SOKO LINX

Foto© by Arvid Wuensch

Mit Sarkasmus gegen den Weltschmerz

Die Sonderkommission „Soko LinX“, die in Sachsen gegen linken Extremismus vorgehen sollte, und durch umstrittene Methoden auffiel, ist der Namensgeber des Leipziger Elektro-Punk-Trios, das den Mittelfinger tief in die gesellschaftliche Wunde legt. Sänger und Gitarrist Siko Lonx erklärt die Intention der Band, deren neue Platte „Blosz keinen Stresz“ Ende April erscheint.

Ihr thematisiert in euren deutschsprachigen Texten Rechtsradikalismus, die Bedrohung durch die menschengemachte Erderhitzung und weitere elementare Krisen unserer Gegenwart. Welche Rolle spielt politischer Aktivismus für euch?

Wir verfolgen keine Agenda im Sinne eines übergeordneten Ziels. Uns geht es vielmehr darum, unsere politische Haltung und Überzeugung in Musik zu transportieren, die unter Umständen von Menschen genutzt wird, die Demos organisieren. Da jetzt die AfD immer stärker wird, muss man sich aber überlegen, ob man nicht doch die Kräfte bündelt, um gemeinsam etwas zu erreichen. Wir haben beispielsweise mal eine Einladung angenommen, bei einer Gegenveranstaltung zu den Querdenker-Demos in Leipzig zu spielen. Das machen wir schon gerne mit, solange es familiäre oder berufliche Aspekte nicht zu sehr beeinträchtigt.

Inwieweit ist die Musik ein Ventil, um mit den ganzen negativen Entwicklungen klarzukommen?
Bei mir ist es so, dass mich sehr viele Themen umtreiben, wenn ich sie wahrnehme. Es gibt welche, die ebben von alleine ab und verschwinden wieder. Was die Klimakrise betrifft, die wird nicht von alleine wieder weggehen. Der Sarkasmus, der sich durch die Texte zieht, ist meine Art, irgendwie damit klarzukommen – mit dem Weltschmerz, den ich doch oft spüre, wenn ich daran denke, dass ich Freunde mit Kindern habe und dann überlege, in welcher Welt die in fünfzig, sechzig Jahren leben werden, wenn nicht die Reißleine gezogen wird. Mit welchen Problemen werden die konfrontiert sein? Und ich werde dann sarkastisch, weil ich sehe, dass die Politik einfach nichts unternimmt. Eigentlich weiß jeder Mensch, dass es die menschengemachte Klimakrise gibt, um bei dem Thema zu bleiben. Aber es wird absolut nicht das Nötige gemacht, um das Mindeste zu erreichen, damit die Welt lebenswert bleibt. Das ärgert mich. Da kann ich dann auch nur mit Sarkasmus und Witz reagieren, um bei der ganzen Sache die Angst für mich ein bisschen kleiner zu machen. Das ist eine Art Reinwaschung, die darauf basiert, dass ich mir Gedanken mache und sie aufschreibe. Damit bekomme ich das zumindest zeitweise raus aus dem Kopf. Aber die Größenordnung der Katastrophe, die sich anbahnt, ist ja enorm. Die erkennen bloß viele Menschen nicht, weil sie sie nicht sehen können oder wollen. Du merkst, dass mich das Thema immer noch sehr anfasst. Hört man jetzt vielleicht nicht, aber es macht mich schon wütend.

Du bist in Sachsen aufgewachsen. Wie hat sich die gesellschaftliche Stimmung aus deiner Sicht verändert?
Ich bin dort auf dem Dorf groß geworden, die Tendenzen waren schon immer da. Ich musste nur als Kind lernen, zu unterscheiden, was die gerade sagen. Auch zum Thema Judentum gab es so Sprüche, die haben sich witzig angehört. Die reproduzierte ich dann einfach, weil ich das witzig fand. Bis mich irgendwer mal darauf aufmerksam machte. Es hat mir aber keiner erklärt, warum das nicht gut ist. Da half tatsächlich der Geschichtsunterricht in der Schule, um das in einen Kontext zu bringen. Denn wirklich offen geredet hat auch keiner darüber. Dann ist mir erst klar geworden, was ich da gesagt hatte, das führte erst mal zu einem krassen Schamgefühl, obwohl ich auch nichts dafür konnte, weil ich ja in dem Umfeld großgeworden bin. Es war also eigentlich schon immer so, es hat nur keinen interessiert. Biedenkopf, der damalige Ministerpräsident, hat gesagt, der Sachse sei immun gegen Rechtsextremismus. Aber dem war halt nicht so. Du weißt selbst, was Anfang der Neunziger los war. Das kam ja nicht von ungefähr, und es gab schon alltägliche Bedrohungsszenarien. Ich bin irgendwann in der nächst größeren Stadt auf dem Gymnasium gewesen, da waren auch Faschos, gerade in der Oberstufe. Ich hatte den Fehler gemacht, mir in der Siebten einen Iro schneiden zu lassen. Da bin ich auch gelaufen. Durch die AfD haben die jetzt mehr Selbstbewusstsein. Die Dinge werden vermehrt so rausposaunt, als wäre es Normalität, und es ist salonfähig geworden, das in den öffentlichen Raum zu tragen. Die sozialen Medien suggerieren einem auch, sie wären in der Mehrheit. Früher war man vielleicht alleine im Dorf und jetzt hat man irgendeine Telegram-Gruppe, in der man sich zu Hunderten trifft.

Durch die klare Positionierung setzt ihr euch potenziellen Anfeindungen aus. Haben eure Masken und Künstlernamen auch eine Schutzfunktion?
Wir müssen unsere Anonymität nicht um jeden Preis erhalten. Wenn man im Internet ein paar Anhaltspunkte kennt und ein bisschen recherchiert, braucht man eigentlich nur vier, fünf Klicks, dann hat man die ersten Spuren. Und auch hier in Leipzig, wo wir leben, ist es ein offenes Geheimnis, wer wir sind. Die Idee mit den Masken kam letztlich von mir und hat sich erst mit der Zeit entwickelt. Das hat auch was mit meinem Beruf zu tun, da ich an Schulen unterwegs bin und mir dachte, dass ich darauf achten muss, mein Berufsfeld ein bisschen zu schützen. Die Maske sollte außerdem helfen, dass ich so schreibe, wie ich schreiben würde, wenn es mich als Privatperson nicht betrifft oder nicht berührt. Ich wollte freier sein in meiner künstlerischen Darbietung. Hinzu kam, dass uns klar war, dass sich die Leute fragen würden, wer wir sind, und es dazu animieren könnte, zu recherchieren, ein bisschen neugierig auf die Band zu sein. Das hat auch ganz gut funktioniert. Und mir ging es darum, die Kunstfigur von mir als Privatperson ein Stück weit abzugrenzen. Es ist schön, auf größeren Veranstaltungen nach dem Konzert ohne Maske unbehelligt durchs Publikum zu laufen. Auch wenn es erst mal komisch ist, weil ich das von Bands, bei denen ich unmaskiert gespielt habe, anders kenne. Da kommt man ständig ins Gespräch.