
Hinter CROCODILE BOOGIE verbirgt sich Seb Blanchais, Betreiber des französischen Kultlabels Beast Records und seit Jahren eine prägende Figur des europäischen Garage-Undergrounds. Während das Debüt „Tortuga“ noch weitgehend als Solo-Arbeit entstand, entwickelt „Old School Man Blues“ seine Energie aus kollektiver Reibung. Aufgenommen im August 2022 im Fly-House Records Studio, wurden die Grundgerüste der Stücke innerhalb von zwei Nachmittagen live eingespielt – ein Verfahren, das bewusst auf Unmittelbarkeit setzt. Franck Headon (THE SHIFTING SANDS) überführte das Material anschließend in wenigen Mix-Sessions in eine Produktion, die mehr nach Staub, Röhrenamp und Proberaum riecht als nach Studio. Der Opener „Corkscrew“ setzt die ästhetische Marschrichtung: ein störrischer, leicht taumelnder Groove, der den frühen ROLLING STONES verpflichtet scheint, zugleich aber die fiebrige Nervosität von GUN CLUB evoziert. „Filth“ und „Lowdown“ treiben diese Spannung weiter und lassen den Geist von Jeffrey Lee Pierce durch einen Sound spuken, der Blues weniger als Stil denn als Zustand begreift – roh, unruhig, latent selbstzerstörerisch. Das STOOGES-Cover „I need somebody“ gehört zu den stärksten Momenten der Platte. Wo das Original klaustrophobisch und minimalistisch wirkte, verwandeln CROCODILE BOOGIE den Song in eine sumpfige Beschwörung, irgendwo zwischen Detroit-Proto-Punk und der staubigen Morbidität der BEASTS OF BOURBON. Noch hypnotischer ist „Most of the time“: ein insistenter Rhythmus, über dem sich Gitarrenlinien winden, als kämen sie direkt aus einem überhitzten Verstärker in einem Mississippi-Juke-Joint. „Old School Man Blues“ ist damit weniger Retro-Übung als eine bewusst anachronistische Rock’n’Roll-Studie. Blanchais und seine Mitspieler vertrauen auf den ersten Take, auf Reibung und Unsauberkeit – und erinnern daran, dass der Blues im Kern immer dann am lebendigsten ist, wenn er kurz davor steht auseinanderzufallen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #185 April/Mai 2026 und Gereon Helmer