Foto

CROWS

Reason Enough

Angesichts des wieder wundervoll gestalteten Covers ein knapper Rant gegen die Streaming-Gemeinde: ihr wisst nicht, was euch entgeht. Beinahe wie Tattoo-Tafeln sieht das streng grafische Artwork von Elliott Lane auch diesmal wieder aus, so markant, dass man eine CROWS-Platte schon daran sofort erkennt. Und Überraschung (nicht): Lane ist tatsächlich Tätowierer. Die Londoner CROWS kamen 2010 noch unter dem Namen JIM CROW & THE MURDERS zusammen, James Cox (voc) und Steve Goddard (gt) waren damals bereits dabei, der Name wurde bald zu CROWS verkürzt. Nach digitalen Veröffentlichungen kam erst 2015 ein physischer Release, 2016 die „Unwelcome Light“-12“, 2019 dann das Debüt „Silver Tongues“ auf Balley Records, dem Label von IDLES-Sänger Joe Talbot. Und 2022, noch so halb in der Pandemie, das „Beware Believers“-Album. Bei dem konstatierte ich Reminiszenzen an JOY DIVISION, frühe EDITORS, NAKED RAYGUN sowie A PLACE TO BURY STRANGERS, und um ehrlich zu sein, bin ich bei gefeierten und von mir geschätzten britischen Bands ja immer vorsichtig, was eine feste Bindung betrifft. Denn: Bandbeziehungskiller Nummer eins ist der Dämon „Weiterentwicklung“. Siehe einst EDITORS. Siehe IDLES. Siehe FONTAINES D.C. Etc. pp. CROWS, für die das Musikmachen immer noch etwas neben Vollzeitjobs zu Bewältigendes ist, sind auf ihrem dritten Longplayer neben Cox und Goddard mit Jith Amarasinghe am Bass und Sam Lister an den Drums aufgestellt und entfachen bei mir wieder vorbehaltlose und uneingeschränkte Begeisterung. Ihr Post-Punk ist gleichermaßen dunkel und druckvoll wie rhythmisch, treibend und bisweilen sogar hymnisch, siehe „Is it better?“ oder „Lie to me“. Cox hat eine imposante Stimme, sie ist markant und eingängig zugleich, der Mix ist transparent, die einzelnen Instrumente und der Gesang sind sehr differenziert. Einmal mehr ist erstaunlich, dass die Band nicht längst eine Umlaufbahn höher kreist – liegt es am Ende an einer gewissen Kompromisslosigkeit und dem völligen Fernhalten von verhypebarem Indie-Getue ...? Mit Produzent Andy Savours haben CROWS in einem Studio auf dem Land in einer alten Kirche diesmal mehr an ihrem Sound geschraubt, mit einem Ergebnis, das der Frontmann kommentiert mit den Worten „We’re doing the same thing, but a lot better. This is Crows in high definition.“ Wer einen Song wie „DGent“ raushaut, darf das gerne selbstbewusst so in den Raum stellen – denn es stimmt. Die zehn Songs von „Reason Enough“ sind das Produkt einer gereiften Band, die mit „reverb, sound and instrumentation“ Finetuning betrieben hat, ohne aber an den Grundfesten ihres im Kern zeitlosen Sounds zu rühren. Und von „existentialism“ und „soul-searching“ ist die Rede. Und wie man dem Album anhört hilft es ungemein zu wissen, wer man ist und wohin man will – und wohin nicht.

Anzeige