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EIN HIRSCH, EIN VIRUS UND EIN BABY

Nils Wittrock

Nils Wittrock, Sänger und Gitarrist von THE HIRSCH EFFEKT aus Bremen, schreibt genauso ungewöhnlich, vertrackt und lebendig, wie die Musik von ihm und seinen beiden Bandkollegen Ilja und Moritz klingt. Er gibt tiefe Einblicke in seine mäandernde Gedankenwelt, Zweifel, Unsicherheiten und das Gefühl von Überforderung mit selbstgewählten oder ihn überrollenden Veränderungen in seinem Leben. Worum es geht, wird direkt im Titel gesagt: Der Musiker wird Vater, eine Pandemie reißt ihm die ohnehin schon wackelige Lebensgrundlage unterm Hintern weg, und richtig erholt hat sich das Trio davon bisher nicht. Musikalisch und auch als Autor scheut Nils keine Ecken und Kanten. Im Gegensatz zu den Stellen, in denen er technisch oder auch gedanklich stark ins Detail geht, sind es genau diese Momente, die das Buch tragen. Ungeschönt erzählt er von unerfüllten Erwartungen an sich selbst und seine Kunst, überstürzten Hilfsaktionen an der ukrainischen Grenze, Fridays For Future, Höhen und Tiefen des Kreativprozesses und dem schwindenden Spaß an Live-Auftritten. Er verbiegt sich nicht, findet das Wort „Kaltgetränk“ unangenehm, bezeichnet die Mutter seines Kindes aber durchweg als „Wirtin“. Er wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für seine Band, doch bei Erinnerungen an Konzerte mit COHEED AND CAMBRIA ist dann von „Cohead And Cambria“ die Rede. Es ist rührend zu lesen, wie er in seine Rolle als Papa hineinfindet und ständig noch mit einem Bein die Erwartungen eines wilden Freidenkerlebens zu erfüllen versucht, obwohl ihm sein Kind schon nach kurzer Zeit fehlt. Das Buch geizt nicht mit Widersprüchen, wie wir sie alle in uns tragen, und überzeugt mit bemerkenswerter Authentizität, die niemandem gefallen will.

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