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CORPUS DELICTI

Liminal

CORPUS DELICTI gründeten sich 1992 in Nizza, Frankreich – zu einer Zeit, als sowohl die großen Bands des französischen Cold Wave als auch die britischen Goth-Helden sich längst anderen Sounds zugewandt oder aufgelöst hatten – siehe BAUHAUS, siehe CHRISTIAN DEATH. In der Besetzung Sébastien Pietrapiana (voc), Franck Amendola (gt), Christophe Baudrion (bs) und Roma (dr) nahmen sie das Debütalbum „Twilight“ auf, das 1993 erschien. 1994 folgte „Sylphes“, 1995 „Obsessions“ – und 1997 die Auflösung, 1998 die Wiedergeburt als Industrial Rock-Band unter dem zu CORPUS verkürzten Namen, das Album „Syn:drom“ erschien im selben Jahr. Es folgte ... Stille. Und dann die Wiederentdeckung, 2011 gab es die französischsprachige Band-Biografie „La déliquescence des ombres“ und ab 2019 Rereleases auf dem US-Label Cleopatra. Und 2020, im Jahr der Pandemie, das Comeback, erste Proben, 2022 dann auch wieder Konzerte, allerdings gesundheitlich bedingt ohne Drummer Roma, für den Fabrice Gouré kam. Ansonsten aber in der Originalbesetzung von CORPUS DELICTI. 2023 kam ein erster neuer Song, „Chaos“, 2024 folgten Konzerte in Süd- und Mittelamerika, der in Mexiko aufgenommene Live-Mitschnitt „From Dust To Light“ (2024) – und nun ist mit „Liminal“ das erste neue Album seit 30 Jahren raus. Und das ist sensationell gut geworden. Schon das hymnische „Chaos“ ließ erahnen, dass CORPUS DELICTI in Bestform sind, und auch die neun weiteren Tracks sind mit das Beste, was ich aus diesem Genre seit Jahren zu hören bekommen habe. Ich bin in dieser Hinsicht sehr oldschoolig veranlagt: Als etwa THE SISTERS OF MERCY Ende der 1980er zur Hardrock-Band wurden, als BAUHAUS via Murphy solo und LOVE AND ROCKETS Pop machten, als FIELDS OF THE NEPHILIM gen Metal abbogen, als CHRISTIAN DEATH Ende der 1980er allen Reiz einbüßten ... da war ich raus. All der elektronische und Industrial-angelehnte Neo-Goth/Wave seit den frühen 1990ern interessierte mich nicht mehr, mir fehlte die subtile, dunkle Magie, der Punk im Goth war weg. Der kam in den letzten 10, 15 Jahren sukzessive wieder zurück via diverse Punkbands, und ich rechne es CORPUS DELICTI hoch an, dass sie Traditionspflege nicht nur in eigener Sache betreiben. Mit „Liminal“ bringen sie all diese Trademarks wieder zurück: intensive, düstere, druckvolle Musik mit jeder Menge Pathos, aber ohne jeden süßlichen Kitsch. Immer wieder blitzen Anleihen an die besten Momente von BAUHAUS auf, auch gesanglich, an PLAY DEAD, CHAMELEONS und und und. Gitarrist Franck hat als Produzent ganze Arbeit geleistet, der brillante Mix von Graeme Durham tut ein Übriges, so dass CORPUS DELICTI hier ein Neo-Klassiker gelungen ist. Musik aus der Gegenwart, aber mit dem magischen Sound von damals, als sie selbst noch nicht einmal aktiv waren.

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