
Ein kleiner Ausschnitt aus Schwarwels Schaffen dürfte den meisten aus seiner Zeit als DIE ÄRZTE-Artdirector in Form der Figur Gwendoline und diverser zwischen 1993 und 2011 entstandener Album-Artworks schon mal begegnet sein. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs, Schwarwel hat als Comiczeichner, Illustrator, Trickfilmer, Storyboarder u.v.m. einen enormen Output. Dass dieses riesige Arbeitspensum mit entsprechend hohen psychischen Belastungen einhergeht, liegt auf der Hand. Diese dunkle Seite seines Lebens totzuschweigen, ist für ihn keine Option. Im Gegenteil, Sterben, Trauer, Depression, Angst, Borderline und Suizid werden in der von Schwarwel und Sandra Strauß initiierten Reihe „Nicht gesellschaftsfähig“ in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. In „Gevatter“ geht Schwarwel allerdings noch einen Schritt weiter: Auf Basis des Fünf-Phasen-Modells des Sterbens der Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross erzählt er seinen eigenen Weg durch Traumata, Ängste und Neurosen. Von der Kindheit und Jugend im Leipzig der 1970er und 1980er ausgehend, unterteilt er die überwiegend chronologisch geordneten Rückblenden in fünf Kapitel: Verleugnung, Zorn, Verhandlung, Depression und Akzeptanz. Behutsam wird der Leser dabei mit einem in der Gegenwart angesetzten Rahmen an das Thema herangeführt. Zeichnerisch stark an Charles Burnes’ detailreichen Schwarzweiß-Stil erinnernd, bedient er sich dialogtechnisch bei Will Eisners auf natürlichen Fluss ausgelegtem Konzept und orientiert sich layouttechnisch an Dave Gibbons Neun-Bilder-pro-Seite-Raster. Das Ergebnis ist nicht nur schön anzusehen, sondern regt auch zum Nachdenken über eigene Erfahrungen an.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #177 Dezember 2024/Januar 2025 2024 und Anke Kalau