
2023 hatte der frühere Splatting Image-Autor Christian Keßler mit „Bleigewitter über Cinecittà“ ein weiteres seiner profunden, manchmal vielleicht etwas zu flapsigen Filmbücher veröffentlicht, in dem es um das italienische Gangster-Kino ab 1960 ging. Dummerweise endete das Buch im Jahr 1984 und so wurde Giuseppe Tornatores „Der Professor“ nur in einem Nebensatz erwähnt, aber dafür äußerst positiv – zu Recht. Der Originaltitel „Il Camorrista“ verweist auf eine der ältesten und größten kriminellen Organisationen in Italien, die vorwiegend von Neapel aus agiert und seit dem 16. Jahrhundert existiert, was zeigt, wie sehr diese, ähnlich wie die sizilianische Cosa Nostra, als bedeutende ökonomische Kraft in der italienischen Gesellschaft verankert ist. „Der Professor“, ein viel zu unbekanntes Highlight im Kanon des Gangsterfilms, basiert auf dem Buch „Il camorrista. Vita segreta di Raffaele Cutolo“ von Giuseppe Marrazzo. Darin wird das Leben des 2021 verstorbenen Raffaele Cutolo thematisiert, einem der mächtigsten Bosse der Camorra in den 1970er und 1980er Jahren, der die von ihm gegründete Organisation „Nuova Camorra Organizzata“ überwiegend aus der Gefängniszelle heraus leitete. „Der Professor“ war das Regiedebüt von Tornatore, der eher für poetische Arthouse-Filme wie „Cinema Paradiso“ als brutale Gangsterstreifen bekannt ist, und das mit knapp drei Stunden fast die epische Breite von „Der Pate“ besitzt. Die deutsche Videofassung war um gut eine Viertelstunde gekürzt, eine vollständige Fassung gibt es auf einer neu erschienenen, qualitativ exzellenten DVD und Blu-ray. Tornatore verzichtet dabei auf die Romantisierung Coppolas, denn der von Ben Gazzara großartig gespielte, smarte Gangsterboss Franco ist ein immer skrupelloser agierender Drecksack, der zur Erreichung seiner Ziele über Leichen geht.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #185 April/Mai 2026 und Thomas Kerpen