Ich erinnere mich noch gut daran, dass in meiner Kindheit im Fernsehen live übertragene Boxkämpfe von Legenden wie Muhammad Ali echte Großereignisse waren, für die sich halb Deutschland den Wecker stellte, um dann ab 3 Uhr morgens vor der Glotze zu sitzen. Ich persönlich konnte mit dieser Art „Sport“ nie viel anfangen, bei der sich zwei Männer (heute tun das auch Frauen) die Nase blutig schlugen – die Zusammenhänge zwischen Demenz und häufigen Kopfverletzungen sind inzwischen belegt. Komischerweise haben Filme über das Boxen dennoch eine ziemliche Faszination auf mich ausgeübt, allen voran „Wie ein wilder Stier“ von Martin Scorsese aus dem Jahr 1980 über Aufstieg und Niedergang des Boxers Jake LaMotta. Auch Michael Manns Biopic „Ali“ ist großartig, ebenso wie Clint Eastwoods erschütterndes Sterbehilfe-Sportdrama „Million Dollar Baby“. Eher kalt ließen mich immer die plumpen „Rocky“-Filme mit Stallone. Auf meine Liste mit sehenswerten Boxer-Filmen kommt jetzt auch Mark Robsons „Champion“ mit Kirk Douglas in der Hauptrolle, der das erste Mal überhaupt hierzulande auf Blu-ray und DVD in sehr guter Qualität erschien. In den deutschen Kinos lief er 1951 unter dem dümmlichen Titel „Zwischen Frauen und Seilen“, womit man das Drehbuch von „Zwölf Uhr mittags“-Autor Carl Foreman aber ganz gut auf eine Tagline reduzieren könnte, denn Douglas als Tramp Midge Kelly, der sich zum berühmten Boxchampion hocharbeitet, verschleißt hier gleich drei Damen. Das Drehbuch mag nicht übermäßig originell sein und ist sicherlich nicht frei von Stereotypen, dennoch ist Robsons düstere Mischung aus Sportdrama und Film noir äußerst mitreißend und kraftvoll und spart auch die kriminellen Machenschaften des Boxgeschäfts nicht aus – das Thema griff der Regisseur erneut 1956 in Bogarts letztem Film „Schmutziger Lorbeer“ auf.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #177 Dezember 2024/Januar 2025 2024 und Thomas Kerpen