Es gibt zahlreiche Kunstfiguren, die innerhalb ihrer fiktiven Welt so real erscheinen, dass man sie für historische Persönlichkeiten halten könnte. Wie etwa Robin Hood oder der berühmte Londoner Detektiv Sherlock Holmes, den Arthur Conan Doyle im späten 19. Jahrhundert ersann. Holmes erschien auch deshalb so real, weil Doyle seine Rolle als Autor an Dr. Watson übergab, den Partner des Detektivs, der im Kontrast zu diesem genialen analytisch-rationalen Denker immer etwas dümmlich wirkte, und der als Chronist dessen Ermittlungen für den Leser festhielt. Die Figuren Holmes und Watson wurden nach Doyles Ableben im Jahr 1930 von vielen Autoren für weitere Romane und Geschichten verwendet und so griff Nicholas Meyer (der noch vier weitere Holmes-Bücher schrieb) die Figur 1974 für seinen Roman „The Seven-Per-Cent Solution“ (ein Verweis auf Holmes Kokainsucht) auf. „Sherlock Holmes und der Fall Sigmund Freud“ (wie der Roman in Deutschland hieß) war ein Bestseller und eine Verfilmung folgte bereits zwei Jahre später, für die Meyer auch das Drehbuch schrieb. Nach einer mittelmäßigen DVD-Veröffentlichung vor über zehn Jahren erschien der Film von Herbert Ross („Mach’s noch einmal, Sam“) mit Robert Duvall, Laurence Olivier und Alan Arkin jetzt das erste Mal auf Blu-ray in deutlich verbesserter Bildqualität – nur der deutsche Ton lässt zu wünschen übrig –, allerdings nur als hochpreisige Mediabook-Veröffentlichung mit zusätzlichem Bonusmaterial. Ähnlich wie Billy Wilder in „Das Privatleben des Sherlock Holmes“ stellen Ross und Meyer das Holmes-Universum originell und selbstironisch auf den Kopf, auch in Bezug auf Professor Moriarty, den „Napoleon des Verbrechens“, und schildern das Zusammentreffen zweier brillanter Analytiker, denn Sigmund Freud soll den Detektiv in Wien von seiner zerstörerischen Kokainsucht heilen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #176 Oktober/November 2024 und Thomas Kerpen