei uns klappt das mit dem Plattenverkaufen ganz gut, also kommt auf diese Weise etwas Geld für die Miete und zum Leben rein.“
Das ständige Touren wurde von Blake mehrfach als das angeführt, was JAWBREAKER letztlich gekillt habe. Eine Einschätzung, die Gültigkeit bewahrt hat? „Oh ja, für mich auf jeden Fall. Das ständige Touren beraubt dich der Zeit zum Nachdenken, lässt kaum Luft um in Ruhe kreativ zu sein. Ich kann auf Tour nicht richtig schreiben, das war schon immer so. Bei anderen Bands klappt das, das ist cool, aber ich bekomme das nicht hin.“ Ob die drei anderen das auch so sehen, hake ich nach, und Blake meint, darüber herrsche Konsens: „Trotzdem muss man natürlich eine gewisse Anzahl von Shows spielen, um als Band richtig gut zu werden, doch da darf man auch nicht zu viel drüber nachdenken. Einfach machen und rocken, dann passt das schon, obwohl es nur ein kleiner Schritt ist von dem, was wir machen, zur gutgeölten Tourmaschine, die womöglich bald nur noch eine Maschine ist und Musik ohne echte Leidenschaft produziert. Von daher gilt für uns bei Touren ein Limit von vier bis sechs Wochen, danach sind wir nur noch Roboter.“ Probleme untereinander hätten damit übrigens nichts zu tun, ergänzt er: „Wir kommen gut klar, aber nach einer Tour gehen wir uns trotzdem erstmal eine Woche aus dem Weg und fangen dann an, einfach nur so zusammen rumzuspielen, ganz ohne Druck.“
Blake ist bei JETS TO BRAZIL der Hauptsongwriter, und im Info zum neuen Album findet sich das Zitat Blakes, man sei diesmal im Gegensatz zum ersten Album, wo die anderen nur seine Songs gespielt hätten, eine richtige Band. Ein Zitat, zu dem er steht? „Nun, das Zitat ist etwas stark, denn Jeremy und Chris haben beim letzten Album definitiv ihren Anteil zum Songwriting beigetragen. Der Punkt war, dass ein guter Teil der Songs auf „Orange Rhyming Dictionary“ entstanden sind, bevor es die Band gab. Diesmal war auch Bryan von Anfang an involviert, der ja erst nach dem ersten Album zu uns stieß. In der Regel entwickle ich die Songidee alleine und bei der Probe entsteht dann gemeinsam der fertige Song. Und auch im Studio konnte jeder seinen Teil zum Album beitragen, wobei ich finde, dass man auch hören kann, dass jedes Instrument Raum hatte, sich individuell einzubringen.“ Trotzdem, der eigentliche Songwriter ist und bleibt Blake, und das war bei JAWBREAKER nicht anders. „Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich immer der Chef sein muss oder so“, erklärt Blake. „Es ist eher so, dass ich eine Idee, eine Vision habe und weiß, wie ich die umsetzen kann, was die anderen auch wissen und wobei sie mir helfen. Wir sind eine demokratische Band, aber das letzte Wort habe ich – macht das Sinn?“ Blake Schwarzenbach, der gute König.
„Four Cornered Night“ ist etwas ruhiger ausgefallen als sein Vorgänger – so zumindest mein Eindruck. Blake stimmt mir quasi zu: „Ja, es ist ruhiger – wenn es ruhig ist. Aber es ist auch lauter, wenn es laut ist, denn wir haben auch diverse verrückte Rocksongs auf der Platte. Im Vergleich zum Vorläufer ist es eine viel „tiefere“ Aufnahme und klanglich wesentlich ausgereifter. Ich persönlich bin jedenfalls hiermit zufriedener als mit dem Album davor, auch deshalb, weil die Songs besser geschrieben sind.“ Was nicht heißen soll, dass Blake es ertragen kann, das neue Album anzuhören. „Mir geht’s da wie vielen anderen Musiker auch: Ist die Platte aufgenommen, ertrage ich es nicht mehr, sie anzuhören. Aber dafür gibt’s ja genug andere Platten, die ich hunderte Male anhören kann, ohne genug davon zu bekommen. Derzeit sind das etwa NEUTRAL MILK HOTEL auf Merge Records, oder Elliott Smith, WILCO, von Klassikern wie den BEATLES, Bob Dylan oder Willie Nelson mal abgesehen.“ Und Punkrock? „Auf jeden Fall „London Calling“ von THE CLASH, daran kann man sich gar nicht satt hören. Sonst höre ich in letzter Zeit keinen Punkrock. Und ich glaube auch, dass mich manchmal rein gar nichts mit dem Musikgeschmack unseres Publikums verbindet. Sowieso denke ich, dass wir auch deshalb so ein „Emo“-Publikum haben, weil wir eben alle früher in entsprechenden Bands gespielt haben. Ansonsten hat das wohl was damit zu tun, dass derzeit alles, was aus den USA kommt und independent ist, als „Emo“ bezeichnet wird. Doch das ist so weit von der Wahrheit entfernt, und unsere musikalischen Interessen und unsere Herangehensweise können gar keinen „Emo Rock“ hervorbringen. Klar, wir spielen emotionale Musik, aber mit „Emo Rock“ hat das nichts zu tun.“
Klare Worte zum Schluss – und eine Rätselauflösung sowie eine Preisfrage: „Jets To Brazil“ steht auf einem Plakat, das in „Breakfast At Tiffany’s“ hinter Audrey Hepburn zu sehen ist, doch was reimt sich auf „Orange“? Ob da ein Blick ins „Orange Rhyming Dictionary“ hilft, was nicht nur der Plattentitel ist, sondern auch der eines Songs auf „Four Cornered Night“?
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