New York hin, Hardcore her, der große Wirbel um NYHC ist wohl vorbei. SICK OF IT ALL und MADBALL haben den Durchbruch geschafft, AGNOSTIC FRONT sind wieder an Bord, doch danach kommt erst mal eine ganze Weile nichts mehr. KILLING TIME waren zwar vor bald zehn Jahren zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle, doch zum Durchruch reichte es nie. Mit „Method“ haben die New Yorker jetzt ihr zweites Album aufgenommen, das auf souveräne Weise den Bogen spannt zwischen damals und heute, zwischen Old School und den Neunzigern.
Doch der Reihe nach. „Wir sind eine New York Hardcore-Band, die sich 1988 gegründet hat“, beginnt Gitarrist Carl Porcaro die Band-History. „Drei von uns – Anthony Drago, Rich McLoughlin und ich – hatten vorher schon zusammen bei BREAKDOWN gespielt. Als diese Band auseinanderbrach, gründeten wir mit Anthony Communale von TOKEN ENTRY als Sänger und Mike Sentkewitz von NEW YORK HOODS eine Formation namens RAW DEAL. Das war im November ’88, und Anfang ’89 spielten wir dann unsere ersten CBGB’s-Matinees. Damals erlebte die Hardcoreszene in New York gerade einen mächtigen Aufschwung, und die Sonntagnachmittag-Shows waren immer völlig ausverkauft. Die Plattenfirmen wurden auf all die Bands aufmerksam, und wir unterschrieben bei In-Effect. Doch bevor unser Album 1990 erschien, mussten wir unseren Namen zu KILLING TIME ändern, weil eine britische Band die Rechte an Raw Deal hatte.“
„Brightside“ hieß das Werk, das zu einem Zeitpunkt erschien, als NYHC in Europa seinen ersten Boom erlebte. „Für uns lief erstmal alles sehr gut“, erzählt Carl weiter. „Wir spielten die Eastcoast rauf und runter, tourten in Kalifornien, und alles lief sehr gut. Doch die Szene in New York hatte sich gewandelt, viele neue Leute kamen dazu und bald endete fast jede Show mit üblen Prügeleien im Publikum. Logisch, dass immer weniger Veranstalter Lust auf diesen Ärger hatten, und das CBGB’s schloss seine Türen sogar völlig für Hardcore-Bands.“ Auch KILLING TIME hatten davon die Schnauze voll, lösten sich auf, rauften sich wieder zusammen und nahmen ’92 dann doch noch die „Happy Hour“-EP auf, deren CD-Version außer vier neuen Tracks auch alte RAW DEAL-Demoaufnahmen enthält. Mit dieser Platte im Gepäck machten sich KILLING TIME auf nach Europa, doch kurz vor der Tour stieg Sänger Anthony aus und als Ersatz wurde Steve von VISION verpflichtet. Der Emo-Mann allerdings konnte als NYHC-Shouter stimmlich nicht so ganz überzeugen, die Fans dankten es mit Missachtung und KILLING TIME zogen sich reichlich desillusioniert zurück – von Auflösung kann man wohl nicht mehr sprechen, wenn eine Bands eine solche schon mehrmals vollzogen und nicht durchgehalten hat.
Aber Hardcore ist eben eine Sucht, und wer mal Blut geleckt hat, lässt sich von Alltagswidrigkeiten nicht so schnell entmutigen. Auflösung hin, Auflösung her, KILLING TIME machten doch wieder weiter. Fünf Jahre nach „Happy Hour“ erschien dieser Tage mit „The Method“ ein 18 Songs langes Album – vorab gab’s letztes Jahr die „Unavoidable“-Single –, das wie seinerzeit „Brightside“ ein brachiales, massives Meisterwerk geworden ist. „Es wäre wohl ziemlich naiv zu glauben, wir würden uns mit der neuen Platte von unseren Old School-Wurzeln verabschieden“, entgegnet Carl auf meine Anmerkung, dass die Methode von „The Method“ ja wohl auch darin bestünde, nahtlos an die Achtziger anzuknüpfen: „Wir können gar keine andere Musik machen und wollen das auch nicht. Ich bin glücklich damit, die anderen in der Band auch, und angesichts der Tatsache, dass es immer noch genug schlechte Metalbands gibt, die vorgeben New York Hardcore zu spielen, sind wir mit unserem Old School-Sound auf der sicheren Seite. Andererseits finde ich gar nicht, dass die neue Scheibe so „old school“ klingt, aber da mir das jeder erzählt, wird es wohl stimmen.“ Naja, da stimme ich Carl eigentlich zu, denn unter der Old School-Oberfläche verbirgt sich ein sehr dichtes, kompaktes und druckvolles Album, das weit davon entfernt ist, seine Daseinsberechtigung nur aus Alte Schule-Nostalgie ziehen zu können. Im Gegenteil: wo andere Bands ihr Heil in der Flucht in metallische New School-Gefilde suchen, zeigen KILLING TIME, dass man auch einem alten Hund noch neue Kunststücke beibringen kann. Carl: „Wir haben versucht, auf der Basis unseres schweren Mid Tempo-Sounds neue Sachen zu probieren, etwa schnelle, punkigere Songs, aber auch musikalisch anspruchsvollere Stücke, da wir in all den Jahren einfach handwerklich besser geworden sind.“
Große Erwartungen haben KILLING TIME 1997 nicht mehr. Er sei schon glücklich, wenn die Band auf Dauer zusammenbleibe, meint Carl, und natürlich hofft er, dass „The Method“ soviel Anklang findet, dass es KILLING TIME in absehbarer Zeit mit der ersten richtigen Europatour klappt. Auf mich können sie jedenfalls zählen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #20 II 1995 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #20 II 1995 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #20 II 1995 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #27 II 1997 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #89 April/Mai 2010 und Jens Kirsch